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Grossprojekt

Retortenstädte: Zwischen Vision und Wirklichkeit

In der Geschichte haben schon einige Regierungen Hauptstädte aus dem Boden gestampft. Ägypten plant am Reissbrett bereits ein neues Kairo. Nicht immer gelingt das Vorhaben.

Gabriel Knupfer

Viele Länder bauten sich in der Vergangenheit eine Planhauptstadt. Erfolgreich waren die wenigsten. Eines der bekanntesten Beispiele ist Brasiliens Hauptstadt Brasília. Die öffentlichen Gebäude hat der geniale Architekt Oscar Niemeyer geplant. Obwohl die Stadt 1987 zum Weltkulturerbe erklärt wurde, wirkt sie bis heute seltsam leer und leblos. Wikimedia/CC/Mario Roberto Duran Ortiz
Auch die nigerianische Hauptstadt Abuja ist eine echte Planhauptstadt. Bereits 1976 begann die Planung einer neuen Metropole im Zentrum des politisch und religiös geteilten Landes. Nach vielen (finanziellen) Schwierigkeiten wurde Abuja 1991 endlich zur Hauptstadt erklärt. Die wichtigste und grösste Stadt des Landes bleibt aber bis heute Lagos. Flickr/CC/Jeff Attaway
Erfolgreicher war die Etablierung von Canberra in Australien. Hier ging es um die Vermeidung von Streitigkeiten zwischen den grossen Städten Sydney und Melbourne, nach der weitgehenden Unabhängigkeit der britischen Kolonie 1907. Den Hauptstadtstatus erhielt Canberra 1927. Trotz der schönen Lage von Canberra bleibt aber Sydney unbestritten die wichtigste Stadt des Landes. Flickr/CC/Jason James
Die Militärjunta von Myanmar setzte sich mit der Planstadt Naypyidaw ein Denkmal. 2005 wurde die Verwaltung von Rangun in die neue Stadt verlegt. Wie viele Planstädte ist Naypyidaw klar in verschiedene Zonen gegliedert und grosszügig angelegt. Zu grosszügig, wie das Bild dieser zig-spurigen Autobahn zeigt. Keystone
Manchmal erfolgt die Errichtung einer Planhauptstadt wegen Natureinflüssen. Belmopan wurde nach der weitgehenden Zerstörung von Belize City durch einen Hurrikan im Jahr 1961 gebaut. Die neue Hauptstadt sollte an einem sichereren Ort im Landesinnern zu stehen kommen. Mit 17'000 Einwohnern gleicht Belmopan auch nach 45 Jahren eher einem Provinznest als einer Kapitale. Wikimedia/CC/Haakon Krohn
Pakistans Kapitale Islamabad ist ebenfalls eine Planstadt. Verantwortlich für die Planung war der griechische Architekt Konstantinos A. Doxiadis. Seit 1967 ist Islamabad die dritte Hauptstadt des erst 1947 gegründeten Landes. Klimatisch günstig gelegen, hat sich die Stadt gut entwickelt. Eine pulsierende Grossstadt ist Islamabad zwar nicht geworden, doch die Stadt ist relativ sauber und ruhig. Wikimedia/CC/Asjad Jamshed
Nouakchott, die Hauptstadt von Mauretanien, wurde eigens für die Unabhängigkeit des Landes gebaut. Bei der Loslösung von Frankreich im Jahr 1960 noch ein Kaff mit einigen Tausend Einwohnern wuchs Nouakchott durch Landflucht weitgehend ungeplant auf 900'000 Einwohner an. Die grösste und wichtigste Stadt des Landes ist Nouakchott mit Bestimmtheit. Von der ursprünglichen Planung ist indes kaum mehr was zu sehen. Wikimedia/CC/initsogan
