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Wandel

Wie die Mobilitätsrevolution die Autobranche umwälzt

Toyota und Uber, VW und Gett, GM und Lyft: Weltweit machen die Autobauer Jagd auf Online-Fahrdienste. Die Mobilitätsrevolution ist im vollen Gange. Auch in der Schweiz.

Corinna Clara Röttker

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Uber: Autobauer suchen den Zugang zu der neuen Zielgruppe. Keystone RMS

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Es hatte zuletzt den Anschein von einer Jagd, einer Jagd der Autobauer auf Online-Fahrdienste. Binnen weniger Stunden gaben mit Toyota und Volkwagen die grössten Autobauer der Welt ihren Einstieg beim Branchen-Pionier Uber und Rivalen Gett bekannt. Andere Hersteller waren ihnen bereits vorausgeeilt: Für 500 Millionen Dollar beteiligte sich General Motors am US-Start-up Lyft und Daimler kaufte die App My Taxi. Selbst der iPhone-Konzern Apple, dem grosse Ambitionen im Auto-Geschäft nachgesagt werden, hegt Interesse und investierte kurzerhand eine Milliarde Dollar in den chinesischen Uber-Rivalen Didi Chuxing.
Weltweit wollen die Autobauer raus aus der Alteisen-Ecke und investieren Unsummen in die mobile Zukunft, in der die Grenzen zwischen Autoindustrie und Online-Branche zunehmend verschwinden. Denn egal ob Toyota, VW, General Motors oder Daimler – keiner der globalen Player kann es sich leisten den Anschluss zu verlieren.

Benutzen statt besitzen

Die Marschrichtung ist klar: Es gilt sich einer Zukunft anzupassen, in der zwar jeder mobil sein will, doch Autos häufig nur noch genutzt und gemietet statt gekauft werden. Künftige Generationen werden wohl niemals ein eigenes Auto besitzen, prognostizieren Fachleute wie der US-Ökonom Jeremy Rifkin. Gemäss Studien werden mit jedem Auto, das in Zukunft geteilt wird, 15 Fahrzeuge weniger produziert.

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Für die Autobauer stellt sich damit die Frage, wie sie künftig ihr Geld verdienen wollen, wenn ihre Produkte immer weniger Absatz finden. Entscheidend für sie ist der Zugang zu einer Technologie, über die man die neuen Zielgruppen erreicht. Das erklärt den Run der Autobauer auf die Fahrdienste. Einerseits. Anderseits erklärt es den Erfolg von Carsharing à la Car2Go und DriveNow.

Mobility profitiert vom Trend

Auch der Schweizer Anbieter Mobility profitiert von diesem Trend. Das Luzerner Carsharing Unternehmen hat eigenen Angaben zufolge Zugriff auf 2900 Fahrzeuge an 1460 Standorten in der ganzen Schweiz. Rund 127'000 Schweizer nutzen den Dienst, davon sind in den letzten fünf Jahren rund 30'000 Kunden neu dazu gekommen, so Mobility. 2015 erzielte das Unternehmen einen Nettoerlös von rund 74 Millionen Franken (+3,7 Prozent).
Eine Zusammenarbeit mit einem grossen Hersteller kommt für Mobility nicht infrage: «Wir kooperieren mit keinem Autobauer, sondern verfolgen den Automarkt ganzheitlich», sagt Pressesprecher Patrick Eigenmann gegenüber bilanz.ch. «Wenn wir ein Fahrzeugmodell in unsere Flotte aufnehmen wollen, verhandeln wir direkt mit dem entsprechenden Importeur.» Angebote von Seiten der Hersteller gab es bislang keine.

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«Ridesharing» - man lässt sich fahren

Carsharing ist nur die eine Seite der digitalen Medaille. Die Mobilitätsrevolution aber geht noch weiter. So fährt der Nutzer beim «Ridesharing» gar nicht mehr selber, sondern lässt sich fahren. Es ist eine Art von Fahrdienstvermittlung wie sie von Uber, Lyft, Gett oder Didi Chuxing angeboten werden und mit deren Hilfe sich die klassischen Autobauer zum Mobilitäts-Dienstleister wandeln wollen. Bisher ist dieses Geschäft zumeist allerdings kaum profitabel. Keines der vier Unternehmen arbeitet Stand heute kostendeckend.
Ein Grund, warum Autobauer wie VW bis zum Gett-Einstieg eher vorsichtig agierten. Doch die Zeiten scheinen vorbei. 300 Millionen Dollar investierten die Wolfsburger in den ursprünglich aus Israel stammenden Senkrechtstarter. Die Firma vermittelt – ähnlich wie das US-Unternehmen Uber – Fahrdienstleistungen auf Abruf, ähnlich wie Daimlers Mytaxi-App, aber auch Taxifahrten.

