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Tischkultur

Louise Roe Andersen entwirft Objekte für das, was sie selbst mag: Gastfreundschaft, Gemeinschaft und gutes Essen. Was ist ihre Secret Sauce?

Charlotte Fischli

Die dänische Designerin Louise Roe Andersen liebt es gedeckt.
Die dänische Designerin Louise Roe Andersen liebt es gedeckt. Philip Messmann

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Als wir Louise Roe Andersen im Juni in Paris treffen, könnte die Kulisse kaum unterschiedlicher sein als die ihrer Heimat Kopenhagen: Es ist vierzig Grad im Schatten, die Luft steht, der Verkehr stockt. Roe Andersen, die an diesem Abend anlässlich der Präsentation ihres neuen «Alice Object 01» zum Cocktail lädt, lässt sich davon nichts anmerken. Sie begrüsst uns stoisch und herzlich im Appartement des französischen Graffiti-Künstlers André Saraiva, der ihr sein Zuhause auf der Île Saint-Louis für die Präsentation zur Verfügung gestellt hat.
«Meine Designsprache passt gut in diese Umgebung», stellt die dänische Designerin fest, als sie sich neben ihren Sohn Emil, den Brand-Manager ihrer Marke, aufs Sofa setzt und vor uns eine grosse, silberne Schale voller frischer Kirschen platziert. «In Paris ist alles ein wenig romantischer als in Skandinavien. Bei uns müssen die Dinge in erster Linie funktionieren. Hier fragt man sich eher: «Aber sind sie auch schön anzuschauen?» Der Sinn für Ästhetik, findet Roe, zeige sich hier überall – in der Architektur, in der Kleidung, im Umgang der Menschen miteinander. «Und natürlich in der Handwerkskunst, die man überall entdeckt.»
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Die Porzellanschale Alice interpretiert die Form der antiken Amphore neu.Philip Messmann
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Die Porzellanschale Alice interpretiert die Form der antiken Amphore neu.Philip Messmann
Tatsächlich fügen sich Roe Andersens Entwürfe mühelos in die Kulisse der Altbauwohnung ein: Tische, Stühle, Lampen, Vasen, Schalen, Gläser, alle inspiriert von Brutalismus und Art déco, wirken elegant und zeitlos. Ihre volle Wirkung entfalten sie, als ihr Team sie für den Abend mit Wiesenblumen, wilden Beeren und Früchten arrangiert. Es ist genau jene Form von gelebter Gastfreundschaft, die auch die Louise Roe Gallery in Kopenhagen prägt, wo seit 2018 Galerie, Shop und Café unter einem Dach zusammenfinden. «Stay a little longer», so der folgerichtige Titel der neuesten Installation. Länger bleiben zu wollen, fällt in Louise Roe Andersens Welt tatsächlich ausgesprochen leicht.

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Diesen Sommer präsentierte Louise Roe ihre Kollektion in einem privaten Appartement in Paris. Philip Messmann
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Diesen Sommer präsentierte Louise Roe ihre Kollektion in einem privaten Appartement in Paris. Philip Messmann
Bolero Wir treffen uns heute in Paris. Sind neue Orte für Sie eine Quelle der Inspiration, oder entstehen Ihre Ideen eher in der Stille, im Vertrauten?
Louise Roe Andersen Das geschieht sehr intuitiv. Oftmals sehe ich etwas vor meinem inneren Auge, und dann bin ich sehr gut darin, diesen Moment festzuhalten. Manchmal fotografiere ich auch ein kleines Detail, das mir begegnet – das kann eine Fliese sein oder die Form eines Gebäudes –, und sofort beginnt mein Kopf zu arbeiten. Oft trage ich einen Gedanken lange mit mir mit, bis ich weiss, wie ich ihn auf ein Möbelstück oder Objekt übertragen kann.
Ein wiederkehrendes Thema in Ihrer Arbeit ist Gastfreundschaft und Tischkultur: Sie entwerfen viele Stücke für den Esstisch, und ein Teil Ihrer Galerie in Kopenhagen funktioniert als Café. Woher kommt Ihr Bezug dazu?
Das Thema Gastfreundschaft geht direkt auf meine Kindheit zurück – die Treffen bei meinen Grosseltern waren das zentrale Element unseres Familienlebens. Alle kamen zusammen. Meine Oma war eine gute Köchin, die stets beim lokalen Metzger und Bäcker die besten Zutaten einkaufte. Ich liebte es, in ihren Schränken und Regalen zu stöbern. Auch ihr Haus selbst hat mich geprägt: Es gab ein Esszimmer, einen Gartensaal, ein Zigarren-zimmer und eines nur für das Porzellan. Diese traditionelle Art, zu wohnen, hat mich immer fasziniert. Ausserdem gab es damals keinen Fernseher. Wir mussten also unsere Fantasie benutzen und uns selbst beschäftigen.

