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Modedesignerin Julie Kegels

Charakterstudie

Julie Kegels lernte in Antwerpen von den Besten und legte danach einen modischen Senkrechtstart hin. Zufrieden ist sie damit noch lange nicht.

Charlotte Fischli

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Julie Kegels Charlotte Robin / Rose, Paris

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Julie Kegels ist bereit, die Modewelt zu erobern. Das ist spÀtestens dann unmissverstÀndlich, als die 26-JÀhrige die Türen zu ihrem Studio in Antwerpen âffnet, sich im selbst designten Deux-Pièces und High Heels an ihren Arbeitstisch setzt und so aussieht, als hÀtte sie nie etwas anderes gemacht. Im Nebenzimmer, einem lichtdurchfluteten Industrieraum im obersten Stock eines Lagerhauses, sitzen eine Handvoll junger Frauen an Schnittmustern und Laptops. Am Boden stapeln sich versandbereite Pakete neben Büchern und BlÀttern voller Bildreferenzen. Ihr Blick ist wach, das Gemüt hell, der Fokus messerscharf. Vor ihr stehen eine Tasse schwarzer Kaffee sowie Kekse, die wÀhrend des GesprÀchs unberührt bleiben. Das süsse Leben muss warten.
Die Frage, in welchem Kleid Erfolg daherkommt, hat Julie Kegels, die ihre gleichnamige Modemarke gerade mal vor einem Jahr an der Paris Fashion Week inauguriert hatte, unlΓ€ngst im Detail studiert: Ihre aktuelle Herbst/Winter-Kollektion setzt sich mit der Idee auseinander, dass eine makellos gestaltete Umgebung persΓΆnliche Errungenschaften suggerieren kann. Das gilt auch fΓΌr Kleidung, und Kegels, eine Absolventin der renommierten Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen, ΓΌbersetzt dies in eine zeitgenΓΆssische Kollektion von Arbeitsuniformen namens Β«DresscodeΒ»: Strickpoloshirts, ΓΌbergrosse Blazer, dekonstruierte Jupes. Oder aber experimenteller und handwerklich hΓΆchst ausgeklΓΌgelt: RΓΆcke mit aufgedruckter Holzmaserung, High Heels aus Converse-Sneakern oder Lederclutches mit StaubschutzhΓΌllen und dem Etikett Β«Girl arriving at work with wet socksΒ». Wo Kegels am Werk ist, da dominieren Konzept und Handwerk, aber auch Humor. Und eine unermΓΌdliche Ambition, die ihr etwa Jobs bei Meryll Rogge oder Maison AlaΓ―a einheimste. Seit gut einem Jahr gelten die Lobeshymnen der Industrie nun ihr selbst. Dress for success? Julie Kegels scheint die Antwort darauf gefunden zu haben.

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UpcyclingCharlotte Robin / Rose, Paris
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UpcyclingCharlotte Robin / Rose, Paris
BOLERO Wer hat Ihre Arbeitsethik am stΓ€rksten geprΓ€gt?
Julie Kegels Sicherlich meine Eltern, aber auch die belgische Kultur. Hier ist es normal, hart zu arbeiten. Mein Vater sagte immer: Β«Um zu geniessen, musst du erst leiden.Β» Ich bin sehr streng mit mir selbst, denke immer: Β«Es geht noch besser.Β» Das ist aber auch meine PersΓΆnlichkeit. Ich frage mich, ob ich je ganz mit mir zufrieden sein werde.
Sie sind in einer Stadt aufgewachsen, wo Modedesign Teil des kulturellen Erbes ist. Welche Werte wurden Ihnen mitgegeben?
Belgier schΓ€tzen das Handwerk, aber auch AuthentizitΓ€t und Tradition. Wir sind nostalgisch, schauen gern zurΓΌck und haben ein Auge fΓΌrs Detail. Als ich wusste, dass ich Modedesignerin werden wollte – und das habe ich meinen Eltern schon mit etwa sechs Jahren klargemacht –, schleppten sie mich fortan in jedes Museum, jede Ausstellung und in jede Kirche, was mich als Kind wahnsinnig nervte. Heute verstehe ich, dass sie mich in einer kulturellen Weise fΓΆrderten. Es sind Erinnerungen und Erlebnisse, die mich als Person geformt haben.

