Stephen Hawking: Das Physik-Genie, das dem Tod trotzte
Das Universum, die Menschheit oder der Tod β bei Stephen Hawking ging es stets um die grossen Fragen des Lebens. Nun ist der Astrophysiker gestorben.
Professor Stephen Hawking zΓ€hlte zu den grΓΆssten Wissenschaftler aller Zeiten. Karwai Tang/Getty Images
Ein Leben nach dem Tod - daran glaubte Stephen Hawking nicht. FΓΌr ihn war das menschliche Gehirn ein Computer, die Idee vom Jenseits etwas fΓΌr Menschen, die Angst im Dunkeln haben. Dazu zΓ€hlte er sich nicht.
Wenn Stephen Hawking etwas sagte, lauschte die Welt. Jahrzehntelang konnte sich der schwer kranke Astrophysiker aus Grossbritannien nur noch ΓΌber einen Sprachcomputer mitteilen. Doch das hielt ihn von hochkomplexen Themen nicht ab: Gibt es einen Gott? Ist noch anderes Leben in den Weiten des Universums? Kann die Menschheit auf einen anderen HimmelskΓΆrper ΓΌbersiedeln, wenn die Erde unbewohnbar wird? Was auch immer Hawking dazu meinte, wurde viel diskutiert. Jetzt ist das Genie im Alter von 76 Jahren in Cambridge gestorben.
FrΓΌh an ALS erkrankt
Γrzte hatten Hawking bereits vor etwa einem halben Jahrhundert vorausgesagt, dass er an der MuskelschwΓ€che Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) sterben werde. Das hatte Folgen und trieb seinen Ehrgeiz noch an: Der Gedanke an den Tod habe ihn seit langem begleitet. Angst habe er davor nicht, hatte Hawking stets gesagt.
Ein Jenseits allerdings hielt er fΓΌr ausgeschlossen. Β«Ich sehe das Gehirn als einen Computer an, der aufhΓΆrt zu arbeiten, wenn seine Einzelteile nicht mehr funktionierenΒ», sagte Hawking der britischen Zeitung Β«The GuardianΒ». Β«Es gibt kein Leben nach dem Tod fΓΌr kaputte Computer; das ist ein MΓ€rchen fΓΌr Leute, die Angst im Dunkeln haben.Β»
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Bereits seit Jahrzehnten war Hawking fast vΓΆllig bewegungsunfΓ€hig, er sass im Rollstuhl. Schon seit langem konnte er sich nur noch mΓΌhsam mit Hilfe eines Computers verstΓ€ndigen.Chris Williamson/Getty Images
Bereits seit Jahrzehnten war Hawking fast vΓΆllig bewegungsunfΓ€hig, er sass im Rollstuhl. Schon seit langem konnte er sich nur noch mΓΌhsam mit Hilfe eines Computers verstΓ€ndigen.Chris Williamson/Getty Images
Schwierigste Theorien machte er Laien verstΓ€ndlich
Menschen mit funktionierender Β«HardwareΒ» sollten seiner Ansicht nach den grΓΆsstmΓΆglichen Wert aus ihren Taten schΓΆpfen. FΓΌr Hawking selbst bedeutete das, Licht ins Dunkel des Universums und unserer Herkunft zu bringen. Schwierigste Theorien machte er Laien verstΓ€ndlich; sein Buch Β«Eine kurze Geschichte der ZeitΒ» (1988) wurde zum Bestseller.
In Wissenschaftskreisen fand seine Arbeit ebenfalls grosse Anerkennung, unter anderem hatte er 30 Jahre lang den berΓΌhmten Lucasischen Lehrstuhl fΓΌr Mathematik an der UniversitΓ€t Cambridge inne - und war damit ein Nachfolger Isaac Newtons.
1988: Im Jahr 1979 wurde Hawking Professor fΓΌr Mathematik in Cambridge, ΓΌber 30 Jahre lang hatte er dort den renommierten Lucasischen Lehrstuhl fΓΌr Mathematik inne - und stand damit in der Nachfolge von Isaac Newton.Terry Smith/Getty Images
1988: Im Jahr 1979 wurde Hawking Professor fΓΌr Mathematik in Cambridge, ΓΌber 30 Jahre lang hatte er dort den renommierten Lucasischen Lehrstuhl fΓΌr Mathematik inne - und stand damit in der Nachfolge von Isaac Newton.Terry Smith/Getty Images
Zu seinen bedeutendsten Erfolgen gehΓΆrte, dass er Anfang der 70er Jahre voraussagte, dass Schwarze LΓΆcher - riesige, extrem massereiche Objekte im Kosmos - unter bestimmten UmstΓ€nden Energie verlieren. In Anlehnung an Albert Einstein war er jahrelang auf der Suche nach einer Formel, mit der sich die widerstreitenden Theorien ΓΌber RelativitΓ€t und Quantenphysik zusammenfΓΌgen liessen.
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SchwΓ€che fΓΌr grosse Fragen der Menschheit
Was Hawking so faszinierend machte, war wohl nicht nur seine SchwΓ€che fΓΌr die grossen Fragen der Menschheit und der Wunsch seiner Zeit, fΓΌr sΓ€mtliche PhΓ€nomene eine naturwissenschaftlich fundierte ErklΓ€rung zu finden. Es scheint auch die Symbolik zu sein, die bei seinen Auftritten mitschwang: Er konnte nicht mehr ohne Hilfe schreiben, nicht sprechen - aber mit dem Kopf reiste er zu den Sternen.