Ähnliche Überlegungen liegen auch der Erbauung von Gaborone in Botswana zugrunde. Die strahlenförmig um das Regierungsviertel angelegte Stadt wurde eigens für die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich errichtet und ist heute die grösste Stadt des Landes. Flickr/CC/pmecologic
Der kleine Inselstaat Palau sah ebenfalls Bedarf nach einer Planhauptstadt. Ngerulmud ersetzte 2006 Koror als Kapitale. Viel Geld kam dabei aus Taiwan, um die diplomatische Anerkennung Taiwans durch Palau zu belohnen. Trotzdem hat sich das Land für das prunkvolle Kapitol verschulden müssen. Das gesamte Verwaltungsgebiet Melekeok, inklusive der «Hauptstadt», hat nur wenige hundert Einwohner und hat eher dörflichen Charakter. Wikimedia/CC/Peter Binter
Neu Delhi in Indien wurde dagegen ab 1911 – noch während der Kolonialzeit – als Ersatz für die traditionelle Hauptstadt Kalkutta angelegt. Neu Delhi ist allerdings eher das Regierungsviertel der Metropole Delhi als eine eigenständige Stadt. Es gehört zum «Nationalen Hauptstadtterritorium Delhi». Keystone
Nicht immer können Planhauptstädte ihre Position behaupten. Quezon City, direkt neben Manila, war 28 Jahre lang Hauptstadt des Landes. 1976 wurde die Stadt in die Metropol-Region Metro Manila eingemeindet und von Manila als Kapitale abgelöst. Flickr/CC/Jun Acullador
Eine Erfolgsgeschichte ist Washington D.C.. Die US-Hauptstadt wurde nach der Unabhängigkeit in einem trockengelegten Sumpfgebiet errichtet. Obwohl in 215 Jahren nicht die grösste Stadt der USA daraus geworden ist, ist Washington heute unbestritten eine Weltstadt. Library of Congress
Bei Sankt Petersburg ist die Gründung als Planstadt heute kaum mehr zu erahnen. Peter der Grosse wollte im frühen 18. Jahrhundert mit der Errichtung einer neuen Hauptstadt die Macht von Moskau brechen. Sankt Petersburg blieb über 200 Jahre lang (1712 bis 1918) Hauptstadt Russlands. Flickr/CC/Maxim Massalitin
Ebenfalls als Planhauptstadt angelegt ist das deutsche Karlsruhe. 1715 als Hauptstadt der Markgrafschaft Baden-Durlach gegründet, ist die sternförmige Stadtanlage um das Schloss bis heute augenfällig geblieben. Flickr/CC/Christian Reimer
Im März wurde bekannt, dass auch Ägyptens Regierung östlich von Kairo eine Planstadt errichten lassen will. Trotz guter Gründe bleibt das Projekt aber höchst umstritten. Angesichts der Erfahrungen aus ähnlichen Megaprojekten wohl mit gutem Grund. Keystone
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Bis zu 25 Millionen Einwohner leben im Ballungsraum von Kairo. Doch nun hat die Regierung genug vom Chaos und vom täglichen Verkehrsinfarkt. Innert zwölf Jahren will Ägypten eine neue Hauptstadt aus dem Boden stampfen. Voraussichtlicher Kostenpunkt: 75 bis 80 Milliarden Dollar.
Mit ihren pharaonischen Plänen stehen die Ägypter aber längst nicht alleine da. Vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, vielfältige Probleme durch die Errichtung einer neuen Hauptstadt zu lösen. Wirklich gelungen sind die Experimente aber nur selten.

