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Architektur

Luftverschmutzung: China setzt auf grüne Hochhäuser

In Mailand sind die grünen Hochhäuser von Stefano Boeri bereits Realität. Doch für den Architekten ist dies erst der Anfang. Er will Chinas Smogproblem lösen. Der Startschuss erfolgt in Nanjing.

Gabriel Knupfer

Der Architekt und Stadtplaner Stefano Boeri plädiert für eine naturnahe Urbanisierung. Bei der chinesischen Stadt Liuzhou erfolgte der Spatenstich zur ersten «Forest City» («Waldstadt») der Welt.
In Mailand hat der Italiener mit «Bosco Verticale» («Vertikaler Wald») bewiesen, dass Hochhäuser grün sein können.
An den zwei Türmen wachsen 900 Bäume und 20'000 Sträucher. In der Fläche wäre dies ein Wald von 7000 Quadratmetern Fläche. «Bosco Verticale» bietet so zahlreichen Vögeln und Insekten einen Lebensraum.
Die beiden Türme bilden eine Oase in der Grossstadtwüste. Doch für Boeri ist dies nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Für die Umsetzung seines neuen Urbanismus geht der Blick des Italieners nach Asien.
In der ostchinesischen Hafenstadt Nanjing wird im Moment ein zweiter «Vertikaler Wald» errichtet.
Ähnlich wie in Mailand werden auch hier Bäume und Sträucher in die Fassaden gepflanzt. Sie können pro Jahr 25 Tonnen CO2 absorbieren.
Die Hochhäuser sollen 2018 fertig sein. Das Hauptgebäude wird dann 200 Meter in den Himmel von Nanjing reichen. Doch auch dieses Projekt ist nur ein Denkanstoss.
Boeri hat zudem den Auftrag bekommen, in Liuzhou im Süden des Landes eine kleine Stadt mit 100 bis 200 Gebäuden zu bauen.
Der Architekt hofft, dass die chinesischen Planer vom Konzept der Megametropolen abkommen und in Zukunft auf ein System von kleinen Städten setzen werden.
Anstatt die Städte an den Rändern wuchern zu lassen, plädiert Boeri für Neugründungen. Idealerweise leben 100'000 oder weniger Menschen in einer grünen Stadt, sagt der Planer.
Boeris Konzepte sind architektonisch nicht besonders spektakulär. Optisch ansprechend sind die Gebäude einzig durch die Pflanzen, die sich im Lauf der Jahreszeiten wandeln.
Die bewaldeten Häuser machen auch in bestehenden Städten Sinn. 2015 zeichnete Boeris Büro einen Entwurf für die Metropole Chongqing.
Nahe Lausanne plant das Architekturbüro «La Tour des Cèdres», das höchste Hochhaus der Westschweiz. Passend zum Namen wird es über 100 Zedern beherbergen.
Der grosse Traum von Boeri bleibt aber eine grössere «Waldstadt». Neben Shijiazhuang, einer der verschmutztesten Städte des Landes, soll dereinst der Prototyp einer solchen Stadt erbaut werden.
Boeri hofft, dass seine Ideen kopiert und weiterentwickelt werden. Die grünen Städte sollen verhindern, dass die weltweite Urbanisierung im 21. Jahrhundert zu einem Alptraumszenario wird.
Bilder: Keystone/Stefano Boeri Architetti
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RMS

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Der italienische Architekt Stefano Boeri plant eine Revolution im Städtebau. Seine in Mailand stehenden Hochhäuser «Bosco Verticale» («Vertikaler Wald») sollen zur Blaupause für eine grünere Zukunft werden.
Nicht nur auf dem Land, sondern gerade auch in den Städten müssten die Menschen mit Bäumen leben, findet Boeri. Seine 110 und 76 Meter hohen Zwillingstürme im Mailänder Stadtteil Porta Nuova sind deshalb mit hunderten Bäumen und Sträuchern bepflanzt. So absorbieren die Häuser grosse Mengen CO2 und bilden einen Lebensraum für Vögel und Insekten.

23 verschiedene Baumarten

Geht es nach Boeri, sind die 2014 in Mailand vollendeten Türme erst der Anfang. Im Februar hat der Architekt ein ähnliches Projekt in der smoggeplagten chinesischen Metropole Nanjing vorgestellt. Auch dort sollen bis 2018 zwei grüne Hochhäuser entstehen. Sie werden mit 23 verschiedenen Baumarten und insgesamt über 2500 Sträuchern bepflanzt.
Dank der Pflanzen sollen die Gebäude in Nanjing jährlich 25 Tonnen CO2 aus der verschmutzten Luft saugen und jeden Tag 60 Kilogramm Sauerstoff produzieren. Zudem würden grosse Mengen des vom Strassenverkehr verursachten Feinstaubes absorbiert, so Boeri gegenüber dem «Guardian».

Kleinstadt mit 100 bis 200 Gebäuden

Selbstverständlich seien zwei Türme in einer riesigen Stadt nur ein kleiner Beitrag, räumt Boeri ein. «Doch wir hoffen, dass unser Beispiel Schule macht.» Vor fünf Jahren hat der Architekt ein Büro in Shanghai eröffnet. Denn nirgends sonst auf der Welt sind die Bedingungen so günstig für die Verwirklichung seiner Pläne, wie in China.

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Der Smog ist für die chinesische Regierung ein gesellschaftliches Problem von grösster Dringlichkeit. Gleichzeitig sind Mittel und Durchsetzungskraft vorhanden, ganze Städte aus dem Boden zu stampfen. Es überrascht deshalb kaum, dass Boeri beauftragt wurde, einen Masterplan für eine Kleinstadt mit 100 bis 200 Gebäuden zu entwerfen.

«System von kleinen grünen Städten»

Boeris erste «Waldstadt» soll bis 2020 in Liuzhou in der südchinesischen Provinz Guangxi entstehen. Frühe Entwürfe zeigen eine langgezogene Gartenstadt ohne klares Zentrum und mit locker verteilten Gebäuden unterschiedlicher Grösse (siehe Bildergalerie). China müsse der Verdichtung zu Megastädten ein «System von kleinen grünen Städten» mit 100'000 oder weniger Einwohnern entgegenstellen.
Architektonisch seien seine Entwürfe nicht spektakulär, sondern simpel, gibt sich Boeri bescheiden. «Spektakulär ist die Natur, die Idee eines Hauses welches sich mit den Jahreszeiten wandelt.» Angst vor Kopisten hat der Architekt deshalb nicht: «Die Idee des vertikalen Waldes kann überall reproduziert werden. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn unsere Ideen kopiert werden. Ich hoffe sogar, dass unsere Arbeit in Zukunft für weitergehende Experimente von Nutzen sein wird.»

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Über die Autoren
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer
Gabriel Knupfer ist Redaktor Wirtschaft-Desk RMS für Blick und die Handelszeitung, für die er seit zehn Jahren arbeitet.

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