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Bilanz-Briefing

Justiz-Peinlichkeit im Fall Vincenz

Themen der Woche: Wetter-Politik, Vincenz-Tasche, On-Delle, WEF again.

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Der Vincenz-Prozess: Ein Prozess wie abgestandenes Wasser.
Der Vincenz-Prozess: Ein Prozess wie abgestandenes Wasser.BILANZ

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In diesen Sonnentagen mit Rekordwerten seit der ersten Messung unter Alexander dem Grossen müssen wir einen fast 60 Jahre alten Werbeslogan bemühen. «Alle reden vom Wetter. Nur wir nicht» lautete die Maxime der 68er Bewegung, verewigt auf einem Plakat, unterlegt mit den drei Kommunismus-Heroen Marx, Lenin und Engels. Derzeit reden auch alle vom Wetter, doch das symbolisiert nicht mehr Small Talk im Vergleich zum grossen Klassenkampf, sondern ernsthafte Politik - je nach politischer Positionierung: Beleg für den Klimawandel mit katastrophalen langfristigen Folgen für die Apokalyptiker – oder provozierend-grinsend verkündete Badewetter-Verlängerung für die Leugner.
Doch wenn die Rhein-Schiffe nicht mehr Basel erreichen, wenn in Skigebieten Gletscherlifte abgebaut werden, wenn die Bauern ihre Schlachtquote wegen Grasmangel verdoppeln müssen: Dann sind die wirtschaftlichen Auswirkungen massiv. Immerhin kommt wenigstens vom Bundesamt für Landwirtschaft Entwarnung, im Tages-Anzeiger artikuliert von einer als Hydrologin vorgestellten Wissenschaftlerin namens Edith Oosenbrug: Die Schweiz verfüge weiterhin über satte Wasser-Reserven, allein das unterirdische Grundwasservorkommen sei dreimal so gross wie der volle Bodensee. Zwar würden die Gewässer durch den Klimawandel im Sommer weniger Wasser führen, dafür aber im Winter mehr: «Die gesamte jährlich verfügbare Wassermenge nimmt nur geringfügig ab.» Puh, also alles gar nicht so schlimm - zumindest in unserem Alpenparadies nicht. Das Research-Haus Absolute Strategy schätzt, dass es bei 60 besonders hitze-exponierten Staaten 2030 zu Absenkungen des Kreditratings kommt.

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Ab Sonntag werden die Rekordtage von Regen und kühleren Temperaturen abgelöscht. Dann können wir uns wieder der Renaissance von Marx zuwenden, befeuert durch den Vormarsch der ultralinken Kandidaten bei den US-Primaries und dem letzten Spiegel-Titelblatt mit der Untergangszeile: «Marx hat es geahnt: Der KI-Kapitalismus bedroht unsere Jobs - und unsere Demokratie.» Wenigstens bei Untergangsszenarien sind die Deutschen noch Weltklasse.

Vincenz-Drama

Erstaunlich kühl geht es dagegen bislang im Gerichtssaal des Obergerichts beim neuen Vincenz-Stocker-Prozess zu. Wenn selbst die nüchterne Wirtschaftsagentur AWP betont, dass Vincenz die gleiche Tasche trug wie beim Prozess vor vier Jahren («Bally-Tasche mit rot-weissem Trageriemen»), dann ist offensichtlich: Selbst die faktengetriebenen Berichterstatter suchen nach neuen Reizpunkten abseits der ausgetretenen Pfade. All die Abgründe von längst verschwundenen Minifirmen wie Commtrain, Investnet oder Genève Credit & Leasing wurden in den letzten Jahren mehrfach bis zum Abwinken ausgebreitet, selbst die von Vincenz' bezahlter Gespielin demolierte Luxussuite im Zürcher Hyatt wurde schon zu oft beschrieben, als dass sie Wallungen auslösen könnte. Das grösste Highlight noch: Vincenz deklarierte ein Tinder-Date als Geschäftsanlass, um den Umgang mit Social Media zu erlernen. Gross. Aber sonst: Ein Prozess wie abgestandenes Wasser.

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Fast unbeleuchtet: Die Justiz-Peinlichkeit. Dass der Fall bei der Revision zu Lasten des Steuerzahlers noch einmal komplett ausgerollt wird, ist genauso beschämend wie das eitle Hickhack zwischen der ersten Instanz (Bezirksgericht) und der zweiten Instanz (Obergericht) um die angeblich zu langfädige Anklageschrift des vermeintlichen Star-Staatsanwalts mit dem schönen Namen Marc Jean-Richard-dit-Bressel. Keine Frage: Ein Freispruch wäre ein Skandal, dazu sind die geheimen Bereicherungs-Beteiligungen von Vincenz und seinem Kumpan Stocker zu klar belegt. Doch wie hoch die Strafe sein soll? Gar nicht so wichtig. Die kleinräumige Schweiz straft mit sozialer Ächtung. Diese Strafe ist bereits in Kraft getreten. Sie gilt lebenslang.

On-Rückgang

2,5 Prozent beim Umsatz, 4 Prozent beim Gewinn – um so wenig verpassten die Sportschuh-Granden von On bei den Quartalszahlen am Dienstag die Börsenerwartungen. Die Strafe war deutlich höher: Minus 20 Prozent. Da machte schnell die Nachricht die Runde, dass Roger Federer aus der Milliardärs-Kaste gefallen ist. Weil er angeblich knapp unter 3 Prozent – minimal unter der Meldeschwelle – an On hält, habe ihn der Kurssturz 80 Millionen Dollar gekostet. Bestätigen lässt sich das nicht.

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Doch es gilt: Kein Grund zur Panik. Zwar ist der Kurs auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen. Doch der Börsenwert liegt noch immer bei stattlichen 10,4 Milliarden Dollar. Das Wachstum ist weiter hoch: 13,5 Prozent in Franken, ohne Währungseffekte sogar 21,6 Prozent. Die Gründer sind unschweizerisch gross denkend an die New Yorker Börse gestürmt. Das sicherte ihnen eine Bewertung, die sie in der Heimat kaum erhalten hätten. Die Kehrseite: Der US-Markt bestraft deutlich brutaler. Federer kann es genauso sportlich nehmen wie die Gründer: Für alle frühen Investoren bleibt es ein exquisites Geschäft.

Nächste Woche: Nestlés Neuer

Einmal im Jahr treffen sie sich physisch am Hauptsitz im Genfer Vorort Cologny: Die 28 Stiftungsräte des WEF, von Al Gore bis Königin Rania von Jordanien. Am Dienstag ist es wieder so weit. Die Richtungskämpfe toben weiter: Verkleinerung des Boards vs Status quo, Amerika vs Europa, Fink vs Lagarde.
Das Ringen hinter den Kulissen ist heftig, es bleibt zu hoffen, dass sich auch Bundespräsident Parmelin einschaltet und die Swissness anmahnt. Idealerweise schafft es der Stiftungsrat, das Provisorium an der Spitze (Larry Fink und André Hoffmann) und auf dem Geschäftsführer-Posten (Alois Zwinggi) zu beenden. Realistisch nach all den Kabalen? Eher nicht. Aber träumen wird man gegen Ende des Sommers ja noch dürfen.

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