Was ist die grössere Strafe für Narzissten: Aufmerksamkeits-Entzug - oder Befehls-Verweigerung? Wir wissen es nicht. Aber sicher ist: Die Höchststrafe ist die Kombination, und sie durchlebt der US-Präsident gerade. Seine konsequent umgesetzte Sinn-Entleerung des gesprochenen Wortes hat dazu geführt, dass fast niemand mehr wirklich hinhört. Und dann stellen sich alle gegen ihn: Der von ihm ernannte Fed-Chef Warsh erhöht die Zinsen, die von ihm ernannten Richter im Supreme Court schützen die Rechte der Briefwähler und den Pass-Anspruch der Neugeborenen, die Medien wehren sich erfolgreich gegen den Ausschluss kritischer Fragesteller aus dem Weissen Haus. Die amerikanische Geschichte ist eben gnadenlos: Der sich abzeichnende Einbruch bei den Zwischenwahlen macht selbst das MAGA-Megafon zur Lame duck.
Ein interessantes Manöver aus seinem letzten Wahlkampf bietet allerdings Anschauungs-Unterricht für die Schweiz. Als Kandidat liess Trump im Sommer 2024 seine Partei die Verschärfung der illegalen Einwanderung an der Südgrenze blockieren. Der Grund: Er brauchte das Thema der löcherigen Grenze für seinen Wahlkampf – und das Kalkül ging auf.
Jetzt freut sich die SVP angeblich, wenn SP-Mann Jans vom Justizministerium in Parmelins Wirtschaftsministerium wechselt – die oder der Neue könnte sich dann im Justizdepartment als harter Cop im Asylwesen aufspielen. Doch eben: Dann könnte die Partei bei den Parlamentswahlen im nächsten Jahr die vermeintliche Malaise nicht mehr als Kernthema beackern und dem angeblich ach so unfähigen Jans in die Schuhe schieben, sondern stünde selbst in der Verantwortung. Und im Nahkampf mit Bestimmungen, Behörden und Bedenkenträgern gilt das erste Gesetz der politischen Machtübernahme: Lafere ist einfacher als liefere.
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Zu entspannte Richter
Es ist eine Einladung mit maximalem Vorlauf. Das Obergericht des Kantons Zürich informierte die Medien am Dienstag über die Urteilsverkündung im zweiten Vincenz-Prozess: 11. Januar 2027, 14.00 (die Sekundenangabe fehlte). Beendet wurde der Prozess am 19. August. Das heisst: das Gericht braucht 145 Tage zur Beratung. Beim ersten Prozess im Frühjahr 2022 waren es noch 22 Tage.
Warum die Richter für die Zweitbeurteilung mehr als sechs Mal so viel Zeit benötigen als die eigentliche aufwendigere Erstbeurteilung, bleibt ein weiteres Mysterium der undurchdringlichen Behördenwelt. Der erste Artikel über die Machenschaften des Ex-Raiffeisen-Chefs und seines Kompagnons Beat Stocker erschien vor zehn Jahren. Wenn auch der Entscheid des Obergerichts wie angekündigt weitergezogen wird, reden wir von einem letztinstanzlichen Urteil nach 12 bis 13 Jahren. Angesichts dieser epischen Verfahrensdauer verblassen die Untaten des Bankers und seines Zuarbeiters immer stärker. Der Fall ist längst zu einer Justizposse geworden – und die sehr entspannten Richter tragen aktiv dazu. Sagen wir es so: Das Image des Rechtsapparats liegt ihnen nicht am Herzen.
Gefahr aus China
In der Saga der grossen KI-Ausrottungs-Debatte freuen wir uns über das Aufflackern des viel bemühten gesunden Menschenverstands ausgerechnet aus Frankreich, aller wilden Proteste zum Trotz. «Das sind Software-Systeme und die kann man abschalten», betonte diese Woche Arthur Mensch, CEO des französischen KI-Flaggschiffs Mistral. «Man geht in die Kommandozeile im Computer, tippt 'kill', gibt die Prozess-ID ein, und der Prozess ist beendet.»
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Aber was ist denn mit den Untergangsszenarien der grossen KI-Chefs Altman (Open AI) und Amodei (Anthropic)? «Dahinter steckt ein wirtschaftliches Interesse», betont der Firmenchef. Sie wollten mit der Angstmache auch die Überlegenheit ihrer teuren exklusiven Modelle anpreisen: «Jetzt stehen sie unter Druck, weil sich dieses Geschäft nicht mehr lange halten wird.» Die grosse Gefahr: Die deutlich billigeren Open-Source-Modelle der Chinesen, die laut Financial Times in den USA boomen und «die grossen Namen bedrohen». Die KI rottet die Menschheit aus, warnen die amerikanischen KI-Chefs. Die Gefahr ist wohl eher: Die Chinesen rotten sie aus.
Nächste Woche: Blasen-Prophet
Und das führt direkt zur grossen Herbst-Bonanza: Nächsten Donnerstag soll das erste Treffen von Anthropic mit potenziellen Investoren am Firmensitz in San Francisco stattfinden, dann soll auch der Prospekt für den Börsengang vorliegen, mit der angepeilten Bewertung von 2000 Milliarden Dollar – mehr als das Doppelte der gesamten Schweizer Wirtschaftsleistung.
Lassen wir den Hedge-Fonds-Doyen Ray Dalio zu Wort kommen, der schon länger vor einer KI-Blase warnt und diese Woche festhielt: «Jeder sagt: ‹Ich bin eine Milliarde Dollar schwer›. Aber versuchen Sie einmal, das auszugeben. Um Geld auszugeben, müssen Sie Vermögen verkaufen. Genau an diesem Punkt platzt eine Blase normalerweise.» Der Herbst wird heiss.
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