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Gesellschaft

Multikulti als Waffe gegen die Intoleranz

Multikulturalismus kann eine wichtige Waffe gegen die Intoleranz von Zugewanderten sein. Dabei sollte uns aber bewusst sein, dass Multikulti auch in der westlichen Welt noch keine lange Tradition hat.

Alan Posener

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Multikulturalismus: Wie Toleranz, Akzeptanz oder westliche Werte erregt Multikulti die GemΓΌter. Keystone RMS

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Wieder einmal ist Multikulti gescheitert. Die deutsche Kanzlerin hat das ΓΆfter gesagt, und sie wird es wiederholen. Die Rechtspopulisten werden ihr dieses Negativbekenntnis angesichts der realen Migrationszahlen nicht abnehmen, zu Recht. Man wird von den Migranten die Annahme der deutschen Leitkultur verlangen, ohne genau zu sagen, was damit gemeint und wie die vollzogene Akzeptanz festzustellen wΓ€re.
Die kleiner werdende Zahl derjenigen, die am Multikulturalismus festhalten, gerΓ€t unter Druck: Wollt ihr ΓΌberall VerhΓ€ltnisse wie in KΓΆln? Stehen Werte der AufklΓ€rung wie die Gleichberechtigung der Frau und die Akzeptanz von Schwulen zur Disposition? Soll im Namen der Toleranz Unterwerfung unter den intoleranten Islam geΓΌbt werden?

Auch im Westen waren lange nicht alle gleich

Die Antworten lauten: Nein, nein und nein. Aber es wΓ€re naiv zu leugnen, dass es eine Form des Multikulturalismus gibt, der in der Tat westliche Werte zur Disposition stellt. Wenn Multikulti nicht scheitern soll, dann mΓΌssen dessen AnhΓ€nger auch sagen, was er nicht sein darf. Vorher allerdings sollten sie darauf hinweisen, dass weder die Emanzipation der Frau noch die Gleichberechtigung von Minderheiten zu den Urwerten der AufklΓ€rung, geschweige denn des Abendlands gehΓΆren.

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Das Christentum kam lange ohne sie aus. Viele Denker der AufklΓ€rung waren Antisemiten, und die franzΓΆsischen RevolutionΓ€re verfolgten Katholiken. Die amerikanische UnabhΓ€ngigkeitserklΓ€rung proklamierte die Gleichheit aller MΓ€nner, die Verfassung schloss aber Schwarze davon aus, und die Frauen hatten nichts zu sagen. FΓΌr den aufgeklΓ€rten Kolonialismus war die Mehrheit der Menschheit Β«unterentwickeltΒ».
FΓΌr aufgeklΓ€rte Wissenschaftler des frΓΌhen 20. Jahrhunderts waren Geisteskranke und Β«PerverseΒ» auszumerzende Schwachstellen im SozialgefΓΌge. Der Antisemitismus ist bis heute in Teilen Europas gesellschaftsfΓ€hig. Schwul sein war in der Bundesrepublik bis 1971 strafbar. Dass wir es, um mit Fausts Famulus Wagner zu reden, so herrlich weit gebracht haben, ist eine Folge des richtig verstandenen Multikulturalismus. Der falsche Multikulturalismus kann all das gefΓ€hrden.

Anpassung an die vorherrschende Norm oder VielfΓ€ltigkeit pur

Der Multikulturalismus entstand in Amerika – wo sonst? – als Antwort auf die Theorie des Β«SchmelztiegelsΒ», wie sie Israel Zangwill 1908 in seinem gleichnamigen StΓΌck formulierte. Zangwills Held David entkommt in Russland einem Pogrom und heiratet in Amerika eine Christin, deren Vater das Pogrom geleitet hatte. Β«Kelte und Lateiner, Slave und Teutone, Grieche und Syrer, Jude und Heide, Ost und West, Halbmond und Kreuz – sie alle schmilzt der grosse Alchemist zusammen!Β», schwΓ€rmt David. Β«Hier vereinen sie sich, um die Republik des Menschen und das KΓΆnigreich Gottes zu bauen!Β»

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Sechzig Jahre spΓ€ter fragten sich Frauen und Schwule, Schwarze, Β«IndianerΒ» und andere, ob nicht der Schmelztiegel als Ideologie benutzt wΓΌrde, um die Anpassung an die Normen Β«toter weisser MΓ€nnerΒ» zu erzwingen, in denen andere Erfahrungen, Narrative, Sichtweisen nicht vorkamen. Gleichzeitig verschwammen in den KulturkΓ€mpfen der 60er-Jahre die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur, Hochsprache und Dialekt, Zentrum und Peripherie.