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Kommen Sie aus einem kreativen Haushalt?
Mein Vater entwarf mit grosser Passion funktionale RucksÀcke. Sie waren zwar nicht modisch, aber ich schaute ihm immer gern beim Skizzieren zu. Er ist ein TrÀumer wie ich. Überhaupt liessen meine Eltern dafür immer viel Platz. Gleichzeitig machten sie mir aber immer bewusst, wie die RealitÀt eines Modedesigners aussieht und dass man sein ganzes Leben dafür hergibt. Ich fokussierte mich deshalb in der Schule zunÀchst auch auf die Wissenschaften, um Disziplin zu lernen und etwas zu haben, worauf ich zurückkommen konnte. Kreative Kurse wie Zeichnen machte ich nur nebenbei. Die Royal Academy of Fine Arts war aber immer mein erklÀrtes Ziel.
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ErfolgCharlotte Robin / Rose, Paris
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ErfolgCharlotte Robin / Rose, Paris
Sie wurden an der Modeschule, die als eine der wichtigsten Talentschmieden weltweit gilt und legendΓ€re Designer wie Martin Margiela, Raf Simons oder Dries Van Noten zu ihren AbgΓ€ngern zΓ€hlt, im ersten Anlauf angenommen. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Ich war gerade mal siebzehn Jahre alt und selbst schockiert, dass ich es nach nur einem Jahr Vorbereitung ΓΌberhaupt geschafft hatte. Das Gute ist, dass man im jungen Alter extrem schnell lernt. Ich bekam sinnbildlich rechts und links Ohrfeigen ab, wuchs dadurch aber im Rekordtempo. Die Schule fΓΌhlt, wo du kreativ stehst, und pusht dich dann in die bestmΓΆgliche Richtung. Dadurch findet man sich extrem schnell selbst. Aber klar, es ist ein kompetitives, anspruchsvolles Umfeld – von 150 SchΓΌlern, die pro Jahr aufgenommen werden, schliessen am Ende etwa 10 ab.

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Was passiert mit dem Rest?
Viele brechen von selbst ab, weil der Unterricht nicht ihr Ding ist oder sie Kurse wiederholen mΓΌssten und sich dann umorientieren. Manchen ist der schulische Ansatz auch zu kreativ und zu wenig technisch.
Die belgische Mode ist fΓΌr ihren konzeptionellen Anspruch und ihr Storytelling bekannt. Der Designer Glenn Martens sagt, er sei nicht an SchΓΆnheit interessiert, ein KleidungsstΓΌck mΓΌsse einen Daseinsgrund haben. Stimmen Sie zu?
Auf jeden Fall. FΓΌr mich muss auch jede Kollektion eine Geschichte enthalten, wobei die Marke die Stimme ist, die sie erzΓ€hlt. Ich wΓΌsste gar nicht, wie ich ohne sie kreieren wΓΌrde. Sie ist wie der Herzschlag. SpΓΌre ich ihn bei der Kreation eines StΓΌckes nicht, weiss ich, dass etwas nicht stimmt.
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DresscodeCharlotte Robin / Rose, Paris
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DresscodeCharlotte Robin / Rose, Paris
Wie wΓΌrden Sie Ihre kreative Stimme im Kern beschreiben?
Ich beschΓ€ftige mich oft mit sozialen Themen, Menschen und ihren Verhaltensweisen in bestimmten Situationen. So beginnt jede neue Kollektion auch eher mit einem GesprΓ€ch als mit Bildern. FΓΌr die Herbst/Winter-Kollektion beschΓ€ftigte ich mich zum Beispiel mit Judith Prices’ Buch Β«Executive Style. Achieving Success through Good Taste and DesignΒ» von 1980, das ich auf einem Flohmarkt in L.A. fand und das suggeriert, dass ein imposantes Arbeitsumfeld einen zu einer erfolgreichen Person macht. Ich fragte mich: Sind wir erfolgreich, nur weil wir den Namen eines Designerstuhls kennen? Das ist doch so absurd wie unterhaltsam. Über solche Dinge kann ich ewig nachdenken – und lachen! Diese GefΓΌhle und Ideen versuche ich dann in Kleidung zu ΓΌbersetzen.

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Sie kreieren in Ihren Kollektionen Archetypen, die von Kontrasten leben: bΓΌrgerliche Pariserinnen, die in der Freizeit in Los Angeles surfen, oder Businessfrauen, die exzessiv feiern. Existieren solche PolaritΓ€ten auch in Ihnen?
Absolut. Ich finde es grossartig, verschiedene IdentitΓ€ten durch Kleidung auszuleben. Mit einem Anzug, einem eleganten Kleid oder Jogginghose und Pulli kreiere ich andere Charaktere und Emotionen. Im Kern bin ich aber immer gleich.
Wie sehr darf man stilistisch variieren, ohne dass die Marken-DNA leidet?
Ich sehe diese Kontraste – die Spannung zwischen dem SchΓΆnen und dem Abstossenden – viel eher als roten Faden, der sich ΓΌberall durchzieht. Die Julie-Kegels-Frau ist ein ChamΓ€leon – aber ein stures, rebellisches! Ich brauche dieses Spiel, damit ich als Designerin zufrieden bin.
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RechercheCharlotte Robin / Rose, Paris
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RechercheCharlotte Robin / Rose, Paris
Sie sagten einmal, dass Sie eine Luxusmarke kreieren mΓΆchten, die auch mal laut sein darf. Wen haben Sie im Kopf, wenn Sie entwerfen?
Eine Frau mit Klasse. Sie ist elegant und lustig, nimmt die Dinge nicht allzu ernst und immer mit einem Augenzwinkern. Ihre IdentitΓ€t hat viele Facetten, innerhalb derer sie aber nicht immer perfekt sein muss. Manchmal ist sie stark, manchmal fragil. Das heisst es doch, eine Frau zu sein.

