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SPD-Chefin

Von der Eifel an die Macht

Andrea Nahles ist die erste Frau an der Spitze der SPD. Wer ist die Frau, die nun die traditionsreichste Partei Deutschlands aus ihrer anhaltenden Misere retten soll?

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Andrea Nahles: 66,35 Prozent der Delegierten wΓ€hlten die 47-JΓ€hirge zur neuen Vorsitzenden. Florian Gaertner / GettyImages

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Sie komme aus einer «eher konservativen Ecke», sagt Andrea Nahles. «Das ist noch milde ausgedrückt.» Die einstige Juso-Rebellin meint ihr Dorf Weiler in der Eifel, in dem sie als junge Frau den SPD-Ortsverein ins Leben rief. «Das war dann die maximale Provokation und führte zu grossem GesprÀchsstoff hier im Dorf», erinnert sich die 47-JÀhrige im GesprÀch mit Reuters-TV. «Und insoweit gehârte erstmal das Überwinden von WiderstÀnden zu meiner politischen Vita von Anfang an dazu.» Seit Sonntag ist die zielstrebige Katholikin erste Parteichefin in der fast 155-jÀhrigen Geschichte der deutschen Sozialdemokraten.

Ihre Gegenkandidatin Simone Lange galt von vorneherein als chancenlos. Als Martin Schulz – tief verletzt durch sein Debakel als Kanzlerkandidat und fΓΌhrungsschwach im Ringen der SPD mit sich und der Neubildung einer ungeliebten grossen Koalition – als Parteichef nicht mehr tragbar erschien, stand niemand bereit, der Nahles den Anspruch hΓ€tte streitig machen kΓΆnnen.

Die zum linken FlΓΌgel gerechnete, aber pragmatisch orientierte Rheinland-PfΓ€lzerin polarisiert unverΓ€ndert auch in den eigenen Reihen. Doch von 2009 bis 2013 als GeneralsekretΓ€rin und zuletzt als Bundesarbeitsministerin verstand sie es, sich Respekt und Anerkennung selbst beim politischen Gegner zu erwerben. Ihr Wahlergebnis auf dem Parteitag war dennoch mit 66 Prozent das zweitschlechteste in der Nachkriegsgeschichte der SPD.

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Nahles: Heimat und Teamplay

Ihr RΓΌckzugsort ist das Dorf, wo sie mit ihrer im vorigen Jahr eingeschulten Tochter lebt und an Weiberfastnacht stets Schnaps ausschenkt. Β«So einen Ort zu haben, wo man akzeptiert wird, ohne dass viele Fragen gestellt werden – das ist fΓΌr mich Heimat. Das ist fΓΌr mich das Dorf hier in der EifelΒ», sagt Nahles.
Als erste Frau ΓΌbernahm sie im September den Vorsitz der auf 153 Abgeordnete geschrumpften Bundestagsfraktion. Sie wΓ€hnte sich damals noch als OppositionsfΓΌhrerin. Weithin wurde mit einem RegierungsbΓΌndnis aus Union, FDP und GrΓΌnen gerechnet. Es kam anders, weil die FDP die Jamaika-Sondierungen beendete.
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Andrea Nahles ΓΌbernahm den Vorsitz der Bundestagsfraktion von Martin Schulz.RMS
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Andrea Nahles ΓΌbernahm den Vorsitz der Bundestagsfraktion von Martin Schulz.RMS
Β«Teamplay in der FΓΌhrung wird einen neuen Stellenwert bekommenΒ», kΓΌndigte Nahles damals an. Das war nicht nur ein Versprechen, sondern auch eine Ansage an die Platzhirschen ihrer Partei. Einige Monate spΓ€ter, nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen mit der Union, schloss Nahles den amtierenden Aussenminister und fΓΌr seine AlleingΓ€nge berΓΌchtigten einstigen SPD-Chef Sigmar Gabriel von der Regierungsbildung aus mit den Worten, die SPD-Minister mΓΌssten als Team funktionieren.

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Nahles war zunΓ€chst auf No-GroKo-Kurs

Bei Facebook sprach Nahles schon am Wahlabend von einer Β«grossen NiederlageΒ» ihrer SPD, die bei der Bundestagswahl mit 20,5 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegszeit einfuhr. Sie legte sich auf Opposition fest, wie die gesamte ParteifΓΌhrung. Β«Wir brauchen einen programmatischen und organisatorischen NeuanfangΒ», schrieb sie. Β«FΓΌr die SPD besteht bei dem Wahlergebnis ΓΌberhaupt kein Anlass, ΓΌber eine WeiterfΓΌhrung der GroKo nachzudenken.Β»

Nach dem Abbruch der Jamaika-Sondierungen vollzog Nahles eine Kehrtwende und warb dafΓΌr, die Chancen einer grossen Koalition auszuloten. Dass ein Parteitag zunΓ€chst fΓΌr Sondierungen und ein Sonderparteitag dann auch grΓΌnes Licht fΓΌr Koalitionsverhandlungen gaben, ist auch kΓ€mpferischen Reden von Nahles zu verdanken, wΓ€hrend Parteichef Schulz blass blieb.