Nicht nur Profilierung

Die Errichtung einer Planhauptstadt wird in der Öffentlichkeit oft mit Profilierungssucht und Grössenwahn der Machthaber erklärt. Alleine ausschlaggebend sind solche Motive aber selten. Wie nun in Ägypten gab es auch in der Vergangenheit oft gute Gründe für die Verlegung der Hauptstadt in ein neugebautes Utopia.
Exemplarisch für moderne Planhauptstädte ist dabei in verschiedener Hinsicht Brasília. Bereits im 19. Jahrhundert wurde beschlossen, eine neue Hauptstadt für Brasilien zu bauen. Hintergrund war einerseits der Wunsch nach einer neutralen Hauptstadt anstelle der dominanten Küstenstadt Rio de Janeiro. Andererseits wollte man auch das Innere des riesigen Landes erschliessen und die dortige Infrastruktur ausbauen.

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Weit ab von jeder Zivilisation

Für Brasília sprachen also sowohl politische als auch praktische Gründe. Trotzdem kam das Projekt nach der Grundsteinlegung 1922 nur schleppend voran. Das Gebiet lag an einer völlig unerschlossenen Stelle im Zentrum des Landes, weitab von jeder Zivilisation. Erst unter Präsident Juscelino Kubitschek (1956 bis 1961) nahmen die Arbeiten Fahrt auf. In nur vier Jahren wurde Brasília schliesslich aus dem Boden gestampft und 1960 zur Hauptstadt erklärt.
Trotz der grossartigen Architektur der öffentlichen Gebäude, die alle von Oscar Niemeyer geplant wurden, ist aus Brasília aber keine pulsierende Metropole geworden. In der Stadt leben vor allem Beamte. Und auch diese fliegen am Wochenende bis heute gerne in ihre Heimatstädte zurück.

«Dieses Experiment war nicht erfolgreich»

50 Jahre später zeigen sich auch klare Planungsfehler. So ging der Wohnraum für einfache Arbeiter weitgehend vergessen. Viele Angehörige der Unterschicht wohnen in Slums und Satellitenstädten ausserhalb der Kernstadt. Weil sich die Industrie nicht im vorgesehenen Ausmass angesiedelt hat, kämpfen die Vororte mit hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität.
Während Brasília wegen seines architektonischen Werts bereits 1987 ins Welterbe der Unesco aufgenommen wurde, fällt die soziale Bilanz weniger gut aus. In einem Interview sagte Oscar Niemeyer im Jahr 2001: «Dieses Experiment war nicht erfolgreich». Wie sein Lehrmeister Le Corbusier träumte auch Niemeyer von einer Idealstadt, die dem ganzen Land Schwung verleihen würde.

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Keine Lehren daraus gezogen

Auch die Regierung Ägyptens verspricht sich von ihrer neuen Stadt nichts weniger als eine «Wiedergeburt» des Landes. Doch im Moment ist bei Ägyptens Plänen noch nicht einmal der Name der geplanten Kapitale bekannt. Und auch die weietren Effekte des Projekts sind im Voraus kaum abzusehen. Denn dass tatsächlich die richtigen Lehren aus dem Fall Brasília gezogen wurden, bleibt mit Blick auf neuere Hauptstadtprojekte in anderen Ländern fraglich.
Abuja in Nigeria und Naypyidaw in Myanmar sind nur zwei Beispiele für die immensen Kosten solcher Pläne – bei sehr begrenztem Nutzen. Retortenstädte sind bisher eher Fremdkörper in ihren Ländern geblieben, als ein Beitrag zu nationaler Identität.

Washington: Ein positives Beispiel

Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten. Die Retortenstadt Washington D.C. wurde ab 1792 in einem trockengelegten Sumpfgebiet errichtet. 1800 wurde Washington schliesslich anstelle von Philadelphia zur Hauptstadt der USA erklärt. Heute ist Washington nicht nur die unbestrittene Hauptstadt der Weltmacht, sondern auch Sitz von wichtigen internationalen Organisationen wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds.
Eine Zusammenstellung von wichtigen aktuellen und ehemaligen Planhauptstädten sehen Sie in der Bildergalerie oben.

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Über die Autoren
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer ist Redaktor Wirtschaft-Desk RMS für Blick und die Handelszeitung, für die er seit zehn Jahren arbeitet.

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