Alle hassen den VAR an der Fussball WM – dieses Land hat ihn verboten
Während der Rest des europäischen Fussballs den VAR eingeführt hat, sorgte eine lautstarke Fanbewegung dafür, dass er in einem Land gar nicht erst zum Einsatz kommt.
Bei der grössten Weltmeisterschaft in der Geschichte des Turniers hat eigentlich nur eine einzige Sache den gesamten Planeten geeint. Fans rund um den Globus haben sich – völlig unabhängig davon, für welches Team sie mitfiebern – zusammengeschlossen, um einen gemeinsamen Feind zu verurteilen: den Videobeweis im Fussball.
Drei kleine Buchstaben – VAR (für Video Assistant Referee) – haben in den vergangenen vier Wochen Spiele völlig verändert und weltweite Empörung ausgelöst. Die Kroaten raufen sich immer noch die Haare. Die Ägypter kochen vor Wut. Und die Schweizer sind alles andere als neutral. Fans befürchten, dass der Fussball nie wieder derselbe sein wird, jetzt, wo der VAR allgegenwärtig ist.
Nun ja, fast überall.
Einem Land ist es gelungen, dieser Geissel zu trotzen. Während jede grössere Liga den VAR im Namen einer tyrannischen Genauigkeit einführte, leisteten die Fans der ersten schwedischen Liga Widerstand. Heute ist die skandinavische Nation der einzige Ort unter den 30 Top-Ligen Europas, an dem Spiele noch auf die gute alte Art und Weise geleitet werden.
«Wir gewöhnen uns zwar daran, den VAR im internationalen Fussball zu sehen, aber in unserer heimischen Liga wollen wir ihn nicht», sagte Svante Samuelsson, Sportdirektor der schwedischen Profiligen. «Ich glaube, diese Haltung ist heute sogar noch stärker als zuvor.»
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Fans stemmten sich gegen VAR
Die Rebellion formierte sich während der Pandemie. Damals erwog der Verband der Liga die Einführung des VAR, stiess jedoch auf den massiven Widerstand einer breiten Bewegung von Fanclubs. Und da schwedische Vereine mehrheitlich von den Fans kontrolliert werden, wurde die Massnahme nie beschlossen. Die Anhänger waren sich einig: Es ist das Elend nicht wert, minutenlang auf die Bestätigung eines Tores zu warten – nur um dann genau dieses Moments der Ekstase beraubt zu werden, wenn es doch noch aberkannt wird –, bloss um in jeder Situation mathematisch fehlerfrei zu sein.
Das soll nicht heissen, dass die schwedischen Schiedsrichter perfekt waren. In den ersten zehn Runden der Saison, so Samuelsson, meldeten die Unparteiischen fünf Situationen, in denen ein Tor fälschlicherweise aberkannt wurde oder nicht hätte zählen dürfen. Doch für die Fans sind diese Fehler ein kleiner Preis, den sie gerne zahlen, um nie wieder das Wort «VAR-Kontroverse» hören zu müssen.
«Im Grossen und Ganzen gibt es dafür eine Akzeptanz», fügte Samuelsson hinzu. «Und in ganz Europa sind die Fans ein bisschen neidisch darauf, dass wir ihn nicht haben.»
Lückenlosestes Schiedsrichter-Bild an der WM
Bei der Weltmeisterschaft ist die Schiedsrichter-Technologie hingegen allgegenwärtig geworden. Neben dem VAR zur Überprüfung von Entscheidungen auf dem Spielfeld hat der Weltfussballverband auch eine halbautomatische Technologie für Abseitsentscheidungen praktisch in Echtzeit sowie einen Sensor im Ball eingeführt, der selbst die kleinste Berührung registrieren soll. All das trägt zum lückenlosesten Schiedsrichter-Bild bei, das es je bei einer WM gab – und zwar millimetergenau.
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Doch was die Fans noch mehr alarmiert als diese Erbsenzählerei, die die Fähigkeiten des menschlichen Auges übersteigt, ist die Häufigkeit, mit der die Technologie eingreift.
