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Design

Was Surfen mit Design verbindet

Surfen, Sprache und Gestaltung verbindet mehr, als einem bewusst ist. Was surfen mit Design zu tun hat, oder warum die Welle der Feind des Rasters ist.

Peter Zizka

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Welle: Der Feind des Rasters.Β Β Keystone RMS

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Sommer, Sonne, Meer, gepaart mit einem hyperventilierendem BewegungsbedΓΌrfnis eines Kreativen treibt im +50 Teststosteronblues seltsame BlΓΌten – so ist es denn auch mir am sommerlichen Atlantikstrand in Donostia ergangen. Denn ich konnte es nicht mehr ertragen, diese hochΓ€sthetisch dahinsurfende Gemeinde aus gestΓ€hlten, wohlgeformten KΓΆrpern gedeckelt von perfekt sitzenden Nassfrisuren zu betrachten, ohne dabei sein zu wollen oder zumindest den Versuch zu starten, in diesem mond-gesteuerten Gezeitenkunstwerk ein gleitendes Pixel zu werden.
Als erstes hatte ich deshalb, ganz designkonform, die Surfschule mit dem besten grafischen Corporate ausgesucht und mich kurz nach der Ankunft samt Surflehrer als Methusalem einer AnfΓ€ngergruppe ins Meer gestΓΌrzt. Als dann die ersten theoretischen Diskurse mit Begriffen wie Β«ChannelΒ», Β«orbital movingΒ» und Β«SetsΒ» im Trockensumpf des feinkΓΆrnigen Sandes absolviert werden mussten, war ich zuerst enttΓ€uscht, aber gleichzeitig ΓΌberrascht, dass ich es mit einer wellenbegeisterten, marketinggetriebenen Fraktion, flankiert von einer esoterisch mit Atlantikwasser geimpften Wissenschaftlichkeit, zu tun bekam.

Die wohlige Unausweichlichkeit des Wellengangs

Beim Eintauchen in die Brandung machte sich das GefΓΌhl einer gestaltungsnahen Welt breit, die mich, anders als die Skylla und Charybdis einer dauerpitchenden Kreativwelt, mit einer wohligen Unausweichlichkeit des Wellengangs empfing.

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Gut, formale EinschrΓ€nkungen nahm ich in Kauf, das geliehene ferrarirote Board mit Orangenhautstruktur entsprach nicht ganz meinen Design-Poser-Erwartungen und war visuell und typografisch gesehen ganz schΓΆn choppy, verglichen mit dem Long-Board meines Freundes Frank, der ein paar Meter weiter in lasierndem Hellblau den perfekten Duke Kahanamoku Auftritt am sonnigen Strand hinlegte.
Doch der konnte im Gegensatz zu mir auf der Welle reiten und fuhr einen 45 Jahre alten Orion Camper – cooler gehts bis heute nicht. Ich wΓΌrde trotz fataler UnfΓ€higkeit gerne ein Β«Peruvian balsa buildΒ»-Board ΓΌber den Sand tragen und den Locals ein Β«Hang LooseΒ» zeigend illustrieren, wo die Finne hΓ€ngt, aber das ist dann, wie eine Β«Wally CentoΒ» zu haben und nicht segeln zu kΓΆnnen...

Zwischen Individualismus und naturbezogenem Opportunismus

Mein Auftritt im Umfeld der professionellen Wetsuit-Protagonisten vermittelte mir eine eigentΓΌmliche Perfektion, die jenseits meiner tradierten Vorstellungen lag, es ging und geht am Surferstrand nicht um eine ΓΆkonomische Statuslinie sondern um eine Stromlinie, die ihren Weg zwischen Individualismus und naturbezogenem Opportunismus sucht. Einer wie ich, der mangelnde Performance gerne am Design festmacht oder sich durch unterirdische Typografie paralysiert fΓΌhlt, wird hier auf das profan-faktische verwiesen: ein 53-jΓ€hriger Designer mit einem Oberarmumfang, der dem Surflehrer nur ein mitleidiges LΓ€cheln abringt, hat nun mal einer Boomer-Welle nichts zu entgegnen und SΓ€tze meines Lehrers wie Β«Peter, everything is a mental ProblemΒ» waren nur verbale Betablocker fΓΌr das aufkeimende Frustrationspotential.

