Kaum ein Designer hat Mode so konsequent aus Farbe, Stoff und Handwerk herausgedacht wie Dries Van Noten. Seine Kollektionen erzählten nie nur von Trends, sondern von Texturen, Erinnerungen und kulturellen Referenzen. Als der belgische Designer im Sommer 2024 seinen Rückzug aus der eigenen Maison bekannt gab, verstummte eine der eigenständigsten Stimmen der Branche – und zugleich begann ein neues Kapitel.
Im April 2026 wird in Venedig die Fondazione Dries Van Noten eröffnet, gegründet von ihm und seinem langjährigen Partner Patrick Vangheluwe. Ihr Zuhause ist der Palazzo Pisani Moretta am Canal Grande, ein spätgotischer Palast aus dem 15. Jahrhundert, den Van Noten von der Familie Sammartini erworben hat.
Im 18. Jahrhundert liess die Familie Pisani Moretta den Palazzo im Rokoko-stil ausschmücken. Bis heute bewahrt er seine opulenten Säle, Fresken und Kunstwerke. Was einst Bühne für venezianische Feste und Empfänge war, wird nun zu einem offenen Ort für Gegenwartskultur.
Dass Van Notens Projekt ausgerechnet in Venedig entsteht, ist kein Zufall. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren erneut als kultureller Hub etabliert – mit der Biennale Venedig, Initiativen wie «Homo Faber» und einer lebendigen Szene von Kunsthandwerkern rund um die Lagune. Genau hier setzt die Fondazione an: als Plattform für Kunst, Design, Mode, Essen, Architektur – und vor allem für das Handwerk als kulturelle Praxis.
Partner-Inhalte
Werbung
Der Palazzo wird damit nicht zum Museum, sondern zu einem Ort des Austauschs: mit Ausstellungen, Residencys und Projekten für etablierte Positionen ebenso wie für junge Talente. Für Dries Van Noten ist die Fondazione eine Weiterführung dessen, was seine Mode immer auszeichnete: die Überzeugung, dass Kultur dort entsteht, wo Ideen durch Material, Geduld und handwerkliches Savoir-faire Gestalt annehmen.
DRIES VAN NOTEN Nach 38 Jahren als Modeschöpfer entdeckt der 67-Jährige eine neue Rolle: als Impulsgeber für Kultur und Handwerk.Camilla Glorioso
DRIES VAN NOTEN Nach 38 Jahren als Modeschöpfer entdeckt der 67-Jährige eine neue Rolle: als Impulsgeber für Kultur und Handwerk.Camilla Glorioso
Bolero Sie haben Venedig für die Fondazione gewählt – eine Stadt, die ebenso sehr von der Zeit wie von menschlichen Eingriffen geprägt ist. Welche Art von Beziehung wollten Sie zwischen diesem Umfeld und dem Projekt selbst schaffen?
Dries Van Noten Venedig verlangsamt einen in dem Moment, in dem man ankommt. Man bewegt sich zu Fuss oder mit dem Vaporetto, und diese Abwesenheit von Eile und Verkehr schafft eine andere Art von Aufmerksamkeit. Das Leben folgt dem Rhythmus der Lagune und lädt dazu ein, genau hinzusehen und präsent zu sein. Gleichzeitig wirkt Venedig zutiefst menschlich – man spürt überall die Hand: in den Steinen, den Booten, den engen Durchgängen. Mit der Fondazione hoffte ich, eine wechselseitige Beziehung mit der Stadt zu schaffen. Venedig vereint Fragilität und Widerstandskraft miteinander, und ich wollte, dass das Projekt darauf antwortet, dass es innerhalb der Struktur der Stadt wächst, statt sich von ihr abzuheben. Es sollte sich wie ein Teil einer lebendigen Umgebung anfühlen – etwas, das dazugehört, statt etwas, das aufgezwungen ist.
Werbung
Sie haben Mode immer als etwas verstanden, was eine Saison überdauern sollte. Ist die Fondazione für Sie eine Möglichkeit, Mode aus der Logik des Kalenders zu lösen und sie in einen grösseren Zusammenhang von Kunst, Handwerk und Erinnerung zu stellen?
Selbst als Designer habe ich Mode nie als etwas Wegwerfbares oder als etwas verstanden, was auf eine Saison beschränkt ist. Der Kalender gab Struktur und Tempo vor, aber die Ideen lebten immer über ihn hinaus. Mit der Fondazione kann ich aus diesem Zyklus heraustreten und Mode in einem weiteren Kontext existieren lassen. Sie wird Teil einer grösseren Auseinandersetzung mit dem Machen: warum etwas geschaffen wird, wie Ideen Form annehmen, was etwas auszudrücken versucht und wie dieser Ausdruck aufgenommen und in neue Dialoge weitergetragen wird. In diesem Sinn gibt die Fondazione der Mode Raum, zu atmen und ihren Platz innerhalb einer grösseren kulturellen Landschaft zu finden.