Autokonzerne richten sich neu aus

Für VW ist die Gett-Beteiligung der erste Baustein der neuen Strategie 2025 – eine Neuausrichtung, in der das Kernprodukt nicht mehr nur das Auto ist. Stattdessen wollen die Wolfsburger künftig einen «substanziellen Teil» ihres Umsatzes mit Angeboten wie Chauffeur- und Taxidiensten auf Abruf oder Carsharing erzielen. VW-Chef Matthias Müller verheisst dem Markt für Fahrvermittlung und Mobilität auf Abruf allein in Europa im Jahr 2025 Umsatzerlöse von bis zu 10 Milliarden Euro. Experten rechnen mit Wachstumsraten von mehr als 30 Prozent im Jahr.

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Kein Wunder also, dass auch Toyota von dem Kuchen ein Stück abhaben will. Dem Vernehmen nach soll es sich bei der Uber-Beteiligung allerdings nur um eine niedrige Investition handeln. Das umstrittene Unternehmen aus San Francisco ist die Nummer eins unter den Fahrdienst-Vermittlern und zum Inbegriff dieser aufstrebenden Branche geworden; es besorgte sich mehr als 5 Milliarden Dollar bei Investoren und soll in Finanzierungsrunden mit über 60 Milliarden Dollar bewertet worden seien. Mittlerweile ist vielen Autobauern ein Einstieg bereits zu teuer.
Zuletzt machten zudem Spekulationen die Runde, dass sich Uber einen Autobauer einverleiben wolle. Uber-Chef Travis Kalanick dementierte dies jedoch: «Die Produktion eines Autos ist keine kleine Sache. Wir wollen mit den Leuten zusammenarbeiten, die sie herstellen und uns mit den besten Anbietern weltweit verpartnern.» Toyota will im Rahmen des Deals unter anderem Uber-Fahrern die eigenen Fahrzeuge per Leasing anbieten oder verkaufen. Vor allem will der Autokonzern aber mehr darüber erfahren, wie Konsumenten Fahrdienste nutzen.
Mobility sieht sich vom «Ridesharing» indes nicht bedroht. «Viele unserer Kunden setzen die Autos für alle erdenkliche Alltagszwecke ein wie Einkaufen, Umzüge oder Ausflüge», sagte Eigenmann. Dies sei eine andere Art von Nutzung als es bei Uber und Co. der Fall sei. «Solche Angebote sind eher eine Konkurrenz für Taxiunternehmen, nicht aber für uns.»

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Mobility arbeitet an autonomen Fahrzeugen

