Sexy Barcelona? Sonnige Costa Brava? Kulinarisches Baskenland? Geschenkt! Madrid gilt als the place to be. Die spanische Hauptstadt ist so prächtig wie Paris oder Wien, aber fröhlicher, freundlicher und sehr viel sonniger.
Patricia Engelhorn
PULSIEREND Dynamisch, kreativ und multi-kulturell. Die Haupt-stadt Madrid streift ihre Zurückhaltung ab. Ben Roberts/Panos Pictures
«Madrid hat ein seltsames Image», sagt Belén Fernández-Vega, «wir sind die Hauptstädter, bei uns gibt es Kunst und Kultur, Ministerien und Hochschulen. Die Partys finden angeblich anderswo statt. Das stimmt aber nicht.» Die Schmuckdesignerin und Inhaberin des Labels To Be Continued sitzt auf der Terrasse des Café Frida. Vor ihr steht ein Café con leche, daneben liegen die Reste eines Croissants. Um sie herum tobt das Leben. Mit dabei: junge Mütter mit Kinderwagen, Studenten an ihren Laptops und Geschäftsleute, die ihre Sakkos abgelegt und die Sonnenbrillen aufgesetzt haben.
Seltsam ist hier erst einmal gar nichts. Doch das irreführende Image hat Madrid davor bewahrt, so überlaufen wie Barcelona, San Sebastián oder Palma de Mallorca zu werden. Die Stadt kann auch nur einen Bruchteil der jährlichen Besucherzahlen von London, Paris oder Rom vorweisen. Dabei bietet die knapp 3,4-Millionen-Metropole alles, was man von einer europäischen Hauptstadt erwartet: eine vielschichtige Geschichte, bedeutende Kunstsammlungen, von Bäu-men gesäumte Prachtboulevards, beste Shoppingmöglichkeiten, viele Michelin-Sterne und ein echtes Königshaus inklusive eines imposanten königlichen Palasts, dessen 3418 Räume teilweise besichtigt werden können. Einer davon ist vom Boden bis zur Decke mit wertvollem Porzellan gefüllt, in einem anderen steht ein Esstisch für 120 Gäste. Gleich neben dem Palast wurde im Sommer 2023 mit der Galería de las Colecciones Reales Spaniens bedeutendstes Museumsprojekt seit Jahrzehnten eröffnet. Die von spanischen Königen über ein halbes Jahrtausend zusammengetragene Sammlung residiert hinter einer grau-weissen, 145 Meter langen Granitfassade und lockt mit noch nie gesehenen Kunstwerken von Velázquez oder Caravaggio und einer Terrasse mit Aussicht.
Kunst gibt es in Madrid genug, und nicht alles ist alt und königlich. Jenseits der Museen Prado, Reina Sofía und Thyssen-Bornemisza mit ihren mit europäischen Schätzen gefüllten Marmorsälen floriert eine von aufstrebenden Galerien und visionären Sammlern geprägte Kunstszene. Allein die letzte Arco Madrid, die als eine der weltweit bedeutendsten Messen für zeitgenössische Kunst gilt und im März dieses Jahres ihre 45. Ausgabe feierte, lockte 211 Galerien aus 30 Ländern sowie 95 000 kunstbegeisterte Besucher in die Stadt. Dank innovativen Projekten hat sich Madrid im letzten Jahrzehnt einen Platz auf der internationalen Kunstlandkarte gesichert. Ausländische Galeristen haben neuerdings ein Standbein in der Stadt: Aus Berlin kam ein Ableger von Carlier Gebauer, aus Mexiko-Stadt die Galería Hilario Galguera und aus Lissabon die Galeria Pedro Cera. Als Highlight gilt allerdings das ganz und gar einheimische Zentrum für Gegenwartskunst Solo Contemporary. 2013 von den Unternehmern und Sammlern Ana Gervás und David Cantolla ins Leben gerufen, hat es sich inzwischen zu einer der spannendsten Kulturinitiativen Spaniens entwickelt. Ihr jüngstes Baby ist Solo CSV, das die so labyrinthischen wie weitläufigen Hallen einer ehemaligen Druckerei bespielt. Noch bis Anfang Juli sind dort grossformatige Werke von Paul McCarthy zu sehen, während in der Hauptniederlassung Solo Independencia die erste Retrospektive des Österreichers Gottfried Helnwein in Spanien gezeigt wird.