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Entspricht das dem Frauenbild in unserer Gesellschaft?
Ich glaube, wir kommen mehr und mehr dahin – oder ich mΓΆchte es zumindest glauben. Ich finde es toll, wenn wir Frauen unsere verschiedenen Seiten annehmen und ausleben. Wir sollten stolz sein auf unsere KapazitΓ€ten, aber es uns auch erlauben, mal Fehler zu machen.
Sie lancierten Ihre Marke in einer Zeit, in der Sie in den sozialen Netzwerken stΓ€ndig den kreativen Visionen anderer ausgesetzt sind. Wie gehen Sie damit um?
Ich versuche, mich von diesen Informationen und Impulsen, so gut es geht, zu distanzieren. Sehe ich etwas, bedeutet es ja, dass es bereits existiert. Dann bin ich nicht mehr daran interessiert. Zu viele EindrΓΌcke sind ΓΌberfordernd und machen einen am Ende nicht glΓΌcklich. Gleichzeitig finde ich viel Inspiration bei den ganz alten ModeschΓΆpfern – Madame GrΓ¨s, Paul Poiret, Madeleine Vionnet, CristΓ³bal Balenciaga. Sie alle sind ein Teil der Geschichte, Γ€hnlich wie die Kirchen. Es ist faszinierend, zu sehen, welche Unterbekleidung man beispielsweise vor dreihundert Jahren trug.
Welches ist Ihre Strategie, um dem LΓ€rm zu entkommen?
Ich gehe in die Natur, in die Stille oder mache Sport. Oder ich fahre Auto. Ich bin zwar keine besonders gute Lenkerin, aber zu fahren, ist fΓΌr mich eine Meditation. Gleichzeitig etwas anderes zu tun, wΓ€re schlichtweg gefΓ€hrlich (lacht). Es ist wirklich verrΓΌckt, welche Gedanken in mir hochkommen, wenn ich allein rumfahre.

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Arbeiten Sie der Ruhe wegen auch in Antwerpen und nicht etwa in Paris?
Antwerpen ist mein Zuhause. Hier sind meine Freunde, meine Familie, und ausserdem ist hier alles gΓΌnstiger. Ich schΓ€tze die Umgebung, den Raum, die Natur drumherum. Ich brauche sie, um mich zu entspannen, meinen Kopf freizubekommen, Inspiration zu finden. WΓ€hrend meines Praktikums bei AlaΓ―a lebte ich ein Jahr lang in Paris, was toll war, aber auch sehr hektisch. Immer, wenn ich mit dem Zug nach Hause fuhr, fΓΌhlte ich mich so, als kΓΆnne ich wieder atmen.
Wie geht es Ihnen dabei, mit 26 Jahren schon so tief in der Arbeitswelt verankert zu sein und so viel Verantwortung zu tragen?
Es ist manchmal wirklich ΓΌberfordernd. In meinem Leben passiert gerade so viel, ich muss so hart arbeiten und gleichzeitig fΓΌr Freunde und Familie da sein. Ich renne jeden Abend zu spΓ€t aus dem BΓΌro und komme gestresst da an, wo ich sein soll. Dieses GefΓΌhl verarbeite ich wiederum in meiner nΓ€chsten Kollektion.
In welchen Teil der Kreation investieren Sie am meisten?
Je nach Zeitpunkt geht viel Aufmerksamkeit in die Silhouetten sowie in meine Collagen, bei denen ich mit Bildern, Schnitten und Bildbearbeitung spiele, um verschiedene Proportionen zu schaffen. Aber natΓΌrlich ist die Arbeit an den Kollektionen nur ein Teil der MarkenfΓΌhrung. Der andere ist das Unternehmen selbst – Finanzen, Verkauf, Kommunikation.

