Abo

Rauchzeichen: Klartext

Die AHV jubiliert. Die Pensionskasse dankt. Ihr Nachfolger freut sich. Rauchen ist ein Opfer, das Sie anderen bringen. Das Opfer ist Ihr Leben.

Werbung

Der grosse Mann stΓΌrzte wie vom Blitz getroffen – eben noch hatte er mit seinen Kadermitarbeitern Strategien fΓΌr die kΓΌnftige Entwicklung der Firma diskutiert. Nun wand sich sein 50-jΓ€hriger AthletenkΓΆrper bewusstlos in KrΓ€mpfen, Schaum quoll aus dem Mund. Stunden spΓ€ter im Spital entdeckten wir, dass der bis anhin kerngesunde Herr mit den teergefΓ€rbten Fingern Lungenkrebs hatte; eine Metastase im Gehirn verursachte seinen Krampfanfall. Er hatte im besten Fall noch einige Monate zu leben.
Es gibt allerlei Methoden, Bad News zu vermitteln. Als FrΓ©dΓ©ric Chopin mit schwerer Lungentuberkulose auf Mallorca weilte, konsultierte er drei Γ„rzte: Β«Der erste meinte, ich sei schon verreckt, der zweite sagte, ich sei am Verrecken, und der dritte fΓΌgte bei, ich werde bald verrecken.Β» Wir versuchen heute zwar das Γ€rztliche GesprΓ€ch einfΓΌhlsamer zu fΓΌhren, schwer ist die Vermittlung so trauriger Nachrichten alleweil.
Der starke Mann mit seinem gutmΓΌtig traurigen Seehundsgesicht schaut mich fassungslos an, als ich versuche, ihm das Unfassbare zu erklΓ€ren. Vorbei die lockeren Eddie-Constantine-SprΓΌche wie Β«Ohne Alkohol und Rauch stirbt die andere HΓ€lfte auchΒ», vorbei das schΓΆne Leben, das beim Geschmack keine Kompromisse macht, vorbei die blaue Typologie. Ende. Dann gehe ich ins nΓ€chste Zimmer, dort liegt eine 48-jΓ€hrige Frau. Vor vier Wochen spΓΌrte sie nach dem Joggen (Β«Neben dem Rauchen tue ich was fΓΌr meine GesundheitΒ») RΓΌckenschmerzen, die eingenommenen Mittel halfen wenig. 36 Stunden spΓ€ter wurde sie ins Spital gebracht, vom Zwerchfell abwΓ€rts gelΓ€hmt, Katheter in der Blase. Auch sie wusste von ihrem Lungenkrebs nichts, eine Absiedelung im Bereich der BrustwirbelsΓ€ule hatte ihr RΓΌckenmark zerstΓΆrt, alle Bestrahlung und alles Gift halfen nichts mehr. Sie hat abgerechnet, ihr graues Smokerface mit den tiefen Furchen vermittelt mir Resignation, SelbstvorwΓΌrfe, dumpfen Zorn, weil man selbst schuld ist. Sie wusste es, hatte es ja oft genug gehΓΆrt. Dies macht den Patienten die Verarbeitung der Folgen ihrer Nikotinsucht so besonders bitter.

Partner-Inhalte

Als ich am Abend durch die Stadt fahre, sehe ich eine junge Frau mit makellosem Teint und wunderschΓΆnen, unendlich langen, viel versprechenden Beinen. Sie lΓ€chelt entspannt und verheissungsvoll. Β«Wen erwartet sie wohl?Β» und andere Gedanken, die hier nicht publizierbar sind, gehen mir durch den Sinn. Die lasziv nach oben im Raum ausgestreckten Beine suggerieren Entspannung, Slow-down, ihr Pleasure-Spender sitzt elegant zwischen den gespreizten Fingern. Da war der mittelmΓ€ssige Schauspieler Ronald Reagan etwas direkter. Ich besitze ein Plakat, auf dem er verkΓΌndet, dass er Chesterfields all seinen Freunden als Weihnachtsgeschenk schicke, Β«that’s the merriest Christmas any smoker can haveΒ». DafΓΌr war er spΓ€ter relativ friedlich, schickte seine Truppen nur in einem einzigen Operettenkrieg nach Grenada und auch kaum Bomben oder Raketen auf wirkliche oder eingebildete Feinde.
Zu jeder Zeit sind 10 bis 30 Prozent der Patienten unserer Klinik Opfer der Merry Pleasures; Herzinfarkte, schwarze Raucherbeine, ErstickungsanfΓ€lle und allerlei Krebsarten werden sie bis ans vorzeitige Lebensende begleiten. Man stelle sich nur vor, wie viele SpitΓ€ler und Spitalbetten zumindest kurz- oder mittelfristig geschlossen werden kΓΆnnten, gΓ€be es ab sofort keine Zigaretten mehr.

Werbung

Bei solch brillanten MΓΆglichkeiten, die Gesundheitskosten zu senken, will auch die Zigarettenindustrie nicht hintanstehen. Die Branche tut Gutes, macht Imagepflege, schliesslich gibt es Industrieethik. Ein freundlicher Schweizer Altparlamentarier und fΓΌhrender Zigarettenlobbyist versicherte mir unlΓ€ngst, man setze jetzt auf PrΓ€vention. Da der Mann solches anscheinend auch in aller Γ–ffentlichkeit am Fernsehen behauptet, stellt sich angesichts der unbestreitbaren Tatsache, dass die einzige PrΓ€vention die SelbstauflΓΆsung der Branche wΓ€re, die Frage, wie absurd man in der Γ–ffentlichkeit Groteskes produzieren und lΓΌgen darf. Jedenfalls mΓΌssen diese PrΓ€ventionslobbyisten die Folgen ihres Tuns nicht fΓΌrchten, die Zahl der rauchenden SchΓΌler steigt weiter an, die hustenden Cowboys fangen ihre Ratten, und Michael Schumacher darf ungestraft weiter fΓΌr die hΓ€ufigste chronische Selbstmordmethode werben. Und all das geschieht zum Wohlgefallen des Staates, der so AHV und anderes Gutes finanziert. Im Gegensatz zu Rauch stinkt Geld eben nicht, darum darf hier zu Lande weiterhin fΓΌr Pleasure und frΓΌhes Ende geworben werden, so spart ja die AHV: Staatsmoral stinkt.

Werbung