Julie Kegels ist bereit, die Modewelt zu erobern. Das ist spรคtestens dann unmissverstรคndlich, als die 26-Jรคhrige die Tรผren zu ihrem Studio in Antwerpen รถffnet, sich im selbst designten Deux-Piรจces und High Heels an ihren Arbeitstisch setzt und so aussieht, als hรคtte sie nie etwas anderes gemacht. Im Nebenzimmer, einem lichtdurchfluteten Industrieraum im obersten Stock eines Lagerhauses, sitzen eine Handvoll junger Frauen an Schnittmustern und Laptops. Am Boden stapeln sich versandbereite Pakete neben Bรผchern und Blรคttern voller Bildreferenzen. Ihr Blick ist wach, das Gemรผt hell, der Fokus messerscharf. Vor ihr stehen eine Tasse schwarzer Kaffee sowie Kekse, die wรคhrend des Gesprรคchs unberรผhrt bleiben. Das sรผsse Leben muss warten.
Die Frage, in welchem Kleid Erfolg daherkommt, hat Julie Kegels, die ihre gleichnamige Modemarke gerade mal vor einem Jahr an der Paris Fashion Week inauguriert hatte, unlรคngst im Detail studiert: Ihre aktuelle Herbst/Winter-Kollektion setzt sich mit der Idee auseinander, dass eine makellos gestaltete Umgebung persรถnliche Errungenschaften suggerieren kann. Das gilt auch fรผr Kleidung, und Kegels, eine Absolventin der renommierten Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen, รผbersetzt dies in eine zeitgenรถssische Kollektion von Arbeitsuniformen namens ยซDresscodeยป: Strickpoloshirts, รผbergrosse Blazer, dekonstruierte Jupes. Oder aber experimenteller und handwerklich hรถchst ausgeklรผgelt: Rรถcke mit aufgedruckter Holzmaserung, High Heels aus Converse-Sneakern oder Lederclutches mit Staubschutzhรผllen und dem Etikett ยซGirl arriving at work with wet socksยป. Wo Kegels am Werk ist, da dominieren Konzept und Handwerk, aber auch Humor. Und eine unermรผdliche Ambition, die ihr etwa Jobs bei Meryll Rogge oder Maison Alaรฏa einheimste. Seit gut einem Jahr gelten die Lobeshymnen der Industrie nun ihr selbst. Dress for success? Julie Kegels scheint die Antwort darauf gefunden zu haben.
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Upcycling
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BOLERO Wer hat Ihre Arbeitsethik am stรคrksten geprรคgt?
Julie Kegels Sicherlich meine Eltern, aber auch die belgische Kultur. Hier ist es normal, hart zu arbeiten. Mein Vater sagte immer: ยซUm zu geniessen, musst du erst leiden.ยป Ich bin sehr streng mit mir selbst, denke immer: ยซEs geht noch besser.ยป Das ist aber auch meine Persรถnlichkeit. Ich frage mich, ob ich je ganz mit mir zufrieden sein werde.
Sie sind in einer Stadt aufgewachsen, wo Modedesign Teil des kulturellen Erbes ist. Welche Werte wurden Ihnen mitgegeben?
Belgier schรคtzen das Handwerk, aber auch Authentizitรคt und Tradition. Wir sind nostalgisch, schauen gern zurรผck und haben ein Auge fรผrs Detail. Als ich wusste, dass ich Modedesignerin werden wollte โ und das habe ich meinen Eltern schon mit etwa sechs Jahren klargemacht โ, schleppten sie mich fortan in jedes Museum, jede Ausstellung und in jede Kirche, was mich als Kind wahnsinnig nervte. Heute verstehe ich, dass sie mich in einer kulturellen Weise fรถrderten. Es sind Erinnerungen und Erlebnisse, die mich als Person geformt haben.
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Kommen Sie aus einem kreativen Haushalt?
Mein Vater entwarf mit grosser Passion funktionale Rucksรคcke. Sie waren zwar nicht modisch, aber ich schaute ihm immer gern beim Skizzieren zu. Er ist ein Trรคumer wie ich. รberhaupt liessen meine Eltern dafรผr immer viel Platz. Gleichzeitig machten sie mir aber immer bewusst, wie die Realitรคt eines Modedesigners aussieht und dass man sein ganzes Leben dafรผr hergibt. Ich fokussierte mich deshalb in der Schule zunรคchst auch auf die Wissenschaften, um Disziplin zu lernen und etwas zu haben, worauf ich zurรผckkommen konnte. Kreative Kurse wie Zeichnen machte ich nur nebenbei. Die Royal Academy of Fine Arts war aber immer mein erklรคrtes Ziel.
