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Reiche auf dem Holzweg

Wenn in Gstaad im Juli das UBS Open stattfindet, dann stehen die Tennisstars wieder im Mittelpunkt des Interesses. Die eigentlichen Stars von Gstaad indes, die Reichen und Schรถnen, verstecken sich in ihren Chalets. BILANZ ging auf die Suche, wo Blut- und Geldadel Millionen verhรถlzeln.

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Wer es bis hinauf ins Oberbort geschafft hat, ist buchstรคblich ganz oben. Nur Leute, denen es gleichgรผltig sein kann, ob sie ein paar Millionen mehr oder weniger auf ihren Bankkonten parkiert haben, kรถnnen sich an diesem Milliardenhรผgel hinter dem Luxushotel Palace in Gstaad ein Chalet leisten.

ยซAbsurd sind die Preiseยป, erzรคhlen unten im Dorf die Einheimischen. Eine holzverschalte Supervilla kostet heute locker zehn Millionen Franken. Viel fรผr einen Zweitwohnsitz, in dem der Besitzer meist nur ein paar Tage pro Jahr verbringt โ€“ in der Regel zwischen Weihnachten und Silvester sowie im Februar. Mitte Juni hingegen sind im Chaletviertel fast nur Handwerker, Gรคrtner und Hausverwalter zu sehen. Oder ein paar Schafe, die hinter dem Chalet Sunnmatt von Nicolaus Springer weiden. Der Sohn des verstorbenen deutschen Pressezaren Axel Springer verlegte seinen Wohnsitz nach Gstaad: ยซWeil ich hier meine Ruhe habe.ยป Der Nachfahre des einstigen ยซBildยป-Verlegers will von Presseleuten nicht belรคstigt werden.

Springer kann ruhig schlafen: Die Superreichen bleiben am Oberbort unter sich. Dafรผr sorgen Landpreise und die vorgeschriebene, kostspielige Chalet-Bauweise. Nur hinten im Gigerli gibt es noch Bauernhรถfe. Hier hat eine Familie nicht nur einen fantastischen Ausblick ins Rottal und aufs Wildhorn, sondern auch aufs benachbarte Chalet, das der Hollywood-Diva Elizabeth Taylor gehรถrte. Ihr Gรถttergatte Nummer vier, Eddie Fisher, erstand das Haus Anfang der Sechzigerjahre fรผr 280 000 Dollar. Liz liebte es nur bedingt, denn sie soll Fisher damals gefragt haben: ยซWeisst du, dass es nicht mal eine Badewanne hat?ยป In seiner 1999 publizierten Biografie schrieb Fisher: ยซNun ist es Millionen wert.ยป

Die Millionen dรผrfte die Taylor eingefahren haben: Vor kurzem soll das Chalet von der Verlegerfamilie Michalski erstanden worden sein. Vera Michalski-Hoffmann ist die Tochter des milliardenschwerden Roche-Aktionรคrs Lukas Hoffmann. Auch er besitzt in Gstaad ein Chalet โ€“ das ยซEsmeraldaยป. Einst gehรถrte es Nina Kandinsky. Die Witwe des berรผhmten Malers wurde darin 1980 laut ยซBlickยป ยซmit blossen Hรคnden erdrosseltยป. Der Mord wurde bis heute nicht aufgeklรคrt.

Mittlerweile dรผrfte auch das ยซEsmeraldaยป total saniert sein. Ein in Gstaad รผblicher Vorgang: So lasse der Formel-1-Kรถnig Bernie Ecclestone allein fรผr den Umbau der Kรผche in seinem Chalet Lion ein paar Hunderttausend Franken springen. Obwohl das Vorlรคufermodell erst sieben Jahre alt gewesen sei, verbreiten Klatschmรคuler im Dorf.

Unter den neuen Chalets lassen sich problemlos Heimkinos und Hallenbรคder verstecken. Man muss nur tief genug in den Hang hinein buddeln โ€“ auch um Platz zu schaffen fรผr die Luxuskarossen. Daher verschlingt ein solcher Feriensitz laut Handwerkern heute fรผnf bis acht Millionen Franken โ€“ ohne Land. Der Quadratmeterpreis ist am Oberbort auf รผber 1000 Franken geklettert.

