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Kommentar zur WM

Von wegen Katarstrophe

Dass die Schweiz als Fussballnation nicht ganz vorne mitspielt, spricht für sie. Auch wenn das ein schwacher Trost für die Fans ist.

Seraina Gross Handelszeitung

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Handelszeitung-Redaktorin Seraina Gross: «Die Nati mag in Kalifornien enttäuscht haben. Doch in einem Punkt macht der Schweiz kaum ein Land etwas vor: bei der Chancengleichheit.» HZ

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Eines gleich vorweg: Ich verstehe nichts von Fussball. Im Gymi mussten wir jeweils zuschauen, wie die Jungs Fussball spielten. Dass auch Mädchen kicken könnten, überstieg das Vorstellungsvermögen unserer Turnlehrer. Danach habe ich den Ball irgendwie nie mehr zu fassen bekommen. Doch dass die Schweizer Nati gegen eine drittklassige Mannschaft aus einem Wüstenstaat mehr als ein Unentschieden einfahren sollte, ist auch mir klar.
Nur: Die «Katarstrophe», von der die Kollegen vom «Blick» sprachen, hat auch was Gutes. Dass es unseren Fussballern an der nötigen Raffinesse und Routine mangelt, um an der Weltspitze mitzuspielen, spricht eigentlich für die Schweiz. Ich weiss, dass mich dafür nun alle enttäuschten Fussballfans am liebsten auf den Mond schiessen würden, womöglich sogar zusammen mit Elon Musk. Aber ist doch so: Warum spielen die Brasilianer, die Argentinier, aber auch die Franzosen so interstellar schönen und guten Fussball? Weil sie auf ein schier endloses Reservoir von Nachwuchsspielern zurückgreifen können, Myriaden von kleinen Jungs, die in endlosen Favelas jede freie Minute auf improvisierten Fussballfeldern dribbeln und die nur einen Traum haben: ein zweiter Maradona oder Messi zu werden.

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So weit, so verständlich. Nur: Hinter jedem Fussballer, der es nach oben schafft, bleiben Tausende junger Männer ohne wirkliche berufliche Perspektive zurück, mit all den Risiken, die das für sie und ihre Gesellschaft mit sich bringt. Ganz anders bei uns: Jungs – und zum Glück immer mehr Mädchen – mögen auch hier von der grossen Fussballkarriere träumen; doch wenn es nicht klappt, dann gibt es ein gut funktionierendes Schulsystem, das sie auffängt und das auch Kindern aus unterprivilegierten Familien berufliche Chancen eröffnet.Gewiss, auch hierzulande gibt es Anzeichen, dass dieser Anspruch immer häufiger nicht eingelöst werden kann. Wenn es in Schlieren Schulklassen ohne deutschsprachige Kinder gibt, stösst auch ein gut ausgestattetes Schulsystem an seine Grenzen. Aber Zustände wie in Frankreich, wo die Busse die Banlieues aus Sicherheitsgründen nicht mehr bedienen und die Kinder deshalb nicht zur Schule können, gibt es bei uns nicht.
Die Nati mag in Kalifornien enttäuscht haben. Doch in einem Punkt macht der Schweiz kaum ein Land etwas vor: bei der Chancengleichheit. Träume sind lebenswichtig, junge Menschen sollen nach den Sternen greifen. Entscheidend ist, dass sie aufgefangen werden, wenn die Träume platzen. Und da trifft die Schweiz das Tor ziemlich gut. Wir sollten alles daransetzen, dass das so bleibt. So gesehen ist die Abstimmung vom Wochenende vor allem auch ein Auftrag: dafür zu sorgen, dass möglichst wenige auf der Strecke bleiben. Damit sich die «Weltoffenheit», von der Beat Jans gerne spricht, am Ende nicht gegen die Schwächsten richtet.

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