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Bilanz-Briefing

Tännler kippt beim Zuwanderungsstreit

Die Themen der Woche: Tännlers Volte, Schneiders Comeback, Pradellis Aufstieg, Finanzplatz-Blues

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Die Debatte um die Zuwanderung ist längst zu einem Austausch von Glaubensbekenntnissen erstarrt. BILANZ

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Wir müssen mit zwei deutschen Ex-Regierungschefs beginnen, weil sie diese Woche spezielle Relevanz erlangten: Gerhard «Gas-Gerd» Schröder solle die Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine leiten, fordert Moskau-Autokrat Putin in einer der bizarreren Volten der jüngeren Geschichte. Allerdings mit geringen Realisierungschancen, und das liegt nicht nur daran, dass der 82-Jährige Schröder heute von seiner Frau vor allem auf Instagram als Hausmann in Szene gesetzt wird, sondern vor allem daran, das der bekennende FOW (Friend of Wladimir) im europäischen Lager jegliche Glaubwürdigkeit verspielt hat. Gewichtiger ist da ein Zitat des grossen Konrad Adenauer: «Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.» Es führt direkt zu Heinz Tännler.
Der SVP-Finanzdirektor des Erfolgskantons Zug hat ebenfalls eine wilde Volte hingelegt. Im Herbst sprach er sich noch mit voller Wucht gegen die 10-Millionen-Initiative aus – «eine strikte Obergrenze würde die Wirtschaft mit einem Schlag abwürgen.» Jetzt die Schubumkehr auf die offizielle Parteilinie: «Die Schweiz kann nicht so weiterwachsen. Wir kommen an eine Grenze» trompetet er via Blick. «Absurdes Theater für Fortgeschrittene» ätzt die NZZ über den bislang so grossen Zuwanderungs-Promoter Tännler. Nun lassen sich in der Endlos-Debatte um die Einwanderung für beide Seiten valable Argumente finden. Doch seit letztem Oktober sind keine neuen hinzugekommen, die Debatte ist längst zu einem Austausch von Glaubensbekenntnissen erstarrt. Fakt ist: Aus ökonomischer Sicht bedeutet eine statische Einwohner-Obergrenze in der Verfassung mit punktgenauem Schwellenwert einen Verzicht auf eine Wachstums-Option - nicht unbedingt die intelligenteste Lösung für den von vielen Bürgern subjektiv empfundenen Dichtestress.

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Da braucht es die Dialektik der beiden Ex-Kanzler. «Nichts hindert mich daran, jeden Tag klüger zu werden», darf Tännler Adenauer für sich reklamieren. «Hol mir mal ‘ne Flasche Bier, sonst streik ich hier» wäre wohl die Replik Schröders.

Nestlé vs Siemens

Und wo wir schon in Deutschland sind: Da hat es Mark Schneider jetzt doch geschafft auf einen der wichtigsten Posten der deutschen Firmenwelt. Die Kollegen vom deutschen Manager-Magazin hatten unlängst noch berichtet, dass die Siemens-Familie den Sprung des Ex-Nestlé-Chefs auf den Präsidentensessel der Industrie-Ikone kritisch sehe. Doch jetzt wurde die Berufung bestätigt: Nächsten Februar wird Schneider neuer Siemens-Aufsichtsratschef.
Überraschend? Immerhin hatte Schneider die Fähigkeit, die tief zerstrittenen Nestlé-Granden Bulcke und Brabeck in einem Punkt zu einen: Sie schoben dem so lange so Hochgelobten die Schuld für die Malaise des Nahrungsmittelriesen zu. Wirklich fair war das nicht: Brabeck hatte Schneider höchstpersönlich ausgewählt, Bulcke alle Entscheide mitgetragen. Ein nachhaltiger Image-Schaden blieb trotz Schneiders ruppigen Abgangs aus: Offenbar hat der Chrampfer – jeden Sonntag im Büro – auch kritische Aktionäre und die Siemens-Familie überzeugt. Die Nestlé-Aktie führte Schneider einst auf das Allzeit-Hoch von 129 Franken, derzeit dümpelt sie wieder unter der 80-Franken-Marke. Siemens stand gestern auf einem Allzeit-Hoch. Steigerung ist da schwierig. Bleibt spannend.

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Neuer Ober-Banker

Und dann haben wir einen anderen neuen Präsidenten, der gern zum mächtigsten Banker überhöht wird: Mit EFG-Chef Giorgio Pradelli übernimmt einer der wenigen Banker mit intaktem Image die Führung der Bankiervereinigung. Interessant dabei: Er will seinen Job als CEO der Privatbank behalten. Das scheint zumindest anspruchsvoll: Seine Vorgänger Marcel Rohner (Vize-VRP UBP) und Herbert Scheidt (VRP Vontobel) waren nicht mehr operativ tätig, das Pensum liegt bei mindestens 40 Prozent. Wenn Pradelli zudem im Vergleich zum eher scheuen Rohner das öffentliche Profil schärfen will, steigt der Bedarf weiter.
Nun leben gute Banker von treffenden Prognosen. Könnte es Pradellis Einschätzung sein, dass die Bankenwelt vor einer neuen Phase der grossen Ruhe steht und er den Posten mit abgespecktem Pensum bewältigen kann? Gewagt wäre eine derartige Prognose auf jeden Fall. Der Druck im Banker-Kessel wird eher steigen. Und sollte der EFG-Chef wie oft spekuliert zusätzlich in den Akquisitions-Modus schalten, würde ihn das Stammgeschäft noch stärker binden. Giorgios Grenz-Erfahrung.

Nächste Woche: Finanzplatz-Druck

Ein Thema wird auch den neuen Verbandspräsidenten sicher begleiten: Die UBS-Regulierung. Noch-Präsident Rohner hat die harten neuen Kapitalvorschriften stets bekämpft, und dass er einst selbst UBS-Chef war, lieferte den Kritikern einen einfachen Angriffspunkt, wenn auch nicht unbedingt valabel. Diese Anfeindung fällt jetzt weg. Grossbanken-Vergangenheit hat der Italo-Schweizer Pradelli nur bei der Deutschen Bank, und für sie muss er nicht lobbyieren.

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Wie stark das Thema weiter Emotionen schürt, zeigt auch unser Bilanz Business Talk zum Finanzplatz, mit Experten und einem prominentem Praktiker, ausgestrahlt am Sonntag und in der nächsten Woche.

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