Als wir in den 1970er-Jahren nach der Uni unsere ersten Jobs bekamen, hatten wir ein leichtes Leben. Stress im Job war damals unbekannt, und nach der Arbeit ging es zügig an die Bar zum Apéro. Doch dann veränderte sich unser unbeschwerter Alltag radikal. Der Grund war John Valentine.
In den Siebzigern entstanden bei uns die John Valentine Fitness Clubs, der erste befand sich im Hotel Zürich nahe beim Hauptbahnhof. Die Firma John Valentine kam aus den USA und brachte erstmals Fitnessmaschinen, Hanteln, Laufbänder und Stepper in die Schweiz. Fitness war eine Wortschöpfung, die wir bisher nicht gekannt hatten. Die «NZZ» beschrieb ihren Lesern den neuen Trend: «Der Begriff Fitness», erklärte sie, «sind Mode werdende vielfältige Formen gymnastischer Betätigung.»
Da war es mit unserem schönen Alltag vorbei. Das Leben war nun nicht mehr unbeschwert, sondern richtig hart. Wer etwas auf sich hielt –und wir hielten viel auf uns –, ging nach der Arbeit nicht mehr zum Apéro, sondern trendbewusst zu den Fitnessmaschinen, Hanteln, Laufbändern und Steppern. Man sagte damals nicht wie heute: «Ich gehe ins Fitness.» Man sagte: «Ich gehe ins John Valentine.»
«Ein Gorilla kann einen fünf Meter hohen Baum aus der Erde reissen. Das hat auch ein Arnold Schwarzenegger nie hinbekommen.»
Der Verrückteste in unserer Firma war der René aus unserer Marketingabteilung. Er war fast jeden Abend im John Valentine, am Samstag und am Sonntag sowieso, und im Gegensatz zu uns scheute er den ausdauernden Einsatz an den Kraftmaschinen und Gewichten nicht. Er legte dadurch kräftig an Muskeln zu. Wir nannten ihn «Gorilla».
Partner-Inhalte
Werbung
Auch die Frauen unserer Abteilung nannten ihn «Gorilla». Im Gegensatz zu uns Männern meinten sie das aber nicht spöttisch, sondern eher bewundernd, was den René sehr freute, uns aber sehr ärgerte.
Ja, die Gorillas. Sie sind sehr nah mit uns verwandt, ihre und unsere DNA sind zu 98,3 Prozent identisch. Aber als Athleten sind sie uns hoch überlegen. Gorillas sind die mit Abstand besten Bodybuilder auf diesem Planeten.
Ein ausgewachsener männlicher Gorilla, ein sogenannter Silberrücken, wird etwa 200 Kilogramm schwer. Er kann das Zehnfache seines Gewichts heben, also um die zwei Tonnen. Der stärkste Mann der Welt, der Isländer Hafþór Björnsson, wiegt ebenfalls um die 200 Kilo. Bei seinem Weltrekord im Power Lifting brachte er 500 Kilo in die Luft, also lediglich das 2,5-Fache seines Körpergewichts.
Der direkte Vergleich der Körperkraft von Menschenaffe und Mensch ist schwer zu berechnen. Die Zoologie geht davon aus, dass Gorillas etwa achtmal so viel Kraft haben wie die stärksten Männer. Ein Gorilla kann einen fünf Meter hohen Baum aus der Erde reissen. Das hat auch ein Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Zeiten nie hinbekommen.
Ich will Sie nicht mit medizinischen Details langweilen, darum nur kurz: Die Gorillas sind derartige Kraftmeier, weil sie in ihrer Muskulatur eine viel dichtere Faserstruktur als ihre menschlichen Verwandten haben. Diese Muskelstruktur ist auf brachiale und explosive Kraftausbrüche angelegt. Gorillas sind darum, von «King Kong» bis zu «Planet der Affen», die beliebtesten Muskelprotze der Filmgeschichte.
Werbung
Unseren Gorilla, den René aus dem Marketing, treffe ich gelegentlich an einem Branchenanlass. Er sieht immer noch enorm sportlich aus. Er gehe, sagte er mir, immer noch drei- bis viermal pro Woche ins Fitnessstudio.
Eins allerdings hat sich gewaltig geändert. Als wir damals im Hotel Zürich ins John Valentine und damit ins erste Fitnesscenter der Schweiz gingen, waren wir so etwas wie Pioniere. Inzwischen gibt es 1440 Fitnessstudios in der Schweiz. Die Gorillas sind nun überall.
An dieser Stelle findest du einen ergänzenden externen Inhalt. Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies von externen Anbietern gesetzt und dadurch personenbezogene Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen.