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Es una obsesión …

Der aktuelle Latin Vibe ist kein Trend, sondern eine Haltung — und plötzlich genau das, wonach sich eine überkon–trollierte Gegen–wart sehnt. Die eigentliche Frage ist nicht, warum das funktioniert, sondern: Warum gerade jetzt?

Leoni Hof

Chavarria m atm F26 028 (1).jpg
Leidenschaft Der Designer Willy Chavarria inszeniert seine mexikanischen Wurzeln in seiner Mode mit sinnlicher Intensität. Carlo Scarpato

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Dieser Text ist nicht objektiv. Er wird geschrieben von einer Frau, deren Latin-Playlist dreissig Stunden lang ist und in Dauerschleife läuft, die auf Rauw Alejandro steht und dreimal die Woche in der ersten Reihe beim Zumba. Erwarten Sie also keine professionelle Distanz. Erwarten Sie Obsession. Denn spätestens seit Bad Bunny den amerikanischen Super Bowl eroberte, ist auch in der brei-ten Masse angekommen: Die Zeit für Halbgares ist vorbei. Jetzt schlägt die Stunde grosser Gefühle und ungebremster Leidenschaft. Bienvenidos al Latino Vibe! Am diesjährigen Karne-val in Brasilien haben rekordverdächtige 65 Millionen Menschen teilgenommen, das Land wurde von mehreren Magazinen zum angesagtesten Reiseziel 2026 gekürt. Und während Maluma und Karol G von Kolumbien aus die grossen internationalen Bühnen erobern, finden sich lateinamerikanische Einflüsse auch auf den Laufstegen wieder. Latin Vibes erobern die Welt – von Musik über Serien bis hin zur Mode: Sie sind der pulsierende Herzschlag der globalen Kultur und prägen heute mehr denn je, was wir hören, sehen und tragen.
«Yo Perreo Sola» –
Bad Bunny
Aber zurück zu Bad Bunny, der sich im cremefarbenen Football-Look durch eine Halbzeitshow aus Zuckerrohr, Dominospielern, Frauen, die sich in Nagelstudios aufhübschen, und einer Menge tanzender Leute bewegte. Wackelnde Hintern, kreisende Hüften, das Leben in all seiner Vielfalt wurde gefeiert, und zwar mit Schmackes. Nichts an dieser Show wirkte gezähmt – und das auf der wohl kontrolliertesten Bühne der Popkultur. Die eigentlich alles neutralisiert, was auf ihr passiert. Bei Bad Bunny funktionierte das nicht, sein Auftritt war auf-geladen, persönlich und politisch. Lustvoll politisch. Er steht für den Widerstand gegen die kulturellen und politischen Normen der Mainstream-Popkultur, indem er die Anerkennung lateinamerikanischer Identitäten einfordert und sich für mehr Sichtbarkeit und kulturelle Selbstbestimmung in einer politisch aufgeladenen Zeit einsetzt. Was nicht aussah wie ein glatt gebügeltes Entertainment-Format, hörte sich auch nicht so an: «Tití me preguntó», «Me porto bonito», «Después de la playa», der Puerto Ricaner sang durchgehend Spanisch. Kritisiert wurde sein Auftritt bereits im Vorfeld und von höchster Stelle: Donald Trump nannte die Wahl Bad Bunnys eine «terrible choice». Und während der amerikanische Präsident nur Bahnhof verstand, hörte die Welt längst zu. Bad Bunny gehört seit Jahren zu den meistgestreamten Künstlern der Welt. Auch wenn ein Teil der Fans nicht jedes seiner Worte verstehen mag – seine Musik geht von den Hüften direkt ins Herz. Und so wirkte sein Auftritt auf Amerikas grösster Popkultur-bühne weniger wie eine Provokation, sondern mehr wie eine Setzung. Und die Gegenshow der Maga-Anhänger wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt, das längst keiner mehr sehen will.

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Leidenschaft Der Designer Willy Chavarria inszeniert seine mexikanischen Wurzeln in seiner Mode mit sinnlicher Intensität.Carlo Scarpato
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Leidenschaft Der Designer Willy Chavarria inszeniert seine mexikanischen Wurzeln in seiner Mode mit sinnlicher Intensität.Carlo Scarpato
«Gasolina» –
Daddy Yankee
Apropos sehen: Darum gehts beim Latin Vibe. Ums Sehen und Gesehenwerden, ums Sichzeigen und In-Kontakt-zu-anderen-Treten. In vielen lateinamerikanischen Kulturen ist der Körper mehr als ein privates, intimes Gut – er ist öffentliches Statement. Ein lebendiges Symbol der Präsenz und der Lebensfreude. Der Körper ist Teil der öffentlichen Identität, ein Mittel, um sich auszudrücken: am Karneval in Brasilien, an den Strassenfesten in Puerto Rico oder in der Dominikanischen Republik. Diese andere Wahrnehmung des Körpers spiegelt eine Kultur wider, die mehr Wert auf Selbstbewusstsein und das Geniessen des Moments legt. Man zieht sich nicht nur an. Man tritt auf. Diese Perspektive ist tief in der sozialen, kulturellen, religiösen und historischen Identität der lateinamerikanischen Gesellschaften verwurzelt. Ein Gegensatz zu den oft strengen Körpernormen, die in vielen europäischen Gesellschaften vorherrschen. Der Körper als Projekt. Diszipliniert. Kontrolliert. Europa hat ihn perfektioniert – und dabei verlernt, ihn zu zeigen.
In der lateinamerikanischen Kultur ist er präsent. Ich erinnere mich, wie eine Freundin vor Jahren von den nicht immer perfekten, aber völlig selbstverständlich im Tanga auftretenden Frauen am Strand von Rio erzählte. Ohne Scham, ohne Zögern. Und wie sie genau dieses Gefühl mit an den durchoptimierten Letten brachte.