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Wie sind Sie dafΓΌr aufgestellt?
Ich habe ein kleines Team und seit Kurzem jemanden, der mir beim Verkauf und beim Business-Development hilft. Davor habe ich die ganze Administration neben der Schule alleine geschmissen, was schrecklich war. Dieses Chaos musste erst einmal aufgerΓ€umt werden! Die Frauen, die mit mir arbeiten, sind alle superjung und motiviert, was viel Energie und Freude bringt. Sie alle wollen einen Fussabdruck hinterlassen.
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HandwerkCharlotte Robin / Rose, Paris
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HandwerkCharlotte Robin / Rose, Paris
Es ist eine interessante und herausfordernde Zeit, um Modedesignerin zu sein: Einerseits ist der Wettbewerb vielleicht grΓΆsser denn je, andererseits kann man dank der digitalen Welt quasi ΓΌber Nacht weltweiten Erfolg erlangen. Wie blicken Sie auf die Branche?
Die Zeit, in der wir uns befinden, ist beΓ€ngstigend – denke ich zu lange darΓΌber nach, werde ich verrΓΌckt. Gleichzeitig fΓΌhle ich mich unglaublich frei. Alles ist mΓΆglich! Ich fokussiere mich auf die positiven Aspekte, all die MΓΆglichkeiten, die ich habe und fΓΌr die ich sehr dankbar bin. Als kleiner Brand kannst du theoretisch gleich viel Platz einnehmen wie ein grosser. Du musst nur schlau damit umgehen.

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Immer mehr Marken entziehen sich dem traditionellen modischen Zyklus, verΓΆffentlichen neue Kollektionen etwa mit limitierten Drops. Wie positionieren Sie Ihren Brand?
Wir gingen zunΓ€chst einfach mit dem Flow und schlossen uns dem traditionellen Fashion-Week- und Showroom-Kalender an, um vor Ort zu sein, wenn es die EinkΓ€ufer auch sind. Ich muss manchmal schmunzeln, wenn ich lese, dass sich die jungen Designer immer noch fΓΌr den traditionellen Weg entscheiden wΓΌrden. Es ist doch klar: Kennt niemand deinen Namen, hast du keine andere Wahl. Es ist nicht so, als hΓ€tte irgendwer auf dich gewartet.
Hinterfragen Sie diese Prozesse der Industrie?
Ich hinterfrage alles. Wir haben auch schon darΓΌber nachgedacht, unsere Arbeit wΓ€hrend der MΓ€nnerschauen zu zeigen, weil wir sonst bloss drei Monate Zeit haben, um eine neue Kollektion zu produzieren. Ausserdem haben die EinkΓ€ufer zu diesem Zeitpunkt im Jahr noch mehr Budget.
KΓΆnnten Sie sich denn vorstellen, auch MΓ€nnermode zu entwerfen?
Nicht wirklich. Mode ist fΓΌr mich eine sehr persΓΆnliche Erfahrung. Ich kann mich nicht in einen Mann versetzen... Meine Inspiration ist immer eine Frau und die Weiblichkeit im Allgemeinen. Dennoch freut es mich sehr, wenn ich auch MΓ€nner sehe, die meine Kleidung kaufen. Mein Freund trΓ€gt oft StΓΌcke von mir. Das sieht fantastisch aus.

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Ziehen Sie ethische und wirtschaftliche Probleme und den Einfluss der Mode auf die Umwelt bei Ihrem Schaffen in Betracht?
FΓΌr mich fliessen diese Themen vielmehr in den Designprozess rein. Ein grosser Teil meiner Kollektionen wird aus upgecycelten Stoffen oder Restposten gefertigt. Wir haben einen Nachhaltigkeitsplan, den die Stadt Antwerpen unterstΓΌtzt, und Partner, die fΓΌr uns gebrauchte Stoffe und KleidungsstΓΌcke wie Stiefel, Lederjacken und Decken beschaffen. Ich liebe es sowieso, mit Materialien zu arbeiten, die bereits eine Geschichte oder eine Emotion innehaben. Die haben eine Art Eigenleben, das ich verΓ€ndern und weiterfΓΌhren kann.
Wie sieht Ihre Zukunftsvision fΓΌr die Marke Julie Kegels aus?
Ich nehme einen Schritt nach dem anderen. Mein Traum ist es, ein gesundes Business zu fΓΌhren, das langfristig ΓΌberleben kann. Momentan fokussiere ich mich darauf, bei meinem Kern zu bleiben und kreativ nicht vom Weg abzukommen. Es ist ein wenig so, wie ein Kind zu haben: Man nΓ€hrt und wΓ€rmt es, bis es auf eigenen Beinen stehen kann. Man muss vorsichtig sein und sich auf das Wichtigste konzentrieren. Und genau darin stecke ich gerade.
Über die Autoren

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