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Novartis Teil 1: Die Fusion: Die magische Formel

Aus zwei mach eins: Vor zehn Jahren beschlossen Ciba und Sandoz die Fusion. Ein Merger, der die Chemiestadt Basel zur Pharmastadt und die neue Novartis zum Gipfelstรผrmer auf dem Weltmarkt machte.

Albert Steck

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Die Uhr zeigt fast Mitternacht an diesem Mittwoch, 6. Mรคrz 1996, als fรผnf Mรคnner im Basler Hotel Le Plaza darangehen, Geschichte zu schreiben. Hinter der Tรผr mit der Nummer 640, in einem nรผchtern eingerichteten Zimmer mit Blick hinunter auf den Messeplatz, haben sie sich rund um den Sitzungstisch versammelt. Seit Stunden sind sie zรคh am Ringen, um die letzten Differenzen zu bereinigen. Nun ist der Moment gekommen, die bislang weltgrรถsste Firmenheirat zu besiegeln.
Als Erster setzt Marc Moret, der Architekt dieser Fusion, seine Signatur unter das 22-seitige Vertragswerk. Ausgerechnet Moret. Von der ยซguten Gesellschaftยป wurde er, trotz seinem unternehmerischen Erfolg, jahrelang gemieden. Und jetzt reformiert der 72-jรคhrige Sandoz-Patriarch die Schweizer Wirtschaft so tief greifend wie niemand sonst in den Jahrzehnten zuvor.
Moret wirkt erschรถpft an diesem Abend. Feierliche Gefรผhle kommen deshalb nicht auf bei ihm, zu strapaziรถs sind die letzten Wochen gewesen. Noch kann er sich hier im Hotelzimmer nicht vorstellen, wie euphorisch die Finanzmรคrkte reagieren werden: Um 22 Milliarden Franken schiesst der addierte Bรถrsenwert von Ciba und Sandoz am nรคchsten Morgen in die Hรถhe.
Als Zweiter unterschreibt Hans-Jรถrg Rudloff, der Vizeprรคsident des Sandoz-Verwaltungsrats. Der langjรคhrige Chef der Credit Suisse First Boston und Chairman der britischen Barclays Capital zรคhlt zu den profiliertesten Schweizer Investment Bankers. Deshalb hat ihn Moret wรคhrend der Verhandlungen regelmรคssig konsultiert und um seine Meinung gefragt. Rudloff รผbernimmt im Novartis-VR die Funktion des Vizeprรคsidenten.

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Dann kommt die Reihe an den Ciba-Prรคsidenten Alex Krauer, dessen Vater und Grossvater schon Cibaner waren. Mit der Unterzeichnung des Vertrages wird er zum Prรคsidenten der neuen Novartis. Krauer hat ein unerfreuliches Jahrzehnt hinter sich: Seit er 1987 die Fรผhrung der Ciba รผbernommen hat, ist sie in der Rangliste der grรถssten Medikamentenhersteller vom dritten auf den zehnten Platz abgerutscht. An der Bรถrse ist Sandoz um volle 40 Prozent hรถher bewertet als Ciba, dabei beschรคftigt Morets Unternehmen 34 000 Mitarbeiter weniger.
Obwohl der 65-jรคhrige Alex Krauer aus der schwรคcheren Position in die Verhandlungen gestiegen ist, bietet er Hand zu einem mutigen Sprung vorwรคrts โ€“ der vorerst jedoch grosse Opfer verlangt. Dem Ciba-Chef wird es am folgenden Tag obliegen, der Belegschaft den Abbau von weltweit 10 000 Arbeitsplรคtzen mitzuteilen.
Der Vierte am Tisch ist Helmut Sihler. Der Vizeprรคsident der Ciba strahlt eine gelassene Autoritรคt aus, mit der er auch an diesem Abend die Gemรผter wiederholt zu beruhigen vermag. Seine Stationen: Chef des Chemieriesen Henkel, Prรคsident der Deutschen Post, der Deutschen Telekom und von Porsche. Wie Rudloff wird Sihler Vizeprรคsident im Novartis-VR โ€“ spรคter dann, nach Krauers Rรผcktritt 1999, zusรคtzlich Lead Director.

