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Fotografie

Retrokameras: Pixel mit Korn

Digitale Fotos werden immer perfekter. Das hat die Sehnsucht nach dem Charme analoger Bilder geweckt. Den Kameraherstellern kommt dieser Retrotrend gerade recht.

Thomas Byczkowski

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NIKON: Der Retro-Nachfolger der beliebten F-Reihe, mit der unter anderem im Vietnamkrieg fotografiert wurde: Nikon Df mit Normalobjektiv 1:1,8; Preis: 3498 Franken. (Bild: Tom Caffrey / Globe Photos / interTOPICS) RMS

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Man merkt es Andreas Seibert kaum an, aber der schmรคchtige Mann ist nicht nur einer der bekanntesten Schweizer Reportagefotografen โ€“ er ist auch ein zรคher Ringer: Fรผr seine Fotos geht er mit den Motiven bis in die letzte Runde. ยซWenn man in China ist und nur noch dreissig Filme dabeihat, dann รผberlegt man sich genau, was man fotografieren willยป, sagt der Trรคger des Hans-Erni-Preises 2013.
Der schnelle Schuss โ€“ das reflexartige Zielen und Abdrรผcken โ€“ ist รผberhaupt nicht seine Welt. Und Displays an Digitalkameras? So etwas lenke ihn nur ab. Nein, mit Pixeln und Bytes kann sich Seibert nicht anfreunden: ยซDie Digitalfotografie hat fรผr mich etwas Sauberes und Kรผnstliches. Das nervt die Leute doch mittlerweile. Analoge Aufnahmen sind organisch, kรถrnig, unscharf, kratzig, staubig. Und es ist vielleicht gerade dieses Unfertige und Unperfekte, das fasziniert.ยป
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Fotografieren mit Film statt Speicherkarte: Gehรถrt man damit zu den Ewiggestrigen? Analoge Apparate bekommt man fast nur noch gebraucht. Der japanische Kamerahersteller Nikon hat zwar noch eine Spiegelreflexkamera im Sortiment, das einstige Flaggschiff F6, doch das knapp ein Kilogramm schwere Gehรคuse kaufe heute kaum noch jemand, sagt Bjรถrn Thiele von Nikon in Dรผsseldorf.

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Selbst bei Leica im hessischen Solms, deren M-Modell der Inbegriff der klassischen Reportagekamera ist โ€“ mit der auch Seibert fotografiert โ€“, baut nur noch fรผnf Prozent der Gesamtproduktion fรผr analoge Fotografie, wie Stefan Daniel, Leiter des Produktmanagements, ausfรผhrt. ยซWenn Sie nicht gerade im eisigen Sibirien unterwegs sind, gibt es heute keinen Grund mehr, analog zu fotografieren.ยป
Was vor zwanzig Jahren noch Analogjรผnger und Digitalanhรคnger zum Glaubenskrieg rief, scheint mittlerweile zum Scharmรผtzel zwischen Fortschrittsglรคubigen und Nostalgikern geschrumpft zu sein. Der Kampf zwischen Silberionen und Megapixeln ist lรคngst entschieden. Trotzdem: Die letzten Zelluloid-Schnipsel sollte man nicht voreilig vom Tisch wischen.
Profifotograf Seibert ist nicht alleine mit seinem Faible fรผrs Unperfekte. Wieso sonst werden Computerprogramme immer beliebter, welche die Pixelbilder zu Aufnahmen modulieren, die direkt aus alten Instamatic- oder Polaroid-Kameras stammen kรถnnten? 150 Millionen Menschen nutzen die Instagramm-App. Und die Macher von Hipstamatic werben: ยซDigitale Fotografie sah noch nie so analog aus.ยป
Genau in diesem Retrotrend sieht die Fotoindustrie eine lukrative Nische. ยซDer Grossvater fotografierte doch auch schon mit so einer Kamera. Und die Bilder sahen gut ausยป, erklรคrt Nils Hรคussler von Olympus in Deutschland die Logik. Vor fรผnfeinhalb Jahren stellte sein Unternehmen die digitale Pen Series nach einem Design von 1959 vor. Ein Jahr spรคter prรคsentierte Fujifilm die X100 und dann die Pro 1 โ€“ Digitalkameras, deren Formen sich an Sucherkameras des vergangenen Jahrhunderts orientieren. Ende 2013 sorgte Nikon fรผr Aufsehen mit der Df, einer digitalen Version der Nikon-F-Kamera, die von 1959 bis 1973 produziert wurde. Ihre Ausstattung: keine Videofunktion, dafรผr aus dem Vollen gefrรคste Hebel und gravierte Schalter sowie die Mรถglichkeit, Objektive von 1977 zu verwenden. Passend dazu kann man mit dem Picture Control Program bei Nikon oder dem Filmarten-Wรคhler bei Fujifilm die Eigenschaften alter Analogfilme simulieren.