Im Fokus der Schweizer steht vielmehr ein anderes Thema, das der digitalen Mobilitätsrevolution die Krone aufsetzt: selbstfahrende Autos. Denn parallel zur Akquise neuer Technologien geht es auch um die Optimierung des Faktors Mensch. Die grossen Autobauer schaffen hierfür bereits die Grundlagen, indem sie die relevanten Systeme in ihre neuen Modelle integrieren.
«Autonome Fahrzeuge werden Reisende auf Knopfdruck abholen, von A nach B bringen und danach eigenständig parkieren und tanken», sagt Eigenmann. Carsharing ermögliche dies im grossen Stil, wobei sowohl «Sammeltaxis» als auch Autos für individuelle Einzelstrecken denkbar seien. «Wir verfolgen sämtliche Entwicklungen genau und entwickeln erste Ansätze, um eine zentrale Rolle zu spielen, was den Einsatz von fahrerlosen Autos im Carsharing-Betrieb angeht», so Eigenmann. Wie diese Ansätze jedoch genau aussehen, wollte er nicht sagen.
Sehen Sie in der Bildergalerie die 16 appetitlichsten Auto-Neuheiten 2016:
Die 16 appetitlichsten Auto-Neuheiten 2016Ohne Schuhlöffel: Audi Q2Der kleinste, ab Ende Oktober erhältliche Audi Q basiert auf der MQB-Konzernplattform und ist 4,19 Meter lang. Das Design ist zwar typisch Audi, es ist aber auch klobig ausgefallen. Zur Wahl stehen Frontantrieb (Drei- und Vierzylinder-Benziner mit 116 bis 190 PS) oder Allrad (1,4 oder 2 Liter Hubraum mit 150 bis 190 PS); das Gewicht bewegt sich zwischen schlanken 1220 und 1300 Kilo. Preis: ab etwa 30'000 Franken.
Moderne Raserei: BMW M2Der 4,47 Meter lange M2 markiert den zweitürigen Einstieg in die weiss-blaue Power-Liga - mit 370 Turbo-PS und bis zu 500 Nm. Statt Sechs-Gang-Schaltung gibt es wahlweise Doppelkupplung; der Spurt auf 100 km/h dauert 4,3 Sekunden. Die Vmax liegt bei elektronisch limitierten 250 km/h; gegen Aufpreis sind 270 Sachen drin, inklusive Fahrertraining. Optional gibt es Internet oder ein Go-Pro-Paket zum Aufzeichnen noch schnellerer Runden. Preis: ab 69'900 Franken.
Quartett-Supertrumpf: Bugatti ChironDer ab Herbst verfügbare, 4,54 m lange Veyron-Nachfolger will der Superlativ unter den Strassensportwagen sein. Entsprechend brutal wird aufgetischt: Es gibt 1500 PS sowie 1600 Nm aus 16 Zylindern und acht Liter Hubraum. Daraus resultieren abartige Beschleunigungswerte: Der Chiron rast in 2,5 Sekunden auf 100 km/h, in 6,5 auf 200 und in 13,6 Sekunden auf Tempo 300; die Vmax beträgt 420 km/h. Der Preis beträgt mindestens 2,4 Millionen Euro. Netto.
Französischer Zweitwohnsitz: Citroën SpaceTourerDer Kleinbus soll ab September gegen VW und Co. antreten - und hat sich dazu Verstärkung geholt: Die konstruktiv identischen Geschwister heissen Peugeot Traveller und Toyota Proace. Angeboten werden drei Längen von 4,6 bis 5,3 Metern mit maximal 4900 Liter Stauraum (Nutzlast: 1400 kg) oder neun Sitzplätzen, Letztere auch in VIP-Varianten. Neben Frontantrieb kommen vier Diesel mit 95 bis 180 PS zum Einsatz; Preis: ab 44'700 Franken.
Frische Sommerbrise: Fiat 124 SpiderEs ist keine Kunst, einen Mazda MX-5 in einen Fiat umzustricken. Wie die Italiener es aber gemacht haben, verdient Respekt: Zwar ist beim 4,05 Meter kurze 124 Spider das Design retro und bezieht sich auf das gebaute Original, alles andere aber ist hochmodern. Bei einem 1,4-Liter-Vierzylinder-Turbo mit 140 PS ist ab Juni flottes Fortkommen bis 215 km/h angesagt. Klima, Tempomat, ZV oder Bluetooth-Radio sind Serie. Preis: ab 27'900 Franken.
Alternativsportler: Honda NSXZwölf Jahre dauerte es, bis der NSX-Nachfolger fertig war. Im September kommt endlich der 4,47 Meter lange Mittelmotor-Zweisitzer mit Vollhybrid-Antrieb. Die Kombination aus 3,8-Liter-V6-Biturbo-Benziner und drei E-Motoren ermöglicht rund 580 PS; die Vmax beträgt 335 km/h, der Spurt auf Tempo 100 soll keine drei Sekunden dauern. Composite-Bauweise und Neunstufen-Doppelkupplung steigern die Attraktion; das Allrad-Auto wird rund 200'000 Franken kosten.
Der Eurasier: Infiniti QX30Der kompakte Edel-Nissan basiert auf dem Mercedes GLA. Doch im Grunde handelt es sich um einen aufgebockten Q30. Damit surft auch der ab Sommer verfügbare 4,43 Meter lange QX30 auf der Kompaktwelle. Das markante Äussere mit vielen Sicken und wild gebogener C-Säule macht seine Eigenständigkeit aus; in Europa ist der adaptive 4×4-Antrieb serienmässig. Motorisch gibt es einen 2,2-Liter-Turbodiesel mit 170 PS plus Siebenstufen-Doppelkupplung. Ab 42'585 Franken.
