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Buchtipp «Schnelles Denken, langsames Denken»

Die Illusion des ­rationalen Entscheiders

Im Buch wird behandelt, wie ­Menschen denken und entscheiden – und warum diese Entscheidungen oft weniger rational sind, als wir glauben.

Marco Büchler

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Marco Büchler: Der 45-Jährige ist CEO des Vermögensverwalters Amundi in der Schweiz. Julien KNAUB

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Die Unterscheidung zwischen zwei Denksystemen steht im Zentrum. System eins arbeitet schnell, intuitiv und emotional. Es hilft uns im Alltag, rasch zu reagieren, Muster zu erkennen und Entscheidungen ohne grossen Aufwand zu treffen. System zwei hingegen ist langsam, bewusst und analytisch. Es wird aktiv, wenn wir gezielt nachdenken, rechnen oder komplexe Probleme lösen müssen. Es ist präziser, wird aber deutlich seltener genutzt, weil es mehr Energie erfordert.
Nobelpreisträger Daniel Kahneman zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie stark unser Denken vom schnellen System eins geprägt ist. Der Ankereffekt beschreibt, wie stark zufällige Startwerte unsere Einschätzungen verzerren. Die Verlustaversion zeigt, dass Verluste emotional deutlich stärker wirken als gleich hohe Gewinne. Und der Verfügbarkeitsfehler führt dazu, dass besonders präsente Ereignisse systematisch überschätzt werden. Diese Mechanismen sind nicht Ausnahme, sondern Regel – auch bei bewussten und routinierten Entscheidungen.
Gerade in der Finanzindustrie ist diese Erkenntnis besonders relevant. Obwohl Entscheidungen dort häufig als datengetrieben, analytisch und rational verstanden werden, zeigt sich in der Praxis, dass auch hier Wahrnehmung, Kontext und mentale Abkürzungen eine zentrale Rolle spielen. Die Vorstellung des vollständig rational entscheidenden Akteurs bleibt damit eher ein theoretisches Konstrukt als eine reale Beschreibung von Entscheidungsverhalten.

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Buchtipp

«Schnelles Denken, langsames Denken», Penguin, 624 Seiten, Fr. 25.90.
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Auch der aktuelle Hype rund um künstliche Intelligenz ändert daran wenig. KI kann Muster schneller erkennen und Daten effizienter verarbeiten. Aber sie operiert innerhalb derselben Datenrealität, die bereits menschliche Verzerrungen enthält. Sie optimiert Entscheidungen zwar – befreit sie allerdings nicht von ihrer menschlichen Grundlage.
Die Konsequenz aus Kahnemans Arbeit ist deshalb unbequem: Der rationale Entscheider ist kein realistisches Abbild menschlichen Verhaltens, sondern ein vereinfachtes Modell. Entscheidungen werden durch kognitive Verzerrungen geprägt, nicht durch Logik. Oder anders formuliert: Die grösste Fehleinschätzung liegt nicht in den Entscheidungen selbst, sondern im Glauben, wie diese entstehen.
Dieses Buch hat meine Sicht auf Entscheidungen geschärft – im persönlichen Denken ebenso wie im beruflichen Kontext. Es bestätigt die Entwicklung, die ich in der Finanzbranche sehe: weg von produktzentriertem Denken hin zu einem Ansatz, der nicht die Produkte in den Mittelpunkt stellt, sondern die Frage beantwortet, welche konkreten Problemstellungen des Kunden gelöst werden müssen – im Sinne eines konsequent lösungsorientierten Ansatzes.

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