Werbung
MIT PATINA Hinter den Fassaden mit Alte-Welt-Charme residieren immer mehr Expats, die dem Madrider Flair verfallen sind. Ben Roberts/Panos Pictures
MIT PATINA Hinter den Fassaden mit Alte-Welt-Charme residieren immer mehr Expats, die dem Madrider Flair verfallen sind. Ben Roberts/Panos Pictures
Nicht nur im Hinblick auf Kunst hat sich die spanische Hauptstadt zu einem pulsierenden internationalen Knotenpunkt entwickelt. Auch der Luxustourismus boomt: In den letzten sechs Jahren wurden Hotels wie das Four Seasons, das Mandarin Oriental Ritz, das Rosewood Villa Magna und das Edition eröffnet. Damit ist die Stadt bestens gerüstet, um anspruchsvolle Besucher zu empfangen. Und die kommen – viele davon, um zu bleiben. Laut «The Economist» ist der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Madrid seit 2016 um zwanzig Prozent gestiegen. Viele der neuen Einwohner sind wohlhabende, kultivierte Menschen aus Lateinamerika, die das Chaos ihrer Heimat gern gegen den Alte-Welt-Charme und die Coolness einer europäischen Kapitale eintauschen.
Beides findet man zum Beispiel im stimmungsvollen Barrio de las Letras. Früher war dies das Viertel der Dichter und Denker: Immer wieder stösst man auf die ehemaligen Wohnhäuser bedeutender spanischer Schriftsteller wie Lope de Vega, Quevedo oder Cervantes, hier und dort sind sogar Fragmente ihrer Texte in den Strassenbelag eingraviert. Heute ist das Quartier ein Hipster-Hangout voller Vintage-Shops, alter Bodegas und cooler Bars. Tagsüber ist es still und friedlich, sodass man in aller Ruhe ein paar Läden anschauen kann: Bei Real Fabrica Española in der Calle de Cervantes gibt es flauschige Mohairdecken aus La Rioja, mallorquinische Hausschuhe («babutxes») aus Rindsleder und Schafsfell sowie handbemalte Keramik aus der Extremadura. Bei Artelema in der Calle del León werden seltene Füllfederhalter und sonstige ungewöhnliche Schreibaccessoires verkauft.
Werbung
AUTHENTISCH Enge Gassen, Tapas-Bars und der Flohmarkt El Rastro – der Barrio La Latina ist Madrids quirliges Epizentrum.Ben Roberts
AUTHENTISCH Enge Gassen, Tapas-Bars und der Flohmarkt El Rastro – der Barrio La Latina ist Madrids quirliges Epizentrum.Ben Roberts
Ab dem frühen Abend ist es mit der Ruhe vorbei. Aus unzähligen Tapas-Bars schallt der Sound fröhlicher Gäste. Wer in den oft kleinen Lokalen keinen Platz mehr findet, stellt sich vor die offene Tür. Zu den Hotspots der Einheimischen zählen die Taberna La Elisa mit gekachelten Wänden und feinen Gourmet-Tapas, die skurril dekorierte Bar Los Gatos und die Cervecería Cervantes, die für ihre Tapas mit Fisch und Meeresfrüchten bekannt ist. Man bestellt ein Glas Wermut auf Eis, ein paar Jamón-Häppchen und ein Stück Tortilla, trinkt, isst und zieht weiter. Etwa ins Café Central an der Plaza del Ángel, seit über vierzig Jahren eine Institution für Jazz-Liebhaber. Oder auf die wohl schönste Dachterrasse Madrids: Die Azotea del Círculo schwebt auf der vierzehnten Etage des Círculo de Bellas Artes. Die Cinemascope-Aussicht ist grandios, vor allem bei Sonnenuntergang mit einem kühlen Bier oder einem Cocktail von der Bar.
