Jede Automesse hat ihre eigene Besonderheit. Zu Jahresbeginn protzt die PS-Branche in Detroit traditionell mit grossen Geländewagen und Pick-ups, im Frühjahr glänzen die Hersteller gern mit schnittigen Sportwagen in Genf und mit luxuriösen Limousinen in Peking oder Shanghai. Im Herbst, wenn die Branchenkarawane im Wechsel nach Frankfurt oder Paris zieht, stehen alternative Antriebe im Fokus.
Die Dieselaffäre bei Volkswagen, die seit einem Jahr jede Veranstaltung rund ums Auto beherrscht, könnte sich dabei ausnahmsweise als Vorteil erweisen. «Paris ist die Messe der Elektromobilität», sagt Autoexperte Elmar Kades von der Unternehmensberatung AlixPartners. «'Dieselgate' ist ein Katalysator für die Elektromobilität - für die Hersteller und für die Kunden.»
Ganze Branche profitiert vom Skandal
Blicke man in ein paar Jahren zurück, meint Stefan Bratzel, der das Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach leitet, werde man sagen: «Der Anfang vom Ende des Diesels war diese Affäre.» Bei der Elektromobilität sei «das Tal der Ernüchterung» langsam durchschritten. Autoexperte Thomas Schiller von der Beratungsgesellschaft Deloitte geht davon aus, dass letztlich die ganze Branche von den Umwälzungen aufgrund des Abgasskandals profitieren wird. «Die Elektromobilität wird in den nächsten fünf Jahren einen Riesenschritt machen.» Inzwischen hätten die Fahrzeuge mehr Reichweite, und bald gebe es mehr strombetriebene Pkw. «Das erzeugt auch Nachfrage.»
Neue E-Fahrzeuge von VW
Die Autobauer übertrumpfen sich in Paris mit neuen batteriebetriebenen Modellen und Studien: VW liefert etwa mit einem Konzeptfahrzeug einen Vorgeschmack auf die Elektro-Offensive, mit deren Hilfe der Konzern die Läuterung vom Abgassünder zum Umweltengel schaffen will. 20 neue E-Fahrzeuge sind bis zum Ende des Jahrzehnts geplant. Das Appetithäppchen, das am ersten Pressetag am Donnerstag vorgestellt wird, ist ein kompakter Wagen mit grosser Reichweite. Die Angst, mit dem Elektroauto nur wenige Dutzend statt hunderte Kilometer fahren zu können und dann irgendwo fernab von einer der vergleichweise raren Ladesäulen liegen zu bleiben, hält die Kundschaft nach wie vor vom Kauf ab. Die hohen Preise tun ein Übriges. Attraktiver könnten die Elektroautos künftig auch werden, weil sie mehr Assistenzsysteme mit sich bringen, bis hin zum autonomen Fahren. Auch VW will mit dem Konzeptfahrzeug einen Ausblick auf seine Ideen zum derzeitigen Lieblingsthema der gesamten Branche geben.
Stromer mit Stern
Daimler zeigt auf dem Autosalon eine Designstudie für ein Elektroauto mit 500 Kilometern Reichweite. Mindestens sechs Modelle wollen die Schwaben einem Insider zufolge ab 2018 auf den Markt bringen, im Wettlauf mit dem umjubelten Elektropionier Tesla könnten es auch bis zu neun Stromer mit Stern werden. Spekuliert wird zudem, ob die neue batteriebetriebene Familie eine eigenständige Marke bekommt. Konkurrent BMW hat sie schon: die i-Reihe. Allerdings verkaufen sich die Fahrzeuge - der kleine elektrische City-Flitzer i3 und der Hybridsportwagen i8 - längst nicht so gut wie erhofft. Die Münchner legen jetzt beim i3 mit stärkerer Batterie und höhere Reichweite nach.
Weil sie das Thema Elektromobilität vorantreiben möchten, kommen die Topmanager von BMW bis auf eine Ausnahme nicht zum Autosalon. Denn zuhause wollen sie derweil in einer Strategiesitzung die Weichen für die E-Expansion stellen: Insidern zufolge sollen batteriebetriebene Versionen vom Mini und einem SUV der X-Reihe auf den Weg gebracht werden.
Allerlei Studien und Ideen
Auch Opel und viele andere Autobauer präsentieren in Paris Elektromodelle. Traditionell sind die Franzosen dort stark vertreten mit allerlei Studien und Ideen, vom elektrifizierten Fahrrad über den Minivan bis zum Lieferwagen. Bei Nutzfahrzeugen, so glauben Experten, könnte sich der Batterie-Antrieb schneller auf breiter Front durchsetzen als bei Pkw, weil Spediteure und Lieferanten mit spitzem Bleistift rechnen. Der durchschnittliche Autofahrer in Deutschland lässt sich dagegen selbst von der Kaufprämie von bis zu 4000 Euro kaum dazu bewegen, ein Elektroauto zu kaufen. Bis September wurden lediglich 2000 Anträge auf das Geld vom Staat gestellt. Zum Vergleich: Tesla verblüffte im Frühjahr mit rund 400'000 Vorbestellungen des neuen Model 3 - binnen weniger Tage.
