Abo

Kult: Stossfest auf alle Zeit

Manchen Uhren kann selbst der Zahn der Zeit nichts anhaben: Sie haben etwas Besonderes, Einmaliges, sie sind einfach Kult. Wie die Reverso von Jaeger-LeCoultre. Und neun weitere Kult-Uhren.

Eric Othenin-Girard

Werbung

Der Mann produzierte Zahnprothesen. Und um sie zu verkaufen, war ihm keine Reise zu weit. So bestieg CΓ©sar de Trey an einem Tag im Jahre 1930 ein Schiff nach Indien, das zu jener Zeit noch unter britischer Kolonialverwaltung stand.
Wie in allen britischen Kolonien waren die EnglΓ€nder auch in Indien auf die WeiterfΓΌhrung des englischen Lebensstils bedacht. Entsprechend galt Polo als wichtige Sportart unter den Offizieren der britischen Armee und den sportlicheren Mitgliedern der kΓΆniglichen Kolonialverwaltung. Polo ist eine der mΓ€nnlichsten Sportarten und erfordert neben einer krΓ€ftigen kΓΆrperlichen Konstitution auch eine robuste und widerstandsfΓ€hige AusrΓΌstung. Und genau da lag bei den damaligen Armbanduhren das Problem: Wirklich widerstandsfΓ€hig waren sie nicht.
CΓ©sar de Trey, privat ein grosser Uhrenfreund, war viel zu neugierig, um wΓ€hrend des Polo-Spiels ruhig auf der TribΓΌne sitzen zu bleiben. Und so kam es, dass er von Spielern gefragt wurde, ob es denn nicht mΓΆglich sei, eine Uhr zu konstruieren, die einen Polo-Match ohne Schaden ΓΌbersteht. Am hΓ€ufigsten traten wΓ€hrend des Spiels durch harte SchlΓ€ge zerbrochene UhrenglΓ€ser auf.
CΓ©sar de Trey dachte darΓΌber nach und kam auf die Idee, das Uhrenglas mit einem Deckel zu schΓΌtzen. Doch einerseits war diese Technik bereits verwendet worden, und andererseits wurde dadurch die Uhr hΓΆher, weshalb er die Idee fallen liess. Dann durchzuckte ihn ein Geistesblitz: Um die Gefahr des Glasbruchs zu vermeiden, mΓΌsste einfach das GehΓ€use gewendet werden kΓΆnnen.

Partner-Inhalte

Damit war zwar im Geist des GeschΓ€ftsmannes eine geniale Idee geboren, die konkrete Umsetzung jedoch noch weit entfernt. CΓ©sar de Trey war dennoch ΓΌberzeugt, dass das die LΓΆsung war. Die Idee liess ihn nicht mehr los und kreiste stΓ€ndig in seinem Kopf.
Da zur damaligen Zeit rechteckige UhrengehΓ€use in Mode waren, war dem Mann auch klar, dass die Neuentwicklung rechteckig realisiert werden musste. Das war ohnehin nur von Vorteil, da die Form die LΓΆsung technisch vereinfachte. Nach seiner RΓΌckkehr nach Europa nahm CΓ©sar de Trey Kontakt mit Jacques-David LeCoultre auf, dem Chef der gleichnamigen Uhrenmanufaktur in Le Sentier im VallΓ©e de Joux. Die beiden hatten schon frΓΌher viel zusammengearbeitet. Der Uhrenunternehmer hΓΆrte den Berichten des Gereisten mit grossem Interesse zu. Seinerseits angestachelt von der Idee einer solchen Entwicklung, setzte LeCoultre alles daran, dieser zum Durchbruch zu verhelfen.
Doch vorerst passierte konkret wenig. Das VallΓ©e de Joux mag zwar als Wiege zahlreicher aussergewΓΆhnlicher Uhrenkreationen gelten, doch die Reverso entstand nicht hier. Sie wurde am Ufer der Seine in Paris geboren.
Und das ging so: An einem Herbsttag im Jahr 1930 ging Jacques-David LeCoultre nach Vallorbe, von wo aus er im Zug nach Paris weiterreiste. Dort begab er sich, wie er es gewohnt war, in das Atelier der Uhrenabteilung von Jaeger. Geleitet wurde das Unternehmen damals von Edmond Jaeger. Der Mann war zwar schon 80 Jahre alt, punkto Wissen ΓΌber den technischen Entwicklungsstand im Uhrensektor konnte ihm jedoch kein Junger das Wasser reichen. Mit Aufmerksamkeit verfolgte er die ErlΓ€uterungen von Jacques-David LeCoultre. Die Sache schien ihm dermassen interessant, dass er sofort alles stehen und liegen liess und LeCoultre mit einem Ingenieur namens RenΓ©-Alfred Chauvot zusammenbrachte.

