Lucius Burckhardt wΓ€re im MΓ€rz 2025 hundert Jahre alt geworden
Er gilt als einer der originellsten Denker, die die Schweiz im letzten Jahrhundert hervorgebracht hat.
Giorgio Giuliani
Durch seine SpaziergΓ€nge β wie hier der Marsch mit Windschutzscheib β stellt der Wissenschaftler unsere gewohnte Wahrnehmung infrage. Bertram Weisshaar / Nachlass Lucius und Annemarie Burckhardt / UB Basel
Es klingt auf den ersten Blick ja wie ein Jux: Kann man jetzt an UniversitΓ€ten also auch Β«SpaziergangswissenschaftenΒ» studieren? Ein basales FreizeitvergnΓΌgen soll verakademisiert werden? Oder geht es gar um wissenschaftliche Optimierung bei der Fettverbrennung oder aber um die akribisch exakte WohlfΓΌhlbemessung beim Spazierengehen? O Herr, lass Hirn vom Himmel regnen!
Der zweite Blick zeigt: Das ist bei Lucius Burckhardt, dem BegrΓΌnder der Spaziergangswissenschaften, eine durchaus ernsthafte, aber in der Methodik oft auch spielerisch-witzig-aufmΓΌpfige Sache. Sein Hauptinteresse als Wissenschaftler und BΓΌrger gilt der Planung ΓΆffentlicher RΓ€ume, den Eingriffen in eine Landschaft oder in einen stΓ€dtischen Kontext. Und weil er so viele schlechte Beispiele sieht, wird er zum Skeptiker gegenΓΌber den Β«grossen WΓΌrfenΒ», die generalstabsmΓ€ssig und modellhaft vom Schreibtisch aus ΓΌber die verschiedensten Situationen gestΓΌlpt werden.
Β«Wenn man daran etwas verΓ€ndern willΒ», schlussfolgert er, Β«muss man bei der Ausbildung der Planenden ansetzen.Β» Er kreiert also als Professor fΓΌr SozioΓΆkonomie urbaner Systeme an der ReformuniversitΓ€t Kassel zusammen mit seiner Frau Annemarie den Studiengang Β«PromenadologieΒ» als ein didaktisch-methodisches Mittel, um die Planung vom Reissbrett und aus dem Vorlesungssaal hinaus in die reale Umgebung zu verlagern.
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Aber dafΓΌr muss zuallererst die Wahrnehmung geschult werden. Denn unser Sehen ist historisch bedingt und mannigfach vorgeprΓ€gt. Wir sehen, was wir zu sehen gelernt haben. Durch literarische Beispiele, filmische und sonstige visuelle Codes, durch Vor-Bilder und Realerfahrungen. Gleichzeitig filtert unser Sehen stΓ€ndig aus, was nicht in die Situation passt. Es geht in einem gegenlΓ€ufigen Prozess also darum, sich von den bildungsmΓ€ssig angehΓ€uften Bildern zu befreien β oder zumindest, sich ihrer bewusst zu werden. Um dann frisch und Β«entleertΒ» sich auf die neue Situation in ihrer Einzigartigkeit wirklich einzulassen β was wohl in Reinform nur theoretisch mΓΆglich ist. Also realistischer: die beiden Sichtweisen miteinander zu kombinieren und zu reflektieren. Die Promenadologie will die konkrete reale Umgebung mΓΆglichst ungefiltert wieder in die KΓΆpfe der Menschen zurΓΌckholen.
Lucius Burckhardt wollte mit seiner Promenadologie die Menschen dazu sensibilisieren, die Umgebung wieder mΓΆglichst ungefiltert zu betrachten. Er starb 2003.Sarah van Rij
Sarah van Rij
Die Fahrt nach Tahiti
Ein berΓΌhmtes spaziergangswissenschaftliches Exempel ist Burckhardts Β«Fahrt nach TahitiΒ» von 1987. Im Vorfeld hatte er mit den Studierenden AuszΓΌge aus Georg Forsters Bericht ΓΌber dessen Weltumseglung mit Captain Cook (1772β1775) gelesen, vor allem die Passagen ΓΌber die Insel Tahiti. Die Seminaristen steigen jetzt aber nicht fΓΌr einen coolen SΓΌdseetrip ins Flugzeug, sondern wandern zu einem ehemaligen TruppenΓΌbungsgelΓ€nde des MilitΓ€rs bei Kassel, das als Naturschutzgebiet inzwischen eine wild-schΓΆne Vegetation entwickelt hat, die ΓΌberraschend gut zu den Beschreibungen Forsters aus dem paradiesischen Tahiti passt. Schauspieler tragen in zehn Stationen AuszΓΌge aus Forsters Reisebericht vor. Differenz und Analogie. Wir sehen, was wir sehen wollen und zu sehen gelernt haben.
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Etwas ungemΓΌtlicher fΓΌhlt sich der geschichtemachende Marsch der Studierenden durch eine trottoirlose und verkehrsreiche Ausfallstrasse von Kassel an, bei der alle eine Windschutzscheibe vor sich hertragen. Einerseits wird den Teilnehmenden so die eingeschrΓ€nkte Sichtweise mit ihrem Autofahrerblick auch kΓΆrperlich bewusst. Andrerseits erleben sie das bedrΓ€ngende und beklemmende GefΓΌhl der ΓΌbrigen Autos ganz hautnah, ohne schΓΌtzende Blechknautschzone um sich herum.