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Schliesslich fehlt im Vertrag nur noch die Unterschrift von Daniel Vasella, dem designierten CEO von Novartis. Im Vergleich mit der รผbrigen Runde aus gestandenen Topmanagern besitzt der 42-Jรคhrige erst wenig Fรผhrungserfahrung: Vor gerade mal acht Jahren hat er seinen Arztberuf an den Nagel gehรคngt und bei Sandoz als Vertreter im Aussendienst begonnen. Nach einer Blitzkarriere soll Vasella nun also zwei stolze Traditionsfirmen, die sich zudem seit Jahren juristische Scharmรผtzel geliefert haben, zum neuen Basler Pharmagiganten verschmelzen โ€“ eine Herkulesaufgabe, die ihm sein Mentor Marc Moret da zugedacht hat.
Als Vasella seinen Namen aufs Papier setzt, verspรผrt er eine grosse Erleichterung. Er ist froh, dass die Verhandlungen bis zur letzten Minute geheim geblieben sind und kein unerwartetes Ereignis die ganze Arbeit auf den Kopf gestellt hat. Zwar ist der Vertrag nun perfekt, doch auf eine Feier verzichten die fรผnf Mรคnner. Im Zimmer 640 fliesst kein Champagner. Kaum ist die Tinte getrocknet, verabschieden sie sich fรผr eine kurze Nacht.
Tags darauf verkรผndet ein sichtlich befriedigter Marc Moret in die Kameras aus aller Welt, mit Novartis sei ยซeine neue ร„raยป angebrochen, derweil sich die Bevรถlkerung verblรผfft die Augen reibt. ยซWas wir hier machen, ist auch ein politischer Akt mit Blick auf die Schweizยป, preist er sein Werk โ€“ gรคnzlich unbescheiden โ€“ im Interview mit der BILANZ. Und weiter: ยซDie Schweiz benรถtigt gerade jetzt ein Signal. Denn wรคhrend die Politiker hรคufig รผber banale Dinge reden, bauen wir hier etwas wirklich Aussergewรถhnliches auf. Das soll vielen Menschen Mut machen.ยป

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Zehn Jahre spรคter steht fest: Die Saat des Marc Moret ist voll aufgegangen, die Novartis-Fusion eine echte Erfolgsgeschichte. Die BILANZ zรคhlt sie zu den zehn bedeutendsten Weichenstellungen der Schweizer Wirtschaftsgeschichte, vergleichbar mit der Einfรผhrung des Schweizer Frankens, der Grรผndung der ETH oder der Rettung der Uhrenindustrie (siehe Artikel zum Thema ยซHistorie: Zehn Meilensteineยป). Die Fusion von Ciba und Sandoz markiert den endgรผltigen Abschied von der ยซChemiestadtยป Basel. In รผber hundert Jahren hatte diese Industrie die gesamte Region wohlhabend gemacht. Doch mit der Fokussierung von Novartis auf die Life Sciences, auf den Gesundheitsbereich, beginnt eine neue Zeitrechnung: diejenige der ยซPharmastadtยป Basel. Andere ehemalige Chemie-Hochburgen, etwa das deutsche Leverkusen, haben im letzten Jahrzehnt einen schleichenden Niedergang erlebt. Jรผrgen Dormann, der frรผhere Chef von Aventis, hรคlt es fรผr mรถglich, dass Ciba und Sandoz ohne Fusion ein รคhnliches Schicksal erlebt hรคtten wie die Leverkusener Firma Bayer (siehe Artikel zum Thema ยซJรผrgen Dormann: Ich habe grossen Respekt vor Vasellas Leistungยป). Dagegen beherbergt Basel heute mit Novartis und Roche gleich zwei weltweit fรผhrende Pharmakonzerne sowie eine beeindruckende Zahl aufstrebender Biotechfirmen.

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Die Bilanz nach zehn Jahren Novartis lรคsst sich sehen: Der Konzern erzielt laufend neue Rekordgewinne, stellt seit Jahren wieder zusรคtzliche Mitarbeiter ein und hat an der Bรถrse besser abgeschnitten als sรคmtliche Konkurrenten inklusive der erfolgreichen Roche. Einzig die Aktionรคre der franzรถsischen Sanofi sind seit 1996 noch besser gefahren.
Die Geschichte, die schliesslich zur Novartis-Fusion fรผhrte, begann 1981: Kaum hatte Marc Moret bei Sandoz das Zepter รผbernommen, verordnete er dem Stammhaus ein hartes Sparprogramm, das zum Abbau von 900 Stellen fรผhrte. Wรคhrend eine solche Massnahme heute kaum noch Schlagzeilen provoziert, ging damals ein Aufschrei durchs Land, selbst die ยซNeue Zรผrcher Zeitungยป sprach von einer ยซEisenbart-Kurยป: Erstmals in der Schweiz hatte ein Firmenlenker ohne รคusserlich sichtbare Not zur Sparaxt gegriffen. Die Initiative stammte vom McKinsey-Partner Hans Widmer, der sich danach einen Namen mit der Sanierung der Oerlikon Bรผhrle machen sollte, sowie von seinem damaligen Assistenten Lukas Mรผhlemann, dem spรคteren CEO von Swiss Re und Credit Suisse. Die Projektleitung auf Sandoz-Seite lag bei Rolf Soiron, dem heutigen Prรคsidenten von Holcim, Nobel Biocare und Lonza.

