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Bilanz-Briefing

Bei Lindt rächt sich Tanners Machtfülle

Themen der Woche: Tanners Drama, Nestlé vs Tesla, Frankreich-Gewalt, UBS-Ruhe.

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Seit 32 Jahren präsidiert der mittlerweile 80-jährige Ernst Tanner den Verwaltungsrat.
Seit 32 Jahren präsidiert der mittlerweile 80-jährige Ernst Tanner den Verwaltungsrat.BILANZ

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«Political careers always end in failure» lautet die zeitlos-zutreffende Sentenz des britischen Politikers Enoch Powell aus seiner 1977 erschienenen Biografie über den Appeasement-Premier Chamberlain. Angesichts des Lindt-&-Sprüngli-Dramas möchte man hinzufügen: Konzernkarrieren auch – wenn man den richtigen Absprung verpasst. Seit 32 Jahren präsidiert der mittlerweile 80-jährige Ernst Tanner den Verwaltungsrat, viele Jahre im Doppelmandat, der Allmächtige ist der letzte Vertreter der grossen Globalisierungs-Generation der Schweizer Konzernwelt: Brabeck, Vasella, Humer, Ospel – alle weg. Der Schoggi-König hat sie alle überlebt.
Er forderte das Schicksal so lange heraus, bis es zurückschlug – nur so ist die Häme der letzten Tage zu erklären. Denn: Die Krise ist lange nicht so gross, wie es das öffentliche ausgetragene Drama suggeriert. Die Gewinnmarge liegt noch immer bei über 11 Prozent, und auch in diesem Jahr wächst das Unternehmen, aber wegen der überzogenen Preiserhöhungen eben nicht so stark, wie es die von Tanner verwöhnten Aktionäre gewohnt waren: Der Korridor liegt nur noch bei null bis zwei Prozent Wachstum gegenüber vier bis sechs Prozent in den Vorjahren. Aber eben: In diesen atemlosen Zeiten braucht es Schuldige, und so richtet sich der Groll gegen den Langzeit-Lenker, der als «exekutiver VR-Präsident» (diesen Titel kennt das Schweizer Aktienrecht nicht) genauso in der Verantwortung steht wie sein bisheriger CEO Adalbert Lechner. Tanner reichte mit einer speziellen Mischung aus Ruchlosigkeit und Verzweiflung den Druck nach unten weiter – und opferte seinen Vertrauten, der 33 Jahre an seiner Seite stand. Abschiede sind eine Kunst.

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Musks Macht

Die Parallelen zu Nestlé sind offensichtlich: Wie Lechner wurde auch der lange so erfolgreiche Mark Schneider vor zwei Jahren abrupt entsorgt, weil die Kunden sich den Preissteigerungen verweigerten und das Wachstum einbrach. Die Zahlen des Nahrungsmittelriesen von gestern zeigen: Die Erholung bleibt ein zähes Geschäft. Positiv: Die neue Führung lässt sich von ihrem Hauptfokus der internen Wachstum-Steigerung nicht abbringen. Und anders als bei der letzten Quartalspräsentation im Sommer brach der Kurs dieses Mal nicht ein, sondern legte zu, trotz solidem Steigflug in den Vortagen. Die Lehre für Lindt & Sprüngl bleibt dennoch: Es drohen mühsame Quartale.
Allerdings zeigt das Nestlé-Zahlenwerk auch: Fundamentaldaten sind an der Börse – zumindest kurzfristig – oft nur Nebensache. Auch Tesla lieferte diese Woche Quartalszahlen, die Umsatzwerte (28 Milliarden Dollar) liegen nah bei Nestlé (23 Milliarden Franken). Der Unterschied ist der Nettogewinn: Bei Tesla erwarten die Analysten dieses Jahr umgerechnet knapp vier Milliarden Franken Gewinn, bei Nestlé sind es zwölf Milliarden. Der Profit von Nestlé ist damit dreimal so hoch, der Börsenwert von Tesla (1500 Milliarden Dollar), dafür aber sechs Mal so hoch – crazy Börsenwelt. Jetzt will Migthy Musk seinen Autobauer mit seiner KI-Weltraumfirma SpaceX verschmelzen: Zum grössten Konglomerat der Wirtschaftshistorie mit kärglicher Transparenz, heftiger Aktionärsrechts-Beschränkung (die Kontrolle liegt über spezielle «Super-voting shares» bei Musk) sowie dem grössten Key-Man-Risk der Konzerngeschichte – und die Kurse von beiden Firmen ziehen an. Ja, da ist Nestlé langweilig. Aber solide und profitabel.

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Frankreichs Gewalt

Und ganz ohne Frankreich geht es in diesen Tagen nicht, und dabei natürlich vor allem nicht ohne die selbst-deklarierte Grösse seiner Denker-Ikonen. Es werde «ein Davor und ein Danach dieses 17. Oktober geben» verkündete der stets in weissem Hemd gehüllte National-Intellektuelle Bernard-Henri Levi, in Frankreich als «BeeAschEll» berüchtigt. Dass Aufstände, oft leider auch gewalttätige, in keinem europäischen Land so stark Teil der nationalen Tradition sind wie in Frankreich, verblasst da hinter den grossen Worten. Kein gewählter Präsident der westlichen Welt hat eine derartige Machtfülle wie der von de Gaulle entsandte Staatenlenker der Fünften Republik, und das - oft gewaltsame - Auflehnen gegen den modernen König ist da Teil des republikanischen Ur-Verständnisses.
Bei allem Schock sollte deshalb nicht vergessen gehen: Die grosse Schlacht steht noch bevor. Mehr als 30 Präsidentschafts-Anwärter tummeln sich in dem Feld für die Wahlen im Frühjahr, und davon profitieren vor allem die Extreme: Linksaussen Mélenchon und Rechtaussen Le Pen. Sollten sie sich wirklich bei der Stichwahl gegenüberstehen, droht eine weitere Radikalisierung des gesamten Systems – mit noch höherem Gewaltpotential.

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Nächste Woche: Sieger Bankerhass

Am Montag startet auch die Wirtschafts-Kommission des Nationalrats mit ihren Beratungen über die UBS-Regulierung, am Mittwoch tritt dann UBS-Chef Ermotti erstmals nach dem für die Bank so desaströsen Ständerats-Entscheid für die Präsentation der Quartalszahlen öffentlich auf.
Allzu grosse Erwartungen sollte hier niemand haben: Wenn schon das Votum der Ständerats-Kommission für den Entscheid der kleinen Kammer irrelevant war, so ist es der Entscheid der Nationalrats-Kommission der gegenüber Banken noch unfreundlicheren grossen Kammer erst recht. Und Ermotti wird sich kaum jetzt schon über die Reaktion der UBS äussern – die Analyse ist intern erst angelaufen. Alle Wirtschaftsverbände haben sich gegen die harte Regulierung der Regierung gestellt, sie «macht die UBS nicht sicherer» urteilt selbst der Rivale JP Morgan. Doch de facto ist die Zeit für Sachargumente vorbei. Der Bankerhass hat leider gesiegt.

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