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Marktwirtschaft

Mehr Markt: Neue Bewegung nimmt Fahrt auf

Die neue Bewegung RadicalxChange will eine reichere und zugleich fairere Gesellschaft schaffen. Sie setzt dabei auf ein Rezept: Mehr Markt.

Marc Badertscher

Globus und Zahlen - Lukas Lienhard
Der Preis der Welt: Alles soll jederzeit fรผr alle zu kaufen sein, lautet der radikale Vorschlag. Lukas Lienhard

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Mittlerweile ist ยซMarktยป im politischen Diskurs weitherum ein Schimpfwort. Vergessen die Zeit, da der Markt der Befreiung des Individuums dienen sollte, ihm ermรถglichen half, seinen Vorlieben besser nachzuleben, seinen Handlungsspielraum zu vergrรถssern.
Seit einigen Monaten nun formiert sich eine Bewegung, welche dem Trend entgegenwirken will. RadicalxChange heisst das Projekt. Im April fand in Detroit in den USA ein erster Kongress mit Hunderten von Teilnehmenden statt. Schanghai war im Sommer dran, und auch in der Schweiz mehren sich die Anhรคnger. Ihr Ziel: die Gesellschaft gleichzeitig reicher und fairer machen. Das Mittel dazu sind neue Marktmechanismen. Sowohl fรผr die Wirtschaft wie auch in Public Affairs, also in Angelegenheiten der รถffentlichen Hand. ยซWir stehen als Gesellschaft an einer einzigartigen Wegkreuzungยป, heisst es programmatisch auf der Website der neu gegrรผndeten RadicalxChange-Stiftung.

Erschรผtterte Demokratien

Die Bewegung nahm ihren Anfang mit einem Buch von Glen Weyl und Eric Posner mit dem Titel ยซRadical Marketsยป. Die beiden Autoren von der University of Chicago Law liefern darin mehrere konkrete Anregungen, wie Institutionen und Gesellschaft mit ihren Entscheidungen bessere Ergebnisse erzielen kรถnnen. Das sei dringend notwendig angesichts anhaltender wirtschaftlicher Stagnation und zunehmender Ungleichheit innerhalb von Lรคndern, welche das Fundament westlicher Demokratien ebenso erschรผttern wie jenes in Entwicklungslรคndern. ยซRadical Marketsยป ist eine Reaktion auf den Trend der letzten zehn Jahre seit der grossen Wirtschaftskrise 2008/2009 und der Versuch, der Legitimationskrise entgegenzuwirken, in der sich Regierungsinstitutionen inzwischen mancherorts befinden.

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Privateigentum ist nur ein anderer Name fรผr Monopol

Weyl und Posner glauben, die Misere sei nicht wegen grosser รถkonomischer und demografischer Krรคfte ausserhalb der menschlichen Kontrolle entstanden, sondern ein Resultat des Versagens von Ideen. Etwas salopp gesagt: Wegen des enormen wirtschaftlichen Aufschwungs im letzten Jahrhundert sei man bei der Entwicklung der Marktwirtschaft quasi auf halbem Weg stehen geblieben. Das habe einerseits zu allzu mรคchtigen Monopolen gefรผhrt, anderseits seien Mรคrkte zum Beispiel bei Regierungsfragen zu wenig ausgebildet.
Das mรถchten die beiden Autoren, einer Jurist, der andere ร–konom, รคndern. Allerdings nicht mit neoliberalen Rezepten, sondern mit Methoden, die schon vor hundert Jahren von den ร–konomen Henry George, William Vickrey und Arnold Harberger angedacht worden waren. Das eigentliche Reizwort, das diese Denker antreibt, ist ยซMonopolยป. In ihren Erรถrterungen rรผtteln sie dabei krรคftig am heute fast unantastbaren Recht auf Privateigentum.
ยซPrivateigentum ist nur ein anderer Name fรผr Monopolยป, heisst es etwa. Die Argumentation dahinter: Niemand anderes kann das Privateigentum, egal ob das ein Auto, ein Stรผck Boden oder ein Gemรคlde ist, nutzen ohne entsprechende Zustimmung des Eigentรผmers. Die Macht ist fast grenzenlos. Ein kleiner Monopolist im abgesteckten Bereich.