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Dieser Paukenschlag gleich beim Amtsantritt setzte die verschlafene Sandoz unter Strom: ยซMeine Herren, jetzt mรผssen Sie wieder gehorchen!ยป, wies Moret seine Direktoren, die sich zuvor als Kรถnige gefรผhlt hatten, an. Unter seiner ร„gide steigerte die Nummer drei der Basler chemischen Industrie ihre Eigenkapitalrendite von 7 auf รผber 24 Prozent, auf die doppelte Hรถhe von Ciba. Auch an der Bรถrse lag Sandoz um Lรคngen voraus.
Im Stile eines Feldherrn schmiedete Marc Moret aus der eher schmรคchtigen Sandoz ein hochprofitables Powerhouse. Die Bรถrsenkapitalisierung katapultierte er in seiner 15-jรคhrigen ร„ra von 3 auf 43 Milliarden Franken. Zu seinem Vorbild zรคhlte er dabei Otto von Bismarck, auch der ยซeiserne Kanzlerยป genannt, der 1871 das Zweite Deutsche Reich begrรผndet hatte. Gleichzeitig jedoch bewahrte Moret die bรคuerlichen Wurzeln seiner Heimat, eines 300-Seelen-Dorfes im freiburgischen Broye-Tal. ยซDieser visionรคre Weitblick, gepaart mit seiner Bodenstรคndigkeit, gemahnte mich an Winston Churchillยป, beschreibt Hans Widmer Morets Charakterzรผge.
Zu Morets Machtbewusstsein gehรถrte indes auch ein ausgeprรคgtes Misstrauen. Von seinen Vertrauensleuten verlangte er absolute Loyalitรคt, die er zuweilen gar รผber deren Sekretรคrinnen kontrollierte. Der Presse wollte er anfรคnglich verbieten, sein Foto abzudrucken. Dieser argwรถhnische Wesenszug wurde fรผr ihn am 1. November 1986 zum Handicap: Im Pestizidlager der Sandoz in Schweizerhalle brach eine Feuersbrunst aus. Das giftige Lรถschwasser vernichtete die Fischbestรคnde im Rhein.

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Der Volkszorn entlud sich darauf am Sandoz-Chef, der sich lange Zeit vor einer รถffentlichen Stellungnahme drรผckte. Seine Familie wurde gar mit Morddrohungen eingedeckt. ยซDer sture Big Boss Moret will nichts von Rรผcktritt wissenยป, titelte der ยซSonntagsBlickยป. Den konziliant auftretenden Alex Krauer hingegen wรผrdigte das gleiche Blatt als den ยซGorbatschow der Wirtschaftยป.
Nach diesem Kesseltreiben zog sich Moret noch mehr aus den Salons, den von ihm wenig geliebten elitรคren Zirkeln, zurรผck. Doch bei Sandoz regierte er weiter mit eiserner Hand. Die wichtigste Entscheidung, um die spรคtere Fusion zu ermรถglichen, fรคllte er Anfang 1990: Moret nahm Abschied von der รผber Jahrzehnte gepflegten Strategie der Diversifikation und setzte stattdessen auf eine Konzentration der Krรคfte. Zur Seite stand ihm dabei erneut der McKinsey-Berater Lukas Mรผhlemann.
Wรคhrend der Ciba-Konzern sein Konglomerat, bestehend aus 14 Divisionen und 34 Geschรคftseinheiten, รผber eine schwerfรคllige Matrixstruktur steuerte, erlebte Sandoz einen weiteren radikalen Wandel: Mit der Divisionalisierung wurden alle sieben Sparten zu unabhรคngigen Tochtergesellschaften. Damit hatte Moret sein Ziel erreicht, sรคmtliche Krรคfte auf das zukunftstrรคchtige Pharmageschรคft zu fokussieren. Eine weitere Folge dieser Restrukturierung war die spรคtere Abspaltung der Chemietochter Clariant.

