Abo
BILANZ-Briefing

Irans Strategie überrascht die Welt. Was steckt hinter der neuen Bedrohung?

Irans Bombe, Schlegels Härtetest, Migros & Raiffeisen, Schwabs Aufttritt

dirk schutz

9_16_online bild_briefing_neu.jpg
9_16_online bild_briefing_neu.jpg BILANZ

Werbung

Die spezielle Überforderung unserer Zeit manifestiert sich an dem Zusammenspiel zwischen höchstem technischem Fortschritt und einfachsten archaischen Instrumenten. Da zeigt also das amerikanisch-israelische Militärbündnis chirurgische Schläge mit einer Präzision, die jedes Computerspiel verblassen lassen. Doch die Iraner wehren sich mit der Rückkehr ins Mittelalter: Der maritimen Wegelagerei. Mit der Schliessung der Strasse von Hormus legen sie einfach 20 Prozent des Ölhandels lahm und garnieren die Blockade zusätzlich mit Düngemitteln für amerikanische Farmer und Helium-Gas für koreanische Semikonduktoren. Wer braucht schon KI-gelenkte Präzisionswaffen oder gar eine Atombombe, wenn sich mit einfachen Seeminen und schlichten Drohnen eine wirtschaftlich zentrale Meerenge sperren lässt?
Nun ist das nicht neu. Die Angst, den Energiefluss aus dem Golf lahmzulegen, war seit dem Zweiten Weltkrieg die treibende Kraft für US-Präsidenten, den grossen Krieg am Golf zu vermeiden. Eine «Trump Card» hielte der Iran, schrieb der britische Journalist Tim Marshall schon 2015 vor der ersten Wahl des Disruptors-in-Chief sehr vorausschauend in seinem exzellenten Bestseller «Prisoners of Geography» – die Trumpf-Karte der Schliessung der Strasse von Hormus würde für die weltweite Energieversorgung «eine Preisspirale nach oben auslösen.» Indeed.

Partner-Inhalte

Das erhöht Trumps Risiko: Gibt er der heimischen Nervosität an der Börsen- und Inflationsfront nach und bläst den Angriff jetzt ab, hätte er der ganzen Welt eindrucksvoll bewiesen, dass Iran gar keine Atombombe braucht – es hat die Geografie-Bombe für die Weltwirtschaft, die es jederzeit zünden kann. Aus der Angriffsparole «Epic Fury», so befindet das Wall Street Journal, würde dann die «Mother of all lawnmowers» - die Mutter aller Rasenmäher: Die obersten Gräser abgeschnitten, unten bleibt alles gleich. Trump als Greenkeeper der Mullahs - interessante Aussicht.

Franken-Sog

Nun trifft der steigende Benzinpreis die USA weniger stark als Europa und Asien: Sie ist ein Nett-Exporteur von Energie. Aber die steigende Nachfrage heisst eben auch: Die Inflation steigt, und mit ihr der Dollar – und das ist für Trump Gift im Wahljahr. Auch für die Nationalbank ist die Gemengelage unappetitlich: Einerseits bleibt der Magnetismus der Fluchtwährung Franken, was die SNB zur ungewöhnlichen Aussage inspirierte, dass sie bereit sei, am Devisenmarkt zu intervenieren, um eine «rasche und übermässige Aufwertung des Franken abzudämpfen.» Die Botschaft: Der Franken darf nicht noch härter werden. Sonst heisst der letzte Stopp: Negativzinsen.

Werbung

Andererseits: Steigende Energiepreise sind eben inflationär. Und das würde eher für eine Zinserhöhung sprechen, die gerüchtemässig schon durch die Eurozone wabert, und das böse Negativ-Zins-Gespenst aus der Schweiz vertreiben. Tricky times. Seit eineinhalb Jahren steht Martin Schlegel an der SNB-Spitze. Bisher hat er es gut gemacht, aber es waren auch einfache Zeiten. Die See wird rauer, nicht nur am Golf.

Harte Schnitte von der Spitze

Und was die neuen Chefs angeht: Da haben zwei dieser Tage eine Marke gesetzt – und gezeigt, dass auch die Genossenschaftswelt in diesen wilden Zeiten nicht um harte Schnitte herumkommt. Bei Raiffeisen hat der ETH-Ingenieur Gabriel Brenna übernommen – und sofort einen klaren Strich gezogen unter die lästige Leonteq-Beteiligung, dem letzten Rest aus Piz Pierins Empire-Building. Wir dürfen gespannt sein, was der bisherige Mitaktionär Rainer-Marc Frey mit dem Paket macht – ein Verkauf des Derivateanbieters durch den Finanzkönner wäre keine wirkliche Überraschung. Aber natürlich nur, wenn der Preis stimmt.
Und dann ist der Migros-Zürich-Chef Patrick Pörtig, der das Empire-Building seines ebenfalls in der Versenkung verschwundenen Vorgängers Jörg Blunschi abwrackt: Der deutsche Sanierungsfall Tegut wird mit einem Abschreiber von 570 Millionen Franken verkauft. Das Verdikt Pörtigs über das beinharte deutsche Detailhandelsgeschäft ist glasklar: «Wenn Sie mit Märkten in dieser Grösse zur Einkaufsstätte für Ergänzungskäufe degradiert werden, dann haben Sie ein Problem.» Bleibt die Frage, warum die Zeit von der Erkenntnis bis zur Aktion doch recht lange gedauert hat. Aber jetzt ist die Tatkraft ja da, noch rechtzeitig. Denn das ist der vielleicht grösste Vorteil eines Chefwechsels: Fehlentscheide sind nicht mehr an das Ego an der Spitze gekoppelt. Doch leider lehrt die Geschichte: Die Klarsicht hält nur so lange, bis auch die neuen Chefs ihre eigene Fehlentscheide verteidigen. Noch dürfen Brenna und Pörtig ihre Freiheitsgrade geniessen.

Werbung

Schwabs Auftritt

Orientierung ist in diesen turbulenten Wochen ein rares Gut. Wer überzeugend einordnen will, muss viel erlebt haben – und das mit realen Begegnungen abseits der digitalen Dauer-Beschallung. Eine Person ist da besonders prädestiniert: Wir erwarten bei unserem Bilanz Business Talk, ausgestrahlt am Sonntag und am Folgewochenende (siehe unten), einen Gast, der mehr als 50 Jahre Zugang zu den Zentren der Macht hatte - WEF-Gründer Klaus Schwab.
Es ist sein erster Fernsehauftritt nach seinem turbulenten Abgang im letzten Jahr. Gerade hat er ein neues Buch veröffentlicht mit dem verheissenden Titel: «Restoring Truth and Trust». Man könnte sagen: Wahrheit und Vertrauen sind heute so wichtig wie selten zuvor. Schalten Sie ein – wie freuen uns auf Sie!

Über die Autoren

Relevante Themen

Werbung