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Buchtipp

Vier Bücher, vier ­Wahrheiten, viele Fragen

Hernan Diaz zerlegt die Biografie eines Financiers in vier Perspektiven, bis jede vermeintliche Gewissheit zerfällt.

Jutta Nixdorf

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Jutta Nixdorf (59) ist Geschäftsführerin des Auktionshauses Christie's in Zürich. PR

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Vier Bücher von vier fiktiven Autoren aus vier Perspektiven rund um das Leben von Andrew Bevel bilden den Roman «Trust» oder auf Deutsch «Treue». Versucht man eine vereinfachte Zusammenfassung, geht es in «Trust» um die Biografie eines schwer- und einflussreichen Financiers und seiner Frau in der erfolgsgläubigen Wachstumshysterie der goldenen Zwanzigerjahre in New York und den Börsencrash von 1929. Das Buch handelt von der Geschichte einer Ehe, von Gier, Eitelkeiten und Liebe und der wechselhaften Beziehung zwischen finanziellem Erfolg und privatem Glück oder Unglück. Die Verzahnung von Familienroman und Finanzhistorie lässt sich bereits an den mehrdeutigen Untertiteln erahnen. Sie heissen «Bonds», ein Roman von Harold Vanner, «My Life» von Andrew Bevel, «A Memoir, Remembered» von Ida Partenza und «Futures», Tagebuch von Mildred Bevel.
Ein grosser Teil der Faszination beim Lesen entsteht, wenn man realisiert, dass man dem ersten Buch als wahre Erzählung vertraut hat, bis im zweiten Buch vieles bis alles wieder infrage gestellt wird. Der dritte Teil bietet wiederum eine andere Sicht oder eine neue Wahrheit, bis hin zum letzten Teil. Welcher der erfundenen Autoren sagt die Wahrheit, und wer lügt den Leser und sich selbst am meisten an? Mit dieser Frage bleibt man am Ende sich selbst überlassen. Oder gibt es gar keine Wahrheit, sondern nur persönliche Wahrnehmungen und Motive, die sich per Definition unterscheiden und widersprechen? Schliesslich ist jeder der Autoren gleichzeitig Akteur in der Geschichte, sodass seine und ihre Wahrnehmung weit entfernt von der eines neutralen Beobachters ist.

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Von Hernan Diaz nicht unbeabsichtigt stellt man beim Lesen einen Vergleich zu unserer Zeit her. Inwieweit sollte das persönliche Streben nach finanziellem Erfolg das Gemeinwohl berücksichtigen, oder sind gesamtwirtschaftliches Weiterkommen und Wohltätigkeit ohne solche wagemutigen Individualisten, die in erster Linie an sich denken, überhaupt möglich? Auch ob das Opfern von privatem Glück zugunsten von Erfolg und Macht es am Ende des Tages wert ist, bleibt als Frage im Raum stehen. Schwarz und Weiss oder Gut und Schlecht werden als Antworten nicht angeboten. Ohnehin hinterlässt «Trust» den Leser mit viel mehr Fragen als Antworten.
Die Vielschichtigkeit der Erzählung, die sprachliche Schönheit und die überraschende Reise, auf die man sich beim Lesen begibt, haben das Buch für mich zu einem der grössten Lesevergnügen im letzten Jahr gemacht.
«Trust», Hernan Diaz, Penguin LLC, 416 Seiten, 16.90 Franken.
«Trust», Hernan Diaz, Penguin LLC, 416 Seiten, 16.90 Franken.PR
«Trust», Hernan Diaz, Penguin LLC, 416 Seiten, 16.90 Franken.
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