Grenzgänger: Jaguar F-PaceJaguar bringt Ende April den ersten SUV auf den Markt. Der 4,73 Meter lange Softroad-Jag will die kleinen Fluchten aus dem Alltag meistern - und das erreichen, was Audi und Co. längst tun: mehr Geld verdienen als ein Kombi. Optisch ähnelt er dem F-Type, und weil er zudem den XF Sportbrake ersetzt, fügt sich die Baureihe nahtlos ins Portfolio ein. Die 180-PS-Basis hat Heckantrieb, darüber (300 bis 380 PS) wird intelligenter 4×4 geboten. Ab 49'500 Franken.
Grüner Softroader: Kia NiroOptik und Platzangebot eines Kompakt-SUV, die Technik eines Vollhybriden: Das ist der 4,36 Meter lange Kia Niro, mit dem die Südkoreaner kommenden Herbst neue Marktanteile gewinnen wollen. Angetrieben von einem 1,6-Liter-Turbobenziner plus E-Motor, summiert sich die Leistung auf 104 kW (141 PS) und 264 Nm - genug, um in zwölf Sekunden auf 100 zu sprinten und 180 km/h schnell zu fahren; als Verbrauch gibt Kia 4,1 Liter an. Preis: ab 32'000 Franken.
Auf Erfolgsfährte: Maserati LevanteWer im Luxus-Segment punkten will, braucht einen SUV. Ab sofort gilt das auch für Maserati - 19 Jahre nach einer Mercedes M-Klasse und 14 Jahre nach dem Porsche Cayenne. Auf fünf Metern Länge zieht die Fiat-Tochter alle Register - mit mehr Luxus und mehr Leistung. Die kommt aus V6-Triebwerken mit 275 bis 430 PS (0 - 100: 5,2 Sekunden, Vmax 264 km/h). Der auf dem Ghibli basierende SUV bietet Luftfederung oder Achtstufen-Automatik; ab 75'900 Franken.
In Treue fest: Mercedes E-KlasseSie ist die Business-Limousine, Statussymbol und Familien-Express, kurz: Establishment mit vier Türen und Stufenheck. Die 5. Generation der E-Klasse ist 4,92 Meter lang und ab April verfügbar - zunächst als Benziner/Diesel mit vier oder sechs Zylindern (zwei bis drei Liter Hubraum, 184 bis 258 PS) und Neunstufen-Automat. Hightech inklusive teilautonomen Fahrens plus Komfort - es gibt alles, was gut und teuer ist. Preis: ab 57'945 Franken.
Frisch aus Frankreich: Peugeot 2008 Mi-VieWas man als Facelift des 2013 eingeführten Crossover-Modells 2008 verstehen könnte, ist ein neues SUV-Modell: Der Mi-Vie hat einen steiler stehenden Kühlergrill, die wichtigsten Neuerungen finden aber unter dem Blech statt - mit mehr Sicherheit (Active City Brake), mehr Sport (GT-Line-Paket) oder mehr Komfort (Rückfahrkamera, Sechsstufen-Automat). Es bleibt bei Benzin- und Diesel-Vierzylindern mit 82 bis 130 PS; Preis: ab 19'200 Franken.
Leistungsgipfel: Porsche 911 Turbo und Turbo SDie klassische Turbo-Variante bleibt nominell das Elfer-Topmodell. Der aktuelle Peak der Baureihe 991 II ist 4,51 Meter lang, hat wieder Allradantrieb, leistet 540 PS, spurtet in drei Sekunden auf Tempo 100 und ist maximal 320 km/h schnell (Turbo S: 580 PS, 2,9 Sekunden, 330 km/h). Zu den optischen Unterscheidungsmerkmalen gehören seitliche Lufteinlässe oder vertikale Motorgitter. Preis: ab 209'200/ 246'000 Franken.
Der Nächste bitte: Toyota Prius IVHybridautos sind inzwischen zum Mainstream geworden, weshalb Toyota der ab sofort verfügbaren vierten, 4,54 Meter langen Prius-Generation ein unverwechselbares Blechkleid gegönnt hat. Innen finden die Passagiere mehr Platz denn je; die Gangwahl erfolgt über ein lustiges kleines Hebelchen. Vollelektrisch kommt der 90 kW (122 PS) starke Prius bis zu zehn Kilometer weit; er verbraucht drei Liter, ist maximal 180 km/h schnell und kostet ab 34'500 Franken.
Im Doppelpack: Volvo S90 / V90Im Spätsommer löst der neue S90 den S80 ab. Die 4,96 Meter lange Limousine der gehobenen Mittelklasse weist neue Sicherheitstechnologien auf, kann halb-autonom fahren sowie bremsen oder in der Cloud surfen. Angetrieben von Vierzylindermotoren ab 190 PS, leistet das Plug-in-Hybrid-Topmodell bis zu 300 kW. Parallel kommt mit dem V90 eine Kombiversion - leider nicht mehr mit charakteristisch steil stehender Heckscheibe. Preis: ab 65'000 Franken.
Nummer sicher: VW Tiguan IIEin Trendsetter war der Tiguan nie. Dafür vermied er Schwächen, an denen die Konkurrenz litt - und wurde ein Riesenerfolg. An den soll die 4,5 Meter lange Neuauflage ab Mai anknüpfen: Sie ist markanter geraten als die vergleichsweise weich wirkende erste Generation; mehr Innenraum und Ausstattung dürften ebenso überzeugen wie die Motoren mit anfänglich 150 und 180 PS. In der Schweiz wird ausschliesslich Allradantrieb angeboten; Preis: ab 38'050 Franken.
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RMS

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