Erstaunlich, denn dort sind lรคngst nicht mehr nur beste Lagen erhรคltlich: Zurzeit wird gleich neben dem Parkplatz des ยซPalaceยป ein Chalet hochgezogen. Es kostet, so Handwerker, รผber 20 Millionen. Auch wenn es wohl weniger ist: Die Besitzerin hats. Hier baut Donatella Spรคt-Bertarelli, die Schwester von Ernesto Bertarelli (36), dem Chef von Serono, einer der grรถssten Biotech-Gruppen der Welt. Der Multimilliardรคr heiratete im letzten Jahr bei Gstaad in einem Zelt. 2002 kรถnnte er problemlos ein ganzes Zeltdorf in seinen zukรผnftigen Garten im Weiler Gruben stellen. Fรผr das Anwesen soll Bertarelli rund 20 Millionen ausgegeben haben. Vom denkmalgeschรผtzten Chalet auf dem Grundstรผck stehen nur noch die Aussenwรคnde und das Dach. Es wird zurzeit fรผr weitere Millionen fachgerecht ausgehรถhlt und vรถllig umgebaut. Einst gehรถrte es Richard Graf Coudenhove-Kalergi, der in den Zwanzigerjahren die Idee eines vereinten Europa lanciert hatte. Auch eine weitere lebende Legende trennte sich von seinem Anwesen: der Geigenvirtuose Lord Yehudi Menuhin. Nicolas Bรคr, Ehrenprรคsident der Bank Julius Bรคr, liess dessen Chalet umgehend abreissen. Ein neues ist im Bau.

Abgezogen sind die Handwerker vom frรผheren Grundstรผck des Harrodโ€™s-Besitzers Mohamed al-Fayed, des Vaters des zusammen mit der englischen Prinzessin Diana in Paris verunfallten Dodi. An der Stelle des abgebrochenen Chalets des Londoner Warenhauskรถnigs steht dort nun das ยซTanneggliยป aus dem 17. Jahrhundert. Es gehรถrt Thomas Straumann, dem Prรคsidenten der gleichnamigen Firma, die Dentalimplantate herstellt.

Einst hiess es ยซCholihuusยป und musste einem Hotel weichen. Straumann liess das denkmalgeschรผtzte Schmuckstรผck aus dem Depot holen und es als Gรคstehaus am Oberbort aufstellen. Der Industrielle hat seit fรผnf Jahren in Gstaad seinen Wohnsitz: ยซHier kann ich abschalten.ยป Ihm gefรคllt nicht nur die Landschaft, sondern auch der Mix von Einheimischen und internationalem Publikum: ยซHier kennt jeder jeden.ยป

Eingenistet hat sich Straumann im Chalet Thieral. Ein Teil der kunstvollen Holzverschalung stammt laut Inschrift aus dem Jahr 1823. Darunter ist ein Gedicht von Hermann Hesse in die Balken geritzt. Mutter Marianne Straumann hat sich in unmittelbarer Nรคhe des 20 bis 30 Millionen teuren Anwesens ihres Sohnes das Chalet Santa Maria erstanden.

Ein bevorzugtes Refugium ist Gstaad auch fรผr Erben wie Mick Flick und Unternehmer, die ihre Firmenanteile verscherbelt haben wie beispielsweise der deutsche Werbeartikel-Versandhรคndler Jรผrgen Oppermann oder Curt Engelhorn. Der einstige Firmenboss trat seine Beteiligung am Chemiekonzern Bรถhringer an Roche ab. Sie lรถsen die Hollywoodstars ab: Curd Jรผrgens war hier und die ebenfalls verstorbene Audrey Hepburn. Roger Moore lรคsst sich kaum mehr blicken wie Julie Andrews.

Kramen Insider in ihren Erinnerungen, sprechen sie gerne vom Kommen und Gehen, das die Gstaader Schickimicki-Szene in den letzten Jahrzehnten geprรคgt haben soll. So gab es die ยซWelleยป der Araber. Sie sollen ihre Chalets gerne mit goldenen Wasserhahnen geschmรผckt haben.

Auch griechische Reeder investierten gerne in Saanenlรคnder Holzhรคuschen. Im Telefonbuch finden sind gleich drei Angehรถrige der Familie Goulandris. Taki Theodoracopulos schnรถdet gern und oft in seinen Kolumnen fรผr die ยซNew York Postยป oder die ยซSunday Timesยป รผber die Verschandelung der Region und die zu hohen Preise. ยซDie Einheimischen sind gierigยป, jammerte er und behauptete: ยซDas Problem von Gstaad ist, dass Leute einmarschieren, die reich an Geld und arm an Abstammung sind.ยป

Aber: Das Telefonbuch beweist das Gegenteil. Eine stattliche Zahl von Adeligen sind der Region treu geblieben. So hat die italienische Exkรถnigsfamilie laut ยซGlรผckspostยป in Gstaad ihren Hauptwohnsitz. Ihr in die Jahre gekommenes Chalet Santana wirkt neben den Palรคsten des internationalen Geldadels wie eine Jagdhรผtte.