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Nach fΓΌnf Tagen jedenfalls verlegte ich mich darauf, am Strand sitzend ΓΌber Sonnencreme mit Schutzfaktor 35 und das Surfen zu rΓ€sonieren. Bei diesem kontemplativen Strandakt drΓ€ngten sich mir immer mehr Parallelen zwischen Surfen, Sprache und Gestaltung auf.

Surfer, Soziologie und Designer

Neben der Tatsache, dass wir im Β«BarrelΒ» des Internets surfen und mittlerweile tΓ€glich durch einen virtuellen Datentsunami bedroht werden, lΓ€sst sich die Relevanz des Surfprinzips an keinem Designer besser festmachen als an dem oft als formal agierend gescholtenen David Carson.
Was dabei oft vergessen wird, der Mann ist eigentlich ein Soziologe, der im zarten Alter von 15 Jahren schon als Surfprofi durch die Wellen glitt. Seine Absage an das tiefgrΓΌndig konzeptionelle Gestalten, die zum Beispiel in Gary Huswits Film Β«HelveticaΒ» besonders klar wird, ist aus meiner Sicht nichts anderes als eine brilliant vorgetragene These zur damals noch nicht existierenden Vielgestaltigkeit einer digital ΓΆkonomisierten Kommunikationswelt.

Ritt auf typografischer Monsterwelle

Dass er mit seinem Buch Β«The End of PrintΒ» eine soziologisch begrΓΌndete Reise durch die AuflΓΆsung von Raster und Dogma zugunsten einer anarchistischen Vielfalt propagierte, gerΓ€t aus heutiger Sicht zu einer Γ€sthetisch verpackten Weissagung. Β«The End Of PrintΒ» markiert seinen ganz persΓΆnlichen Ritt auf einer typografischen Monsterwelle, die als kleine DΓΌnung im experimentellen Atelier von Hans-Rudolf Lutz begann und mit Magazinen Β«SurfΒ», Β«Beach CultureΒ» oder Β«RaygunΒ» einen Β«Beach BreakΒ» der AuflΓΆsung von SchriftΓ€sthetik und rasterorientiertem Denken feierte.

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Seine gestalterischen Taten mΓΆgen heute durch die lΓ€ngst erfolgte affirmative Verwerblichung als normal erscheinen, soziologisch gesehen markierten sie aber die Wiedergeburt einer digital begrΓΌndeten Γ€sthetischen Chaostheorie, die den menschlichen Genius vehement in Frage stellte. Das haben ihm einige Kreative aus dem dogmatischen geprΓ€gten Rotis-GedΓ€chtnis-Kemenaten bis heute nicht verziehen.

Ein ewig dΓΌnendes Murmeltier

Im Kunstkontext kommt die Welle dagegen etwas anders angerollt, doch nicht weniger vehement und ganz ihrer Natur entsprechend als ewig dΓΌnendes Murmeltier. Ob schon bei Hokusai, Gerhard Richter, Robert Longo oder Raymond Pettibon stets ist die Welle ein Sinnbild fΓΌr die kΓΌnstlerische Existenz.
Die Venus Over Manhattan Gallery kommentiert Pettibons Surfer-Serie: Β«On the surface of a giant blue wall of water, the tiny figure of the speeding surfer invites reflection on the life of an artist, on ego and fame, naivetΓ© and bravery, loneliness and mortality.Β» Was soll ich noch hinzufΓΌgen? Doug Aitken ist bekennender Surfer und...  ach so, bei Gagosian kann man Surfboards mit Richard-Philipps und Andy-Warhol-Motiven shoppen…
Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfΓ€ltig ausgewΓ€hlt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion ΓΌbereinstimmen.

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