Weltraumbahnhof der NASA 2007: Die Fachwelt schΓ€tzte Hawking wegen seiner Theorien zum Ursprung des Kosmos und zu Schwarzen LΓΆchern.RMS
Weltraumbahnhof der NASA 2007: Die Fachwelt schΓ€tzte Hawking wegen seiner Theorien zum Ursprung des Kosmos und zu Schwarzen LΓΆchern.RMS
Β«Ich bin der Archetypus eines behinderten GeniesΒ», sagte Hawking in einem Interview mit der BBC. Β«Die Menschen sind fasziniert von dem Gegensatz zwischen meinen extrem eingeschrΓ€nkten kΓΆrperlichen FΓ€higkeiten und den gewaltigen Ausmassen des Universums, mit dem ich mich beschΓ€ftige.Β» Sein ungewΓΆhnliches Leben wurde verfilmt: Der Brite Eddie Redmayne verkΓΆrperte das Genie in dem Film Β«Die Entdeckung der UnendlichkeitΒ» - und bekam dafΓΌr 2015 einen Oscar.
In seinen letzten Jahren wurde Hawking immer mehr zum Mahner: Er warnte die Menschheit vor einem selbst verschuldeten Untergang, etwa durch die ErderwΓ€rmung oder kΓΌnstliche Viren. Auch Maschinen traute er nicht - sie kΓΆnnten eines Tages klΓΌger werden als ihre SchΓΆpfer.
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Stephen Hawking und Eddie Redmayne bei der Premiere von Β«Die Entdeckung der UnendlichkeitΒ» im Dezember 2014.Karwai Tang/Getty Images
Stephen Hawking und Eddie Redmayne bei der Premiere von Β«Die Entdeckung der UnendlichkeitΒ» im Dezember 2014.Karwai Tang/Getty Images
300 Jahre nach Galileos Tod geboren
Hawking entwickelte Ideen fΓΌr eine Γbersiedlung der Menschheit auf andere HimmelskΓΆrper. Β«FrΓΌher oder spΓ€ter mΓΌssen wir zu den Sternen schauen.Β» Gemeinsam mit dem russischen MilliardΓ€r Jurij Milner wollte er eine Armee winziger RaumfΓ€hren auf eine 20-jΓ€hrige Reise schicken, um das Sternsystem Alpha Centauri auszukundschaften.
Das Weltall zog Hawking, der am 8. Januar 1942 genau 300 Jahre nach dem Tod von Galileo Galilei geboren wurde, seit seiner frΓΌhesten Jugend an. Schon in der Schule hatte er den Spitznamen Β«EinsteinΒ». Nach dem Abschluss studierte er ein paar Semester Physik in Oxford, dann entschied er sich fΓΌr ein Studium der Kosmologie in Cambridge.
1989: Hawking beschΓ€ftigte sich mit Albert Einsteins Allgemeiner RelativitΓ€tstheorie und konnte zeigen, dass sie einen Anfang des Universums voraussagte.Jean-Regis Roustan/Getty Images
1989: Hawking beschΓ€ftigte sich mit Albert Einsteins Allgemeiner RelativitΓ€tstheorie und konnte zeigen, dass sie einen Anfang des Universums voraussagte.Jean-Regis Roustan/Getty Images
Er war Anfang 20, als Γrzte bei ihm die ALS-Krankheit feststellten. Drei Jahre gaben sie ihm noch. Damals - so Hawking - sei ihm klar geworden, dass er mit seinem Leben noch einiges anfangen kΓΆnne.
Im Rekordtempo legte er eine wissenschaftliche Karriere hin, heiratete, grΓΌndete eine Familie. Nebenbei wurde er eine Art Popstar der Wissenschaft, spielte sich selbst bei einem Auftritt in einer Folge von Β«Raumschiff EnterpriseΒ» und wirkte in der Zeichentrickserie Β«Die SimpsonsΒ» mit.
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Stephen Hawking war 30 Jahre lang mit seiner Jugendliebe Jane verheiratet.Gilles BASSIGNAC/Getty Images
Stephen Hawking war 30 Jahre lang mit seiner Jugendliebe Jane verheiratet.Gilles BASSIGNAC/Getty Images
Frauen waren fΓΌr ihn das grΓΆsste RΓ€tsel
Sein Privatleben war in seiner Heimat immer mal wieder auch fΓΌr bisschen Klatsch und Tratsch gut. 30 Jahre lang war er mit seiner Jugendliebe Jane verheiratet, mit ihr hatte er zwei SΓΆhne und eine Tochter. Nach der Scheidung brachte sie Ende der 90er Jahre ein Buch heraus, in dem sie ihn als Haustyrannen beschrieb, den sie gelegentlich daran erinnern musste, dass er nicht Gott sei.
1995 heiratete Hawking seine ehemalige Pflegerin. Die Ehe hielt bis 2006. In einem Interview mit der Zeitschrift Β«New ScientistΒ» sagte er auf die Frage, worΓΌber er jeden Tag am meisten nachdenke: Β«Frauen. Sie sind ein komplettes RΓ€tsel.Β»
In seiner Autobiografie Β«My Brief HistoryΒ» kam Hawking 2013 zu dem Schluss, dass er trotz seiner Krankheit ein gutes Leben gehabt habe. Β«Ich war zweimal verheiratet und habe drei wundervolle, grossartige Kinder.Β» Als Forscher sei er sehr erfolgreich gewesen. Dass er den Nobelpreis - fΓΌr den es experimenteller Nachweise bedarf - nicht bekam, fand Hawking zwar schade. Wichtiger war ihm aber der Fundamental Physics Prize - und den hatte er lΓ€ngst eingeheimst.