Abo
BILANZ-Briefing

Noise oder Signal?

Chefredaktor Dirk Schütz zieht Halbjahresbilanz in sieben Punkten.

Dirk Schütz

9_16_online bild_briefing_neu.jpg
«Die Signale im grossen Dezibel-Rausch stimmen positiv – ein guter Startpunkt für die Sommerpause», schreibt Chefredaktor Dirk Schütz. BILANZ

Werbung

Das Jahr begann bereits extrem laut mit dem Grönland-Terror des Disruptors-in-Chief, und gesunken ist der Geräuschpegel in den letzten Monaten nicht wirklich. Zwar mag es tröstlich sein, dass die einzelnen Lärmpunkte immer schneller verrauschen – als Trump jüngst beim Nato-Gipfel in Ankara wieder von der Übernahme Grönlands fabulierte, wurden seine Fantastereien einfach ignoriert. Doch es gibt immer neue, und auch sonst sehr viel Lärm. Wagen wir in unserer traditionellen Halbjahres-Bilanz deshalb die zentrale Einschätzung im rasenden Rauschen in sieben Punkten: Noise oder Signal?

Das Comeback der Geopolitik

Natürlich war die grosse Zäsur der letzten Jahre der russische Ukraine-Überfall, doch das erste Halbjahr lieferte weitere Beweise: Hard facts matter. Trump hat den Hardlinern im Iran den Beweis beschert, dass sie mit der Schliessung der Strasse von Hormus die Weltwirtschaft erpressen können – bislang war das nur Theorie. Zuvor hatte er schon die Chinesen im Zollkrieg den Beweis antreten lassen, dass sie die westliche Welt mit ihren seltenen Erden ebenfalls erpressen können. Und auch die Europäer hätten eine Waffe, die sie aber kaum ziehen werden: Die Schliessung der amerikanischen Militärbasen – ohne das deutsche Ramstein etwa könnte Trump seine gesamten Nahost-Machtspiele vergessen. Die Rückkehr der Geopolitik: Signal statt Lärm.

Partner-Inhalte

Andy Burnhams schwarzer Pullover

Der neue Briten-Premier Burnham gibt sich volksnah und setzt deshalb fast schon trendig auf schwarzen Rundkragen-Pullover statt weissem Statushemd unter dem Sakko. Das mag der Image-Pflege dienen, ist aber vollkommen irrelevant. Regierungschef-Wechsel mögen zuweilen bedeutsam sein, in der Regel werden sie aber überschätzt, und da ist Burnham das beste Beispiel: An den strukturellen Problemen Grossbritanniens sind ein halbes Dutzend Premierminister im letzten Jahr gescheitert. Nach all den luftigen Verheissungen im Wahlkampf hat die Schwerkraft des Faktischen fast noch jeden Politiker im Amt eingeholt. Deshalb ist das Schweizer Modell so realistisch-erfolgreich: Die Politiker sind Technokraten ohne Starallüren, im Ausland kennt sie fast niemand (ausser Trump KKS natürlich). Politiker-Positionierung: Fast immer Noise.

Offene Märkte: Ja, doch!

Die grosse Frage bleibt: Die Anspannung ist hoch, Kriege in der Ukraine und im Iran, Seeblockaden – warum boomt die Börse trotzdem? Auch der SMI meldet Rekordstände, wie so viele andere Handelsplätze auch. Ein Grund: Die Nachrichten über das Ableben der Globalisierung sind verfrüht. Natürlich drücken Zoll-Kraftmeiereien auf den Welthandel, und wenn über Wochen ein Fünftel des Ölflusses versiegt, leidet die gesamte Weltkonjunktur. Aber dennoch: Für dieses Jahr prognostiziert die WTO allen Hürden zum Trotz ein Wachstum im Welthandel bei Waren von 1,9 Prozent, bei Dienstleistungen sogar von 4,8 Prozent. Allein in den letzten 20 Jahren hat sich der Welthandel fast verdreifacht. Wir erleben einen säkularen Trend. Die Globalisierung lebt: Signal.

