Unser Werbeleiter fΓΌr Grosskunden hiess Bodo. Alle nannten ihn Bodo. Seit je hiess er Bodo. Niemand wusste, warum alle ihn Bodo nannten. Sein bΓΌrgerlicher Name war Bernhard GrΓΌnenfelder.
Bei den anderen Mitarbeitern in GrΓΌnenfelders Abteilung hingegen war die Namensgebung nachvollziehbar. Barbara Schwarz nannte man Babs, und Werner Lindenmann nannte man Lindi.
Auch Tiere geben sich Namen
Wir haben uns in dieser Kolumne immer mal mit der Frage beschΓ€ftigt, was die Menschen von den Tieren unterscheidet, was also ihre zivilisatorische Leistung ist. Intelligenz ist es nicht, Sozialstrukturen sind es nicht, Betriebsorganisation ist es nicht, Sprache erst recht nicht.
Lange dachte man, ein absoluter Unterschied zwischen Mensch und Tier wΓ€re die Sitte, sich einen Namen zu geben. Nur der Homo sapiens, so dachte man, nennt sich Bernhard GrΓΌnenfelder oder Barbara Schwarz oder Werner Lindenmann.
Die Biologen tΓ€uschten sich. Auch Tiere geben sich Namen. Allerdings gibt es dafΓΌr bisher nur einen Beleg. Beobachtet wurde er bei den Grossen TΓΌmmlern, einer Spezies von Delfinen, die zu den hellsten KΓΆpfen der Fauna gehΓΆren.
Individuelle PfeiftΓΆne
Die Delfine legen sich erst einen Eigennamen zu. Der Name besteht aus einer Abfolge von PfeiftΓΆnen, die der Delfin fΓΌr sich selber kreiert. Wenn er auf einen Artgenossen trifft, stellt er sich mit seinen individuellen PfeiftΓΆnen vor. Er prΓ€sentiert seinen Namen quasi als persΓΆnliche Visitenkarte. Danach kennen sich die Delfine fΓΌr immer.
Um sicherzugehen, dass sich die Delfine wirklich den Namen und nicht bloss den Klang des Tones merkten, wurden die PfeiftΓΆne von Biologen synthetisiert, sodass sie keine individuelle KlangfΓ€rbung mehr hatten. Wenn jetzt die klangneutralen PfeiftΓΆne eines Bekannten oder Verwandten ΓΌber den Lautsprecher abgespielt wurden, wandten sich die Delfine sofort dem Lautsprecher zu. Sie erkannten also den Namen eines Bekannten und nicht dessen Stimme. Unbekannte Tiere hingegen interessierten sie nicht.
Einfache Differenzierung genΓΌgte irgendwann nicht mehr
Damit wΓ€ren wir zurΓΌck bei Bodo. Wie kommen wir zu unseren Namen?
Bis etwa ums Jahr 1000 waren nur Vornamen gelΓ€ufig. Man hiess Karl, Maria oder Johann. Falls in einem Dorf oder einer Kleinstadt mehrere Karls, Marias oder Johanns wohnten, genΓΌgte ein prΓ€zisierender Appendix, also Karl der Dicke, Maria die Fromme oder Johann mit der Trommel.
Als die StΓ€dte grΓΆsser wurden, genΓΌgte diese einfache Differenzierung nicht mehr. Es entstanden die Nachnamen, zuerst in Venedig und ab dem 12.βJahrhundert auch in Deutschland und der Schweiz. Die Namensgebung orientierte sich vor allem an Berufs- und Flurbezeichnungen. Man hiess nun Karl Baumgartner, Maria Waldner und Johann Schmid. Weil das BΓΌrgertum allmΓ€hlich zu Geld und VermΓΆgen kam, wurde auf einmal die Erbfolge ein Thema. Die SΓΆhne und TΓΆchter nahmen darum den Nachnamen des Vaters an.
FΓΌr den Alltag zu kompliziert
Nach dem Jahr 1600 hatten sich die Vor- und Nachnamen dann endgΓΌltig als AushΓ€ngeschild etabliert. In Paris wurde erstmals die Visitenkarte populΓ€r.
FΓΌr den Alltag hingegen sind diese Vor- und Nachnamen viel zu kompliziert. Dort reduziert man sie wieder auf eine Kurzformel. Man kehrt aus EffizienzgrΓΌnden auf die kurzen Rufnamen zurΓΌck, die im FrΓΌhmittelalter ΓΌblich waren.
Im Alltag wird niemand Bernhard GrΓΌnenfelder genannt. Man nennt ihn Bodo.