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Reise nach Helsinki

Cool Helsinki

In Finnlands Hauptstadt beginnt der Herbst erfreulich: mit offenen Terrassen und Saunas für den Notfall.

Patricia Engelhorn

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Gemeinsinn Toby Mitchell

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Die Menschenschlange begann kurz vor dem Riesenrad am Hafen. Sie zog sich an der auf dem Meerwasser schwimmenden Poollandschaft mit Sonnenschirmen, Liegen und einer Bar vorbei, über eine schmale Brücke, die zu den Schiffsanlegern führt, und quer durch die mandarinenfarbenen Marktstände, wo an diesem noch lichtdurchfluteten Spätsommerabend Pfifferlinge, Kefen und die letzten goldenen Moltebeeren der Saison auf den Verkaufstischen lagen. Es waren zumeist gut gelaunte junge Menschen, die, ohne zu murren, anstanden und auf Einlass in den ­ Allas-Hof warteten, wo der Auftritt einer finnischen Newcomer-Band mit unaussprechlichem Namen angekündigt war. Später sangen sie jeden Song lauthals mit. Der fröhliche Pop war bis auf die schicke Terrasse des angesagten Restaurants Toppa im sechsten Stock von Alvar Aaltos ikonischem Zuckerwürfelbau gleich nebenan zu hören, und auch die Gäste des brandneuen Solo Sokos Hotel Pier 4 bekamen das musikalische Spektakel mit.
Sie alle haben Glück gehabt. In Helsinki war es in diesem Sommer überdurchschnittlich warm und sonnig, und die Stadt zeigte sich deshalb noch heiterer als ohnehin schon. Doch die gute Stimmung liegt wohl auch am tiefenentspannten Naturell der Bewohner, an ihrem lässigen Lebensstil, in dem Protz, Prunk und Luxus kaum eine Rolle spielen. Die Finnen gelten offiziell als die glücklichsten Menschen der Welt. Zum achten Mal in Folge wurde ihrem Land 2025 der erste Platz auf der Liste des «World Happiness Report» zugesprochen. Wie geht das in einer Stadt, die zwar sehr grün ist, vom Meer umspült und architektonisch wunderschön, aber auch gut die Hälfte des Jahres kalt und eher dunkel?

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ÜberirdischToby Mitchell
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ÜberirdischToby Mitchell
«Wir Finnen nehmen jede Jahreszeit, wie sie kommt, und machen das Beste daraus», sagt Heli Patoharju. Sie hat ihren Kleiderständer im angesagten Punavuori-Viertel aufgestellt und verkauft Selbstgenähtes: bunte Kleider, weite Hosen, warme Jacken und Blousons, alles aus ausgesuchten, seltenen und meist höchst farbenprächtigen Stoffen aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Heli hat früher in der Textilbranche gearbeitet und geniesst jetzt ihren Ruhestand. «Ich bin aber gern unter Leuten, hier im Viertel ist immer etwas los, und ich verdiene etwas Geld dazu», erklärt sie. Und im Winter? «Tee trinken, Freunde treffen, lesen, nähen» – langweilig wird ihr dabei nie, sagt sie.
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NaturnahEveliina Vuorma
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NaturnahEveliina Vuorma
Gleich neben Helis mobilem Verkaufsstand befindet sich eine weitere modische Attraktion. Im Vintage-/Secondhand-Laden Relove hängen dicht an dicht bunt bedruckte Kleider von Maliparmi und Marimekko, plissierte Jupes von La Double J, Overalls von Seen by Chloé und Strickmäntel von Balenciaga neben Modellen von Zara, H&M oder A.P.C. Die drei Umkleidekabinen reichen nie aus für all jene, die vielleicht etwas gefunden haben, also werden beim Warten noch die Schmuckstücke in der Vitrine inspiziert und die darauf stehenden Handtaschen begutachtet. Wer fertig ist, lässt sich gern noch einen Cappuccino im zum Laden gehörenden Café servieren. Die Zimtschnecken dazu sind ein Tipp von Heli und nicht von dieser Welt.

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SichtwechselToby Mitchell
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SichtwechselToby Mitchell
Relove hat mehrere Filialen in Helsinki und auch anderswo, die beliebteste dürfte diese an der Fredrikinkatu sein, mitten im sogenannten Design District. Design bedeutet hier vor allem: viele kleine unabhängige Modeläden, oft von finnischen Brands. Dazu gibt es die zauberhafte Papierwarenhandlung Papershop, diverse Schmuck- und Antiquitätenhändler sowie Geschäfte mit typisch finnische No-Nonsense-Vorliebe, aber auch viel Sinn für Formen und Farben widerspiegeln. Das alles kompakt auf sehr überschaubarem Raum mit kaum mehr als einer Handvoll charmanter, teilweise verkehrsberuhigter Strassen und jeder Menge schicker Restaurants, in denen ambitionierte junge Köche auf lokale, saisonale und nachhaltige Küche setzen.
Um finnisches Design zu erleben, muss man allerdings nicht unbedingt in den Design District. Die ganze Stadt ist eine optische Augenweide, die weltweit kurioserweise übersehen und völlig unterbewertet ist. Helsinki ist nicht so prunkvoll wie Paris oder Florenz, sondern zeichnet sich durch eine angenehme, fast bescheidene Klarheit, Schlichtheit und Uneitelkeit aus. Der Flughafen Helsinki-Vantaa wurde bereits mehrfach für seine Architektur und sein Design ausgezeichnet und ist wohl einer der schönsten der Welt. Er punktet mit grosszügigen Platzverhältnissen und ausladenden Sitzlandschaften, viel hellem Holz, Glas und unverputztem Beton, aber auch mit Funktionalität, Innovation und Respekt für das finnische Natur- und Kulturerbe. Ebenso beeindruckend ist die majestätische Jugendstilfassade des Hauptbahnhofs, die von Eliel Saarinen entworfen, mit einheimischem Granit verkleidet und mit einem hohen Uhrenturm und majestätischen Statuen versehen wurde.

