Guten Tag,
Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg: Wenn Krisen zur Normalität werden, müssen wir wieder lernen, mit Unsicherheit und Knappheit zu leben.
Stephan Sigrist
Werbung
Wir müssen das «gesellschaftliche Immunsystem» aktivieren. Neben einer hohen Einsatzbereitschaft und dem Fleiss aller benötigen wir langfristige Zukunftsbilder, die aufzeigen, wie und wo Wertschöpfung trotz Einschränkungen möglich ist. Knappheit kann gleichzeitig als Chance dienen, um unsere Innovationsfähigkeit durch Kreativität zu steigern – dadurch, dass fehlende Güter substituiert oder wiederverwertet werden müssen. Darüber hinaus trägt Knappheit dazu bei, Schein-Innovation zu verhindern. So ist es beispielsweise kaum zwingend, Tachometer in Fahrzeugen digital zu gestalten.
Die Digitalisierungsbestreben der letzten zwei Jahrzehnte haben in vielen Nachhaltigkeitsbereichen zu einer stärkeren Transparenz geführt und Umweltbelastungen messbar gemacht. Dazu gehören etwa satellitengestützte Abholzungsdaten oder die aktuellen Feinstaubemissionen einzelner Industriequartiere. Gleichzeitig verursachen genau diese digitalen, oftmals Cloud-basierten und rechnerleistungsintensiven Lösungen beim Trainieren von künstlich intelligenten Algorithmen oder beim Streamen von Filmen und Musik einen hohen CO2-Ausstoss.
Unser Podcast zum Thema
An dieser Stelle findest du einen ergänzenden externen Inhalt. Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies von externen Anbietern gesetzt und dadurch personenbezogene Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen.
Werbung
Werbung
Eine differenzierte, fallbezogene Betrachtung ist notwendig. Ziel ist die Verankerung des Nachhaltigkeitsgedankens in Wirtschaft und Gesellschaft. Anstatt auf universelle, «One-size-fits-all»-Strategien zu setzen, bietet sich eine Vielzahl an Ansätzen an, welche die Diversität an Möglichkeiten widerspiegeln – gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse und überprüfbare Daten. Vor allem muss klar sein, dass technologische Lösungen allein nicht ausreichen werden. Der Klimawandel wird sich nur mit Verhaltensänderungen und einem Bewusstsein der Bevölkerung in Grenzen halten lassen.
Die individuelle Beurteilung der Leistung von Mitarbeitenden oder der eigenen Gesundheit weicht in der digitalen und virtuellen Welt einer umfassenden Vermessung von Produktivität, Infektionszahlen oder Verhaltensweisen von Individuen und Bevölkerungen. Gerade durch den vermehrten Einsatz von künstlicher Intelligenz werden entsprechende Daten zur Voraussetzung, um Leistung oder die Auswirkung von Therapien zu bewerten.
Allerdings lassen sich nicht alle Parameter, die solche Einschätzungen erlauben, auch quantifizieren: Entweder fehlen passende Messmethoden, die Effekte lassen sich nur über einen grossen Zeitraum beobachten oder die Komplexität ist durch die Vielzahl von Einflussfaktoren zu gross. Der Druck der Leistungsgesellschaft führt in der Folge aber dazu, dass primär die Verhaltensweisen oder Tätigkeiten erfasst werden, die auch gemessen werden können.
Dies begünstigt eine einseitige Beurteilung und Überbewertung des Messbaren und setzt falsche Anreize in der Bildung, am Arbeitsplatz oder im Gesundheitssystem. Gleichzeitig erhöht sich der Druck auf die Individuen, ihr Verhalten auf quantifizierbare Parameter auszurichten. Algorithmen, die bei Bewerbungsprozessen eingesetzt werden, beurteilen nur die Kriterien, die in den entsprechenden Formularen aufgelistet werden. Dabei wächst das Risiko, dass sich unsere eigenen Beurteilungskriterien auf die erfassbaren Fakten beschränken und dass falsche Anreize gesetzt werden.
Was ist zu tun?
Der Wert des Nichtquantifizierbaren kommt zu kurz. Systeme zur Beurteilung und Messung von Leistung und Gesundheit müssen überdacht werden: Angefangen bei der Bildung bis hin zum Arbeitsumfeld braucht es Beurteilungskriterien, die quantitative und qualitative Werte miteinander verknüpfen. Die Grundlage dafür sind ganzheitliche Bewertungssysteme, die nicht nur das Volumen der Arbeit, sondern auch die Qualität oder den Nutzen von Tätigkeiten berücksichtigt.
Auch im Gesundheitssystem gilt es, qualitative Bewertungsraster zu etablieren, die nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die Lebensqualität beurteilen. Dies bedeutet auch, dass Erkenntnisse, die nicht nur auf grossen Datenmengen und statistischen Analysen beruhen, aufgewertet werden.
Werbung