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Fuhrs Woche

Wie Kinder und Grosseltern voneinander lernen

Grosseltern und Enkel sind die perfekte Kombination. Erst durch sie erleben sie, was Vergangenheit und Geschichte bedeuten. Und sie lernen Kulturtechniken, die viele Eltern nicht mehr beherrschen.

Eckhard Fuhr

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Opa hat Musse fΓΌr Sachen, fΓΌr die der Vater oft keine Zeit aufbringt.Β Β Keystone RMS

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In dem MΓ€rchen Β«Der alte Grossvater und der EnkelΒ» von den GebrΓΌdern Grimm ist der Grossvater ein Β«steinalter MannΒ». Er sah und hΓΆrte nicht mehr gut, die Knie zitterten ihm. Beim Essen konnte er den LΓΆffel kaum halten. Er verschΓΌttete die Suppe auf das Tischtuch Β«und es floss ihm auch etwas wieder aus dem MundΒ».
Davor ekelten sich sein Sohn und seine Schwiegertochter und verbannten ihn beim Essen hinter den Ofen. Einmal Β«konnten seine zittrigen HΓ€nde das SchΓΌsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hΓΆlzernes SchΓΌsselchen fΓΌr ein paar Heller, daraus musste er nun essen.Β»
Nun kommt der Enkel ins Spiel. Er trΓ€gt Β«kleine BrettleinΒ» zusammen und erwidert auf die Frage des Vaters, was das solle: Β«Ich mache ein TrΓΆglein, daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich gross bin.Β» Darauf weinten Vater und Mutter sehr und holten den Grossvater wieder an den Tisch zurΓΌck und sagten auch nichts mehr, wenn ihm etwas Suppe aus dem Mund lief.
In aller Unschuld erteilt der kleine vierjΓ€hrige Bub seinen Eltern nicht nur eine Lektion darΓΌber, dass man Opas nicht wie Schweine behandeln darf, wenn sie nicht mehr ganz so sauber sind. Er erinnert sie auch eindringlich daran, dass das Alter schon bald bei ihnen anklopfen wird, dann nΓ€mlich, wenn er selbst Β«grossΒ» ist. Und schliesslich zeigt er durch sein Verhalten, dass zwischen ganz Jungen und ganz Alten, zwischen Enkeln und Grosseltern eine Art von EinverstΓ€ndnis herrscht, aus dem diejenigen, die Β«mitten im LebenΒ» stehen, ausgeschlossen sind.

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Die Kaltherzigkeit der aktiven Generation

Die moralisierende Absicht des MΓ€rchens ist leicht zu erkennen. In der vorindustriellen Gesellschaft war das Β«AltenteilΒ» kein einladender Ort. Das nΓΆtige Minimum an GenerationensolidaritΓ€t war unter bedrΓ€ngenden wirtschaftlichen und sozialen VerhΓ€ltnissen oft schwer aufzubringen.
Es zu gewΓ€hren, gehΓΆrte aber zu dem auch durch solche ErzΓ€hlungen immer wieder erneuerten moralischen Code der Gesellschaft. Mit grimmiger Unausweichlichkeit waren die Generationen aufeinander angewiesen. Aber selbst in solch freudlosen VerhΓ€ltnissen bringt der Umgang zwischen Enkel und Grossvater einen humanen WΓ€rmestrom in Gang, der die Kaltherzigkeit der aktiven Generation ΓΌberwindet.
Heute ist natΓΌrlich alles ganz anders. Um diese beschwichtigende Floskel kommt man nicht herum. Heutige Grosseltern sind in der Regel weit davon entfernt, Β«steinaltΒ» zu sein. Irgendwann zwischen Ende 50 und Ende 60 kommt ja dieser generationelle Statuswechsel meist. Da sollte man seine Suppe noch lΓΆffeln kΓΆnnen, ohne zu kleckern. Senioren haben agil zu sein.
Als Grosseltern erbringen sie vielfΓ€ltige Leistungen, die in Sozialstatistiken schwer abzubilden sind. Junge Familien, vor allem alleinerziehende MΓΌtter oder VΓ€ter, profitieren von den heute noch ΓΌppigen Pensionen und Renten der Eltern oder von ihren guten Arbeitseinkommen, ΓΌber die sie sich gegen Ende ihres Berufslebens freuen kΓΆnnen. AbschlΓ€ge auf das zu erwartende Erbe dΓ€mpfen das materielle Risiko prekΓ€rer ArbeitsverhΓ€ltnisse oder vorΓΌbergehender Durststrecken des Berufsweges. Wir reden jetzt von der Mittelschicht.