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Die Arbeit von Marc Moret zahlte sich aus: An der Bรถrse brachte Sandoz inzwischen รผber 40 Milliarden Franken auf die Waage, gegenรผber 30 Milliarden der โ€“ umsatzmรคssig klar grรถsseren โ€“ Ciba. Fรผr Alex Krauer war das eine bittere Lektion. Dass sein Konzern eine der besten Forschungsabteilungen besass, davon nahmen die Finanzmรคrkte kaum Notiz. Umso schwerer lastete der Malus des ยซGemischtwarenladensยป auf dem Kurs der Aktie.
Wie krass Ciba damals unterbewertet war, zeigt folgende Rechnung: Nimmt man die zehn Topmedikamente von Novartis im Jahr 2006, so entfallen 75 Prozent des daraus erzielten Umsatzes auf Produkte, die ursprรผnglich aus der Ciba-Forschung stammen. Die derzeit drei grรถssten Blockbuster โ€“ Diovan (Bluthochdruck), Glivec (Leukรคmie) und Zometa (Krebs) โ€“, die zusammen einen Jahresumsatz von zehn Milliarden Franken generieren, haben ihre Wurzeln alle in den Labors der Ciba.
Fรผr die Novartis von heute spielt diese Unterscheidung zwischen Ciba und Sandoz allerdings kaum noch eine Rolle. Daniel Vasella hat es geschafft, dem neuen Konzern eine eigene Identitรคt und Kultur zu verleihen. Dieser Prozess habe etwa fรผnf Jahre gedauert, erklรคrt Vasella: ยซMan kann nicht einfach die Vergangenheit zurรผcklassen โ€“ all das, was man war und von wo man kommt.ยป Um eine gemeinsame Zukunft zu bauen, habe es bei allen Mitarbeitern ein Umlernen gebraucht: Ein neues Selbstbewusstsein und neue Ziele mussten entwickelt werden.

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Die Integration erleichtert hat auch die klare industrielle Logik hinter der Fusion. Erst zusammen haben die beiden Unternehmen die nรถtige Durchschlagskraft auf den globalen Mรคrkten bekommen. Speziell in den USA, wo die hรถchsten Margen erzielt werden, hรคtten Ciba oder Sandoz im Alleingang nie die gleichen Wachstumsraten erzielt.
Marc Moret liess sich bereits Anfang der neunziger Jahre von der Erkenntnis leiten, dass die kritische Grรถsse immer entscheidender werde, um erfolgreich zu sein. Auf der Suche nach einem Partner fรผhrte er deshalb Gesprรคche mit sechs mรถglichen Kandidaten in den USA, Grossbritannien und Deutschland. Auch die Ciba hatte er schon lรคngere Zeit im Visier, zumal er um ihre verborgenen Schรคtze durchaus wusste.
Doch das traditionell frostige Klima unter den Baslern sprach lange gegen eine Annรคherung. So wartete Marc Moret geduldig bis zum 23. November 1995, um den Coup seines Lebens zu realisieren. An diesem Tag, eine Woche nach seinem 72. Geburtstag, griff er zum Telefon und wรคhlte die Nummer des 78-jรคhrigen Ciba-Ehrenprรคsidenten Louis von Planta. Dessen Sohn, der renommierte Anwalt Andreas von Planta, ist dieses Jahr รผbrigens neu in den Novartis-VR gewรคhlt worden.
Der Moment der Kontaktaufnahme war geschickt gewรคhlt โ€“ aus zweierlei Grรผnden: Zum einen wollte die Ciba demnรคchst รถffentlich machen, dass Heini Lippuner, der langjรคhrige Vorsitzende der Konzernleitung, auf den folgenden Frรผhling zurรผcktreten werde. Die Rivalitรคt um den Posten des CEO, sonst hรคufig ein Hindernis bei Fusionen, fiel damit weg. Ausserdem hielt der Sandoz-Patron mit Daniel Vasella einen Joker in der Hand.