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Welche Rolle spielte dabei das Essen?
Ich hatte schon immer einen guten Appetit (lacht). Ich glaube, wenn man hungrig ist, dann hat man Lust aufs Leben. Auf eine gute Mahlzeit kann ich mich heute stundenlang freuen. Ich möchte das Leben feiern, und feines Essen gehört für mich ganz selbstverständlich dazu.
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Stuhl Spina, Servierschale Metal Grape Tray.Philip Messmann
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Stuhl Spina, Servierschale Metal Grape Tray.Philip Messmann
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Hocker Spina, Vase S.R. Vintage. Philip Messmann
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Hocker Spina, Vase S.R. Vintage. Philip Messmann
Gibt es Rituale rund um den Esstisch, die Ihnen am Herzen liegen?
Der Esstisch ist für mich ein demokratischer Ort. Vielleicht ist das etwas sehr Skandinavisches: Hier setzen sich mehrere Generationen zusammen und sprechen über alles Mögliche, oft auch über Politik. Es geht darum, einander zuzuhören und unterschiedliche Meinungen auszutauschen. Und vielleicht ist es heutzutage der einzige Moment am Tag, an dem niemand auf sein Telefon schaut und man sich ehrlich begegnet. Das finde ich wichtiger denn je.
Sie waren eine der ersten Designerinnen, die das Konzept von Shop, Galerie und Café unter einem Dach lancierten. Heute ist es zum Trend geworden. Was braucht es, damit ein solcher Raum nicht inszeniert oder artifiziell wirkt, sondern authentisch?
Man muss Menschen inspirieren, statt ihnen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Meiner Meinung nach machen viele Brands heute aber leider genau das. Sie vermitteln einem: So lebt man. So kleidet man sich. So isst man. Das ist mir zu belehrend. Ein Ort sollte Freiraum geben, damit die Besucher ihre eigene Beziehung dazu entwickeln können.

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Wie kreiert man diesen?
Mit Seele. Die Galerie funktioniert, weil sie eine Reflexion von mir ist – ich entscheide eher mit Gefühl als aufgrund von Wirtschaftlichem. Mir ist wichtig, dass die Produkte stimmen, der Kaffee richtig gut schmeckt. Qualität und Leidenschaft müssen spürbar sein.
In Ihrem Café sieht man Ihre Designs ausserdem direkt im Gebrauch. Ist die Art, wie ein Objekt genutzt wird, eigentlich schon immer in Ihren Entwurfsprozess geflossen?
Ja, unbedingt. Ich zeichne deshalb auch vorwiegend an meinem eigenen Esstisch. Ich überlege mir immer, wie ein Objekt bei mir daheim funktionieren würde, wie es benutzt werden und womit es gefüllt sein könnte. Meine neueste Schale Alice ist ein gutes Beispiel dafür: Farbe bekommt sie erst über ihren Inhalt – nämlich durch bunte Früchte oder Gemüse.
Apropos Farbe: Fast alle Ihrer Designs sind in neutralen, zurückhaltenden Farben gehalten. Weshalb?
Neutrale Töne geben mir Ruhe. Ich beziehe mich deshalb gern auf solche, die ich auch in der Natur finde. Es ist nicht so, dass ich Buntes nicht mag. Aber zu viele Farben können mich unruhig machen. Wenn ich einen Raum betrete, in dem viel passiert, empfinde ich das eher als Stress.
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In der Louise Roe Gallery in Kopenhagen gehen Galerie, Shop und Café nahtlos ineinander über.Philip Messmann
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In der Louise Roe Gallery in Kopenhagen gehen Galerie, Shop und Café nahtlos ineinander über.Philip Messmann
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Die Louise Roe Gallery in Kopenhagen.Alexander Höllsberg
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Die Louise Roe Gallery in Kopenhagen.Alexander Höllsberg
Sie starteten Ihren Brand im Jahr 2010. Hat sich Ihr Verständnis von Schönheit im Laufe der Jahre verändert?

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Ich glaube schon. Mit dem Alter sind meine Arbeiten reifer geworden, vielleicht auch künstlerischer. Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Man entwickelt sich weiter, sammelt Erfahrungen und lernt ständig dazu. So wie im Leben selbst.
Spüren Sie auch ein Bedürfnis nach Reduktion, also mit weniger zu leben?
Ich versuche auf jeden Fall, nicht allzu viele Dinge zu besitzen. Die Wände bei mir zu Hause sind zum Beispiel fast alle leer, weil es mir sonst zu viel würde. Obwohl mein Mann sicherlich der Meinung ist, dass bei uns immer noch zu viel rumsteht … Ich erinnere ihn dann aber gern daran, dass im Keller vier Fahrräder von ihm stehen und er trotzdem von einem fünften spricht.
Emil Roe Es ist spannend, weil wir Skandinavier ja traditionell als Sammler gelten. Natürlich kaufen und verkaufen wir Dinge, aber grundsätzlich bauen wir unser Zuhause Stück für Stück auf. Ich finde es immer interessant, wie man in anderen Ländern mit Interior-Designern zusammenarbeitet, ein ganzes Mobiliar austauschen oder zusammenstellen lässt. Dänen wollen viel eher, dass das eigene Zuhause eine Reflexion ihrer selbst ist – durch kontinuierliches Sammeln. Es ist für uns ein heiliger Ort, wir freuen uns den ganzen Tag, abends dahin zurückzukehren. Essen wir auswärts, geht es auch mehr um ein Ritual als ums Sozialleben wie beispielsweise in Paris. Laden wir jemanden zum Essen nach Hause ein, ist das von grosser Bedeutung.