Vor vier Jahren in Katar wurde nach der 70. Minute nur ein einziges Tor aberkannt. In diesem Sommer wurden nach dieser Marke bereits fünf Tore von der Anzeigetafel gestrichen, vier davon sogar erst nach der 90. Minute.
Schweizer toben nach Embolo-Schwalbe
Die jüngste spielentscheidende Entscheidung fiel am Samstag beim Viertelfinalsieg Argentiniens gegen die Schweiz. In der 72. Minute wurde dem Schweizer Stürmer Breel Embolo zunächst ein Freistoss zugesprochen, woraufhin der VAR jedoch feststellte, dass er eine Schwalbe begangen hatte. Embolo sah die Gelb-Rote Karte und flog vom Platz – eine Entscheidung, die die Schweiz als unnötig hart empfand.
Die Stadionleinwand kündigt eine VAR-Überprüfung wegen einer «Spielerverwechslung» während des Viertelfinalspiels zwischen Argentinien und der Schweiz an.Keystone
Die Stadionleinwand kündigt eine VAR-Überprüfung wegen einer «Spielerverwechslung» während des Viertelfinalspiels zwischen Argentinien und der Schweiz an.Keystone
«Es ist einfach eine Katastrophe», sagte der Schweizer Mittelfeldspieler Remo Freuler. «Wie kann der VAR ein Spiel wegen so einer Situation verändern? Lasst den Schiedsrichter einfach seine Arbeit machen.»
Der grösste Kritikpunkt der VAR-Gegner ist, dass die forensische Zerlegung von Spielszenen die Dynamik aus ihrem rasanten Kontext reisst. Wenn Fouls wie der Zapruder-Film analysiert werden, nimmt selbst der geringste Kontakt Dimensionen an, auf die Länder wie Schweden lieber schlichtweg verzichten.
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«Es gibt keine hundertprozentige Gerechtigkeit», sagte Samuelsson. «Selbst mit VAR nicht, denn man muss ja trotzdem eine Entscheidung treffen, wenn man sich das Video ansieht.»
FIFA kontert Kritik
Die FIFA betont derweil, dass der VAR bei der Weltmeisterschaft nicht mehr wegzudenken ist. Sie wies die, wie sie es nannte, «unbegründeten Anschuldigungen» einer Voreingenommenheit ihrer Unparteiischen kategorisch zurück.
«Es wird bei manchen Entscheidungen immer ein gewisses Mass an Subjektivität geben», sagte Pierluigi Collina, der Schiedsrichterchef des Verbandes, «aber wir sind zufrieden damit, wie dieses Prinzip im Verlauf des Turniers angewendet wurde.»
Kaum jemand sonst ist es. Gekränkte ägyptische Fans erinnern sich an das Tor, das ihnen gegen Argentinien aberkannt wurde – wegen eines Fouls, das sich gut 80 Meter weit entfernt ereignete. Norwegens Trainer ärgert sich immer noch über einen Ball, der seiner Meinung nach in der Entstehung von Englands erstem Tor am Samstag das Seil einer schwebenden Kamera berührt hat. Kroatische Fans können kaum glauben, dass ihr Ausgleichstreffer in der Verlängerung gegen Portugal wegen einer Abseitsentscheidung annulliert wurde, nur weil eine Flanke die Haare eines Spielers gestreift hatte.
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Und Frankreichs Kylian Mbappé versteht immer noch nicht, warum er während der Überprüfung eines offensichtlichen Elfmeters 3 Minuten und 11 Sekunden lang dumm herumstehen musste. (Nach all dem Warten verschoss er auch noch.)
Doch für all diese Spieler, Trainer und Fans, die den VAR satt haben, hat Samuelsson einen Rat:
«Sie können ihnen sagen, dass sie herzlich eingeladen sind, sich schwedischen Fussball anzusehen», sagte er, «ganz ohne VAR.»