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Bilanz-Briefing

Wohlstands-Verwahrlosung im Standort Schweiz

Themen der Woche: Grounding-Jubiläum, Schoggi-Schmelze, Spuhlers harte Hand, Singapur-Dating.

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BILANZ

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Es ist ein spezielles Jubiläum: Heute genau vor 25 Jahren, am 2. Oktober 2001, fand das Swissair-Grounding statt. Das Interessante daran: Die Reflexe sind geblieben. Damals war angeblich die UBS die Schuldige des Dramas, weil sie nicht rechtzeitig einen Notkredit zur Verfügung gestellt hatte. Jedoch: In fast jedem anderen Land der Welt wäre es der Staat gewesen, der in der Notlage mit einer überbrückenden Finanzierung die ikonische halb-öffentliche Airline vor der Grounding-Blamage gerettet hätte. Doch die überforderte Regierung versteckte fehlende Expertise und mangelnden Durchsetzungs-Anspruch hinter liberalen Sonntags-Argumenten. Auch wenn es am Ende halbwegs gut herauskam: Die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts wurde geschwächt.
Ähnlich bei der CS: Die staatlichen Stellen schauten dem Niedergang jahrelang zu und trauten sich am Ende nicht an eine temporäre Teilverstaatlichung, wie in anderen Ländern üblich – das Aus der zweiten Grossbank schwächte den Finanzplatz massiv. Und jetzt schauen ebenfalls alle zu, wie die Staats-Vertreter die letzte Grossbank, die mit der CS-Übernahme den überforderten Magistraten die Schmutzarbeit abnahm, ohne Not und komplett gegen den internationalen Trend schwächen. Wettbewerbsfähigkeit? Interessiert uns nicht.

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Luxemburgs Finanzminister Gilles Roth ist Präsident von «Luxembourg for Finance», einer staatlich-privaten Förderungs-Organisation, die jedes Jahr sieben Millionen Euro in den Finanzplatz investiert. Singapur mästet einen «Financial Sector Development Fund», der pro Jahr umgerechnet sogar 130 Millionen Franken in Standortförderung pumpt. Das Finanzdepartment hat die Promotions-Agentur Finance Swiss zusammengestrichen und will keine Fördergelder mehr zur Verfügung stellen. In anderen Ländern kämpfen die staatlichen Stellen für den Finanzplatz. In der Schweiz bekämpfen sie ihn. Man verzeihe die harsche Wortwahl: Wohlstands-Verwahrlosung.

Lindt&Sprüngli-Schmelze

Das ist ein unerwartetes Opfer des Klimawandels: Der Hitzesommer hat bei Lindt & Sprüngli die Lust auf Schoggi und damit den Absatz massiv schmelzen lassen – und den Börsenwert gleich mit: Die zweite Umsatz-Guidance-Korrektur in diesem Jahr liess den Kurs in dieser Woche um mehr zehn Prozent abstürzen, seit Jahresbeginn liegt das Minus bei über 30 Prozent.
Auffällig: Die Parallelen zu Nestlé. Firmenpatriarch Ernst Tanner und sein CEO Adalbert Lechner glaubten wie der Ex-Chef Mark Schneider, Preiserhöhungen einfach an die Kunden weiterreichen zu können – klappte leider nicht. Auch Lindt & Sprüngli schwächelt wie damals Schneider beim Volumenwachstum, drei – wahrscheinlich bald vier - negative Quartale sind die Folge. Bleibt die Frage: Endet es auch wie bei Nestlé? Der Nahrungsmittelriese erreichte sein Hoch von fast 130 Franken vor fünf Jahren, dann ging es auf unter 80, da dümpelt die Aktie noch heute. Bei Lindt & Sprüngli ist der Absturz ähnlich heftig, wenn auch rasanter – und das provoziert die Frage: Stehen wir ebenfalls vor einer Dauerflaute? Einen gewichtigen Unterschied gibt es allerdings: Der lange so bewunderte Schneider wurde vor zwei Jahren maximal unsentimental geschasst – Langzeit-Herrscher Tanner wird sich dagegen kaum selbst vor die Tür setzen. Der Druck kann nur von den Aktionären kommen.

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Spuhlers Kante

Da räumt einer auf: Am Dienstag ernannte Peter Spuhler den neuen Stadler-Chef, am Mittwoch schasste er als grösster Einzelaktionär bei Rieter den Doppelmandatsträger Thomas Oetterli. Die ZKB bedachte den Ex-Schindler-Manager mit einem Adjektiv, das man nicht unbedingt beim Abgang lesen will: «Positiv».
Dass der Noch-Stadler-CEO Markus Bernsteiner dem fordernden VR-Präsidenten etwas zu sehr Verwalter war, galt schon länger als offenes Geheimnis. Doch primär ging es vor allem darum, der scharrenden nächsten Generation den Aufstieg zu ermöglichen: Der neue CEO Philipp Brunner, ein Eigengewächs, ist 42 Jahre alt. Interessant aber: Bernsteiner hatte alle VR-Mandate abgeben, als er vor drei Jahren den CEO-Posten übernahm. Oetterli dagegen bekleidete nicht nur das Doppelmandat, das Spuhler bei Stadler abgelegt hatte, er war auch noch Präsident beim Bauwerkzeug-Hersteller SFS. Er hinterlässt einen Scherbenhaufen: Eine überteuerte Übernahme, fehlende Kundenpflege, befeuert durch schwache Nachfrage – der Kurs stürzte in seiner Amtszeit um 80 Prozent ab. Sagen wir es so: Für Kriegszeiten war die Ämterkumulation nicht geeignet. Doch was macht der neue CEO Daniel Lippuner? Er bleibt weiter VR-Präsident und Mitinhaber des Komponenten-Produzenten Heberlein Technology. Kein gutes Signal.

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Nächste Woche: Singapur-Dates

Die nächste Woche ist Ferienzeit, die Terminlage ist dünn, da schliessen wir mit etwas Auflockerung. Am Dienstag endet die erste Verkupplungs-Runde: Singapur steckt nicht nur Geld in die Finanzplatzförderung, sondern auch in das Liebesleben seiner Staatsangestellten. Weil die Geburtenrate bedrohlich abgesunken ist, hat die Regierung die Dating-App First Date lanciert.
Besonderes Feature: Über einen ausgeklügelten Algorithmus gibt es nur einen Vorschlag für jeden Bewerber. Der Staat als Matchmaker für den Traumpartner - da sind wir vielleicht froh, dass die staatliche Fürsorge bei uns so weit dann doch nicht geht.

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