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Interview mit Kuratorin Audrey Teichmann

«Die grösste Herausforderung war, Villar Rojas’ Vision in all ihren Details zu respektieren»

Eine monumentale Bronzeskulptur im Vallée de Joux wirkt wie ein rätselhaftes Relikt aus einer fernen Vergangenheit. Das Werk des argentinischen Künstlers Adrián Villar Rojas wirft Fragen nach dem Ursprung menschlicher Kreativität auf. Wir sprechen darüber mit der Kuratorin von Audemars Piguet Contemporary, Audrey Teichmann.

Brigitte Ulmer

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Audrey Teichmann: Als Kuratorin von Audemars Piguet Contemporary unterstützt die Französin zeitgenössische Künstler. © Audemars Piguet 2025

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In Le Brassus, mitten im Vallée de Joux, steht etwas, das wirkt, als wäre es ein gefundenes Riesenfossil, freigegeben von den Tiefen des Juragesteins. Es ist ein Hybrid zwischen lebensgrossem Dinosaurierschädel und der altsteinzeitlichen Venus-Figur von Lespugue, platziert gleich neben dem Musée Atelier Audemars Piguet in einer Landschaft, in der die Vergangenheit in Form von Fossilien immer wieder an die Oberfläche dringt.
Die Bronzeplastik des 46-jährigen argentinischen Künstlers Adrián Villar Rojas entstand in Kollaboration mit dem Kunstprogramm Audemars Piguet Contemporary und dem Aspen Art Museum und ist Teil eines Langzeitprojekts des Künstlers mit dem Titel «The Language of the Enemy» – die Sprache des Feindes. Darin entwirft er eine spekulative Geschichte, die menschliche Kreativität in ihrer frühsten Form neu verortet. Er stellt der Vorstellung, dass der Mensch allein Ursprung von Sprache und Kultur ist, die Hypothese gegenüber, dass er zusammen mit anderen Kreaturen – etwa den Neandertalern – Rituale teilte, Laute, Gesten, vielleicht erste Formen von Sprache. Der Mensch ist also doch nicht der Nabel der Welt.
Audrey Teichmann, die Kuratorin von Audemars Piguet Contemporary, hat den Entstehungsprozess von Beginn weg begleitet. Ein Gespräch über Risiko, Zeit und das Arbeiten ohne fertiges Ergebnis.

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Bolero: Adrián Villar Rojas’ Arbeiten sind oft komplex, schwer einzuordnen und alles andere als gefällig. Was hat Sie überzeugt, gerade ihm ein dauerhaftes Werk im öffentlichen Raum anzuvertrauen?

Audrey Teichmann: Wir verfolgen Adrián Villar Rojas’ Praxis seit vielen Jahren. Ausschlaggebend war der kollektive Charakter seiner Arbeit, der uns sehr nahesteht: Seine Praxis basiert auf Dialog und kollaborativer Produktion. Forschung ist für ihn zentral. Hinzu kommt die extreme Präzision und Detailgenauigkeit in seiner künstlerischen Gestaltung – alles Qualitäten, die uns als Manufaktur besonders wichtig sind. Sehr interessiert hat uns zudem der thematische Kern seines Werks: Er fragt danach, was wir Menschen hinterlassen; nicht nur im Sinne von Verfall oder Auslöschung, sondern auch im Hinblick auf ein Erbe und auf die visuellen Spuren menschlichen Handelns.

Sie begleiteten das Projekt von Beginn weg. Was war die grösste Herausforderung?

Die grösste Herausforderung war, Villar Rojas’ Vision in all ihren Details zu respektieren. Der gesamte Prozess dauerte eineinhalb bis zwei Jahre. Zunächst entwarf Adrián das Werk digital in seinem Studio, das auf hochpräzise digitale Bildgebung spezialisiert ist. Das finale Objekt wurde in der Kunstgiesserei St. Gallen aus Bronze gegossen. Die Vision war, die Bronze so zu bearbeiten, als sei sie ein versteinerter Fossilschädel. Dabei sollte das Material dem Vorbild also möglichst nahekommen, aber gleichzeitig sollten Schweissnähte sichtbar bleiben. Der Herstellungsprozess bleibt lesbar als Hinweis auf menschliche Arbeit und Kreativität.