«In Madrid geht niemand schlafen, bevor er nicht die Nacht totgeschlagen hat. »
Ernest Hemingway, Schriftsteller
«Ich gehe am liebsten in die Bar Cock», sagt Belén Fernández-Vega, «sie war schon immer ein Treffpunkt für Kreative und hat einen unnachahmlichen Old-World-Charme.» Tatsächlich sieht man hier manchmal die Schauspielerin Rossy de Palma an der Bar oder den Unternehmer Javier Goyeneche, der als einer der ersten in Spanien Müll in Mode verwandelt hat und in seinen weltweit über 1500 Ecoalf-Läden fliessende Kleider, raffinierte Strickmäntel und coole Sneaker verkauft – in Madrid unter anderem im eigenen schicken Flagship-Store, der sich im eleganten Palacío de Santa Bárbara in Chueca befindet und komplett mit natürlichen und recycelten Materialien gestaltet wurde.
Werbung
MONUMENTAL Die imposante Quadriga-Statue auf der Bank BBVA im neoklassizistischen Stil erzählt von der grossen Vergangenheit.Ben Roberts/Panos Pictures
MONUMENTAL Die imposante Quadriga-Statue auf der Bank BBVA im neoklassizistischen Stil erzählt von der grossen Vergangenheit.Ben Roberts/Panos Pictures
Als Topadresse für High-End-Mode gilt der Stadtteil Salamanca. An der Calle de Serrano steht der dreistöckige Lifestyle-Store des spanischen Luxusbrands Loewe, der ein denkmalgeschütztes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert bespielt. In Rufweite sind fast alle bekannten Namen der spanischen Modewelt zu finden, von Balenciaga und Manolo Blahnik über Adolfo Domínguez und Roberto Verino bis zu Pedro del Hierro und Javier Simorra. Ihre Logos prangen auf grossen Einkaufstaschen, die an sonnigen Tagen die Durchgänge zwischen den Terrassentischen des «Cappuccino Madrid» versperren. Das schicke Café ist das Stammlokal der Fashionistas und ein hervorragender Ort, um die mode-bewussten Stadtbewohner zu beobachten.
«Es gibt noch so vieles», sagt David Pinto, «und wenn man im Shopping-Modus ist, darf man sich El Rastro nicht entgehen lassen.» Der Rastro ist einer der grössten Antiquitätenmärkte Europas und eine Fundgrube für Vintage-Fans. Er zählt zum Kulturerbe Madrids und gilt seit mehreren Jahrhunderten als Auffangbecken für alles, was in den Haushalten der Hauptstadt nicht mehr gebraucht wird: alte Kameras, böhmische Cocktailgläser, Jugendstillampen, antike Kerzenständer, handbestickte Bettwäsche und jede Menge Plunder. David Pinto ist beinahe täglich in seinem Laden Pinto y Alvarado in der Calle Carnero, den er in dritter Generation führt. Wie viele andere Händler hat er nicht nur an Sonn- und Feiertagen geöffnet, wenn sich über 3500 Verkaufsstände um die Plaza de Cascorro und die breite Calle de la Ribera de Curtidores drängeln. «Es werden immer mehr», erklärt er, «Insider kommen deswegen lieber an Wochentagen, wenn es ruhiger ist und alle mehr Zeit haben.»
Werbung
«Madrid hat sich in den letzten Jahren verändert», sagt Sara Aznar, die zusammen mit ihrem Mann das angesagte Grillrestaurant Los 33 im schönen Stadtteil Salesas eröffnet hat, «früher war die Stadt verschlafen und fast provinziell, aber jetzt sind viele Ausländer hierhergezogen, und Madrid ist dynamisch, kreativ und multikulturell geworden.» Wer an einem x-beliebigen Abend das Lokal betritt, steht sofort zwischen gut gelaunten Madrile-nen mit Weingläsern in der Hand. Es ist voll, laut und lustig, und es besteht kein Zweifel: Die Party findet genau hier und jetzt statt.