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Zum andern steckte Marc Moret selber im Dilemma; er hatte keinen Nachfolger. Der Verwaltungsrat hatte seinen Vorschlag, den treuen Gefolgsmann und Konzernchef Alexandre F. Jetzer zum Prรคsidenten zu wรคhlen, abgelehnt โ€“ eine Niederlage, die ihn unvorbereitet traf.
Am 30. November erschien von Planta zum Mittagessen im Sรฉparรฉe des Sandoz-Speisesaals. Er hatte bereits den Zusammenschluss von Ciba und Geigy 1970 durchgezogen. Moret hoffte also, der immer noch prรคsente รœbervater kรถnne das Eis brechen, zumal die beiden einen guten Draht zueinander hatten. Beim Essen sprachen sie รผber Gott und die Welt.
Erst als sie sich zum Kaffee in die Sofaecke zurรผckgezogen hatten, schnitt Moret das heikle Thema an. Ob es nicht an der Zeit wรคre, eine Kooperation zwischen den Firmen anzustreben, sondierte er vorsichtig, um gleich zu versichern: ยซWenn Sie Nein sagen, vergessen wir beide, dass diese Unterhaltung je stattgefunden hat, und niemand wird davon erfahren.ยป Von Planta enthielt sich einer Antwort. Stattdessen stand er unvermittelt auf und ging. Wenig spรคter rief er zurรผck, um mitzuteilen, der Ciba-Prรคsident sei interessiert.
Ein erster Besuch von Alex Krauer im Bรผro des Sandoz-Chefs am 4. Dezember diente dem gegenseitigen Abtasten. Zum wegweisenden Treffen kam es dann am 11. Dezember: Im selben Sรฉparรฉe, in dem bereits von Planta gespeist hatte, sassen sich nun das Fรผhrungsduo von Sandoz, Moret und Jetzer, sowie die beiden obersten Cibaner, Krauer und Lippuner, gegenรผber. Einige steife Floskeln gingen hin und her, bis Lippuner schliesslich das Wort ergriff und erklรคrte, dass man die Idee einer Fusion im Grundsatz unterstรผtze. Krauer plรคdierte fรผr ein behutsames Vorgehen, erst im neuen Jahr wollte er die Gesprรคche intensivieren. Doch Moret ging das zu langsam.

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So kamen die beiden Verhandlungsfรผhrer bereits am 19. Dezember erstmals zusammen: Ciba-Mann Lippuner sowie der junge Daniel Vasella statt Jetzer von Sandoz. Nachdem sich Moret mit mehreren profilierten Kรถpfen wie Rolf Soiron oder Max Link รผberworfen hatte, setzte er seine Hoffnungen auf den tatendurstigen und willensstarken Aufsteiger. Vasella, erst vor einem halben Jahr zum Pharmachef ernannt, hatte sich seine Meriten als Produktmanager in den USA und danach als Leiter der Entwicklungsabteilung geholt. Der Freiburger hatte, wie schon Marc Moret, das katholische Gymnasium St-Michel besucht. In dieser Zeit machte er Bekanntschaft mit Morets Nichte, die er spรคter heiratete.
Die Achse Lippunerโ€“Vasella harmonierte glรคnzend und trieb die Verhandlungen rasch voran. ยซHeini Lippuner handelte konsequent danach, ein konstruktives Ergebnis zu erzielen, was uns erlaubte, die gleiche Rolle zu spielenยป, beschreibt Daniel Vasella den Geist dieser Gesprรคche. Nur bei den strittigsten Punkten, namentlich bei der gegenseitigen Bewertung, bei der man sich am Ende auf ein Verhรคltnis von 55 zu 45 zu Gunsten von Sandoz einigte, oder bei der Besetzung der Spitzenรคmter, schalteten sich Moret und Krauer noch ein.

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Alle Kontakte mussten geheim bleiben. Das Projekt erhielt deshalb den Codenamen ยซRio Grandeยป, in Anlehnung an den Rhein, der die beiden Firmen trennte. Die Delegationen trafen sich an stรคndig wechselnden Orten, meist in Autobahnraststรคtten oder zweitklassigen Hotels. Einmal musste Alex Krauer reflexartig handeln, als er nach einer Sitzung im sechsten Stock des Sandoz-Gebรคudes plรถtzlich eine Hand voll Ciba-Leute erspรคhte, die dort einem Routinegeschรคft nachgingen. Kurzerhand flรผchtete er auf die Herrentoilette, um sich dort zu verstecken. ยซSelbst Woody Allen hรคtte die Szene nicht besser schreiben kรถnnenยป, amรผsierte sich Moret, als er davon erfuhr.
Damit nichts durchsickern konnte, wurden die Investment Bankers, rund 30 an der Zahl, erst kurz vor Abschluss des Deals beigezogen. Sandoz sicherte sich die Dienste der Koryphรคe Joseph Perella von Morgan Stanley. Die Ciba vertraute auf Jacques Aigrain von der Bank JP Morgan, heute ist er CEO der Swiss Re.
Hochkarรคtig waren auch die involvierten Juristen: Vor allem der damals erst 37-jรคhrige Rolf Watter, Partner bei der Kanzlei Bรคr & Karrer, lieferte mit der Fusion sein Gesellenstรผck. Zuvor hatte er fรผr Sandoz bereits die Clariant-Abspaltung begleitet. Zu den vielen weiteren Transaktionen von Watter, der im Nebenamt Professor an der Uni Zรผrich ist, gehรถrte spรคter auch der Merger von Bankgesellschaft und Bankverein zur UBS. Die Ciba wiederum setzte auf Peter Kurer von der Kanzlei Homburger Rechtsanwรคlte. Kurer, heute Chefjurist bei der UBS, erlangte im Herbst 2001, im Vorfeld des Swissair-Groundings, landesweite Bekanntheit. Im Auftrag der UBS fรผhrte er die Verhandlungen fรผr das ยซTerm Sheet Phoenixยป, das die Basis fรผr die Geburt der neuen Airline Swiss lieferte.