ErfolgCharlotte Robin / Rose, Paris
ErfolgCharlotte Robin / Rose, Paris
Sie wurden an der Modeschule, die als eine der wichtigsten Talentschmieden weltweit gilt und legendรคre Designer wie Martin Margiela, Raf Simons oder Dries Van Noten zu ihren Abgรคngern zรคhlt, im ersten Anlauf angenommen. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Ich war gerade mal siebzehn Jahre alt und selbst schockiert, dass ich es nach nur einem Jahr Vorbereitung รผberhaupt geschafft hatte. Das Gute ist, dass man im jungen Alter extrem schnell lernt. Ich bekam sinnbildlich rechts und links Ohrfeigen ab, wuchs dadurch aber im Rekordtempo. Die Schule fรผhlt, wo du kreativ stehst, und pusht dich dann in die bestmรถgliche Richtung. Dadurch findet man sich extrem schnell selbst. Aber klar, es ist ein kompetitives, anspruchsvolles Umfeld โ von 150 Schรผlern, die pro Jahr aufgenommen werden, schliessen am Ende etwa 10 ab.
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Was passiert mit dem Rest?
Viele brechen von selbst ab, weil der Unterricht nicht ihr Ding ist oder sie Kurse wiederholen mรผssten und sich dann umorientieren. Manchen ist der schulische Ansatz auch zu kreativ und zu wenig technisch.
Die belgische Mode ist fรผr ihren konzeptionellen Anspruch und ihr Storytelling bekannt. Der Designer Glenn Martens sagt, er sei nicht an Schรถnheit interessiert, ein Kleidungsstรผck mรผsse einen Daseinsgrund haben. Stimmen Sie zu?
Auf jeden Fall. Fรผr mich muss auch jede Kollektion eine Geschichte enthalten, wobei die Marke die Stimme ist, die sie erzรคhlt. Ich wรผsste gar nicht, wie ich ohne sie kreieren wรผrde. Sie ist wie der Herzschlag. Spรผre ich ihn bei der Kreation eines Stรผckes nicht, weiss ich, dass etwas nicht stimmt.
Dresscode
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Wie wรผrden Sie Ihre kreative Stimme im Kern beschreiben?
Ich beschรคftige mich oft mit sozialen Themen, Menschen und ihren Verhaltensweisen in bestimmten Situationen. So beginnt jede neue Kollektion auch eher mit einem Gesprรคch als mit Bildern. Fรผr die Herbst/Winter-Kollektion beschรคftigte ich mich zum Beispiel mit Judith Pricesโ Buch ยซExecutive Style. Achieving Success through Good Taste and Designยป von 1980, das ich auf einem Flohmarkt in L.A. fand und das suggeriert, dass ein imposantes Arbeitsumfeld einen zu einer erfolgreichen Person macht. Ich fragte mich: Sind wir erfolgreich, nur weil wir den Namen eines Designerstuhls kennen? Das ist doch so absurd wie unterhaltsam. รber solche Dinge kann ich ewig nachdenken โ und lachen! Diese Gefรผhle und Ideen versuche ich dann in Kleidung zu รผbersetzen.
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Sie kreieren in Ihren Kollektionen Archetypen, die von Kontrasten leben: bรผrgerliche Pariserinnen, die in der Freizeit in Los Angeles surfen, oder Businessfrauen, die exzessiv feiern. Existieren solche Polaritรคten auch in Ihnen?
Absolut. Ich finde es grossartig, verschiedene Identitรคten durch Kleidung auszuleben. Mit einem Anzug, einem eleganten Kleid oder Jogginghose und Pulli kreiere ich andere Charaktere und Emotionen. Im Kern bin ich aber immer gleich.
Wie sehr darf man stilistisch variieren, ohne dass die Marken-DNA leidet?
Ich sehe diese Kontraste โ die Spannung zwischen dem Schรถnen und dem Abstossenden โ viel eher als roten Faden, der sich รผberall durchzieht. Die Julie-Kegels-Frau ist ein Chamรคleon โ aber ein stures, rebellisches! Ich brauche dieses Spiel, damit ich als Designerin zufrieden bin.