USA: Mit Β«SalatschΓΌsselΒ» gegen die Gleichmacherei

Zur Zweihundertjahrfeier der USA 1976 sprach man nicht mehr vom Β«SchmelztiegelΒ», sondern von der Β«SalatschΓΌsselΒ», in der die verschiedenen Zutaten ihre Besonderheit beibehalten. Das ist progressiver Multikulturalismus.
Dieser Multikulturalismus nimmt das Versprechen der AufklΓ€rung ernst, alle Menschen seien gleichberechtigt und gleichwertig – und lehnt gerade deshalb die Gleichmacherei ab. Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die eurozentrische, mΓ€nnerdominierte Schulweisheit trΓ€umen lΓ€sst. Auch die AufklΓ€rer mΓΌssen aus ihrer selbst verschuldeten UnmΓΌndigkeit heraustreten und die Konsequenzen ihrer Theorie anerkennen. Mischt man alle Farben zusammen, erhΓ€lt man Grau. Oder schlimmer, Braun.

Untolerierbares kann nicht toleriert werden

Anhand der Diskussion ΓΌber die Beschneidung sah man zuletzt, wie die verbissene Verabsolutierung emanzipativer Gedanken – in diesem Fall des Rechts unmΓΌndiger Kinder auf kΓΆrperliche Unversehrtheit – umschlagen kann in die UnterdrΓΌckung von Minderheiten. Und doch bleibt es richtig, dass nicht jeder religiΓΆse oder kulturelle Brauch von einer toleranten Gesellschaft toleriert werden kann.

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Manche Formen von Multikulti machen es allerdings unmΓΆglich, solche Diskussionen ΓΌberhaupt zu fΓΌhren. Denn sie stellen jede Aussage unter Verdacht, die nicht von den Β«richtigenΒ» Leuten kommt. Der Gelehrte Edward Said, selbst ein Produkt britischer Bildung, tat alle Leistungen der EuropΓ€er auf dem Gebiet der Kulturwissenschaften des Nahen und Mittleren Ostens als rassistischen und interessengeleiteten Β«OrientalismusΒ» ab.
Seine Epigonen in den ehedem kolonisierten LΓ€ndern begrΓΌndeten die Β«subalternenΒ» Studien, die das westliche Narrativ nicht bloss korrigierten, sondern verwarfen. In den Hochschulen des Westens wurde der Anspruch auf universelle Bildung von den Propagandisten der Β«Black StudiesΒ» ebenso wie diverser Gender-Theorien verworfen.

Extremes vom anderen Ende der Skala

In seiner banalsten Form lΓ€uft dieser Relativismus auf die alte vulgΓ€rmarxistische These hinaus, das Sein bestimme das Bewusstsein. In seinen hinterhΓ€ltigsten AusprΓ€gungen erklΓ€rt der Dekonstruktivismus alles Wissen fΓΌr verdΓ€chtig, alle Verallgemeinerungen fΓΌr falsch, alle IdentitΓ€ten fΓΌr konstruiert, alle Wissenschaft zur Ideologie.
Aus dem bunten Multikulturalismus macht diese perverse Theorie eine nihilistische Nacht, in der alle Fakten grau sind. In seiner Leugnung jeglicher Normen, jeglichen Kanons, jeglicher Wahrheit ausser dem Kampf ist sie dem Denken des Nationalsozialismus nΓ€her als dem Multikulturalismus, der aus der Selbstkritik der AufklΓ€rung hervorgeht.

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Als Waffe gegen Intoleranz

Richtig verstanden ist Multikulti allerdings die wichtigste Waffe gegen die Intoleranz der Zugewanderten. In seinem Roman Β«UnterwerfungΒ» lΓ€sst Michel Houellebecq einen Konvertiten darlegen, dass der Islam kompatibel sei mit den Aussagen der Naturwissenschaften und vor allem Charles Darwins.
Das mag sein. Darauf kommt es nicht an. Sondern darauf, dass der Islam lernt, eine Sichtweise unter vielen zu sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das gilt auch fΓΌr diejenigen, die behaupten, Β«das VolkΒ» zu sein. Als ob Volk und Kultur je ΓΌbereingestimmt hΓ€tten! Dass die Gesetze fΓΌr alle gelten, auch fΓΌr jene, die sie fΓΌr ΓΌbertrieben liberal halten, steht dabei nicht zur Debatte.
Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfΓ€ltig ausgewΓ€hlt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion ΓΌbereinstimmen.

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