Der heilige Wald Japans, die Insel von Prinzessin Mononoke, der Traum all derer, die in unberührte Natur eintauchen wollen: Die Yakushima–Insel ist ein Paradies, das viele Erkenntnisse für uns bereithält.
Mélanie Chappuis
WALDRAUNEN Es liegt eine elementare Kraft im üppigen Wald von Yakushima. Ben Richards
Im Süden Japans liegt eine hügelige Insel, die hauptsächlich aus Wäldern, Bächen und Flüssen besteht. Wegen ihrer Vegetation, die sich durchgehend von der Küste bis zu den Berggipfeln erstreckt, und den tau-sendjährigen Bäumen und unberührten Wäldern wurde sie 1993 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt. Eine einzige Strasse erschliesst die Insel und stört die Natur kaum, sodass Makaken und Rehe sich ohne Furcht vor Mensch und Verkehr darauf tummeln können. Jäger gibt es hier keine. Man beobachtet einander, wahrt eine respektvolle Distanz – und geht dann still wieder der eigenen Beschäftigung nach. Ich zum Beispiel beschäftige mich damit, eine kleine Gruppe von Waldliebhabern zu begleiten, mit ihnen über 1900 Pflanzenarten, darunter 650 Moose, zu entdecken und von ihrem Wissen zu lernen. Unter ihnen befindet sich der Schweizer Forstingenieur Ernst Zürcher, Professor, Dozent und Forscher im Bereich Holzwissenschaften. Gemeinsam mit Regisseur Jean-Pierre Duval von der Agentur Museo dreht er einen Dokumentarfilm über den Yakushima-Wald, um «der Erde ihre verlorene Harmonie zurückzugeben». Wir dürfen träumen, sie han-deln – um die «kollektive Intelligenz» eines Waldes zu erfassen. Ebenfalls dabei ist Frédéric Leyre, der Japan zu seiner neuen Heimat gemacht hat. Mit seinem Unternehmen Kodama Experience bietet er Kurse an, in denen gemeinsam in die Wälder Yakushimas eingetaucht wird.
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ENTRÜCKT Das Hotel Sankara ist mit Holz und Textilien aus der Umgebung ausgestattet.shuhei tonami
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Unsere Gruppe geht also zwischen den Bäumen voran, ein kleines Kollektiv in einem grösseren, nämlich diesem Wald, zu dem wir unsere alte Bindung wieder aufbauen möchten. «Horch, der Baum singt», sagt Ernst Zürcher zu mir, als wir staunend vor der ersten tausendjährigen Sugi stehen, einer in Japan endemischen Zeder. Sie ist fast so breit wie hoch, gut fünfzehn Meter Umfang auf zwanzig Metern Höhe, mit einem Stamm, der alles andere als ebenmässig ist. Sie ist angeschwollen, gequält, doch unglaublich lebendig, mit Ästen, Blättern, Vögeln und einem Bach, der sie labt. Der Baum lebt, er singt – eine poetische Floskel, aber nicht nur, wie Ernst richtig-stellt: «Jeder Organismus ist ein Organ in einem übergeordneten Organismus. Wir zum Beispiel sind Organe im Organismus ‹menschliche Gesellschaft›. Ein Baum, der mit anderen zusammensteht, erschafft einen Wald und wird zum Organ. Bei den Vögeln ist es dasselbe. Sie sind Organe einer Vogelgemeinschaft, die dem Wald angehört, der ihnen Lebensraum gibt. Bei Menschen sage ich auch nicht, dass dein Kehlkopf mit mir redet, sondern dass ‹du› mit mir redest. So kann man auch sagen, dass der Wald singt: Je besser es ihm geht, je vollständiger, vielfältiger, ausgeglichener er ist, desto besser kann er sich über den Gesang der Vögel, das Rauschen der Flüsse, das Zirpen der Insekten oder die Laute der Säugetiere ausdrücken. Jetzt hören wir Wissenschaftler dem Wald zu, um zu erfahren, wie es ihm geht.» Dafür sind wir hier. Um zu verstehen, was Urwälder uns preisgeben können. «Aus genetischer Sicht waren es immer die wild lebenden Arten von Pflanzen, von deren heilenden Kräften wir profitiert haben, und auch die Tiere waren wild, bevor wir sie domestiziert haben. Deshalb ist es wichtig, dass wir Orte erhalten, an denen die Evolution der Pflanzen frei fortschreiten und sich der ganze genetische Reichtum entfalten kann.» Orte wie diesen, an denen Ernst sich über das Alter des Waldes freuen kann. Denn dieser stammt aus einer Zeit vor der letzten Eiszeit, die die Region verschont hatte, jedoch Europa und Amerika unter einer Eisdecke erstarren liess. Und wir freuen uns mit ihm.