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Rennen
Seit Louis Daguerre vor 175 Jahren seine Daguerreotypie in der Pariser Akademie der Wissenschaften vorstellte, geht es um das perfekte Bild. Lange Zeit war es ein Rennen um Kรถrnung, Emulsionen und Entwicklung, in dem sich vor allem die amerikanische Eastman Kodak Company und die japanische Fujifilm Corporation gegenseitig den Rang abliefen. Nicht einmal vor waffenfรคhigem Uran wurde haltgemacht: Dreissig Jahre lang untersuchten Wissenschaftler im Keller von Kodak Chemikalien mit einem Nuklearreaktor auf Unreinheiten, um ihrem Slogan aus den fรผnfziger Jahren gerecht zu werden: ยซSie machen das Foto, wir machen den Rest.ยป
Was die Computertechnologie fรผr dieses Versprechen bedeuten wรผrde, davon hatte Steven Sasson Mitte der siebziger Jahre keine Ahnung. Damals entwickelte der Ingenieur fรผr Kodak Bildsensoren. Wie ein Diaprojektor mit angehรคngten Blockbatterien und Kassettenspieler sah der Apparat aus, mit dem er nach einem Jahr Entwicklungszeit das erste Bild knipste. Quรคlende 23 Sekunden benรถtigte das Portrรคt einer Kollegin, bis es vom Sensor in elektronische Signale umgewandelt und auf einer Musikkassette gespeichert war. Und dann nochmals eine halbe Minute in einem Wiedergabegerรคt, bis ein Bild auf dem Bildschirm erschien. Was Sasson schliesslich sah, war ein Schattenriss vor weissem Hintergrund. Er musste sich spรถttische Kommentare anhรถren, dass da wohl noch einiges zu tun sei. Aber es war die Geburt der Digitalkamera im Dezember 1975.

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Zauberworte. Und heute, 39 Jahre spรคter? ยซWissen Sie, warum es so viele Kochshows im Fernsehen gibt?ยป, fragt Nils Hรคussler von Olympus โ€“ und schiebt die Antwort gleich selber nach: ยซDahinter steckt die einfache Botschaft, dass jeder kochen kann.ยป Das wollen die Hersteller auch fรผr die Fotografie umsetzen: ยซNiemand muss heute noch einen Volkshochschulkurs belegen, um fotografieren zu lernen.ยป Fรผnfachsige Bildstabilisierung, automatischer Weissabgleich, Autofokusnachfรผhrung und Motivwahlprogramme sind die magischen Worte, die aus jeder noch so stรผmperhaften Aufnahme veritable Bilder zaubern, die man sofort auf dem Kameradisplay ansehen โ€“ und gleich wieder lรถschen kann. Der Kodak-Slogan hat sich geรคndert: Sie machen das Foto, die Kamera macht den Rest.
Dieser ยซKochshow-Effektยป in der Fotografie definiert den Wert eines Bildes neu. Olympus hat in einer Studie untersucht, was Kamerabesitzer heute mit ihren Fotos machen. Zahlen will Hรคussler nicht nennen, aber ยซein erschreckend grosser Prozentsatz der Leute lรคdt die Fotos noch nicht einmal auf den Computer herunter. Vom Ausdrucken ganz zu schweigen.ยป Bild perfekt, Zauber weg? Gerade vor und hinter der Kamera ging es immer um Egos und um Emotionen, um Ekstase und um ร„ngste. Ist das Digitalfoto der Tod der Leidenschaft?

