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Interview

Poesie der Geometrie

Charlotte Macaux Perelman und Alexis Fabry sind ein eingeschworenes Team. Als künstlerische Direktoren formen sie die Home–Collections von Hermès.

Christine Halter-Oppelt

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DOPPELTE PERSPEKTIVE Alexis Fabry und Charlotte Macaux Perelman denken im Dialog. Carole Bellaïche

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Die alte Schreinerei La Grande Menuiserie im Herzen des siebten Arrondissements in Paris bietet den Rahmen für die Inszenierung von «Nature marines», dem neuen Porzellanservice der Maison Hermès. Im Hinterhof, eingeklemmt zwischen hohen Stadthäusern, steht dieser flache, einfache Holzbau vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Doch anstatt mit schweren Maschinen ist der Raum mit feinem Sand gefüllt. An manchen Stellen türmt er sich zu einer verwaschenen Landschaft – als hätte sich gerade das Meer zurückgezogen. Aus dem Sand ragen fragile Porzellanteile – Teller, Tassen, Schalen, Teekannen –, die in den sich verändernden Lichtstimmungen immer wieder neu erscheinen.
Bolero Das Porzellanservice «Natures marines» entstand in Zusammenarbeit mit Katie Scott. Warum haben Sie sich für die britische Illustratorin entschieden?
Charlotte Macaux Perelman Wir lieben Katies Sinn für Komposition und ihr Gefühl für Proportionen. Sie verwendet ein Vokabular, das auf den ersten Blick klassisch erscheint; aber dann gibt sie dem Ganzen einen gewissen Twist, und der überrascht uns jedes Mal aufs Neue. Katie hat bereits ein Plaid für uns entworfen. Dieses Mal sollte sie das Thema der maritimen Natur erkunden.

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MEERESRAUSCHEN Das neue Porzellandessin «Natures marines» zeigt stilisierte Algen und Wasserpflanzen.zVg
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MEERESRAUSCHEN Das neue Porzellandessin «Natures marines» zeigt stilisierte Algen und Wasserpflanzen.zVg
Welche Vorgaben haben Sie ihr für das Service gemacht?
CMP Wir starten immer ohne Briefing. Katie ist dann in alle Richtungen gegangen. Sie hat Pflanzen, Fische und andere Meerestiere gemalt. Darunter war eine Algenzeichnung, die uns perfekt erschien. Also haben wir beschlossen, nur noch dieses Thema zu verfolgen. Und dann gab es einen ganz speziellen Moment im kreativen Prozess, da wurde das finale Design geboren: Katie zeigte uns die Zeichnung einer Alge, die leicht transparent und in Bewegung war. Sie erzählte uns, sie hätte im National History Museum in London die Herbarien studiert. Dort sah sie mehrere Meter lange Algen, die gefaltet auf Papier gepresst waren. Diese Idee nahm sie auf.
Alexis Fabry Dazu muss ich sagen, dass Charlotte und ich eher eine Vorliebe für geometrische Formen haben. Wir entscheiden uns weniger oft für figurative Designs. Doch Katie hat das Talent, ihrVokabular in der Komposition exakt auf das Trägermedium abzustimmen. Dieses Zusammenspiel trifft genau unseren Geschmack. Die Algen mit ihren feinen Verästelungen werden zu einer Art Mikro-gitter und bilden eine Geometrie.

