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Trump, Inflation und China

Wann platzt der Börsen-Traum?

Die Themen der Woche: Börsen-Sorglosigkeit, no Swiss-Ness, Merz-Tragik, Bittsteller Trump

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«Als «Casino mit angehängter Kirche» bezeichnet Altmeister Warren Buffett derzeit die Börse.» BILANZ

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Der Mythos hat einen klingenden Fachterminus: «Boiling frog syndrom» nennt sich die vermeintliche Erkenntnis, dass ein Frosch im sich langsam erhitzenden Wasser so lange ausharrt, bis er stirbt. Das Problem: Sie stimmt nicht – der Frosch springt bei steigender Erwärmung aus dem Topf. Was im derzeitigen Börsenumfeld zu der Schicksals-Frage führt: Springen auch die Anleger in diesen Tagen bald aus dem heisslaufenden Börsen-Topf? Oder warten sie auf den Exitus ihrer Investments – den grossen Crash?
Den Temperatur-Anstieg liefert der Ölpreis. Selbst bei einer Öffnung der Strasse von Hormus wird eine Normalisierung noch Monate dauern, warnen Experten einhellig: eine umfassende Minenräumung dauert lange, und weil keine Seite der anderen traut, bleibt das Risiko von Kriegshandlungen auch bei einem Waffenstillstand hoch. In der Schweiz mögen wir uns sicher fühlen, doch selbst hierzulande hat sich die Inflation im April verdoppelt – wenn auch von 0,3 auf 0,6 Prozent noch wenig schweisstreibend (die Eurozone liegt bei 2,9 Prozent). Das Problem: Die Ölverteuerung wird sich die nächsten Wochen beharrlich in die Zahlen vieler Produkte fressen. Noch hält der grosse Dominator Trump mit seinem KI-Narrativ die ewige Buy-the-Dip-Story aufrecht, und solide Firmenbilanzen und sattes Gewinnwachstum stützen ihn. Doch global droht ein Inflationsschock, der auch auf die Schweizer Wirtschaft drückt. Wenn auch die Situation nicht direkt vergleichbar ist: Die Sorglosigkeit an der Inflationsfront ähnelt Corona.

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Als «Casino mit angehängter Kirche» bezeichnet Altmeister Warren Buffett derzeit die Börse. Es habe nie mehr Menschen in einer Gambling-Stimmung gegeben als jetzt, betonte er unlängst. «Aber das heisst nicht, dass Investieren fürchterlich ist. Es heisst, dass Preise für eine schreckliche grosse Zahl an Dingen sehr albern aussehen werden.» Die zentrale Frage bleibt da: Wann müssen die Anleger aus dem Börsenkessel springen, um nicht als albern dazustehen? Wer eine Punkt-Prognose wagt, outet sich als Amateur.

No more Swiss-Folklore

Gar nicht albern sehen die Zahlen der Swiss aus: Der Iran-Krieg mit der Schliessung der Drehkreuze in Dubai und Doha hat den Verkehr im März so stark angeschoben, dass er sich im Vergleich zum Vorjahrsquartal fast verzehnfachte, wobei die Preissteigerungen auch auf die Inflationsrate einzahlten. Die grosse Perle im Lufthansa-Konzern strahlt rekordhell. Da wirkt eine Personalie etwas kontraproduktiv: Bei der Übernahme der Swiss durch die Lufthansa vor mehr als zwei Jahrzehnten wurde als Signal Schweizer Eigenständigkeit stets ein Nicht-Luftfahrt-Manager auf dem VR-Präsidentenposten als Kühlerfigur installiert, erst der Anwalt Rolf Jetzer, dann der Notenbanker Bruno Gehrig, vor zehn Jahren der Ex-Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni. Ob die Pflichten jemals über Ambassadoren-Aufgaben hinausgingen, liess sich nie eruieren, die grossen Entscheide fielen stets in Frankfurt.

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Aber immerhin: Der behagliche Posten war angesichts des Mini-Pensums angenehm besoldet (die Schätzungen liegen bei 100 000 Franken), und vor allem: Es gab schöne Erste-Klasse-Flüge zum Bruchteil des regulären Preises, inklusive Ehefrau. Jetzt geht Francioni, ersetzt wird er durch den früheren Swiss-Chef Dieter Vranckx, heute Mitglied der Lufthansa-Konzernleitung. Erstmals kommt ein Interner zum Zug – die Swissness-Kühlerfigur wird in Frankfurt offenbar als nicht mehr notwendig erachtet. Kann man kritisieren – oder als neue Ehrlichkeit interpretieren: Salär gespart, wahre Machtverhältnisse klar kommuniziert. Das Motto in diesen drückenden Zeiten: Keine Zeit für Folklore.

Tragische Merz-Argumente

Und wo wir schon bei Übernahmen sind: Da hat Unicredit jetzt also ein formales Übernahmeangebot für die Commerzbank abgegeben. Doch der angeblich so liberale EU-Binnenmarkt, in dem die Deutschen mit der Swiss sogar einen Player aus einem Nicht-EU-Staat schluckten, endet plötzlich da, wo es um nationale Interessen geht. «Feindliches, aggressives Vorgehen lehnen wir entschieden ab», wiederholt der deutsche Kanzler Merz stetig. Dabei kennt er aus seinen langen Jahren bei Blackrock die Regeln des globalen Kapitalismus: Feindliche Übernahmen gibt es nur aus Sicht des Managements, das um seine Jobs fürchtet. Für die Aktionäre als Eigentümer gilt nur: Stimmen Story und Preis - oder nicht?

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Gewiss, zum einjährigen Amtsjubiläum hat Merz mit seiner rekordtiefen Zustimmungsrate grössere Probleme. Aber stets die Bankenunion in Sonntagsreden preisen, sie dann aber in der Praxis mit fadenscheinigen Argumenten blockieren, um den linken Koalitionspartner SPD und die Gewerkschaften nicht zu vergrätzen: Das senkt seine Glaubwürdigkeit weiter. Hier liegt das Drama des verhinderten Reformkanzlers: Man nimmt ihm seine marktwirtschaftliche Gesinnung und seinen Erneuerungs-Willen ab. Aber er ist so gefangen in dysfunktionaler Koalitions-Statik, dass er bis zur Selbstverleugnung zu abenteuerlichen Argumenten greift. Tragisch.

Nächste Woche: Sieger China

Um auch mit der grossen Politik zu schliessen: Nächsten Donnerstag, am schönen Auffahrtstag, kommt es zum Besuch des US-Präsidenten bei seinem Gegenpart Xi. Am besten bringt es das «Economist»-Cover von Anfang April auf den Punkt, auf dem der Chinese den Amerikaner von hinten zufrieden beäugt: «Never interrupt your enemy when he is making a mistake.»
Wohl selten hat ein chinesischer Präsident eine so grosse Machtfülle gegenüber seinem US-Kollegen gehabt: De facto kann China dem Iran den Waffenstillstand diktieren, wenn es das denn will – es nimmt dem Mullah-Staat gegen 90 Prozent seiner Ölimporte ab und hilft mit Schattenflotten, die US-Sanktionen zu umgehen. Peking ist der wahre MAGA-Profiteur: Wenn es Iran wie dem anderen Schurkenstaat Russland die Daumenschrauben anzieht, wären beide Kriege sofort vorbei. Gleichzeitig hat es volle Energie-Speicher und die Versorgung bereits stark auf Erneuerbare umgestellt, während die USA weitgehend erfolglos enorme Ressourcen verschiessen. Natürlich würde er es nie zugeben, aber die nüchterne Realität lautet: Trump fliegt als Bittsteller nach China.

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