Beehren Blut- und Geldadel Gstaad, wird nicht gespart: Ein Pรคrchen lรคsst allein zum Apรฉro locker einen Tausender liegen. Denn die Chaletbesitzer sind gute Kunden der Fรผnfsternehotellerie. Der General Manager des ยซPalaceยป, Andrea Scherz, schรคtzt, allein mit dieser Klientel im letzten Winter 800 000 Franken eingenommen zu haben. Zweitwohnungsbesitzer bringen bei ihm ihre Gรคste unter, essen dort oder ordern Caterings. Auch das Grand Hotel Park setzt unter anderem dank dem Partyservice fรผr Wohneigentรผmer mehrerere Hunderttausend Franken um. Beliebt sind auch die Dienste der 13-kรถpfigen Crew, die im Winter die rund 800 Mitglieder des Eagle Ski Club umsorgt. Er gilt als ยซeiner der exklusivstenยป der Welt. Erreichbar ist das Klubhaus auf knapp 2000 Metern nur per privaten Skilift. Zu den Grรผndern zรคhlt der Earl of Warwick, ein so genannter Rosey-Boy. Das ยซLe Roseyยป ist eine von drei superteuren Privatschulen in der Region. Viele Schรผler kommen spรคter zurรผck โ€“ als Fรผnf-Sterne- oder Chalet-Gast.

Die Hauseigentรผmer gaben in den Sechziger- und Siebzigerjahren rauschende Feste im ยซPalaceยป โ€“ heute feiern sie zu Hause. ยซDas sind kleinere Festeยป, sagt der Deutsche Gunter Sachs, der im Berner Oberland seit 25 Jahren das ยซVieux Chaletยป besitzt: ยซGstaad ist gemรผtlicher, familiรคrer als St. Moritz. Dort ist alles viel prachtvoller, aber auch hektischer.ยป

Seit Gstaad auch eine verkehrsfreie Promenade hat, ist es fรผr die Millionarios noch attraktiver. Sie kรถnnen von Edelboutique zu Edelboutique flanieren, wo man ihnen im Notfall innert Stunden ein neues Prada-Fรคhnchen fรผr die Party am Abend umschneidert. Kaum ein Luxuslabel fehlt an dieser Flaniermeile. Der Umsatz pro Laden und Jahr betrage rund eine Million Franken, sagt ein Boutiquenbesitzer. Frรผher, in den Achtzigerjahren, gab es diese noblen Ladenlokale noch nicht. Da pilgerten die Schรถnen und Reichen zu Valentino. Der verkaufte ihnen in seinem Chalet seine begehrten Designerklamotten. Heute haben auch der Stoffproduzent Emilio Ferrรฉ und die deutsche Modemacherin Jil Sander einen Chaletsitz im Saanenland.

Dort gehรถren heute nicht nur die Boutiquenbesitzer zu den Vermรถgenden: In diese Klasse aufgestiegen sind dank dem Bauboom auch Immobilienhรคndler wie der Porsche-Fahrer Marcel Bach oder der Architekt Walter Matti, der laut Insidern fรผr die teuersten Chalets der letzten Jahre gezeichnet hat wie das 20-Millionen-Chalet Aida im Wispile- Gebiet fรผr einen Bruder des Waffenhรคndlers Adnan Kashoggi. In Spitzenjahren wie jetzt werden Zweitwohnsitze im Wert von gegen 200 Millionen an den Mann oder die Frau gebracht. Die Kommission fรผr den Hรคndler betrรคgt zwei bis fรผnf Prozent.

Dafรผr kaufen sich die Besitzer absolute Diskretion. Es findet sich kaum ein Einheimischer, der sich getraut, eine Chaletfรผhrung zu machen und auszuplaudern, wem was gehรถrt. Die Lektion, den Superreichen mit hรถchster Diskretion zu begegnen, saugen die Saanenlรคnder mit der Muttermilch auf. Diese Gรคste lassen schliesslich die Kassen klingeln.

Auch bei der Gemeinde: 39 Millionen betrugen die Steuereinnahmen, 9,3 Millionen Franken mehr als budgetiert. Allein 6,2 Millionen sind Liegenschaftsgewinnsteuern aus Handรคnderungen in der oberen Preisklasse. Das ist das zweitbeste Jahr seit 1995. Damals beliefen sich die Gewinnsteuern gar auf rund sieben Millionen Franken. Allerdings ist sich Gemeinderatsprรคsident Andreas Hurni auch bewusst, wie volatil diese Einnahmen sind: ยซEiner ist uns weggestorben, der Staats- und Gemeindesteuern in der Hรถhe von einer Million Franken bezahlt hat.ยป

An der Qualitรคt der medizinischen Versorgung lag es kaum. Die Zweitwohnungsbesitzer kรผmmerten sich auch darum: Um das Spital Saanen vor der Schliessung zu retten, grรผndeten sie zusammen mit Einheimischen einen Verein und spendeten bis heute 3,5 Millionen Franken. Damit wurde unter anderem ein Computertomograf installiert. Laura Mentzelopoulos, deren Familie Chรขteau Margaux gehรถrt, รผberwies allein 200 000 Franken fรผr die Mini-Intensivstation. Dafรผr ehrt sie ein Schild an der Eingangstรผr.







































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