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MEERESRAUSCHEN Das neue Porzellandessin «Natures marines» zeigt stilisierte Algen und Wasserpflanzen.zVg
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MEERESRAUSCHEN Das neue Porzellandessin «Natures marines» zeigt stilisierte Algen und Wasserpflanzen.zVg
Wie lange dauerte es, bis das komplette Service fertig war?
CMP Von der ersten Idee weg vier Jahre.
Das ist lang! Welchen Anteil haben Sie als künstlerische Direktoren an solch einem Entstehungsprozess?
CMP Als Maison Hermès fühlen wir uns dem Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers besonders verpflichtet. Darum ist das zentrale Thema unserer Arbeit, einen Entwurf möglichst original auf ein Produkt zu übertragen. Wir fragen uns in jeder Projektphase, wie wir nahe am Gestus bleiben können; wie wir etwas Hartes auf etwas Weiches – zum Beispiel Textilien – projizieren können. Es sind die kleinen Korrekturen, die feinen Justierungen, die von uns kommen. Parallel dazu leistet Hermès eine enorme technische Entwicklungsarbeit. Genau darum können Projekte manchmal vier Jahre dauern.
Findet die Produktentwicklung bei Hermès denn inhouse statt?
CMP Ja, natürlich. Das Haus unterhält mehrere eigene Werkstätten. Hier wurden auch die Druckvorlagen für das Porzellanservice «Natures marines» erstellt – so nah wie möglich an den Illustrationen von Katie Scott. Die Motive bestehen aus 35 einzelnen Farbtönen, die man als Betrachter gar nicht als solche erkennt – und auch nicht erkennen soll. Es braucht diese Ebenen und Überlagerungen, um die Transparenz und die Farbintensität zu erreichen, die wir suchen. Das alles geschieht in Teamarbeit. Und es ist ein langwieriger Prozess.

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Das Dekor von «Natures marines» ist trotz einem gewissen Grad an Abstraktion sehr naturalistisch und dekorativ. Gleichzeitig finden sich in der Home-Collection von Hermès viele strenge, konstruktive Möbelentwürfe. Wie bringen Sie diese beiden Denkweisen zusammen?
AF Interessanterweise ist ein einheitlicher Stil nicht unbedingt wünschenswert. Wir können gut mit Widersprüchen leben. Wir sind sogar davon überzeugt, dass ein geradlinig entworfener Sessel und ein dekorativ gestalteter Teller sich besser ergänzen als zwei gleichförmige Objekte. Für uns geht es nicht so sehr um einen Stil als vielmehr um eine Stimmung. Wir versuchen, mit unserer Kollektion eine Atmosphäre zu kreieren, innerhalb derer sich etwas entfalten kann.
CMP Dabei nimmt jedes Objekt seinen eigenen Platz ein.
AF Und wir hoffen, dass die Interaktion funktioniert. Manchmal gelingt es uns besser, manchmal weniger gut.
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TRAUMLANDSCHAFT In der alten Schreinerei La Grande Menuiserie sorgten wechselnde Lichtstimmungen, Duft und Klang für Atmosphäre.zVg
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TRAUMLANDSCHAFT In der alten Schreinerei La Grande Menuiserie sorgten wechselnde Lichtstimmungen, Duft und Klang für Atmosphäre.zVg
Welche Eigenschaften machen die Qualität eines Objektes im Kern aus?
CMP Die Konzentration auf das Wesentliche – ein Teller oder ein Sofa, ob der aktuellen Mode entsprechend oder zeitlos, muss gemäss seiner Kategorie einfach richtig und gut gemacht sein.

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AF Gut gemacht heisst auch, dass wir uns richtig entschieden haben. Ein Objekt bei Hermès soll immer langlebig und robust sein. Es soll von guten Intensionen genährt werden. Wenn ein Möbelstück «laut» ist, dann muss es eine schöne Melodie sein. Wir mögen keinen Lärm um des Lärmes willen. Wir streben eine Form von Diskretion und Demut an – gegenüber dem Handwerk und den Menschen, die mit ihren Händen arbeiten.
Wie finden Sie die Designer und Architekten, mit denen Sie kollaborieren?
CMP Wir arbeiten mit Leuten zusammen, deren Werk wir kennen und bewundern. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand berühmt ist oder nicht. Wir folgen einer Idee und suchen Verbindungen. Für eine Zusammenarbeit braucht es eine Komplizenschaft – in Bezug auf den Stil, aber auch auf die Haltung.
AF Darum kommen wir immer wieder auf dieselben Personen zurück – ob das nun gut ist oder schlecht. Aber Designer, deren Werk wir bewundern, gibt es nicht unendlich viele. Und wenn man jemanden findet, dessen Arbeit man schätzt und mit dem der Austausch klappt, dann ist das ein grosser Schatz, den man nicht verlieren darf.
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BALANCEAKT Der Beistelltisch Pivot vereint farbiges Glas mit einem dreh-baren Tablett aus japanischem Zedernholz.Maxime Verret
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BALANCEAKT Der Beistelltisch Pivot vereint farbiges Glas mit einem dreh-baren Tablett aus japanischem Zedernholz.Maxime Verret

