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Meinung

Mit Handschaltung durchs Leben

Der Motor des Lebens ist die Faulheit. Aber wenn die Faulheit zu süss wird, kommt Bewegung auf.

Kurt. W. Zimmermann

Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer, Kolumnist und Buchautorzu den Themen Medien, Biologie und Outdoor-Sport.
Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer, Kolumnist und Buchautorzu den Themen Medien, Biologie und Outdoor-Sport.BILANZ

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Wenn Sie mal in Italien auf einem Parkplatz sind, dann schauen Sie in die Autos hinein. Sie werden etwas Interessantes entdecken. Alle Autos haben Handschaltung, auch die neusten Modelle. Weit und breit kein Automatikgetriebe.
Wenn ich in unserem Ferienhaus im Süden bin, dann sehe ich, wie die Italiener auf der Dorfstrasse Auto fahren. Anfahren, hinaufschalten, volle Beschleunigung, Bremsmanöver, Zwischengas, hinunterschalten, hinaufschalten, Vollgas, Vollbremsung, hinunterschalten. Das alles passiert innerhalb von etwa hundert Metern. Das geht nur mit Gangschaltung.
Für Italiener ist Autofahren eine intensive Tätigkeit. Die linke Hand rudert heftig mit dem Steuerrad, die rechte Hand rüttelt unablässig am Schalthebel, die Füsse zappeln wie verrückt zwischen Gaspedal, Bremspedal und Kupplung hin und her.
Für solchen Fahrspass ist ein Automatikgetriebe ungeeignet. Es ist kein Wunder, dass Italien auch beim Anteil der Elektroautos in Europa ganz hinten liegt. Diese Dinger haben ja nicht einmal einen Schaltknüppel.
Der Italo-Stil des Autofahrens widerspricht einem Grundprinzip der Biologie. Dort dominiert sonst die Faulheit.
Beginnen wir mit den Tieren. Die Population der Füchse und Waschbären in der Schweiz wächst stark, seit sie gelernt haben, wie man mit Faulheit weiterkommt. Sie jagen im Wald nicht mehr die Mäuse, sondern besorgen ihr Essen problemlos in den Vorstädten aus den Abfallkübeln.

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Zugvögel wie die Stare fliegen im Winter nicht mehr nach Süditalien oder Spanien, sondern bleiben hier. Warum sich unnötig strapazieren? Schliesslich gibt es immer mehr von diesen privaten Futterstellen, die mit Körnern und Haferflocken bestückt sind.
Faulheit ist auch der grosse Treiber des Fortschritts. Die Erfindungen dieser Welt sind meist zum Zweck der Faulheit entstanden.
Mein liebstes Beispiel ist Eugene F. McDonald. Er wollte nicht dauernd von der Couch aufstehen, um auf einen anderen TV-Kanal zu wechseln. Er erfand in seiner Firma 1950 darum die Fernbedienung und nannte sie treffend «Lazy Bones». Percy Spencer erfand gleichzeitig die Mikrowelle, eine Art Fernbedienung für das zuvor beschwerliche Kochen am Herd. Schon 1939 war das erste Automatikgetriebe in Serie gegangen.

«Die Faulheit hat einen Haken: Wenn sie zu lethargisch wird, dann rebelliert der wache Geist.»

Nennen wir noch die drei grössten Erfindungen aus der Schweiz, deren Motor ebenfalls die Faulheit war. 1936 erfand Max Morgenthaler aus Burgdorf den löslichen Nescafé und beendete die Phase der mühsamen Kaffeemühle. 1947 erfand Alfred Neweczerzal aus Davos den Sparschäler, weil er im Militär die Kartoffeln mit unbrauchbaren Messern häuten musste. 1951 erfand George de Mestral aus Saint-Saphorin den Klettverschluss, der Schuhe und Textilien benutzerfreundlicher machte.

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Nun hat die Faulheit aber einen Haken. Wenn sie zu lethargisch wird, dann rebelliert der wache Geist. Nehmen wir die USA. In den Siebzigerjahren war dort das Leben so gut wie nie. Die Fernbedienung, die Mikrowelle und das Automatikgetriebe waren erfunden, man konnte es sich richtig gemütlich machen. Und was passierte nun? Es begann die Jogging-Welle. Die Amerikaner rannten wie die Irren ums Haus, bis sie keuchend niedersanken.
Damit wären wir zurück in Italien. Italien ist ja ein idealer Platz für das süsse Leben. Die Sonne scheint, die Strände sind einladend, die Restaurants sind exzellent, und man hat dank der vielen Streiktage ausreichend Freizeit. Man kann es sich richtig gemütlich machen. Und was machen die Italiener? Harter Einsatz, hinaufschalten, hinunterschalten, Vollgas, Vollbremsung, hinaufschalten, hinunterschalten. Auch im Dolce Vita darf es nicht nur dolce sein.

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