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Fortlaufende Versteigerung

Das hat natรผrlich Vorteile, vor allem fรผr den Eigentรผmer. Aber schon lange sind ร–konomen der Ansicht, dass dadurch Fehlanreize zum Nachteil der Gesellschaft entstehen kรถnnen. Der Boden zum Beispiel kann brachliegen, verteuert dadurch andere Flรคchen. Fehlallokation der Mittel heisst das im Jargon.
ยซRadical Marketsยป macht einen aufrรผhrerischen Vorschlag: Die Dinge gehรถren einem nicht auf ewig, sondern nur so lange, bis ein anderer bereit ist, der Sache einen hรถheren Wert beizumessen. So wรผrden die Dinge also in einer fortlaufenden Auktion jeweils in den Besitz des Hรถchstbietenden wechseln. Zentral ist dabei natรผrlich die Frage, wie hoch der Preis fรผr ein Gut ist, den es zu รผberbieten gรคlte. Und die Antwort darauf ist ziemlich schlicht und kommt ohne behรถrdliche Einschรคtzungen oder komplizierte Regulierungen aus: Die Leute bestimmen den Wert der Dinge selber, die sie besitzen wollen. Je hรถher der Wert, desto unwahrscheinlicher ist es, รผberboten zu werden und deshalb das Objekt der Begierde spรคter wieder abgeben zu mรผssen.
Eine zweite Regel verhindert, dass exorbitante Fantasiepreise entstehen. Die Leute mรผssen jรคhrlich eine Steuer auf ihren Assets bezahlen, die sich am selber gewรคhlten Preis orientiert. Eine bestimmte Prozentzahl, zum Beispiel 7 Prozent. Besitz ist nicht gratis.

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Es gibt Hunderte von globalen Gruppen

Weyl und Posner nennen ihr System Cost: Common-Ownership Self-Assessed Tax. Knapp zusammengefasst erlaubt es Cost jedermann, alles zu jedem Zeitpunkt von allen zu kaufen, wenn man es hรถher bewertet als der aktuelle Besitzer. Die Idee dahinter: Damit geraten die Dinge in die Hรคnde derjenigen, die jeweils den grรถssten Nutzen daraus ziehen kรถnnen. Mehr Innovation sowohl im privaten wie รถffentlichen Bereich soll die Folge sein.
Diesen Frรผhling nahm die Bewegung Fahrt auf, als die Autoren von ยซRadical Marketsยป zur Konferenz RadicalxChange luden. 300 Leute trafen sich, nicht nur ร–konomen, sondern auch politische Aktivisten, Kรผnstler und zahlreiche Softwareentwickler, die normalerweise die Infrastruktur fรผr Kryptowรคhrungen und dezentrale Finanzplattformen programmieren.

ร–konomische Anreize

Letztere haben eine grosse Affinitรคt zum Gedankengut von ยซRadical Marketsยป: Auch die Krypto-Apologeten beschรคftigen sich intensiv damit, ihre Systeme mit รถkonomischen Anreizen so zu gestalten, dass diese funktionieren und gute Resultate liefern. Vitalik Buterin, Mitgrรผnder der Ethereum-Blockchain, arbeitet inzwischen eng mit Weyl zusammen. Detroit war ein Anfang. Inzwischen gibt es global Hunderte von lokalen Gruppen, die sich an Meet-ups treffen und die Ideen weiter diskutieren.

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Natรผrlich wissen Weyl und Posner um die grossen Umwรคlzungen, die so ein radikaler Bruch bewirken wรผrde, bei dem Preise und Mรคrkte noch stรคrker als heute in den Alltag drรคngten. Was wรคre mit Dingen, die einem besonders am Herzen liegen, wie einem Erbstรผck? ยซRadical Marketsยป hat Antworten: Solche Dinge kรถnnten vom Verkauf ausgenommen werden (wie das schon heute in einigen Lรคndern beispielsweise bei Betreibungen der Fall ist) oder die Steuerrate kรถnnte auf ganzen Assetklassen tief angesetzt werden. Das wรผrde es den Leuten ermรถglichen, den Wert hoch anzusetzen, den sie den Dingen beimessen. Und dennoch: Die Autoren schlagen vor, das Cost-System zuerst in kleineren รถffentlichen und kommerziellen Mรคrkten zu erproben. Am ehesten sei dies mรถglich mit Assets, die heute im Eigentum des Staates seien. Wie zum Beispiel Frequenzen fรผr den Mobilfunk, Bergbau-Lizenzen oder auch Domain-Namen fรผr Internetseiten.
Damit Cost funktioniert, braucht es fortlaufende Auktionen. Solche finden schon heute an vielen Orten statt, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Die Slots etwa, um auf Facebook Werbung zu schalten, werden in einer Auktion fortlaufend an den Meistbietenden vergeben.

Konflikt zwischen Arbeit und Kapital entschรคrfen

Ein breit angewendetes Cost-Konzept kรถnnte die Wirtschaft beflรผgeln. Heute, so schรคtzen ร–konomen, gingen 25 Prozent der mรถglichen Wirtschaftsleistung verloren, weil Ressourcen bei wenig produktiven Firmen lรคgen. Natรผrlich wรผrden mit einer Cost-Steuer von vielleicht durchschnittlich 7 Prozent viele andere, kompliziert zu berechnende Steuern wegfallen. Die Einnahmen durch Cost kรถnnten teilweise als Sozialdividende unmittelbar an alle wieder ausgeschรผttet oder zur Finanzierung von Staatsaufgaben verwendet werden. Weyl und Posner rechnen damit, dass eine flรคchendeckende Cost tendenziell die Reichen stรคrker belasten wรผrde als heute und die Armen subventionierte. Damit entschรคrfte sich der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, und Einkommen aus Arbeit wรผrde zur dominanten Quelle von Ungleichheit zwischen den Menschen, nicht mehr Eigentum.

