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Vorteil Cashless-System: Das Restgeld geht an die Festivals

Viele Schweizer Festivals setzen auf bargeldlose Zahlungssysteme. Das Resultat sind weniger Diebstähle und kürzere Warteschlangen. Für die Veranstalter lohnt es sich aber auch aus anderen Gründen.

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Musik: Cashless macht Schule bei Festivals. Pixabay RMS

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Bessere Zutrittskontrollen, weniger Diebstähle und kürzere Warteschlangen vor dem Bierstand. Das Bezahlen ohne Bargeld bringt verschiedene Vorteile für Festival-Organisatoren und Besucher. Für die Veranstalter lohnt sich ein Cashless-System aber auch aus anderen Gründen: Open-Air-Gänger sind konsumfreudiger und nicht alle holen ihr Geld nach dem Festival auch wieder ab.

In der ausgelassenen Stimmung eines Open Airs gibt so mancher Festival-Besucher etwas mehr Geld aus als sonst. Besonders locker sitzt das Portemonnaie, wenn das Geld auf einem kleinen, rechteckigen Chip gespeichert ist und allezeit zum Einsatz bereit um das Handgelenk baumelt.

«Es ist so, dass die Gäste mit dem Cashless-System grosszügiger ihr Geld ausgeben», sagt Catia Tschuor, Sprecherin des Open Airs Lumnezia. Am Festival im Bündner Oberland bezahlen die Besucher dieses Jahr zum ersten Mal ohne Bargeld.



Cashless macht Schule bei Openairs

Ähnlich tönt es auch von anderen Sprechern der Branche: «Gemäss anderen Festivals geben die Leute mehr Geld aus mit einem Cashless-System», sagt etwa Yves Ammann, Sprecher des Open Airs Etziken im Kanton Solothurn, welches ab diesem Jahr ebenfalls auf Bargeld verzichtet. Dies sei aber zu keiner Zeit Ziel der Einführung des Systems gewesen, betonen die Sprecher beider Open Airs.

Immer mehr Schweizer Festivals setzen auf bargeldlose Zahlungssysteme. Zum Beispiel das Summerdays-Festival in Arbon (seit 2014), das Zürich Open Air (seit 2015) oder das Rock Oz'Arènes in Avenches (seit 2016). Am Open Air Frauenfeld wird dieses Jahr noch mit Bargeld bezahlt. In Zukunft wird es aber auch auf Cashless setzen, wie Sprecher Joachim Bodmer sagt.

Das Open Air St.Gallen verzichtet dieses Jahr bereits zum fünften Mal auf Bargeld. Dass die Festival-Besucher so mehr Geld ausgeben, will Sabine Bianchi, Sprecherin des Open Airs St.Gallen, nicht bestätigen: «Unsere Umsätze sind vor allem abhängig von der Anzahl Besucher und vom Wetter», sagt Bianchi.



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Ein Prozent bleibt zurück

Mit dem Bändel, der nach dem Festival weggelegt oder entsorgt wird, gerät auch das Restgeld bei einigen Besuchern in Vergessenheit. So auch nach dem Open Air St.Gallen. Zwar haben die Besucher nach dem Open Air jeweils zwei Jahre Zeit, ihr Geld zurückzufordern. Trotzdem bleibe pro Jahr etwa ein Prozent des Geldes zurück, sagt Bianchi.

Für die einzelnen Besucher seien das in der Regel kleine Beträge unter fünf Franken. Wie gross der zurückgebliebene Geldbetrag insgesamt ist, will Bianchi nicht verraten, aber: «Im Schnitt laden die Besucher 80 Franken auf ihren Bändel und das ein bis dreimal.»

Lädt ein Besucher seinen Bändel also zweimal auf, ergäbe das für die jährlich 30'000 Besucher des Open Airs St.Gallen einen Betrag von 4,8 Millionen Franken. Ein Prozent davon entspricht 48'000 Franken, die Besucher jährlich zurückliessen. Nach den letzten vier Jahren wären also rund 190'000 Franken übrig geblieben. Lädt jeder Besucher seinen Bändel dreimal auf, wären es rund 290'000 Franken.



Geld wird ins Cashless-System investiert

Davon können Festivals profitieren. Zwar müsse ein Teil davon aus rechtlichen Gründen für weitere Rückerstattungsforderungen zurückgehalten werden. Der Rest werde aber wieder in das Cashless-System investiert, sagt Bianchi.

Allerdings seien die Kosten für die Installation und den Betrieb dieses Systems bedeutend höher als die ein Prozent, die liegen bleiben würden, relativiert Bianchi: «Für diese Dienstleistung verrechnen wir dem Festivalbesucher nichts, wir tragen sogar die Kredit- und Debitkartengebühren.»

Trotzdem, das Restgeld gehöre den Besuchern und nicht dem Open Air. «Wir fordern unsere Besucher deshalb auch dieses Jahr wieder mehrmals und über verschiedene Wege auf, ihr Geld zurückzuholen», sagt Bianchi.



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«Jazz»-Münzen in Montreux bis 2007

Fast 20 Jahre vor anderen Schweizer Festivals hatte das Montreux Jazz Festival sein eigenes Cashless-System. Von 1994 bis 2007 konnten die Festival-Gänger ihr Bargeld gegen sogenannte «Jazz»-Münzen eintauschen und mit diesen bezahlen.