Andrea Nahles
Andrea Nahles ist fΓΌr ihre kΓ€mpferischen Reden bekannt.Lukas Schulze/Getty Images
Andrea Nahles
Andrea Nahles ist fΓΌr ihre kΓ€mpferischen Reden bekannt.Lukas Schulze/Getty Images

Richtete die SPD wieder auf

Nahles war Mitte der 90er-Jahre streitbare Juso-Chefin, brachte 2005 eher ungewollt Parteichef Franz MΓΌntefering zu Fall, stieg zur Vize-Parteichefin auf und richtete nach dem Wahldebakel 2009 als GeneralsekretΓ€rin mit Gabriel die Partei wieder auf. Wenige dΓΌrften in der SPD ΓΌber ein so engmaschiges Netz an Kontakten verfΓΌgen.

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Nach der Bundestagswahl 2013 zog sie sich als frisch gekürte Arbeitsministerin aus der vordersten Linie der Parteiarbeit zurück. Über die SPD hinaus erwarb sie sich Anerkennung selbst bei CDU-Fraktionschef Volker Kauder und Innenminister Thomas de Maiziere, die ihr Verhandlungsgeschick, ihre FÀhigkeit zur Kompromisssuche und ihre Sachkenntnis lobten.
In der SPD wird sie mit Kernprojekten wie dem Mindestlohn und der Rente mit 63 verbunden – obwohl letzteres vor allem ein Anliegen des damaligen Parteichefs Gabriel war. Zu den Gewerkschaften hat sie einen engen Draht. Der half, Forderungen der Gewerkschaften nach einem Rentenniveau von 50 Prozent zu dΓ€mpfen. Nahles schlug in der Regierung zunΓ€chst 46 Prozent vor, fΓΌr das Wahlprogramm der SPD durften es dann 48 Prozent sein. Das setzte sie dann auch im Koalitionsvertrag durch.
Oskar Lafontaine, Andrea Nahles und Franz Muentefering
1996: Der damalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine (l.), Juso-Vorsitzende Andrea Nahles und der damalige GeschaeftsfΓΌhrer Franz MΓΌntefering.Keystone
Oskar Lafontaine, Andrea Nahles und Franz Muentefering
1996: Der damalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine (l.), Juso-Vorsitzende Andrea Nahles und der damalige GeschaeftsfΓΌhrer Franz MΓΌntefering.Keystone

Verbissen und ΓΌberdreht

In der Γ–ffentlichkeit wird die Berufspolitikerin, die Politik und Germanistik studierte, bisweilen als verbissen wahrgenommen, bei anderen Gelegenheiten als ΓΌberdreht, etwa wenn sie im Bundestag Pippi Langstrumpf singt oder beim Abschied aus dem Kabinett den Unions-Ministern gutgelaunt mit auf den Weg gibt, sie bekΓ€men von ihr als OppositionsfΓΌhrerin Β«in die FresseΒ». In ihrer nΓ€heren Umgebung gilt Nahles als Frohnatur mit Witz und Schlagfertigkeit.

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Um Kraftausdrücke ist die Tochter eines Maurers nicht verlegen. Den damaligen Kanzler Gerhard Schrâder bezeichnete sie bei der Agenda-2010-Reform als «Abrissbirne der sozialdemokratischen Programmatik». Über dessen Lob beim SPD-Parteitag im MÀrz 2017 freute sie sich aber: «Ich hatte nicht immer erwartet, dass Du das so doll machen würdest», attestierte Schrâder der Arbeitsministerin mit rauem Charme.

Β«Ich bin ein sehr disziplinierter MenschΒ», sagte Nahles der Β«SΓΌddeutschen ZeitungΒ». Β«Mal ehrlich: Ohne Disziplin kΓΆnnten wir alle doch so einen Job gar nicht machen. Ich bin vielleicht ein bisschen eruptiv. Ich komme aus der Vulkaneifel.Β» Welche weiteren Karriereschritte Nahles vor sich hat, lΓ€sst sie selber offen. Nach der dritten verlorenen Bundestagswahl in Folge ist in der SPD vielerorts die Rede davon, dass 2021 nicht erneut ein Kanzlerkandidat von einer einzelnen Person oder einem kleinen Kreis nach der PopularitΓ€t ausgerufen werden dΓΌrfe. Das sei dreimal schiefgegangen. Als Parteichefin hat Nahles das Vorschlagsrecht. In ihrer Abitur-Zeitung gab sie 1989 als Berufswunsch an: Β«Hausfrau oder BundeskanzlerinΒ».

Β«Ich glaube, ich kann'sΒ»

Nahles bekannte vor dem Parteitag, sie habe in den vergangenen Wochen viel ΓΌber ihre fast 30 Jahre in der SPD nachgedacht. Da seien ihr Β«teilweise lustige Sachen eingefallen und teilweise weniger lustige SachenΒ». Es sei eine lange Strecke gewesen, durch die sich Nahles gewappnet sieht fΓΌr den Parteivorsitz: Β«Ich glaube, ich kann's.Β» Die Aufgabe sei Β«gross, aber ich habe mich auch lange irgendwie vorbereiten kΓΆnnen auf die AufgabeΒ». Auf dem Parteitag sagte sie zu, die Erneuerung der Partei voranzutreiben: Β«DafΓΌr werde ich arbeiten, dafΓΌr werde ich auch rackern.Β»

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(reuters/ccr)

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