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Das Duo Watter und Kurer betrat mit Novartis juristisches Neuland. Erstmals wurde die Fusion รผber die Grรผndung einer gemeinsamen Tochtergesellschaft vollzogen. Neben steuerlichen Grรผnden hatte dieser Weg den Vorteil, dass die Firmenehe als ein Merger of Equals kommuniziert werden konnte โ€“ und damit liess sich die lรคstige Frage ยซWer frisst wen?ยป aus rechtlicher Sicht geschickt umgehen.
Nach dem gleichen Schema erfolgen seither die meisten Fusionen in der Schweiz, etwa bei der UBS oder jรผngst bei der Implenia. Als weiterer Berater, vor allem bei der Integration, stand Daniel Vasella der McKinsey-Partner Thomas Wellauer zur Seite, der spรคter die Fรผhrung der ยซWinterthurยป รผbernahm.
Bis Ende Februar 1996, so lautete das ehrgeizige Ziel Vasellas, wollte er die Verhandlungen abschliessen. Der Zeitplan wurde eingehalten. Am 1. Mรคrz ging Rolf Watter auf das Handelsregisteramt Basel, um die Grรผndung der neuen Novartis offiziell zu beglaubigen und damit sรคmtliche Firmenrechte abzusichern. Damit niemand Verdacht schรถpfen konnte, gab er als Geschรคftszweck zunรคchst den Kunsthandel an. Prompt meldete sich darauf ein Galerist bei Watter, der ihm ein Picasso-Bild andrehen wollte. Der Name Novartis hatte bei Sandoz bereits in die engere Auswahl fรผr das abzuspaltende Chemiegeschรคft gehรถrt, das dann Clariant getauft wurde.

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Heute zรคhlt Novartis zu den 50 besten globalen Marken. Vor zehn Jahren dagegen, im Mรคrz 1996, stiess der neue Name noch auf Spott und beissende Kritik: Novartis klinge eher nach einer ยซmaroden Maschinenfabrik in Nowosibirskยป, hรถhnte etwa der Werber Dominique von Matt. Obschon die meisten Reaktionen zurรผckhaltender ausfielen, รผberwog in der hiesigen ร–ffentlichkeit doch eine gewisse Skepsis. ยซBei vielen Leuten herrschte das trรผgerische Gefรผhl, โ€นuns kann ja sowieso nichts passierenโ€บยป, erinnert sich Daniel Vasella, ยซdurch die Fusion wurden sie aufgerรผttelt. Diese Belebung war positiv.ยป
Dass die Rolle des Reformators und Aufrรผttlers selten mit Applaus bedacht wird, kann der Novartis-Grรผndungsvater Marc Moret nur zu gut bezeugen. An der Pressekonferenz vom 7. Mรคrz 1996 schloss er seine Rede mit folgenden Worten: ยซIch darf mich bei dieser Gelegenheit auch persรถnlich von Ihnen verabschieden. Ich behalte unsere Kontakte in bester Erinnerung, auch wenn sie nicht immer so ungetrรผbt waren, wie ich mir dies gewรผnscht hรคtte. Sie waren jedoch stets stimulierend.ยป Moret hat sich danach vollstรคndig ins Privatleben zurรผckgezogen.

Lesen Sie in der nรคchsten Ausgabe:

ยซZehn Jahre Novartisยป, Teil 2: Die Dekade von Daniel Vasella.

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