Hoch im Norden lieben die Menschen Kleider. Das ist nicht verwunderlich, denn die Textilkette H&M gehรถrt in die skandinavischen Strassen wie das Smรถrrebrรถd auf den Teller der Nordlรคnder. Die Winter sind lang, und deshalb, erzรคhlen Skandinavienkenner, fliesst das meiste Ersparte in die Garderobe und in ein gemuฬtliches Zuhause. In Dinge, die zumunmittelbarenWohlbefinden beitragen.Modemarken, die auf diesemBoden Wurzeln schlagen, haben gute Aussichten. Die unaufgeregte, fast banale Kleidung der modebewussten Menschen im Norden imponiert auchdemRest derWelt. Skandinavische Mode ist oft in gedeckten Farben gehalten, hat gradlinige Schnitte und eine schlichte Anmut. Sie kรผmmert sich umnachhaltig produzierte Stoffe und faire Produktionsbedingungen. IhrDesignpasst fรผr Mรคnner und Frauen oft gleichermassen, ganz in der Tradition des Gleichstellungsgedankens, der in Skandinavien vorbildlich umgesetzt wird. Aktuell รผberflutet die Jeansmarke Cheap Monday mit ihren hautengen schwarzenHosen die Welt. Die Marke Nudie Jeans รผberzeugt mit fair produzierter Baumwolle, und Filippa K besticht mit hochwertigen Materialien und eleganten Schnitten. Eine Mode, die vielenMenschen zu gefallen scheint.
Eine der nordischen Marken lรคsst sich gerade auf der ganzen Welt nieder โ mit Flagship Stores von Los Angeles bis Tokio. Die Rede ist von Acne, was so viel wie Ambition to Create Novel Expression heisst. Mit 100 Millionen Euro Umsatz und 35 eigenen Lรคden weltweit sind die Mรถglichkeiten gross, und die Streuung der Niederlassungen ist รผberlegt gewรคhlt.
Acne wurde 1996 von vier Kreativen als Kollektiv in Stockholm gegrรผndet. Sie wollten eine Lifestyle-Marke mit einmaligen Produkten schaffen โ ebenso eine Kreativ- Agentur, die andere Marken aufbaut und berรคt sowie Werbung, Filme und Grafik erstellt. Ihr Tรคtigkeitsfeld, so schrieben sie selbst, bewege sich zwischen Kunst und Industrie. Bis heute sind diese verschiedenen Bereiche unter demselben Markennamen vereint. Ein Jahr nach der Grรผndungverteilte das Kollektiv hundert Paar Jeans mit hellroten Nรคhten an Freunde und Familie. Diese raren Stรผcke waren Acnes Eintritt in die Modewelt. Acne Studios steht fรผr die Lifestyle- Produkte der Marke, unter deren Namen heute auch Modekollektionen und Accessoires verkauft werden.
Festigung der Firmenmauer
Nach den erstenhundert Jeans folgte die Acne-Kleiderkollektion, die als kreativ undprogressiv galt. Alle wollten den Vertrieb der Kleider aus dem Norden รผbernehmen, die eine Nรคhe zur Kunst und zur Kreativszene ausstrahlten. Doch Acne hatte damals keine Erfahrung mit dem Geschรคft in der Modewelt und musste sich erst um die Festigung der Firmenmauern kรผmmern. 2001 wรคre das Ganze deshalb fast zu Fall gekommen, hรคtte sich der Creative Director und Mitgrรผnder Jonny Johansson nicht gegen die weisen Vorschlรคge seiner Berater entschieden. Diese meinten nรคmlich, er solle sich in der Mode ausschliesslich auf die Herstellung von T-Shirts und Jeans konzentrieren. Doch das kam fรผr den Vordenker der Marke nicht in Frage.
Acne beschrรคnkte sich zwar zunรคchst auf den skandinavischen Markt, kreierte aber weiter Mode, wie sie ihrem Sinn entsprach. Keine Kompromisse einzugehen, erwies sich als klug, Acne Studios wurde stรคrker und reinvestierte den Gewinn, was Erfolg und weitere 19 Lรคden in Skandinavien zur Folge hatte.
Die Nรคhe zum Kunstmilieu ist noch heute wichtiger Bestandteil der Marke. Acne kooperiert fรผr die Kollektionen mit Kรผnstlern, zur zeit mit Katerina Jebb, deren Bildsujets als Druck die Innenseite der Frauenkollektion zieren. Zudem sind รผber Acne Studios Bildbรคnde und Fotografien zu erwerben.
Das schรถpferische Potenzial manifestiert sich auch im Nebenzweig ยซAcne Paperยป. Das unabhรคngige Magazin befindet sich seit 2005 auf dem Markt. Es wird hoch gelobt von Persรถnlichkeiten aus Kultur und Mode wie Karl Lagerfeld oder David Lynch, die sagen: ยซEines der besten Magazine, die je gemacht wurden.ยป Das Magazin gilt als visuelles und verlegerisches Glanzstรผck. Acne tat, was heute viele versuchen โ der eigenen Marke durch eine Publikation ein Gesicht zu verleihen. Dabei gehen die Verantwortlichen keine Kompromisse ein, und das funktioniert.
Von Anfang an war fรผr den Chefredaktor und Creative Director Thomas Persson klar, dass die Publikation unabhรคngig von den Acne-Produkten herausgegeben werden musste. Inhalt des Magazins sind Kunst, Kultur, Mode und Fotografie, und dafรผr wird nur mit den Besten zusammengearbeitet. Mario Testino, Brigitte Lacombe oder Bilder des Altmeisters Irving Penn sind darin zu sehen.
Der Anspruch der Publikation ist es, etwas Nostalgisches und zugleich erfrischend Modernes zu zeigen. Niemals jedoch wird das Magazin als direkte Werbeplattform fรผr die Acne-Produkte genutzt. Das macht die Publikation glaubwรผrdig. ยซAcne Paperยป war ein weiterer kluger Schachzug des Kollektivs, der das Label noch begehrenswerter macht. Kauft man nicht am liebsten ein Produkt, mit dessen Inhalt man sich identifizieren kann?
Das Gesamtpaket der Acne-Familie macht deren Erfolg aus. Die kompromisslosen Geschรคftsentscheide und die interdisziplinรคre Arbeitsweise, die eine geballte Ladung an Kreativitรคt enthรคlt, sind fรผr Konsumenten anziehend. Und die Erfolgsgeschichte geht noch weiter, die Lรคden in Amerika und Japan laufen gut. Acne fasst als nรคchsten Ladenstandort Seoul ins Auge und will einen dritten Laden in Paris erรถffnen