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Dies ist das erste von Audemars Piguet Contemporary beauftragte Werk, das direkt in der Landschaft des Vallée de Joux installiert wurde. Warum passt dieses Werk besonders gut dorthin?

Die Region ist paläontologisch sehr bedeutend: In ihren Kalksteinschichten wurden viele prähistorische Funde gemacht, die Gegend gab der Jurazeit ihren Namen. Wir fanden, dass die historische Tiefe den Ort besonders passend macht für ein Werk, das sich mit Zeit, Ursprung und materiellen Überresten beschäftigt. Das Vallée de Joux ist ein öffentlicher, stark frequentierter Naturraum – zum Wandern, Langlaufen, Spazierengehen. Das Werk ist schon von Weitem sichtbar, denn es steht auf einem beleuchteten Sockel und verändert sich mit Licht, Wetter, Tages- und Jahreszeiten. Auch nachts zieht es Menschen an.

Wie Villar Rojas befasst sich auch Audemars Piguet intensiv mit Zeit. Ist dieses Thema generell ausschlaggebend bei der Auswahl von Künstlern?

Nein. Der Ausgangspunkt für uns ist immer die künstlerische Praxis und der aktuelle Moment in der Karriere eines Künstlers, nicht ein thematischer Bezug zur Uhrmacherei. Unsere Unterstützung ist nicht thematisch, sondern situativ und fördernd gedacht. Wenn es Überschneidungen gibt, dann auf einer immateriellen Werteebene – etwa im Anspruch an Präzision, Sorgfalt und Engagement.

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«Die Ungewissheit ist für uns kein Risiko, sondern gerade das Faszinierende.»

Audrey Teichmann, ­Kuratorin

Gibt es dennoch etwas, das die zwanzig Positionen verbindet, die Sie bisher ausgewählt haben?

Es gibt keinen stilistischen oder thematischen roten Faden. Das Programm ist bewusst sehr divers. Was aber alle verbindet, ist die Art der Zusammenarbeit: ein künstlerzentrierter Ansatz, Offenheit für Prozesse und die Bereitschaft, sich auf ein Ergebnis einzulassen, das nicht vorauszusehen ist.

Das klingt riskant!

Die Ungewissheit ist für uns kein Risiko, sondern gerade das Faszinierende.

Cartier, LVMH, Prada, Dior – viele Luxusmarken unterstützen Kunst. Was ist das tiefere Ziel Ihres Kunstengagements – und wie viel davon ist Öffentlichkeitsarbeit?

Das Programm wurde gegründet, um Künstlerinnen und Künstler frei von kommerziellen Interessen zu unterstützen – mit massgeschneiderter Hilfe zum richtigen Zeitpunkt. Was wir zurückbekommen, sind neue Perspektiven, neue Fragen, neue Denkweisen, die auch unsere Firmenkultur beeinflussen. Natürlich entsteht Sichtbarkeit, aber sie ist nicht der Antrieb. Entscheidend ist, dass auch das Publikum – in diesem Fall die Menschen in der Vallée de Joux – durch die Werke seine eigene Umwelt neu wahrnimmt. Wir begleiten die Auftragsarbeiten von Anfang an, fördern keine fertigen Projekte und sammeln keine Kunst. Ausserdem werden Werke nie nur einmal gezeigt: Sie werden oft in Zusammenarbeit mit internationalen Museen in unterschiedlichen Kontexten präsentiert. Speziell ist auch, dass die Werke Eigentum der Kunstschaffenden bleiben. Sie können später weiter ausgestellt oder von Museen erworben werden.

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Mit wem würden Sie gerade jetzt am liebsten zusammenarbeiten?

Das ist eine unbeantwortbare Frage! Entscheidend ist nicht meine Wunschliste, sondern dass wir eine Sensibilität für den gegenwärtigen Moment haben. Zeitgenössische Kunst definiert sich durch ihre Aktualität – und darauf wollen wir reagieren. Genau wie in einem Museum oder in einer Kunsthalle geht es uns darum, durchlässig zu bleiben für das, was heute künstlerisch relevant ist.
«Untitled» (Aus der Serie «The Language of the Enemy») von Adrián Villar Rojas ist bis am 15. März 2026 in Le Brassus neben dem Musée Atelier Audemars Piguet ausgestellt und frei zu besichtigen. Eine zweite Präsentation findet im Rahmen einer Ausstellung im Aspen Art Museum statt.

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