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Ganz neu sind die Anliegen nicht, die mit RadicalxChange nun mehr Anhรคnger finden. So spricht sich in der Schweiz etwa Konzepter Jรผrg Inniger seit Jahren dafรผr aus, mittels Marktmechanismen eine gerechte Grundlage zu legen: ยซAlle Menschen haben den gleichen Anspruch auf die Ressourcen, die uns die Erde zur Verfรผgung stellt โ€“ und den sollte man auch einlรถsen kรถnnen.ยป Inniger fokussierte auf den Boden als Schnittstelle, schon lange bevor Weyl und Posner ihr Buch schrieben.

Schweizer Varianten

Sein Projekt Hugo beschreibt, was jedes eingetragene Grundstรผck jรคhrlich entsprechend seiner Begehrtheit kostet. Auch da kann der aktuelle Preis โ€“ quasi die Entschรคdigung an alle Menschen โ€“ รผberboten werden, wenn der aktuelle Grundstรผckinhaber ihn nicht selber anpasst. ยซWer mehr beansprucht als andere, zahlt drauf; wer mehr anderen รผberlรคsst, erhรคlt dafรผr Geld heraus; und jeder kann kostenneutral und auf friedlichem Weg zu einem Durchschnittsteil kommenยป, so Inniger. Aber wird dann auf dem Grundstรผck noch investiert, wenn man jederzeit von einem Mehrbieter abgelรถst werden kann? ยซDiese Krux ist mit einem mehrschichtigen System lรถsbar, zum Beispiel mit immer hรคufiger eingesetzten Tokenยป, ist Inniger รผberzeugt. Seine Ambition: ยซDie Entschรคdigung an alle und die Ablรถsesumme fรผr die Immobilien so koppeln, dass die getรคtigten Investitionen stets gedeckt sind โ€“ und zwar so, dass die Preisbildung bei Boden und Immobilien ohne kรผnstlich definierten Prozentsatz dazwischen auskommt.ยป

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Der schรคrfste Gegenwind blรคst den RadicalxChange-Anhรคngern von jenen entgegen, die das aktuelle Regime verteidigen. Unser โ€“ angeblich โ€“ austariertes System mit Grundstรผcksteuern, Steuerprogression, Erbschaftssteuern und Subventionen leiste im Effekt das Gleiche, lautet die hรคufigste Argumentation. Eine Frage bleibt trotzdem im Raum hรคngen. Eine, die โ€“ einmal gestellt โ€“ nicht mehr verschwindet: Wie werden wir unsere Gesellschaft organisieren wollen, wenn wir uns demnรคchst hinsetzen und nach dem bestmรถglichen, willkรผrfreisten und effizientesten Design suchen?

Stรคrkere Anreize, mehr Klarheit

Neben COST machen Weyl und Posner weitere Vorschlรคge, den Gang von Wirtschaft und Demokratie zu verbessern.

Quadratic Voting
Mit Quadratic Voting sollen Prรคferenzen von Menschen besser zum Ausdruck -kommen, wenn mehrere Optionen zur Auswahl stehen. Ein US-Bundesstaat hat das Verfahren kรผrzlich bei der Budget-beratung angewendet, als es darum ging, verschiedene Posten zu priorisieren. Das geht so: Jeder Abstimmungsberechtigte erhรคlt eine fixe Anzahl von Punkten, die er auf verschiedene Optionen verteilen kann. Gibt jemand einem Projekt eine Stimme, dann kostet ihn das 1 Punkt. Will er einem favorisierten Projekt zwei Stimmen geben, dann braucht es dafรผr 4 Punkte, bei fรผnf Stimmen 25 Punkte. Die notwendigen Punkte fรผr Stimmen nehmen also im Quadrat zu. Quadratic Voting fรผhrt zu einer besseren Priorisierung und ist gleichzeitig eine Reaktion auf die sogenannte ยซTyrannei der Mehrheitยป. Denn mit dem in Demokratien gรคngigen Modell ยซeine Person, eine Stimmeยป kann die Mehrheit sich immer durchsetzen. Mit Quadratic Voting kรถnnen sich Minderheiten deutlich mehr Gehรถr verschaffen, wenn sie auf einen fรผr sie entscheidenden Punkt fokussieren.

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Ein wenig Regulierung 
Andere Vorschlรคge umfassen Regeln zur Immigration, in deren Zentrum รถkonomische Anreize stehen. Auch soll die monopolartige Macht von Investment-Fonds dadurch gebrochen werden, dass sie pro Sektor nicht mehr gleichzeitig in alle grossen Firmen investieren dรผrfen. Im Bereich Datenmonopol schlagen die Autoren ein System vor, das die Nutzer ermรคchtigt, ihre eigenen Daten zu monetarisieren.


Das Buch:
Radical Markets, Eric Posner, Glen Weyl, Princeton University Press, 337 Seiten, englisch

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