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Auch in GrossstΓ€dten rΓΌcken Generationen zusammen

Wichtiger als finanzielle Hilfe kann Familienarbeit in Form von Kinderbetreuung sein, wenn Eltern und Grosseltern nahe beieinander wohnen. Das ist jenseits der Metropolen weithin NormalitΓ€t, von der wenig Notiz genommen wird. Aber auch in den GrossstΓ€dten rΓΌcken die Generationen wieder zusammen.
Wenn an Wochenenden auf SpielplΓ€tzen und WochenmΓ€rkten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg auffallend viele lΓ€ssig gekleidete Γ€ltere Damen und Herren Kinderwagen schieben, dann sind die nicht immer nur auf Besuch bei Kindern und Enkeln. Manche sind darunter, die dauerhaft dem Ruf der Metropole, mehr aber noch dem der Familie gefolgt sind.
Neben allen praktischen Vorteilen, die dieses ZusammenrΓΌcken bietet, muss man auch eines bedenken. Wer schon einmal Vater und Mutter war, und bei Grosseltern ist das naturgemΓ€ss der Fall, der weiss, wie schnell Kinder sich entwickeln, wie kurz diese wundersame Lebensspanne Kindheit ist und wie viel man verpasst, wenn man nicht dauernd dabei ist. Vor allem VΓ€ter wissen davon ein Lied zu singen. Ihnen soll das nicht noch einmal passieren. Vielleicht kann man ja als Grossvater gutmachen, was man als Vater versΓ€umte.

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Grossvatersein ist kein Anti-Aging-Programm

Man sollte sich allerdings hΓΌten, nach den Β«neuen VΓ€ternΒ» nun vor Begeisterung jauchzend das Leitbild der Β«neuen GrossvΓ€terΒ» zu propagieren. Nichts ist schlimmer als ein vor AktivitΓ€t vibrierender Turbo-Opa. Grossvatersein ist kein Anti-Aging-Programm. FΓΌr GrossmΓΌtter gilt das Gleiche.
Man kommt ja nicht daran vorbei, dass die Geburt von Enkelkindern das deutlichste Zeichen dafΓΌr ist, dass nun das letzte grosse Lebenskapitel begonnen hat. Wer das GlΓΌck hat, die Enkel aufwachsen zu sehen, dem muss klar sein, dass er den nΓ€chsten Generationenschritt allenfalls als Hochbetagter erlebt. Und ob seine Pflegesituation dann wesentlich besser ist als die des steinalten Opas im MΓ€rchen, das sei dahingestellt.
Frischgebackene GrossvΓ€ter und GrossmΓΌtter sollten also wissen, dass die Zeit, die ihnen bleibt, knapp bemessen ist. Das betrifft die Zeit, die sie miteinander haben, und die Zeit, die jeder fΓΌr sich hat. Es ist keine gute Idee, sich mit Haut und Haaren in die Grosseltern-Rolle zu stΓΌrzen. Grosseltern, die nur alt sind und Zeit haben, sind nicht glΓΌcklich.
Vor allem aber: Sie sind fΓΌr die Enkel ziemlich uninteressant. Es liegt also in beider Interesse, wenn Grossvater und Grossmutter ein ausgeprΓ€gtes Eigenleben fΓΌhren. Oft kommt man ja erst mit dem Ende des Berufslebens zu den Dingen, die einen wirklich interessieren, die einem wirklich wichtig sind. Das muss kein Seniorenmalkurs und auch keine Traumschiff-Kreuzfahrt sein.

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Der andere Lebensmodus der Alten

In KinderbΓΌchern kommt Grosseltern oft die Funktion zu, fΓΌr das Kind erlebbar zu machen, was Β«VergangenheitΒ» und Β«GeschichteΒ» ist, ja, dass es so etwas ΓΌberhaupt gibt. Grosseltern kommen aus einer anderen Zeit, aus einer Zeit, in der man noch Papierzeitungen las und deshalb Papierschiffchen bauen kann oder in der man noch BΓΌcher zum Studieren brauchte, deren Titel nun einen Teil der Lebensgeschichte erzΓ€hlen.
Elementare Kulturtechniken wie zum Beispiel das Kochen, das Haltbarmachen von Nahrung, GΓ€rtnern, das ganze weite Feld des Heimwerkens, auch Fischen oder Jagen werden erfahrungsgemΓ€ss ΓΆfter von der Grosseltern- zur Enkelgeneration weitervermittelt als von Eltern an Kinder.
Wie schΓΆn ist es fΓΌr ein Kind, einen alten Menschen zu erleben, der etwas mit stiller Leidenschaft und Musse tut! Es hat sonst keine Gelegenheit, diesen Lebensmodus kennenzulernen. Wie heilsam ist es fΓΌr ein Kind, zu erleben, dass jeder Mensch auch damit irgendwann einmal aufhΓΆrt.
Der grΓΆsste Segen von Grosseltern fΓΌr Kinder besteht darin, dass sie sterben kΓΆnnen, ohne zu traumatisieren. Opas Tod ist in Ordnung. Er lΓ€sst die Welt nicht einstΓΌrzen. Und wenn sich der Grossvater vorher immer ΓΆfter beim Essen bekleckert, dann sehen die Enkel, was jedem blΓΌht.

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