Mit digitaler Kunst assoziieren viele immer noch Kälte und Seelenlosigkeit: beliebig computergenerierte Bilder, KI, NFT-Hype. Dabei haben Künstler immer mit den neuen Technologien ihrer Zeit gearbeitet – Albrecht Dürer nutzte die Druckerpresse für die erste Massenware der Kunstgeschichte. Toulouse-Lautrec demokratisierte die Kunst mit Lithografie. Es folgten Foto, Film, Synthesizer und Netzkunst, Webcam, Game-Ästhetik. Heute ist es eben die KI.
Mit dem Computer zeichnete auch Vera Molnár (1923– 2023), die Urmutter der generativen Kunst, im Jahr 1968. Zu Zeiten, als Computer noch ganze Räume füllten, fütterte die ungarisch-französische Künstlerin die Maschine mit mathematischen Formeln und liess mechanische Zeichenstifte – sogenannte Plotter – streng geometrische Linien auf Papier ziehen. Werke von Molnár sind im Rahmen der Ausstellung Zero 10, der Digital-Initiative der Art Basel, zu sehen. Die Künstlerin musste noch die frühen Programmiersprachen Fortran und Basic lernen und Programmierbefehle in Lochkarten eintippen. Es war die graue Vorzeit der digitalen Kunst.
Heute verwenden immer mehr Künstler Computer und Software als Medium. Die Amerikanerin Avery Singer (geboren 1987 in New York) etwa bedient sich ganz selbstverständlich digitaler Modellierungssoftware wie Sketchup, Blender oder Photoshop und überträgt die so generierten Bilder mit der computergesteuerten Sprühpistole auf Leinwand. Durch den feinen Sprühnebel entstehen glatte, sterile Oberflächen, auf denen man keinen einzigen handgemachten Pinselstrich mehr sieht. In ihrer neuesten Arbeit verwandelt sie Screenshots von digitalen Krypto-Börsen am Computer in digitale Collagen, die sie mit der Sprühpistole direkt auf die Leinwand überträgt. Das Ergebnis ist ein abstraktes Bild des digitalen Goldrauschs, bei dem die Grenzen zwischen Pinselstrich und Pixel verwischen.
Die Art Basel wagt mit diesen beiden Präsentationen den grossen Vorstoss in diese neuen Gefilde. Nach Stationen in Miami Beach und Hongkong feiert das Format Zero 10 nun seine Premiere in der Schweiz – und präsentiert sich als Labor für die Kunst des digitalen Zeitalters.
Zu sehen sind Werke, in denen sich Datenströme und Algorithmen in visuelle Erlebnisse verwandeln. Der Japaner Ryoji Ikeda (geboren 1966 in Gifu, Japan) etwa nahm echte Rohdaten aus der astrophysikalischen Forschung und zerlegte sie in Millisekunden und Pixel. Diese zeigt er als rasend schnelle, perfekt synchronisierte Muster aus Licht und elektronischen Tönen auf Wandbildschirmen. Weisse Balken, Raster und wissenschaftliche Diagramme rasen so synchron zu minimalistischen Klick- und Sinustönen in einem hypnotischen Takt vorbei. Betrachter werden Zeugen eines digitalen Rauschs.
Ein digitales Gewächshaus mit virtuellen Pflanzen im Internet, das auf der Blockchain-Technologie basiert, hat der 42-jährige Zürcher Leander Herzog geschaffen. Er bietet Sammlern keine fertigen Bilder an, sondern Partizipation und lebendige Codes: Durch Mausklicks und Tauschgeschäfte können sie die virtuellen Pflanzen selbst züchten und verändern, sodass ein sich ständig wandelnder, digitaler Garten entsteht. Den nackten Programmiercode als leuchtende Zeichen bringt Andreas Gysin (geboren 1975 in Zürich) direkt auf den Bildschirm – ohne visuelle Verkleidung. Vor den Augen des Betrachters rattert die Software im Dauerbetrieb, zerlegt sich selbst und baut sich zu neuen Mustern um. Dass die digitale Technologie uns auch im echten Leben ständig im Visier hat, macht die Rauminstallation von Rafael Lozano-Hemmer (geboren 1967 in Mexico-City) direkt spürbar. Bei ihm steht man in einem interaktiven Labor voller Wärmebildkameras, KI und Pulsmesser. Sobald man den Raum betreten hat, reagieren Sensoren auf den eigenen Körper. Das eigene Gesicht verzerrt sich auf Monitoren, während das Flackern der Lichter im exakten, intimen Rhythmus des eigenen Herzschlags pulsiert. Der Künstler macht Überwachung direkt fühlbar.
Hinter dem erweiterten Format von Zero 10 steckt mit dem preisgekrönten Künstler Trevor Paglen (Guggenheim-Preisträger und MacArthur-Fellow) und dem Digitalstrategen Eli Scheinman ein Powerduo. Die zwei wollen zeigen, wie es sich anfühlt, in einer Welt zu leben, die von KI, Überwachung und Algorithmen regiert wird. Paglen sieht darin ein generationenübergreifendes Gespräch: Ein roter Faden, der sich von den analogen Programmierexperimenten der Nachkriegszeit bis zu den heutigen Kryptowelten zieht.
Brisante Themen
Dass der Kunstmarkt das digitale Genre nicht länger als Spielerei abtun kann, zeigt die Liste der Schwergewichte der Galerien, die Künstler präsentieren. 19 internationale Aussteller brechen das klassische Kojen-Modell auf. Traditionsgalerien wie Hauser & Wirth, Marian Goodman und Sprüth Magers stehen Seite an Seite mit Digital-Pionieren wie Bitforms Gallery, Art Blocks, Nguyen Wahed und – als lokale Premiere – dem HEK (Haus der Elektronischen Künste Basel). «Das Publikum, das die Expansion des Kunstmarktes vorantreibt, ist digital nativ und global vernetzt», betont Art-Basel-CEO Noah Horowitz. Für ihn ist die Schau kein kurzfristiger Trend. Es ist eine strategische Richtung. Diese institutionelle Öffnung folgt ökonomischer Notwendigkeit: Der Markt expandiert primär durch ein Publikum, das digital nativ und global vernetzt ist. Hinter diesem angekündigten Markteintritt verbirgt sich jedoch ein Paradoxon. Denn warum digitale Kunst in eine separate Sektion verbannen, wenn sie heute selbstverständlich ist? Wann ist digitale Kunst einfach nur Kunst – so wie Video und Fotografie in den Kanon gefunden haben?
Was all diese Positionen vereint, ist, dass sie gesellschaftlich brisante Themen in sinnlich erfahrbare Erlebnisse verwandelt. Statt sich der Logik der Digitalisierung nur zu bedienen, drehen diese Künstler den Spiess um und instrumentalisieren sie für ihre eigenen Zwecke – auch um Kritik zu üben. Indem sie abstrakte Datenströme, Überwachungsmechanismen und Programmiercodes in visuelle Erfahrungen übersetzen, schaffen sie einen Reflexionsraum, um darüber nachzudenken, wie tiefgreifend Technologie und Datenströme unser Leben bereits im Griff haben.
Zero 10 – The Condition, Eintritt frei. 17. bis 21. Juni 2026, Preview: 16. Juni 2026.