Recherche
Recherche
Sie sagten einmal, dass Sie eine Luxusmarke kreieren mรถchten, die auch mal laut sein darf. Wen haben Sie im Kopf, wenn Sie entwerfen?
Eine Frau mit Klasse. Sie ist elegant und lustig, nimmt die Dinge nicht allzu ernst und immer mit einem Augenzwinkern. Ihre Identitรคt hat viele Facetten, innerhalb derer sie aber nicht immer perfekt sein muss. Manchmal ist sie stark, manchmal fragil. Das heisst es doch, eine Frau zu sein.
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Entspricht das dem Frauenbild in unserer Gesellschaft?
Ich glaube, wir kommen mehr und mehr dahin โ oder ich mรถchte es zumindest glauben. Ich finde es toll, wenn wir Frauen unsere verschiedenen Seiten annehmen und ausleben. Wir sollten stolz sein auf unsere Kapazitรคten, aber es uns auch erlauben, mal Fehler zu machen.
Sie lancierten Ihre Marke in einer Zeit, in der Sie in den sozialen Netzwerken stรคndig den kreativen Visionen anderer ausgesetzt sind. Wie gehen Sie damit um?
Ich versuche, mich von diesen Informationen und Impulsen, so gut es geht, zu distanzieren. Sehe ich etwas, bedeutet es ja, dass es bereits existiert. Dann bin ich nicht mehr daran interessiert. Zu viele Eindrรผcke sind รผberfordernd und machen einen am Ende nicht glรผcklich. Gleichzeitig finde ich viel Inspiration bei den ganz alten Modeschรถpfern โ Madame Grรจs, Paul Poiret, Madeleine Vionnet, Cristรณbal Balenciaga. Sie alle sind ein Teil der Geschichte, รคhnlich wie die Kirchen. Es ist faszinierend, zu sehen, welche Unterbekleidung man beispielsweise vor dreihundert Jahren trug.
Welches ist Ihre Strategie, um dem Lรคrm zu entkommen?
Ich gehe in die Natur, in die Stille oder mache Sport. Oder ich fahre Auto. Ich bin zwar keine besonders gute Lenkerin, aber zu fahren, ist fรผr mich eine Meditation. Gleichzeitig etwas anderes zu tun, wรคre schlichtweg gefรคhrlich (lacht). Es ist wirklich verrรผckt, welche Gedanken in mir hochkommen, wenn ich allein rumfahre.
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Arbeiten Sie der Ruhe wegen auch in Antwerpen und nicht etwa in Paris?
Antwerpen ist mein Zuhause. Hier sind meine Freunde, meine Familie, und ausserdem ist hier alles gรผnstiger. Ich schรคtze die Umgebung, den Raum, die Natur drumherum. Ich brauche sie, um mich zu entspannen, meinen Kopf freizubekommen, Inspiration zu finden. Wรคhrend meines Praktikums bei Alaรฏa lebte ich ein Jahr lang in Paris, was toll war, aber auch sehr hektisch. Immer, wenn ich mit dem Zug nach Hause fuhr, fรผhlte ich mich so, als kรถnne ich wieder atmen.
Wie geht es Ihnen dabei, mit 26 Jahren schon so tief in der Arbeitswelt verankert zu sein und so viel Verantwortung zu tragen?
Es ist manchmal wirklich รผberfordernd. In meinem Leben passiert gerade so viel, ich muss so hart arbeiten und gleichzeitig fรผr Freunde und Familie da sein. Ich renne jeden Abend zu spรคt aus dem Bรผro und komme gestresst da an, wo ich sein soll. Dieses Gefรผhl verarbeite ich wiederum in meiner nรคchsten Kollektion.
In welchen Teil der Kreation investieren Sie am meisten?
Je nach Zeitpunkt geht viel Aufmerksamkeit in die Silhouetten sowie in meine Collagen, bei denen ich mit Bildern, Schnitten und Bildbearbeitung spiele, um verschiedene Proportionen zu schaffen. Aber natรผrlich ist die Arbeit an den Kollektionen nur ein Teil der Markenfรผhrung. Der andere ist das Unternehmen selbst โ Finanzen, Verkauf, Kommunikation.
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Wie sind Sie dafรผr aufgestellt?