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An wie vielen Projekten arbeiten Sie gerade?
CMP Ich weiss es nicht genau, vielleicht hundert? Natürlich arbeiten manche Designer an mehreren Entwürfen gleichzeitig – was Sinn macht, wenn man sich gut versteht. Wir lassen ihnen viel Freiraum, und meistens haben sie die richtigen Antworten: Entwürfe, die nicht zu dekorativ sind und unserer Zeit entsprechen.
AF Bei Möbeln bevorzugen wir eine strenge Linie. Darum passen Designer wie Barber Osgerby, Jasper Morrison, Pierre Charpin oder Tomás Alonso gut zur Maison Hermès.
Ist es trotzdem schon vorgekommen, dass das Ergebnis nach einemlangen Design- und Entwurfsprozess nicht zufriedenstellend war?
CMP Sehr selten.
AF Eigentlich nur einmal.
Wie viele Stücke umfasst die gesamte Hermès-Home-Collection?
CMP Tausend? In den Geschäften sieht man ja nur einen kleinen Teil.
AF Und es gibt natürlich viel mehr Accessoires als Möbel.
Haben Sie ein Lieblingsstück?
CMP Bei mir ist es meist jenes, das zuletzt entstanden ist – wie bei den Kindern (lacht). Also ein Sessel der dänischen Designerin Cecilie Manz. Sie hat für uns den skandinavischen Stil neu interpretiert, der sehr filigran und zugleich skulptural ist. Ihr Entwurf aus Holz und Kernleder gefällt uns so gut, weil er zeitlos und sehr persönlich ist. Seine strenge Art passt zu Hermès.

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Bereits in den 1930er-Jahren liess der berühmte französische Designer Jean-Michel Frank seine Ledersessel in den Sattlerwerkstätten von Hermès herstellen. Seine Reeditionen gehören heute zu den Hermès-Kollektionen. Wie sehr beeinflussen diese Ihre Arbeit?
AF Jean-Michel Frank war ein Genie, und wir bewundern ihn sehr. Seine Strenge, sein Sinn für edle Materialien, seine Proportionen und seine Genauigkeit entsprechen uns. Genauso wie er hat auch Hermès schon sehr früh auf alles Überflüssige verzichtet und Zaumzeug oder Sättel in sehr klaren Linien gefertigt.
CMP Für mich sind die Möbelentwürfe Pippa von Rena Dumas und Peter Coles eine Referenz. Sie entstanden in den 1980er-Jahren und sind sehr stimmig. Darum gehören sie auch immer noch zur Kollektion.
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DREIKLANG Farbe, Licht und Architektur machen den Teppich Dots zum Teil der Inszenierung.Maxime Verret
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DREIKLANG Farbe, Licht und Architektur machen den Teppich Dots zum Teil der Inszenierung.Maxime Verret
Sie sind ein sehr ungewöhnliches Designteam: Charlotte ist Architektin, Alexis Kurator, Autor und Verleger. Für Hermès arbeiten Sie seit 2014 als künstlerische Direktoren. Wie ergänzen Sie sich?
CMP Wir kennen uns schon seit früher Jugend. Wir vertrauen uns und haben denselben Geschmack. Wenn Alexis etwas bemerkt, was ich nicht gesehen habe – was oft passiert –, dann schätze ich das. Wenn Zweifel aufkommen, können wir uns gegenseitig bestärken. Das ist eine besondere Kraft. Wir haben keine Ego-Probleme, wir bringen uns gegenseitig weiter und lassen uns wachsen.