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Die Fotoindustrie scheint mit ihren Entwicklungen รผber das Ziel hinausgeschossen zu sein. Seit 2010 befindet sie sich wirtschaftlich auf Talfahrt: Die Verkรคufe von Digitalkameras sanken allein in den ersten drei Quartalen 2013 weltweit um 17 Prozent. In der Schweiz rechnet das Marktforschungsinstitut GfK fรผr 2014 mit Einbussen von รผber acht Prozent.
Dies alles, obwohl noch nie so viel geknipst wurde wie heute. Rund 2000 Auslรถsungen prognostiziert der Photoindustrie-Verband allein fรผr Deutschland โ€“ pro Sekunde! Dass die meisten davon mit Smartphones gemacht werden, stรถrt Verbandschef Christoph Thomas nicht. Hauptsache, es werde fotografiert.
Der Retrotrend aber kommt fรผr die Fotoindustrie gerade recht. Er ist lukrativ: Die Nikon Df etwa kostet rund 3500 Franken mit Objektiv, die Olympus rund 2000 Franken. Solche Kameras verleihen dem Besitzer die Aura eines Henri Cartier-Bresson oder Robert Capa und unterscheiden diesen vom schnรถden Smartphone-Knipser. Mit ihnen wird Fotografieren beinahe wieder so wie damals.
Augenblick
Unser Verhรคltnis zum Foto aber habe die Digitaltechnik verรคndert, davon ist Erfinder Sasson รผberzeugt. In einem Interview vor fรผnf Jahren erzรคhlte er, wie seine Tochter und ihre Freundinnen nach einem Konzert aufgeregt Fotos auf ihren Smartphones anschauten. ยซDurch die Bilder haben die Mรคdchen das Konzert zum zweiten Mal erlebtยป, sagte er und schlussfolgerte: ยซMeine Eltern oder ich machen Fotos, um uns in ferner Zukunft zu erinnern. Meine Kinder machen die Bilder vor allem fรผr den Augenblick. Um ihn zu teilen. Sie nutzen sie so, wie wir Worte nutzen.ยป

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Einen intellektuellen Spagat muss niemand machen zwischen analoger und digitaler Fotografie. Der Umgang eines Fotografen wie Andreas Seibert mit seinem Motiv ist ein vรถllig anderer als der eines Hobby-Knipsers. Profi Seibert etwa stรถrt die moderne Technik. ยซAuch wenn die Werbung verspricht, dass Fotografen mit den neuen Kameras noch freier sind im Umgang mit ihren Motiven, so stimmt das nur in der Theorie. Denn dem Blick auf das Display kann sich niemand entziehen.ยป Leica-Entwickler Daniel hรคlt dagegen: ยซSie kรถnnen ein Display auch abschalten.ยป Die digitalen M-Kameras funktionieren prinzipiell gleich wie die alten Leicas. Recht haben beide.
Zwar ist die Magie der Filmentwicklung der Allmacht des Computers gewichen, zwar haben sich die technischen Mรถglichkeiten verรคndert โ€“ aber wenn es um die reine Qualitรคt eines Bildes geht, sollte man nicht nur fragen, ob analog oder digital das bessere Format sei. Wer รผber Rauschverhalten diskutiert, รผber Moire-Effekte und das Italian-Flag-Syndrom, sollte etwas anderes beachten: Der Sucher einer Leica M etwa โ€“ gleich ob digital oder analog โ€“ besteht aus รผber 150 Teilen. Bei starken Erschรผtterungen kann er sich verstellen und sowohl bei digitalen als auch analogen Fotos zu Unschรคrfe fรผhren. Kaum jemand lรคsst sein Equipment regelmรคssig prรผfen, Toleranzen ausgleichen und Objektive exakt auf die eigene Kamera justieren.