Der Wandel hin zum batteriebetriebenen Fahren ist ein Marathon, sind sich Hersteller und Experten einig. «Elektrofahrzeuge werden günstiger, wenn die Batterien günstiger werden», sagt Autoexperte Kades. Das werde noch eine Weile dauern. «Die Kostenlücke zwischen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor und mit Elektroantrieb wird sich um das Jahr 2030 schliessen. Dann kann der Markt sich drehen.»
Wie weit die Autobauer mit ihren autonomen Autos sind, sehen Sie in der Bildergalerie:
Das Rennen um das autonome Auto (in Serie) ist heiss. Hier ein Überblick über wichtige Hersteller und wie weit ihr Selbstfahrer-Projekt gediehen ist:Fährt vornewegBMW will ab 2021 Selbstfahrer in Serie bieten. Der deutsche Autobauer kooperiert dafür mit US-Chiphersteller Intel und Mobileye. Das israelische Startup ist Spezialist für künstliches Sehen, arbeitet allerdings auch mit anderen grossen Herstellern zusammen. Die Chancen stehen gut, dass BMW zu den Erstanbietern gehört. RMS Fährt vornewegDie Mercedes E-Klasse bietet noch keinen Selbstfahrer – aber ein weit ausgereiftes System zur Fahrassistenz. Das Modell ist seit April erhältlich. RMS Fährt vornewegVolvo zeigt Ambitionen mit dem Projekt «Drive Me»: 100 autonome Autos sollen ab 2017 auf dem Autobahnring um Göteborg kreisen. Zeitgleich beginnt ein Experiment in London, wo dann 2018 ebenfalls 100 Selbstfahrende unterwegs sein sollen. Mit China steht Volo in Verhandlung, seine Selbstfahrer auch in Schanghai oder Peking zu starten. RMS Fährt vornewegNach einem Unfall mit Todesfolge steht Tesla in der Kritik, sein Fahrassistenz-System zu aggressiv als Autopiloten angepriesen zu haben. Im wichtigen Markt China ist der Autobauer zurückgerudert und hat die Wortwahl geändert. Trotz technischer Probleme gilt das Unternehmen von Elon Musk als einer der Treiber im Wettrennen um autonomes Fahren. RMS Fährt vornewegGeneral Motors will mit Uber-Konkurrenten Lyft Roboter-Taxis anbieten. GM setzt beim Selbstfahrer auf den Chevy Bolt, der testweise schon autonom durch San Francisco rollt. Hier das E-Modell, das 2017 auf den Markt kommt, allerdings noch nicht als Selbstfahrer. RMS Im Mittelfeld Ford dagegen will mit Uber kooperieren. Der US-Autobauer erhöht seine Investitionen in selbstfahrende Autos und will bis 2021 Fahrzeuge ohne Lenker auf der Strasse haben. Die Zahl der Forscher wird dafür in Palo Alto auf 300 verdoppelt. Ab 2025 soll das Auto auch für den Normalverbraucher zu kaufen sein. RMS Im MittelfeldAuch Uber selbst testet das Auto ohne Fahrer. Mit diesem umgebauten Ford Fusion ist das Unternehmen in Pittsburgh unterwegs. Der Fahrdienstleister hofft auf autonome Taxis. RMS Im MittelfeldDie autonome Knutschkugel von Google ist seit geraumer Zeit auf amerikanischen Teststrecken unterwegs, seit sieben Jahren baut das Unternehmen an entsprechender Technik. Die Suche nach einem Kooperationspartner aus der Autoindustrie war schwierig, jetzt ist Fiat Chrysler der gewählte Partner. Bis Ende des Jahres sollen zunächst 100 Minivans Pacifica entstehen, ausgerüstet mit der Google-Technik. RMS Im MittelfeldApples Entwürfe für das «iCar» hat noch niemand zu Gesicht bekommen. Nicht einmal die Pläne sind bestätigt, ebensowenig, dass Apple-Urgestein Bob Mansfield sich seit Kurzem um das Projekt kümmert. Mansfield hat den iMac und das MacBook kreiert, er ist also ein Schwergewicht im Konzern. Auch wenn wenig bekannt ist: Apples Ambitionen wären durchaus ernstzunehmen. RMS Im MittelfeldJaguar Land Rover will 100 selbstfahrende Autos auf die Strassen Grossbritanniens bringen. Das erste Fahrzeug soll in diesem Jahr Testfahrten rund um Coventry starten. RMS Fährt hinterherToyota will bis 2020 ein halbautonomes Fahrzeug auf den Markt bringen, das auf Autobahnen selbstständig lenken kann. Das Unternehmen hat das Thema spät aufgegriffen und investiert jetzt umgerechnet 48 Millionen Franken, um den Abstand zur Konkurrenz aufzuholen.
Keystone/CC/Unternehmen RMS