Werbung

Zinsen zählen

Und was in dem Lärm ebenfalls zu oft vergessen geht, und das führt zur zweiten Säule dieses säkularen Trends: Wir befinden uns historisch gesehen weiterhin in einem Tiefzins-Umfeld. Ja, der Öl-Rohstoff-Engpass drückt, und die heiss gelaufene US-Wirtschaft hat ihr Zwei-Prozent Inflations-Ziel noch nicht erreicht. Doch all das wirkt nur temporär. Es war beeindruckend, wie schnell nach der Pandemie die Inflation wieder auf das tiefe New Normal zurück fiel, mit der Schweiz an der Spitze. Und das heisst: Tiefe Zinsen bleiben. Starkes Signal.

Profit matters

Und das führt, gerade auch für die Schweiz, zu einem weiteren positiven Befund: Tiefe Zinsen senken die Unternehmenskosten und erhöhen damit die entscheidende Kennzahl für den Aktienkurs: Die Profitabilität. Ja, der SMI zählt keine KI-Überflieger – aber seine Weltkonzerne verstehen es zum Grossteil meisterhaft, die neuen Technologien zu adaptieren, wie die Pharmagiganten Roche und Novartis, oder von ihnen zu profitieren, wie der diesjährige Börsenprimus ABB mit seinem Stromknowhow. Gewiss – es gibt Verlierer, mit dem lange so erfolgsverwöhnten Private-Equity-Haus Partners Group an der Spitze: Der Kurs brach um einen Drittel ein. Doch im Schnitt ist die Profitabilität von ABB bis Zurich noch immer sehr hoch. Das Fundament ist stark. So entstehen Börsenrekorde inmitten globaler Umwälzungen. Indikator Profitabilität: Starkes Signal.

Werbung

Die grosse KI-Frage

Und das führt zur grossen Frage, ohne die keine Einordnung in diesen Tagen auskommt. Künstliche Intelligenz: Manie oder Magie? Da sind zum einen die Nachrichten von der Basis. Im Midterm-Wahlkampf in den USA gewinnt die Polemik gegen die vermeintlich job-zerstörende Technologie mit ihrer Strom-Gier stark an Fahrt, und dass KI-Chatbots laut einer Analyse der Washington Post bei ihren Antworten in die linke Woke-Ecke tendieren, bietet besten Wahlkampf-Stoff für MAGA-Amerikaner. Beunruhigend auch: Als der japanische Tech-Grossinvestor Softbank unlängst seine Beteiligung am KI-Riesen Open AI mit einem Kredit beleihen wollte, fand er keine Bank – den Finanzmanagern war das Geschäft zu heiss. Der zentrale Kritikpunkt: Noch fehlt den AI-Highflyern mit ihren Zilliarden-Investments der klare Weg zu besagter Profitabilität. Die grösste Blase aller Zeiten? Nobody knows. Riesiges Potential? Bestimmt. Noise oder Signal? Keine Ahnung.

Fifa-Wahnsinn

Ganz ohne Fussball geht es kurz vor dem Ende des denkwürdigen Marathon-Turniers nicht. Das Fazit: Faszination und Emotionen bleiben, weil es sich um ehrlichen Sport handelt. Keiner der Multi-Millionarios auf dem Rasen muss sich bei 40 Grad quälen, doch sie tun es, weil sie dem ureigenen menschlichen Antrieb folgen, befeuert durch die Seltenheit des Ereignissses: Grosses zu erreichen – abseits von monetären Einheiten. Deshalb funktioniert das weltgrösste TV-Entertainment überall, ob in Russland, Katar, Amerika und irgendwann auch in Saudi-Arabien und auf dem Mars, das weiss auch der schreckliche Infantino mit seinem Monster-Geldtrieb nur zu gut. Trösten wir uns. Sein Verhalten: Noise. Die Leidenschaft für Leistung und Exzellenz: Signal.

Werbung

Und so schliessen wir optimistisch: Die Signale im grossen Dezibel-Rausch stimmen positiv – ein guter Startpunkt für die Sommerpause. Geniessen Sie die Sonne! Das nächste Briefing erreicht Sie am 14. August.

Über die Autoren

Werbung