BODENSTÄNDIG Die Tortilla de patatas, ein herzhafter Kartoffel-Ei-Kuchen, gilt als spanisches Nationalgericht.Ben Roberts/Panos Pictures
BODENSTÄNDIG Die Tortilla de patatas, ein herzhafter Kartoffel-Ei-Kuchen, gilt als spanisches Nationalgericht.Ben Roberts/Panos Pictures
Check–in
7 ISLAS
Hip, fröhlich, familiengeführt – das zwischen Gran Via und dem Trend-viertel Malasaña gelegene Hotel könnte auch als Kunstgalerie durchgehen, wären da nicht die 79 Zimmer, in denen Bauhauselemente mit coolem Minimalismus kombiniert sind. 7islashotel.com, DZ ab Fr. 130.-.
ÚNICO
Das helle Gebäude wirkt wie eine ele-gante Privatresidenz. Die Zimmer punkten mit Holzböden und holzvertäfelten Wänden, die Bäder mit Mosaikfliesen und viel Platz. Neben der Toplage im Stadtteil Salamanca locken der stille Garten und dasZwei-Sterne-Restaurant von Ramón Freixa. unicohotelmadrid.com,
DZ ab Fr. 470.-.
NÔMADE TEMPLE
Werbung
Brandneues Hotel in einem majestä-tischen Gebäude an der Gran Via. Handgewebte Teppiche liegen auf den Hartholzböden, handglasierte Fliesen schmücken die Badezimmer, das mit Keramik ausgekleidete Treppenhaus blieb erhalten. Besonders schön: der Pool mit Bar auf der Dachterrasse. nomadetemple.com, DZ ab Fr. 400.-.
TÓTEM MADRID
Das von aussen unscheinbare Vier-Sterne-Hotel punktet mit 64 Zimmern und Suiten im urbanen, leicht nordischen Vintage-Look. Ein optisches Highlight ist die Lobby-Bar mit ihren Samtsofas in Aquamarinblau und Korallenrosa. Gourmets dürfen sich auf ein leckeres Frühstück freuen.
totem-madrid.com, DZ ab Fr. 260.-.
Eat out
SDD 2
Industrie-Flair, ein langer Esstresen, wenig Platz, grosser Andrang. Hier setzt man auf beste Zutaten und spannende Zubereitungen: Eigelb auf Foie gras und Speck, marinierte Tomate unter frittiertem Basilikum oder Erb-seneis im Zuckerwattemantel. Dazu: gute Weine, netter Service. saladedespiece.com
SACHA
Aus der Küche des etwas altmodisch wirkenden Lokals mit idyllischem Garten kommt verfeinerter, köstlicher Comfort-Food: Ravioli mit Königskrabbe, Sardellenomelett mit Piparra-Pfefferschoten oder Steak Tartare. restaurantesacha.com
LOS 33
Im Barbereich drängen sich Gäste um Stehtische und Fensterbänke, wei-ter hinten stehen lange Holztische in Sichtweite des grossen offenen Grills. Ganz gleich, ob kantabrische Sardellen auf Brioche, Bikini-Sandwich, gegrillte Artischockenherzen oder Wagyu-Steak – es schmeckt fantastisch. los33.net
Werbung
FISMULER
Trendbewusste Madrilenen sitzen in den hohen Souterrain-Räumen an mächtigen Holztischen und lassen sich kreative Kompositionen wie Artischocken mit Pilzen und Venusmuscheln, iberischen Schweine-bauch mit Apfel und Mole sowie Tor-tilla-Variationen schmecken. fismuler.com
EL PESCADOR
Entspanntes Fischrestaurant mit Terrasse. Am Eingang liegt das kulinarische Angebot auf Eis: Langus-ten, Austern, Seeigel und viel Fisch. Die Fischsuppe ist ebenso köstlich wie die gebratene Seezunge und der Flan de la casa.