Das Uni-Seminar auf dem Parkplatz
Bei einer dritten Aktion verlegt Burckhardt sein Seminar mit Tischen und StΓΌhlen auf zwei Parkfelder in der Kasseler Innenstadt. Ausgangspunkt ist die Γberlegung: Warum eigentlich kann Stadtboden, der Tausende von Franken wert ist, nur von einem parkierten Auto in Anspruch genommen werden? Diese stΓ€dtische Intervention sollte keine Provokation gegenΓΌber den BehΓΆrden sein, sondern adressiert vielmehr das Publikum und ist deshalb ganz ordentlich bei der Polizei angemeldet worden. Der Professor ist von ihr verpflichtet worden, wΓ€hrend der ganzen Dauer des Geschehens eine weiss-rot karierte Fahne zu schwenken. Die Reaktionen des Publikums, schreibt Burckhardt, beschrΓ€nken sich auf die ΓΌblichen Ausdrucksgesten der Autofahrer: Hupen, KopfschΓΌtteln, Finger an die Stirn halten β und gefΓ€hrlich nahes Vorbeifahren.
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Β«Mit unseren SpaziergΓ€ngen schalten wir die Angst vor dem Ungewohnten aus. Und ausserdem macht es Spass.Β»
NatΓΌrlich steckt in diesen Konzepten nicht selten auch ein rebellischer, an 1968 erinnernder Reflex. AufklΓ€rung zudem als Happening. Lucius Burckhardt selber war zur Zeit der Studentenrevolte zwar bereits 43-jΓ€hrig, aber dieser antiautoritΓ€re, alles hinterfragende Geist hat ihn zweifellos mitgeprΓ€gt. SpΓ€ter schreibt Burckhardt dazu: Β«Mit unseren SpaziergΓ€ngen schalten wir die Angst vor dem Ungewohnten aus. Und ausserdem macht es Spass.Β»
Β«Das Zebra streifenΒ»
Ganz viel Spass muss den Leuten auch die Intervention Β«Das Zebra streifenΒ» vom Mai 1993 gemacht haben, wenn man sich die Bilder von damals anschaut. Mit einer grossen Traube von gegen 600 FussgΓ€ngern im Schlepptau ziehen die beiden Planungskritiker Annemarie und Lucius Burckhardt durch die Stadt Kassel, unterm Arm einen dreissig Meter langen mobilen Zebrastreifen, den sie ΓΌberall dort ausrollen, wo sie gemeinsam und gemΓ€chlich eine Strasse ΓΌberqueren wollen. Das kann man auch als eine Art von lustvoller SelbstermΓ€chtigung des schwΓ€chsten Teils im stΓ€dtischen Strassenverkehr lesen. Gleichzeitig erinnert es an eine Theaterproduktion der PerformanceGruppe Rimini Protokoll, die vor ein paar Jahren am ZΓΌrcher Theaterspektakel gezeigt wurde: Ein gefΓΌhrter Spaziergang mit dem Publikum durch eine stadtnahe lΓ€ndliche Brache (was gibt es da zu sehen?), durch einen Friedhof (was gibt es da zu fΓΌhlen?), mit Beobachtung des vorstΓ€dtischen Feierabendverkehrs in einem Aussenquartier β als wΓ€ren all diese einsamen Autofahrer und Trampassagiere gewiefte Darsteller, das Ganze also eine Inszenierung fΓΌr uns im Voyeur-Modus. Die Inputs und Anweisungen fΓΌr die TheaterspaziergΓ€nger kommen ΓΌber KopfhΓΆrer.
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Die neue Schwarmintelligenz und der Bezug zur Kunst
Jetzt soll die gute Hundertschaft noch gemeinsam eine verkehrsreiche Strasse ΓΌberqueren β und weit und breit kein FussgΓ€ngerstreifen. Da kommt die wissenschaftlich verbΓΌrgte Botschaft ΓΌber die KopfhΓΆrer: Β«Die Verkehrsforschung hat gezeigt: Wenn Sie im geschlossenen Schwarm eine noch so verkehrsreiche Strasse ΓΌberqueren, passiert niemandem etwas!Β» Und es klappt tatsΓ€chlich problemlos. Das ist wohl das, was man Schwarmintelligenz nennt.
Man darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Rimini Protokoll die burckhardtsche Spaziergangswissenschaft gekannt und auf ihre Art rezipiert hat. Und man weiss umgekehrt auch, dass die Burckhardts in ihrem ganzen Schaffen immer stΓ€rker auf die VerknΓΌpfung mit dem KΓΌnstlerischen gesetzt haben: Β«Bestimmte Perspektiven kann man wohl nur durch Kunst vermitteln, da die BeschrΓ€nkung des Blickes heute so weit verbreitet ist, dass die Leute kaum mehr die Distanz haben, sie aufzuheben. Das kann nur die Kunst vermitteln, ohne belehrend oder verletzend zu sein.Β»
Lucius Burckhardt betont auf immer wieder neue Art: Β«Verschiedene Landschaften sind schΓΆn geworden allein dadurch, dass sie besungen oder gemalt worden sind. Die Heide war zuerst ein Abfallprodukt der Torfstecherei.Β» Und er insistiert, man meine immer, die Welt sei weder schΓΆn noch hΓ€sslich, es gebe einfach schΓΆne und hΓ€ssliche Orte und der Durchschnitt sei null. Β«Das bestreite ich. Die SchΓΆnheit kann sich vermehren durch die Arbeit, durch das Beschreiben, durch die Interpretation der Dichtung und der Malerei.Β» Kurz: Β«Spazierengehen schafft SchΓΆnheit.Β»
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Dieser Beitrag erschien in der MΓ€rz Ausgabe 2025 des Bolero Magazins und wurde republished.
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