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Trotz der Dichte gibt es hier etwas Sanftes, etwas Einladendes, das uns gleichzeitig aber auch Respekt und Distanz vermittelt. Dazu fällt mir eine Aussage ein, die normalerweise nur auf Menschen bezogen wird: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. «Es ist eine Frage des Gleichgewichts, der Zusammenarbeit», greift Frédéric Leyre auf. «Der Mensch kann nicht nur profitieren. Nur wer etwas gibt, kann auch etwas nehmen.» Wie es in Japan üblich ist, hat er Gaben für die Bäume mitgebracht, die ihn während unserer Expedition am meisten beeindrucken würden. Alkohol, Früchte oder «einfach eine Geste, eine Pause, ein Zeichen der Hingabe». Weiter oben erreichen wir die Jomon-Sugi, deren Namen auf die Jomon-Zeit zurückgeht, während der vor gut 13 000 Jahren die erste japanische Zivilisation entstanden ist. Das macht die Jomon-Sugi zu einem der ältesten Bäume der Welt, 7000 Jahre alt. Gegenüber unseren bescheidenen 50. «Eine Pause», sagt Frédéric. Innehalten. Stille. Und vielleicht ein Gefühl, das einem Tränen in die Augen treibt, ein Gebet, das sich selbst erschafft, eine Verneigung? Fast knien wir nieder. «In Japan ist das Heilige nicht religiös», erklärt mir Frédéric. «Es ist natürlich, üblich.» Und es ist von Animismus geprägt.
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In Europa können wir uns dank den Filmen von Hayao Miyazaki ein Bild davon machen: Der Anime-Film «Prinzessin Mononoke» zum Beispiel ist vom Yakushima-Wald inspiriert. Die Baumseele, Kodama, wird darin von kleinen, lustigen weissen Figürchen verkörpert. Frédéric seinerseits personifiziert sie nicht, aber er spürt sie im ganzen Wald, «in jedem grossen Baum, jedem Farn», und zwar seit er die Insel vor zwölf Jahren zum ersten Mal betreten hat. Mit Kodama Experience will er die Menschen zum Wald und den Wald zu den Menschen zurückbringen, wie in einem positiven Kreislauf. «Heute kennt man die heilenden Kräfte des Waldes, die die Japaner schon seit vielen Jahren mithilfe des Waldbadens beschreiben: Die Anspannung lässt nach, der Blutdruck sinkt, und die Phytonzide, die man einatmet, verbessern das Immunsystem. Stress, Ängste und Überarbeitung sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet, und der Wald bietet unglaublich viele einfache und kostenfreie Lösungen. Wir suchen im Wald nach Heilmitteln, die der Menschheit helfen können. Wir sind gleichzeitig im Prisma der Kunst, um Emotionen und das Schönheitsempfinden zu wecken, im Prisma der Wissenschaft, um zu erklären, zu rationalisieren, und auch im Prisma der Spiritualität, aber nicht im religiösen Sinn, sondern um uns wieder mit dem heiligen Lebendigen zu verbinden, dem wir angehören.»
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Und was ist mit dem Meer? Immerhin sind wir auf einer Insel. Das Verhältnis der japanischen Bevölkerung zum Meer ist von Respekt und Angst geprägt.
Vor allem von Respekt. Die Jomon waren geschickte Seefahrer, die im ganzen Pazifikraum präsent waren. Aber das Meer wird auch von vielen Erdbeben heimgesucht. Über achtzig Prozent davon entstehen am Pazifischen Feuerring, der seismisch und vulkanisch aktivsten Zone der Welt – und Japan liegt mittendrin. Das strömungsbedingt warme Wasser rund um Yakushima fördert die marine Biodiversität und ermöglicht das Nisten von Schildkröten. Doch die Menschen misstrauen dem Meer und schützen ihre Strände mit grossen, unschönen Betonblöcken. Einzige Ausnahme: der Nagata-Strand, an dem die Schildkröten von Ende Mai bis Ende Juli ihre Eier legen. Hier erwarten die Badegäste ein kilometerlanger weisser Sandstrand und eine paradiesische Landschaft mit stets milden Temperaturen. Reiseführerin Sigrid Houberdon, die in Yakushima zu Hause ist, erklärt: «Japan ist eher ein Berg- als ein Meerland. Für die Japaner ist das Meer eine Nahrungsquelle, sie gehen fischen. Aber in der Freizeit gehen sie in die Berge wandern.»