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Willy Chavarria - Paris Men's Spring 2026 - Runway
VERFÜHRERISCHER AUFTRITT Körperbetont geschnitten, sinnlich und selbst-bewusst getragen.WWD via Getty Images
Willy Chavarria - Paris Men's Spring 2026 - Runway
VERFÜHRERISCHER AUFTRITT Körperbetont geschnitten, sinnlich und selbst-bewusst getragen.WWD via Getty Images
«Taki Taki» –
DJ Snake ft. Selena Gomez, Ozuna, Cardi B
Auch in der Mode ist eine sexy Sinnlichkeit zurück: Silhouetten werden körpernäher, Stoffe weicher, Schnitte direkter. Farben kehren zurück, es wird wieder mehr gezeigt und nicht versteckt. Mode rahmt, betont, inszeniert den Körper. Designer wie Willy Chavarria treiben diese Bewegung voran. Der in den USA aufgewachsene Designer mit mexikanischen Wurzeln versteht Mode nicht als Dekoration, sondern als kulturelles Statement. Seine überzeichneten Silhouetten, die breiten Schultern, das präzise Tailoring – oft inszeniert zwischen Strasse und Sa-kralem – wirken wie eine bewusste Setzung gegen jegliche Zurückhaltung, es geht darum, Raum einzunehmen. Projekte wie seine jüngste Zusammen-arbeit mit Zara oder Kollaborationen mit Adidas übersetzen diese Haltung in den Mainstream.
«Despechá» –
Rosalía
Parallel dazu entstehen Positionen wie das Label Diotima von Rachel Scott, die einen leiseren, aber nicht weniger präsenten Zugang wählt. Scott, in Jamaika verwurzelt und in New York verortet, arbeitet mit Häkeltechniken, die sie bewusst aus ihrem traditionellen, oft folkloristisch gelesenen Kontext löst und in eine moderne, urbane Garderobe übersetzt. Ihre Kleidung ist charakterisiert durch klare Linien, reduzierte Silhouetten, handgearbeitete Flächen und durch gezielte Cut-outs. Beide Ansätze verbindet, dass der Körper nicht mehr hinter der Kleidung verschwindet. Er ist Ausgangspunkt davon. Wir erinnern uns: Präsenz schlägt Perfektion, und Sichtbarkeit ist nichts, was entschärft werden muss. Um im Visuellen zu bleiben: Auch die Streamingplattformen hat das Latinfieber gepackt. Produktionen aus Lateinamerika funktionieren global. Die kolumbianische Thrillerserie «Perfil falso» etwa spielt mit Lust, Rache und Begehren, «Nicky Jam: El Ganador» erzählt Reggaeton als gelebte Biografie, und die Serie «The House of Flowers» inszeniert mexikanisches Drama mit üppiger Eleganz.

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«Vivir Mi Vida» -
Marc Anthony
Auch hierzulande sehnen wir uns nach grossen Gesten. Zumal in einer Zeit der gefühlten Dauerkrise. Distanzierter Intellekt und schützende Ironie wärmen eben nur halb so gut das Herz. Und das lateinamerikanische Zelebrieren der Lebensfreude steht im anregenden Kontrast zur Schweizer Perspektive, bei der vieles über Kontrolle, Distanz und das, was man nicht zeigt, funktioniert. So essen wir Croquetas de birria und trinken dazu Mezcal, tanzen in Bachata-Studios oder zum Sound des brasilianischen Karnevals im «Moods». Und erlauben uns dabei im besten Fall, mehr Nähe zuzulassen, uns selbst nicht mehr zu sehr zurückzuhalten, uns zu zeigen. Und trotz schwieriger Weltlage das zu feiern, was es eben immer noch zu feiern gibt. Die Lust an diesem nicht perfekten, aber doch einzigartigen Leben. Die Codes des Latin Vibes wirken dabei wie eine Reaktion auf eine Gegenwart, in der alles sauber benannt, mit Triggerwarnung versehen, entschärft wird.
Willy Chavarria - Paris Men's Spring 2026 - Backstage
FLAMBOYANT Willy Chavarria denkt Männermode jenseits klassischer Codes als Statement.WWD via Getty Images
Willy Chavarria - Paris Men's Spring 2026 - Backstage
FLAMBOYANT Willy Chavarria denkt Männermode jenseits klassischer Codes als Statement.WWD via Getty Images
«Obsesión» -
Aventura
Unsere Gegenwart ist von Ungewissheit, Digitalität und einem Streben nach Kontrolle geprägt. Der Latin Vibe ruft uns zurück zu einer direkteren, intensiveren Wahrnehmung des Moments. Er stillt unsere Sehnsucht nach körperlichem Ausdruck, in Tanz, Musik, als Selbstinszenierung – nach etwas, was nicht perfekt, aber echt ist. Es ist die Kraft des Authentischen, die uns daran anzieht, die Möglichkeit, sich selbst ungebremst auszudrücken. Er ist nicht nur ein musikalisches oder modisches Phänomen. Er ist ein Ruf nach mehr Präsenz und Mut, nach der Rückkehr des Körpers, der Emotionen und der Wahrhaftigkeit. Er stillt unsere Sehnsucht nach einem Jetzt, das uns erlaubt, uns in all unserer Vielfalt und Leidenschaft zu zeigen. Und vielleicht ist es genau das, was wir lange nicht zugelas-sen haben: uns selbst zu feiern – ohne Scham, ohne Zurückhaltung. Und ohne immer unbedingt alles verstehen zu müssen. Shh… sólo escucha …

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