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Und wenn Sie mal nicht der gleichen Meinung sind?
AF Das kommt selten vor. Aber unsere Stärke ist es ja, die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Das ist grossartig, weil jeder mit seiner Meinung den anderen bereichert. Kleine Meinungsverschiedenheiten sind sogar ein Gewinn. Eigentlich könnten es manchmal ruhig etwas mehr sein. (Beide lachen.)
Was bedeutet der Begriff Luxus für Sie?
AF Das Thema interessiert uns nicht. Wir wollen gut gemachte Objekte mit guten Intentionen und von höchster Qualität herstellen. Sie sollen der Zeit und dem Gebrauch standhalten und das Handwerk zelebrieren. Das ergibt Wahrheit und Sinn. Nicht wahr?
CMP Genau!
Man sagt, eine Person drücke sich mit ihrer Kleidung aus. Wie ist das bei der Einrichtung, ist auch sie ein Spiegel unserer Seele?
CMP Sich anzuziehen, ist viel einfacher, als sich einzurichten. Ein gelungenes Interieur entsteht durch Überlagerung, Geschichte und Kontext. Da reicht es nicht, einfach die neuste Kollektion zu kaufen. Wir fänden es auch nicht gut, wenn sich jemand nur mit Hermès einrichten würde. Ein Interieur muss persönlich sein, Altes mit Neuem kombinieren und eine Harmonie erzeugen. So etwas muss wachsen.
AF Man beurteilt ein Kleidungsstück auch nicht, wenn es am Bügel hängt. Man muss es anziehen und tragen. Genauso ist ein Appartement nur dann interessant, wenn es bewohnt wird, wenn sich Menschen darin bewegen.

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CMP Sonst ist es einfach ein weisses Blatt Papier.
AF Es braucht vor allem die kleinen Dinge: persönliche Gegenstände, Erinnerungen, Souvenirs, Erbstücke von der Grossmutter. Deshalb nutzen wir für die Inszenierung unserer Neuheiten Orte, die mit Leben erfüllt sind und eine Geschichte erzählen.
So ist es auch jedes Jahr in Mailand, wo Sie während des Salone del Mobile Ihre neuen Home-Collections vorstellen. Wie gestaltet man eine gute Szenografie, in der sich die Objekte entfalten können?
CMP Möbel müssen in einen Dialog zum Raum und zur Architektur treten. Der Massstab ist sehr wichtig, in Bezug auf ein Objekt und auf den Menschen.
AF Ich meine, es gibt vieles, was über die Wahrnehmung hinausgeht. Der italienische Architekt und Designer Andrea Branzi hat einmal gesagt, dass seine Möbel wie seine Haustiere sind. Die Qualität eines Möbelstücks hat weit mehr Bedeutung als Funktion und Komfort. Manchmal gelingt es, Möbel zu erschaffen, die einen Raum «halten», die eine aussergewöhnliche Kraft und Aura ausstrahlen. Das ist eine seltene, schwer erklärbare Eigenschaft, aber ein grosses Ziel. Jeder möchte es erreichen, und nur ganz wenige schaffen es. Manche Dinge sind einfach genial – und ein Mysterium.

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Wir leben im schnellen Internetzeitalter. Was können Sie dem entgegenhalten?
CMP Wir haben das Glück, in unserem eigenen Tempo zu arbeiten. Wir lassen uns nicht hetzen.
AF Wir sind immer geduldig mit unseren Produkten. Wenn sie aus guten Intensionen heraus entstehen, dann strahlen sie ein gewisses Wohlwollen aus. Ein zentraler Wert der Maison Hermès ist die Aufrichtigkeit. Wir wollen Dinge so gut wie möglich und ehrlich machen.
Wir sind gespannt auf die Messe in Mailand im April! Verraten Sie uns etwas?
CMP Wir sind wieder in der alten Sporthalle La Pelota an der Via Palermo 10 und werden eine Auswahl von neuen Produkten zeigen. Es geht nicht darum, alles abzubilden. Die Inszenierung zeigt einen Ausschnitt, bildet eine Harmonie, ein ganz bestimmtes Klima.
AF Es geht um die Erfahrung!

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