OPULENT Früher Bühne für venezianische Empfänge, künftig Treffpunkt für Handwerk und Kultur.Camilla Glorioso
OPULENT Früher Bühne für venezianische Empfänge, künftig Treffpunkt für Handwerk und Kultur.Camilla Glorioso
Statt eine Retrospektive zu präsentieren, bringt die Fondazione sehr unterschiedliche Disziplinen und Stimmen zusammen. Wenn Sie auswählen, was gezeigt wird, verlassen Sie sich dann auf dieselbe Intuition, die Sie früher beim Komponieren einer Kollektion genutzt haben?
Werbung
Intuition und Recherche spielen weiterhin eine grosse Rolle, aber die Art und Weise, wie ich sie heute nutze, ist anders. In der Fondazione suche ich nach unterschiedlichen Geschichten, die miteinander in Beziehung treten können – durch Ähnlichkeit oder durch Kontrast. Ich achte auf dieselben Qualitäten: die Ehrlichkeit der Arbeit, die Beziehung zum Material, die dahinterliegenden Ideen und die Neugier, die Fragen auslöst. Aber anstatt zu denken: «Wie passt das in eine Kollektion?», frage ich: «Welchen Dialog könnte das eröffnen? Wen könnte es erreichen? Welche neuen Wege könnte es öffnen?» Es ist eine offenere, grosszügigere Art, zu wählen.
Mode ist von Natur aus mit Bewegung und ständiger Erneuerung verbunden. Mit der Fondazione schaffen Sie einen Ort, der Menschen einlädt,inne-zuhalten und langsamer zu schauen. War dieses Moment der Ruhe etwas, was Sie bewusst einführen wollten?
In der Mode ist Bewegung essenziell: Kleidungsstücke werden durch den Körper und durch Rhythmus lebendig, es ist eine Energie der Veränderung. Aber Bewegung schliesst Tiefe nicht aus. Mit der Fondazione interessierte mich, eine andere Beziehung zur Zeit zu schaffen, eine vielschichtigere Temporalität. Es geht weniger darum, Ruhe einzuführen, als vielmehr darum, Kontinuität zu ermöglichen. Ein Gespräch kann mit einer Ausstellung beginnen und in einer anderen nachhallen; Forschung kann sich ausdehnen, ohne unter dem Druck einer sofortigen Lösung zu stehen. In diesem Sinn ist die Fondazione nicht statisch; sie bewegt sich, aber in ihrem eigenen Rhythmus – einem Rhythmus, der es erlaubt, dass Bedeutung sich setzt und weiterentwickelt.
Werbung
ORIGINAL Bis heute bewahrt: die Möbel und Kunstwerke im Palazzo Pisani Moretta -– darunter Arbeiten von Giambattista Tiepolo und Jacopo Guarana.Camilla Glorioso
ORIGINAL Bis heute bewahrt: die Möbel und Kunstwerke im Palazzo Pisani Moretta -– darunter Arbeiten von Giambattista Tiepolo und Jacopo Guarana.Camilla Glorioso
Wenn Sie nicht mehr für den Laufsteg oder für Geschäfte entwerfen, was verändert sich dann in Ihrer Beziehung zu Objekten? Werden sie zu etwas, was man bewahren, hinterfragen oder mit dem man einfach leben kann?
Wenn man nicht mehr für einen Laufsteg oder ein Geschäft entwirft, verlieren Objekte ihren Dringlichkeitscharakter. Sie sind nicht mehr an Deadlines oder Kollektionen gebunden und werden fast zu Begleitern. Was sich am meisten verändert, ist die Art der Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt. In der Mode ist ein Objekt immer auf seinen nächsten Schritt ausgerichtet – auf die Anprobe, die Show, den Verkauf im Geschäft. Hier kann man ein Stück Glas, ein Textil oder ein Werkzeug betrachten und die Intelligenz darin würdigen, ohne an ein Ergebnis zu denken. Es geht weniger um das Bewahren oder das Ausstellen, sondern mehr um das Verstehen: wie etwas gemacht wurde, was es in sich trägt und was es vielleicht in jemand anderem auslösen kann.
«The Only True Protest is Beauty»: erste Präsentation der Fondazione Dries Van Noten mit über 200 Werken aus den Bereichen Mode, Schmuck, Design, Kunst, Fotografie, Glashandwerk oder Keramik, Palazzo Pisani Moretta, Venedig, 25. April bis 4. Oktober.