Deshalb haben wir auf der Insel hauptsächlich im Wald gebadet und uns für ein paar Tage mit den Bäumen verbunden. «Der Wald hier ist zeitlos,» sagt Ernst. «Bäume, die sterben, hauchen anderen Leben ein, sie ersetzen sich gegenseitig. Die Zeit hat keinen Einfluss auf diesen Ort, und das tut uns gut: Er ist das Gegenteil unserer Gesellschaft. Ein Gegenmittel. Man muss nur an den Wald denken, und schon kehrt Ruhe in uns ein.»
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LAND UND MEER Regionale Zutaten zeichnen die Küche im Hotel Sankara aus.shuhei tonami
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Check-in
Tida Resort Yakushima Yuko und ihr Mann, Chefkoch Nerome, haben dieses kleine Paradies im Süden der Insel vor dreizehn Jahren geschaffen. Die Rezeption, eine Boutique und das Restaurant, in dem man morgens und abends westlich-japanische Fusion-küche mit Blick auf das Meer geniessen kann, sind in einem ersten Haus untergebracht. Vier charmante zweistöckige Holzhäuschen beherbergen Paare oder Familien – perfekt für alle, die Ruhe suchen, umgeben von Natur, die zum Staunen einlädt. Cottage mit Halbpension ca. Fr. 200.–/Person.
The Hotel Yakushima Ocean and Forest Wenige Schritte vom Hafen Miyanoura entfernt, thront auf einem kleinen Hügel ein Hotel im modernistischen Stil mit einer atemberaubenden Aussicht auf die Ostchinesische See. Es bietet Zimmer im japanischen und im westlichen Stil, je nach Geschmack der Reisenden. Weitere Pluspunkte: das hervorragende Restaurant, der Sou-venirladen, die öffentlichen Bäder, der Karaokeraum und der Verleihservice für Wanderausrüstung. DZ ab Fr. 170.–.
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Sankara Hotel & Spa Yakushima Das luxuriöseste Hotel der Insel bietet 29 Villen und Suiten, welche im sub-tropischen Wald verteilt sind. Die geschmackvoll dekorierten Zimmer wurden mit Holz und Textilien aus der Region ausgestattet, und die beiden Restaurants nutzen regionale Zutaten für ihre französisch inspirierte Küche, die das Erbe Yakushimas respektiert. Auch im wunderschönen Spa werden für die Behandlungen Holz, Mineralien und Steine aus den umliegenden Wäldern verwendet. Villa ab Fr. 750.–.
Entdecken
Die Shiratani-Unsuikyo-Schlucht Auf den Pfaden rund um die Shiratani-Unsuikyo-Schlucht kann man in die verschiedenen Grüntöne eintauchen und den bemoosten Wald mit dem Übernamen «Wald der Prinzessin Mononoke» erkunden. Geht man den Granitweg entlang, den Fluss Shiratani zur Rechten, gelangt man zu den unumgänglichen Oshi-dori-Wasserfällen. Etwas weiterentfernt liegt die Satsuki-Hängebrücke, bekannt für die im Juni blühenden Satsuki-Azaleen, eine fuchsiafarbene Rhododendronart. Die Wanderung hin und zurück dauert einen halben Tag. Höhepunkt ist der Taiko-Fels, der eine spektakuläre Aussicht bietet.
Die Jomon-Zeder Die Wanderung zu diesem 7000 Jahre alten Baum ist so anspruchsvoll wie be-zaubernd. Man ist von unberührter Natur umgeben, in der man sich als Teil des Lebendigen fühlt. Die Wanderung dauert gut zehn Stunden, man sollte früh aufbrechen, um bei Sonnenuntergang zurück zu sein. Andernfalls kann man in der kleinen, rudimentären und oft vollen Hütte unter der Jomon-Sugi übernachten oder ein Zelt mitbrin-gen. Der erste Shuttlebus fährt um fünf Uhr morgens vom Museum Yakusugi. Der Arakawa-Weg führt über alte Schienen, über Hängebrücken und durch mystische Wälder. Auf dem Weg zur Jomon-Sugi kommt man an anderen tausendjährigen Zedern sowie am eindrücklichen Wilson-Baumstumpf vorbei, dem Überbleibsel eines riesigen Zedernbaums, der 1580 ge-fällt wurde. Mit etwas Glück begegnet man sogar Hirschen und Makaken.
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Die Onoaida-Onsen Als wir zu diesen für ihre Heilkräfte bekannten Quellen aufbrachen, trafen wir einen Japaner, der extra aus Osaka angereist war, um in den, wie er sie nannte, «mystischsten aller Quellen Japans» zu baden. Die Quelle im Süden der Insel wurde dank einem Hirsch entdeckt, der darin seine Wunden heilte. Das schwefelhaltige Thermalwasser wird bis zu 48 Grad heiss. Ausserhalb der Quellen kann man sich mit einem kostenlosen Fussbad verwöhnen.