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SchweisstreibendToby Mitchell
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SchweisstreibendToby Mitchell
Von dort aus sind es nur wenige Schritte bis zur fantastischen neuen Zentralbibliothek Oodi in einem monumentalen, dreistöckigen, geschwungenen Gebäude mit einer Hülle aus Glas. Wie jede andere Bibliothek ist sie frei zugänglich, doch nicht überall gibt man sich so offen und besucherfreundlich. Es gibt bequeme Sitz- und Arbeitsplätze, das Wi-Fi ist frei verfügbar, und die ganze oberste Etage präsentiert sich als weitläufiger verglaster Leseraum, der nicht umsonst den Spitznamen Bücherhimmel trägt. Mehrere Ausgänge führen auf den breiten Balkon, von dem man auf den Kansalaistori-Platz schaut. Um ihn herum stehen weitere architektonische Wahrzeichen: das geschwungene Museum für zeitgenössische Kunst Kiasma, die kastenförmige, gläserne Konzerthalle Musiikkitalo und etwas weiter weg die imposante, von Alvar Aalto entworfene Finlandia-Halle. Zwischen diesen kulturellen Institutionen stehen Bänke, Klettergerüste, Schaukeln und Volleyballnetze. Ganz hinten an der Töölö-Bucht gibt es sogar einen kleinen Strand mit vielen Enten und einem Grillplatz, der auch an sonnigen Herbsttagen genutzt wird. Schon mittags packen ganze Familien ihre Kühltaschen aus, legen Makkara-Würste auf den Grill, kühlen Bier und Blaubeersaft im Meer und essen als Nachtisch Munkki (mit Marmelade gefüllte Donuts) und salzige Lakritze.

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Mit LiebeToby Mitchell
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Mit LiebeToby Mitchell
Auch auf den Terrassen des baumbestandenen Prachtboulevards Esplanadi geniessen Einheimische die letzten sonnigen Tage des Jahres. Sie haben einen Kaffee und ein Stück Heidelbeertorte vor sich stehen, manche sind auch schon beim Apéro – viel Zeit, um draussen zu sitzen, bleibt nicht mehr. Nachmittags gegen drei beginnt die Dämmerung, vom nahen Hafen weht dann ein frisches Lüftchen, die bereitgelegten Decken sind schnell vergriffen. Doch echte Finnen erschreckt das kaum – irgendwo spielt noch jemand Gitarre, der Flanierweg zwischen den prächtigen neoklassizistischen Gebäuden ist auch nach Sonnenuntergang noch voller Leben.
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VielseitigToby Mitchell
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Wenn es dann doch richtig kalt wird, haben die Finnen ein unschlagbares Gegenmittel: die Sauna. «Fast jeder Finne hat eine Sauna zu Hause, selbst im winzigsten Apartment findet sie Platz», erklärt Willem Hagedoorn, stellvertretender Hoteldirektor des Hotels NH Collection Helsinki Grand Hansa, dessen neues Spa Usva by Terhen als der derzeit letzte Schrei unter Helsinkis Saunafans gilt. Seine Beliebtheit bei Einheimischen und Gästen liegt vermutlich nicht nur an der gelungenen Verschmelzung einer traditionell-finnischen Sauna mit modernen Elementen oder an der zentralen Innenstadtlage zwischen Bahnhof und Esplanadi. «Unsere Spa-Gäste schätzen auch die Möglichkeit, nach der Sauna noch auf einen Drink in unsere Rooftop-Cocktailbar Kupoli zu gehen und den Tag mit einem 360-Grad-Blick auf die Stadt und einem Cherry Negroni ausklingen zu lassen», glaubt Willem Hagedoorn.

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Gut möglich. Doch auch die vielen weniger eleganten öffentlichen Saunen haben ihren Charme. Lonna zum Beispiel, eine Sauna am Meer, die nur eine kurze Fahrt mit der Fähre von Helsinki entfernt ist. Nach Saunagang und Bad in der eiskalten Ostsee kann man sich im nahen Restaurant Lonna mit Lachscremesuppe und Rentiereintopf stärken oder Helsinkis Unesco-gelistete Seefestung Suomenlinna aus dem 18. Jahrhundert besuchen. Als hippe Designer-Sauna gilt Löyly, die in einem markanten Holzgebäude aus verwitterten Kieferplanken auf der Halbinsel Hernesaari im Süden des Stadtzentrums untergebracht ist und unter anderem mit einer traditionellen finnischen Rauchsauna, einer Terrasse über dem Wasser und Meerzugang lockt.
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Eine weitere Option ist Kotiharjun, die älteste öffentliche Sauna der Stadt. Man erkennt sie an ihrem roten Neonschild und an den Plastikstühlen vor der Tür. Die Stühle sind heiss begehrt. Dort sitzen angeblich selbst im tiefsten Winter nur in ein Handtuch gewickelte Saunabesucher, die ein Bier trinken und sich unterhalten. Kalt? Nein, kalt ist ihnen nicht. Und es wird auch nie zu dunkel. «Wir sind das gewohnt, es stört uns nicht», sagt einer von ihnen, «wir sind nämlich die glücklichsten Menschen der Welt.»

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ErhabenToby Mitchell
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