Ich habe ein kleines Team und seit Kurzem jemanden, der mir beim Verkauf und beim Business-Development hilft. Davor habe ich die ganze Administration neben der Schule alleine geschmissen, was schrecklich war. Dieses Chaos musste erst einmal aufgerรคumt werden! Die Frauen, die mit mir arbeiten, sind alle superjung und motiviert, was viel Energie und Freude bringt. Sie alle wollen einen Fussabdruck hinterlassen.
Handwerk
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Es ist eine interessante und herausfordernde Zeit, um Modedesignerin zu sein: Einerseits ist der Wettbewerb vielleicht grรถsser denn je, andererseits kann man dank der digitalen Welt quasi รผber Nacht weltweiten Erfolg erlangen. Wie blicken Sie auf die Branche?
Die Zeit, in der wir uns befinden, ist beรคngstigend โ denke ich zu lange darรผber nach, werde ich verrรผckt. Gleichzeitig fรผhle ich mich unglaublich frei. Alles ist mรถglich! Ich fokussiere mich auf die positiven Aspekte, all die Mรถglichkeiten, die ich habe und fรผr die ich sehr dankbar bin. Als kleiner Brand kannst du theoretisch gleich viel Platz einnehmen wie ein grosser. Du musst nur schlau damit umgehen.
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Immer mehr Marken entziehen sich dem traditionellen modischen Zyklus, verรถffentlichen neue Kollektionen etwa mit limitierten Drops. Wie positionieren Sie Ihren Brand?
Wir gingen zunรคchst einfach mit dem Flow und schlossen uns dem traditionellen Fashion-Week- und Showroom-Kalender an, um vor Ort zu sein, wenn es die Einkรคufer auch sind. Ich muss manchmal schmunzeln, wenn ich lese, dass sich die jungen Designer immer noch fรผr den traditionellen Weg entscheiden wรผrden. Es ist doch klar: Kennt niemand deinen Namen, hast du keine andere Wahl. Es ist nicht so, als hรคtte irgendwer auf dich gewartet.
Hinterfragen Sie diese Prozesse der Industrie?
Ich hinterfrage alles. Wir haben auch schon darรผber nachgedacht, unsere Arbeit wรคhrend der Mรคnnerschauen zu zeigen, weil wir sonst bloss drei Monate Zeit haben, um eine neue Kollektion zu produzieren. Ausserdem haben die Einkรคufer zu diesem Zeitpunkt im Jahr noch mehr Budget.
Kรถnnten Sie sich denn vorstellen, auch Mรคnnermode zu entwerfen?
Nicht wirklich. Mode ist fรผr mich eine sehr persรถnliche Erfahrung. Ich kann mich nicht in einen Mann versetzen... Meine Inspiration ist immer eine Frau und die Weiblichkeit im Allgemeinen. Dennoch freut es mich sehr, wenn ich auch Mรคnner sehe, die meine Kleidung kaufen. Mein Freund trรคgt oft Stรผcke von mir. Das sieht fantastisch aus.
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Ziehen Sie ethische und wirtschaftliche Probleme und den Einfluss der Mode auf die Umwelt bei Ihrem Schaffen in Betracht?
Fรผr mich fliessen diese Themen vielmehr in den Designprozess rein. Ein grosser Teil meiner Kollektionen wird aus upgecycelten Stoffen oder Restposten gefertigt. Wir haben einen Nachhaltigkeitsplan, den die Stadt Antwerpen unterstรผtzt, und Partner, die fรผr uns gebrauchte Stoffe und Kleidungsstรผcke wie Stiefel, Lederjacken und Decken beschaffen. Ich liebe es sowieso, mit Materialien zu arbeiten, die bereits eine Geschichte oder eine Emotion innehaben. Die haben eine Art Eigenleben, das ich verรคndern und weiterfรผhren kann.
Wie sieht Ihre Zukunftsvision fรผr die Marke Julie Kegels aus?
Ich nehme einen Schritt nach dem anderen. Mein Traum ist es, ein gesundes Business zu fรผhren, das langfristig รผberleben kann. Momentan fokussiere ich mich darauf, bei meinem Kern zu bleiben und kreativ nicht vom Weg abzukommen. Es ist ein wenig so, wie ein Kind zu haben: Man nรคhrt und wรคrmt es, bis es auf eigenen Beinen stehen kann. Man muss vorsichtig sein und sich auf das Wichtigste konzentrieren. Und genau darin stecke ich gerade.