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Durchdenken
Minimalste Abweichungen kรถnnen grosse Auswirkungen haben, etwa beim digitalen Mittelformat: ยซBei 80 Millionen Pixeln sehen Sie wirklich allesยป, sagt Ralph Rosenbauer vom kleinen Zรผrcher Kamerahersteller Alpa (siehe ยซDas neue Leben einer Legendeยป unten). Nirgends wird das Beste aus beiden Welten effektiver verschmolzen als im Modulsystem dieser Firma. Analoge oder digitale Rรผckwand, Linsensucher oder iPhone-App, elektronisch gesteuerter Schlitzverschluss oder mechanischer Objektivverschluss โ€“ alles kann miteinander kombiniert werden. Nur eines bleibe immer gleich, sagt Rosenbauer und rollt ein meterlanges Bild des Fotografen Adam Mรธrk aus. Darauf sieht das Aquarium The Blue Planet in Kopenhagen aus wie ein Ufo: ยซTheoretisch kรถnnten Sie dieses Bild auch mit einer digitalen Kamera fotografierenยป โ€“ er hรคlt einen Spiegelreflexapparat mit einer Hand in die Hรถhe, drรผckt den Auslรถser, und der Verschluss rattert los wie ein Maschinengewehr โ€“, ยซaber Sie werden es nicht tun.ยป Er steht auf und baut eine Alpa zusammen: erst den Rahmen mit Griff, dann den Sucher, das Objektiv, die Shift-Einheit und die Digitalkassette. ยซSchon die Auswahl und der Aufbau einer Alpa benรถtigen Zeit. Das zwingt von vornherein zum genauen Durchdenken der Aufnahme.ยป

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Wer will, dem gibt die heutige Technik einen ganz neuen Horizont von Mรถglichkeiten. Wer nicht will, der muss vielleicht bald anfangen zu sammeln: Kodak stellt seit 2012 keine Diafilme mehr her. Der hochempfindliche Schwarzweissfilm T-Max 3200 ist auch vom Markt. Und Fujifilm will dieses Jahr die Preise fรผr Filme erhรถhen. Selbst Fotograf Seibert sinniert: ยซDigitalfotografie hat mir nie gefallen. Aber vielleicht braucht es dazu einfach noch Zeit.ยป
Das neue Leben einer Legende
Die feinsten und edelsten Retrokameras stammen aus Zรผrich: Alpa โ€“ die 35-Millimeter-Ikone ist zu neuer Grรถsse gewachsen.

Exzellente Schweizer Kameratechnik, eine Benutzerliste wie das Who is who der Fotografenszene, ein prรคmiertes Modulkonzept, kompakt genug fรผr Reportagen, prรคzise genug fรผr Gletscher- und Staudammvermessungen: Das alles steht fรผr Alpa. Der Name geht zurรผck auf eine 35-Millimeter-Spiegelreflexkamera, die von 1942 bis 1990 von der Firma Pignons gebaut wurde. Seit 1996 fรผllt das Ehepaar Capaul-Weber in Zรผrich den Markennamen mit einem ausgefeilten Modulkonzept, das sich fรผr jedes Sujet anders kombinieren lรคsst. Von der Digital- bis zur Analogaufnahme ist mit Prรคzisionsverschlรผssen, Shift-Adapter und einem iPhone als elektronischem Sucher alles mรถglich. Firmen wie Zeiss, Rodenstock und fรผr die Gehรคusetechnik Seitz Phototechnik in Lustdorf TG liefern die Komponenten fรผr Alpa of Switzerland. 

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