Die Debatte um die 10-Millionen-Initiative erreicht passend zum Wetter neue Hitzestände, deshalb hier mit kühlem Kopf ein einfaches Geografie-Quiz: In welchem Land Europas ist der Dichtestress am grössten – gemessen an der Einwohnerzahl pro Quadrat-Kilometer? Unangefochten vorn: der Kleinstaat Monaco mit 18 690 Personen, die sich im Schnitt auf 1000 mal 1000 Meter drängen. Es folgen wenig überraschend weitere Kleinstaaten: Vatikanstadt, Malta und San Marino. Dann wird es interessant: als erster Flächenstaat kommen die Niederlande auf Platz fünf mit 551 Einwohnern pro Quadratkilometer, gefolgt von Belgien. Und die Schweiz? Liegt mit 225 Einwohnern gerade auf Platz 11, sogar hinter Grossbritannien und Deutschland.
Gewiss, das subjektive Empfinden ist bei vielen Bürgern anders, es gilt einmal mehr das leider oft faktenanfällige Mantra des «Perception is reality». Und das spezielle Schweizer Initiativen-System fördert auch die Transparenz des Unmuts: Eine Abstimmung in dieser Form ist in keinem anderen Land möglich, würde aber wohl in der aufgeheizten derzeitigen Lage fast überall zu ähnlichen Debatten und knappen Ergebnissen führen.
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Zitieren wir also nach dem Bahn-Vormann Peter Spuhler von letzter Woche («zu scharf und zu extrem») zwei weitere Personen mit kühlem Kopf, die gar nicht im Verdacht stehen, EU-Turbos zu sein. Die Initiative sei «ein radikaler Weg» und «nicht nach meinem Geschmack» urteilte Partners-Group-Co-Gründer Fredy Gantner in der NZZ – er bekämpft das neue Vertragswerk mit der EU vehement und wurde am Mittwoch sogar von Aktivisten attackiert. Die Schweizer wollten sich nicht mehr die Hände schmutzig machen wollen und Arbeiten von Strassenbau bis Gastro nicht mehr annehmen, betont auch Gastro-Grande Rudi Bindella im Blick: «Da finde ich es ethisch verwerflich, wenn wir diese Leute ausgrenzen. Das sendet ein falsches Zeichen.» Ja, das plumpe Abstreiten des subjektiven Unbehagens vieler Bürger ist der falsche Weg. Aber eine punktgenaue Obergrenze festzulegen und sie gar in die Verfassung zu schreiben, ist zwar ein starkes Zeichen der direkten Demokratie – aber ökonomisch ein Fehler: Die Schweizer Wirtschaft verzichtet unnötig und ohne Gegenwert auf Flexibiliät. Bad deal.
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Trister Abstieg
Und wo wir schon beim Wohlstand sind: Da ist jetzt also wirklich passiert, was lange nur eine Befürchtung war. Die Schweiz ist in ihrer Paradedisziplin Wealth Management nicht mehr die Nummer eins auf der Welt – Hongkong hat sie überholt, wie die Boston Consulting Group in ihrem neuen Global Wealth Report aufzeigt. Gewiss, da spielen auch Verzerrungen im chinesischen Markt eine Rolle, denn die einstige britische Kolonie zieht vor allem die Milliarden der chinesischen Unternehmerschaft an. Doch Fakt ist: Der Abstieg ist reell. Vor dreissig Jahren verwalteten die Schweizer Banken noch mehr als 3000 Milliarden Franken aus dem Ausland, ein Drittel aller Offshore-Gelder. Heute sind es umgerechnet nur noch gegen 2400 Milliarden Franken – und der Marktanteil in dieser Königsdisziplin beträgt nur noch ein Fünftel, mit fallender Tendenz.
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Ja, dazwischen liegen der Tod des Bankgeheimnisses und zwei Grossbankenkrisen. Aber dennoch: Angesichts der globalen Verwerfungen müsste die Schweiz als Safe haven die klare Nummer eins sein. Gewiss, die Banken haben Fehler gemacht, und vielleicht ist auch das Personal an den Schalthebeln nicht mehr selbstbewusst kompetent genug. Doch Fakt ist auch: Banker sind toxisch geworden für die gesamte Politkaste, inklusive der einstigen Bankenpartei FDP. Das Motto: Hardcore-Regulierung statt Hardcore-Unterstützung. Friendly Fire beschleunigt den Niedergang.
Jahrhundert-Mann
«Der Wirtschafts-Anwalt» nannte Friedrich Dürrenmatt sein Gemälde des Mannes, der ihn rechtlich beriet und auch sein Willensvollstrecker war. Doch Peter Nobel, verstorben am Mittwoch im Alter von 80 Jahren, war mehr als das, viel mehr: Kein Jurist des Landes war so belesen, so weltläufig und dabei dennoch so herrlich positiv schweizerisch wie der gebürtige St. Galler, der neben seinem legendären Militärvelo seinen zahlreichen Motorisierungen zu Wasser (ein Rennboot), zu Land (zwischen Fiat 500 Abarth und Ferrari) und in der Luft (Cessna 210) frönte. Viele hatten ihn zum Freund, weil er sozial und intellektuell ein grosser Geber war - und anders als so viele Vertreter der Juristen-Zunft niemals langweilte. Zum Feind wollte man ihn juristisch nicht haben.
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Und er war ein Patriot. «Wir haben die Swissair verloren, wir haben die CS verloren, und jetzt zerstören wir aus Dummheit auch noch das WEF», verkündete er, als er im letzten Frühjahr erstmals von den Anschuldigungen gegen den WEF-Gründer Klaus Schwab hörte. Die Männer kannten sich nicht, doch sein Gerechtigkeitsgefühl liess ihn angesichts der hanebüchenen Vorwürfe sofort für Schwab Partei ergreifen. Der engagierte ihn – und Nobel brillierte ein letztes Mal im grossen Scheinwerferlicht: Schwab wurde von allen Vorwürfen freigesprochen. Da ist ein Jahrhundert-Mann gegangen.
Nächste Woche: Noch kein Fussball
Die (fast) letzte Fussball-freie Woche steht vor uns, nur ein paar Testspiele stehen an vor dem Mammut-Turnier. Wir widmen der Fifa unsere neue Titelgeschichte und beschreiben dort den Ausbau des Weltverbands zu einer nie gekannten Geldmaschine. Gianni zwischen Gewinn und Grössenwahn: Der Walliser mit italienischen Wurzeln und libanesischer Ehefrau lässt seinen Verband in den USA zur profitabelsten Entertainment-Maschine der Sportgeschichte mutieren – inklusive zu Trinkpausen verbrämter Werbeunterbrechungen, HalbzeitShows mit Madonna, fünfstelliger Ticketpreise und einer Rekordzahl von Spielen, die selbst Hardcore-Fans überfordert. Früher optimierte die Fifa ihre Monopolmacht, heute setzt Infantino auf radikale Maximierung. Dass Josef «Finten-Sepp» Blatter fast als Heiliger dasteht, ist das wohl speziellste Vermächtnis Infantinos.
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