Seither wird am Festival aber wieder mit Bargeld - und dieses Jahr neu auch mit dem Smartphone - bezahlt. «Es ist unvermeidbar, dass Geld von den Besuchern übrig bleibt», sagt Mediensprecher Marc Zendrini. Dieses Geld gehe direkt an die Veranstalter. «Wir verzichten darauf. Das ist fairer für das Publikum», sagt Zendrini.

(sda/ccr)
Sehen Sie in der Bildergalerie, wie Schweizer Künstler im Musikmarkt ihr Geld verdienen:
Wie Schweizer Musiker heute gutes Geld verdienen:Nur eine kleine Minderheit der Musikschaffenden profitiert auch wirtschaftlich. Experten schätzen, dass in der Branche knapp ein Dutzend Künstler gut von der Musik leben können. Mit dem Rückgang der CD-Verkäufe verkam den meisten die wichtigste Einnahmequelle zu einem Rinnsal.
Im Rekordjahr 2000 wurden in der Schweiz 19,6 Millionen CDs verkauft. 2015 waren es noch 3,6 Millionen. An jeder verkauften CD verdienen die Musiker, sofern sie die Stücke selber komponiert haben, rund 10 Prozent des Verkaufspreises, also zwischen 2,50 und 3 Franken. Bei den Downloads ist der Verdienst leicht tiefer.
Doch wer heute Musik hören will, der streamt. Die Musikverwertungsgesellschaft Suisa geht für Schweizer Komponisten von einem ungefähren Durchschnittsumsatz von 0,0018 Franken pro gestreamten Song aus. Je nach Deal zwischen Label und Komponist schaut mehr oder weniger heraus.
Zu den besten Zeiten konnten sich die Bands nach der Albumaufnahme zurücklehnen und die Kasse klingeln lassen. Heute geht nach dem Studio die Arbeit erst richtig los. Früher waren Konzerte eine Art Zugabe, heute spielen die Musiker das ganze Jahr durch. Wer dann auf der eigenen Tour nicht in vollen Clubs und Sälen spielt, zahlt oftmals drauf. Mittelgrosse Acts zahlen ihren Livemusikern um die 400 Franken pro Auftritt.
Die Musikproduktionsfirma HitMill, hinter der die drei Partner Georg Schlunegger, Roman Camenzind und Fred Herrmann stehen, nehmen neu auch Künstler unter Vertrag. Camenzind: «Ein Album aufzunehmen, zu gestalten und zu promoten, kostet um die 100'000 Franken. Weil die Labels dieses Risiko immer seltener eingehen, übernehmen wir nun das Gesamtpaket.»
Eine schöne Nebeneinkunft sind die Tantiemen. Radios, Konzertveranstalter, Clubbetreiber, Download-Plattformen und Streaming-Portale müssen sie den Verwertungsgesellschaften, allen voran der Suisa, abgeben. Die behält 12 Prozent und zahlt den Rest den Komponisten aus. Es heisst, dass der Sänger Charles Aznavour («La Bohème») Schweizer Tantiemen-König ist. Der 92-jährige Franzose, der seit einiger Zeit in Genf lebt, bezieht jedes Jahr über 500'000 Franken an Urheberrechtsentschädigungen.
«Captain Of Her Heart», der Welthit von der Zürcher Band Double, gilt aus Tantiemen-Sicht als einträglichster Schweizer Song aller Zeiten. Er schaffte es 1985 in die US-Top-20 und wird noch heute weltweit am Radio gespielt. Co-Verfasser Kurt Maloo, der heute in Hamburg lebt, erhält jedes Quartal einen fünfstelligen Betrag.
Der Glarner Produzent Fridolin Walcher, alias Freedo, hat die letzten zwei Jahre mit Hits für die schwedische Sängerin Zara Larsson («Lush Life») und den deutschen Rapper Cro («Traum»; Bild) viel Geld verdient. Die Suisa zahlte ihm für «Traum» gut 200'000 Franken aus.
Über die letzten Jahre betrachtet, hat kein Schweizer Künstler mehr Geld verdient als DJ Antoine. In Vierrad-Währung umgerechnet, liege pro Suisa-Abrechnung «zwischen einem Kleinauto und einem Sportwagen» drin.
Besonders lukrativ und die wachstumsstärkste Einnahmequelle sind Auftritte an Firmenanlässen. Die Gagen sind bis zu doppelt so hoch wie für Konzerte. Bei DJ Antoine ist jeder vierte Auftritt ein Corporate Gig, er zählt auch Privatanlässe von Neureichen dazu. Seine Gage liegt zwischen 25'000 und 50'000 Franken.
Marc Sway erhält laut seinem Manager Hugo Mauchle für einen Firmenauftritt rund 25'000 Franken. «Das Geld teilt er aber mit der sechsköpfigen Band, der Technik, dem Mischer und dem Booking.»
Daneben zählen Anna Rossinelli, Seven und Bastian Baker (Bild) zu den beliebtesten Corporate-Acts. Laut Konzertagentur Gadget reicht das Spektrum von 5000 bis 70'000 Franken – je nach Bekanntheit, Formation und Anlass.Bilder: Keystone/ZVG
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RMS

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