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Wie haben Sie denn Ihren eigenen Stil gefunden?
Louise Roe Andersen Ich habe mir darüber nie bewusst Gedanken gemacht. Meine Ästhetik ist wohl einfach in mir drin. Ich glaube, meine Formen und klaren Linien geben mir einen Sinn von Kontrolle, innerhalb derer ich experimentieren kann. Ich versuche aber immer, fürs Auge ein Gleichgewicht zu kreieren: Zu etwas Eckigem gehört für mich etwas Rundes, zu etwas Maskulinem etwas Feminines. Ich setze diese Teile wie die Geschmäcker beim Kochen zusammen.
Hatten Sie schon immer einen Sinn für Ästhetik?
Ich hatte schon als Kind sehr klare Vorstellungen davon, wie die Dinge aussehen sollten. Und meine Mutter liess mich immer träumen und fantasieren. Als sie früher arbeiten war und ich von der Schule nach Hause kam, stellte ich manchmal alle Möbel um – bloss, weil es mich interessierte, wie der Raum anders wirken könnte. Von meinem Vater, einem Ingenieur, der sich unter anderem für antike Uhren interessierte, habe ich meinen Sinn fürs Technische und Funktionale.
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Maskulin trifft feminin: Esstisch Pillabout, Stuhl Spina, Schalen Alice.Philip Messmann
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Maskulin trifft feminin: Esstisch Pillabout, Stuhl Spina, Schalen Alice.Philip Messmann
Legen Sie Wert darauf, diese Art des kreativen Selbstausdrucks auch an Ihre eigenen Kinder weiterzugeben? Ihre Tochter Sophia, mit der Sie die «S.R. Collection» designt haben, ist etwa eine erfolgreiche Stylistin und Kreativdirektorin.

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Ich glaube schon. Viel wichtiger ist mir aber, dass meine Kinder überhaupt eine Leidenschaft haben. Ich würde sie nie davon überzeugen wollen, dass diese im Design stattfinden muss.
Emil Roe Ich glaube, du hast uns etwas Ähnliches vermittelt wie deine Eltern dir damals: neugierig zu sein, ein wenig abenteuerlich und Risiken einzugehen. Es ist mehr eine Lebensphilosophie, ein Wertekompass und ein Selbstbewusstsein, das man dann auf die eigene Leidenschaft anwenden kann. Du bist ausserdem sehr neugierig und immer offen für neue Perspektiven, was ich sehr wichtig finde.
Sie designen mit Ihrer Tochter, Ihr Sohn ist Brand-Manager, Ihr Mann für die Logistik und den kommerziellen Bereich zuständig – wollten Sie immer einen Familienbetrieb?
Das hat sich mehr so ergeben. Als ich die Firma gründete, war sie zunächst mein ganz persönliches Projekt, und ich genoss es, etwas Eigenes zu haben, wo ich einfach machen konnte, was mir gefiel. Beim Abendessen zu Hause erzählte ich dann teilweise von kleinen Dingen, wo ich ein bisschen Hilfe gebrauchen und meine Kinder etwas Taschengeld verdienen konnten. Daraus ergab sich dann zum Beispiel, dass Emil mich auf Reisen und Messen begleitete. Die Zusammenarbeit mit der Familie ist aber mit allen sehr organisch entstanden, und ich schätze es, wie wir uns dadurch nochmals auf eine ganz neue Art und Weise kennenlernen dürfen.

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Fällt es Ihnen leicht, Verantwortung abzugeben?
(Zögert.) Nicht immer. Ich delegiere Dinge nicht gern vollständig ab. Wir sprechen viel miteinander. Aber ich habe auch gelernt, dass ich nicht alles kontrollieren kann. Irgendwann muss man Vertrauen haben und sagen: «Mach du das. Ich kümmere mich inzwischen um etwas anderes.»
Wenn Familie und Unternehmen so eng miteinander verbunden sind, gibt es dann überhaupt Momente, in denen nicht über die Arbeit gesprochen wird?
Schon. Aber wenn ein Gedanke aufkommt, ist es schwer, nicht darüber zu sprechen. Manchmal schaffen wir es in den Ferien – obschon diese auch oft mit unserer Arbeit verbunden sind. Für mich fliesst alles ineinander. Aber natürlich sprechen wir, wenn wir mit der erweiterten Familie oder Partnern unterwegs sind, auch oft über Dinge, die gar nichts damit zu tun haben.
Wohin möchten Sie Ihre Marke weiterentwickeln?
Ein Traum wäre es, das Konzept der Louise Roe Gallery eines Tages auch in einer anderen Stadt umzusetzen. Nicht, weil ich möglichst viele Standorte eröffnen möchte, sondern weil bestimmte Orte einfach zur Marke passen. Entscheidend ist für mich aber, dass unser Konzept mit der Kultur des jeweiligen Ortes harmoniert und verstanden wird. Vielleicht in Paris …?

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