Werbung

Ein paar Monate spΓ€ter, genauer am 4. MΓ€rz 1931 um 13.15 Uhr, wurde in Paris beim Ministerium fΓΌr Handel und Industrie unter der Nummer 712.868 das Patentgesuch fΓΌr eine Uhr eingereicht, Β«die sich in einer SchienenfΓΌhrung der Bodenplatte hin und her fΓΌhren lΓ€sst und um die eigene Achse gewendet werden kannΒ». Um einen guten Eindruck zu hinterlassen und das Projekt nicht zu gefΓ€hrden, bezahlten die Gesuchsteller auch sofort die EinschreibegebΓΌhr von fΓΌnf Francs.
Das Patentgesuch enthielt 17 einfache Zeichnungen, die den Schutzmechanismus fΓΌr das Uhrwerk illustrierten. Es handelt sich um eine Bodenplatte aus einem Guss, die durch ein Armband am Handgelenk gehalten wird. An beiden Enden ist sie nach oben gebogen und bildet dadurch FΓΌhrungsrillen. In der Beschreibung der Uhr wurde weiter hervorgehoben, dass die Uhr Β«an ihrem oberen und unteren Rand zwei Stifte enthΓ€lt, die sich in den FΓΌhrungsrillen verschieben lassenΒ». Der Erfinder hatte damit alle wichtigen Besonderheiten der Reverso beschrieben.
Weil ein Schutz gegen SchlΓ€ge von der Seite bei geschlossener Position zwingend erforderlich war, hatte RenΓ© Chauvot eine hervorstehende LΓΌnette vorgesehen. Dementsprechend musste das offensichtliche GegenstΓΌck in die Bodenplatte integriert werden. Nur wenig spΓ€ter erhielt die LΓΌnette dank einer Modifizierung des Schwenkmechanismus eine rundere Form. Dadurch lag die LΓΌnette wieder etwa auf gleicher HΓΆhe wie das GehΓ€use und kam bei geschlossener Position nicht mit der Bodenplatte in Kontakt.

Werbung

Das definitive Patent wurde am 3. August 1931 ausgestellt und am 14. Oktober desselben Jahres unter der Nummer 712.868 verΓΆffentlicht. Die Reverso war geboren, auch wenn dieser Name in den VertrΓ€gen der damaligen Zeit, die RenΓ© Chauvot, CΓ©sar de Trey und Jacques-David LeCoultre unter sich abgeschlossen hatten, noch nicht auftauchte. GemΓ€ss dem Vertragstext einigten sich die drei lediglich auf eine Β«weltweite Nutzung dieser Erfindung unter dem Patent Nr. 712.868Β».
Die Erfindung der Reverso stellte fΓΌr die damalige Zeit einen schon fast revolutionΓ€ren technischen Fortschritt dar. Das drehbare UhrengehΓ€use weckte schnell das allgemeine Interesse. Es gab Anlass zu zahlreichen GerΓΌchten, als die ersten Reverso-Exemplare bei mondΓ€nen Abendgesellschaften getragen wurden und dort grosse Neugier weckten. Dank der Reverso konnte man mit anderen Menschen ins GesprΓ€ch kommen.
In dieser Zeit, der so genannten Belle Epoque, in der Art dΓ©co en vogue war, mauserte sich die markante Form der Reverso zur Ikone des damaligen Zeitgeistes. SpΓ€ter wurde sie in allen erdenklichen Varianten neu aufgelegt. Zweimal wurde sie vergrΓΆssert, dann aber einmal auch – passend fΓΌr weibliche Handgelenke – wieder verkleinert. Sie wurde verziert, graviert, mit Edelsteinen besetzt, erhielt Komplikationen wie Minutenrepetition, Tourbillon, Kalender, Chronograph und eine zweite Zeitzone.

Werbung

Heute ist die Uhr prΓ€zis 75 Jahre alt. Und damit ist das Jahr 2006 fΓΌr Jaeger-LeCoultre das Jahr der Reverso. Sie prΓ€sentiert sich in raffiniertem Schmuck und mit bis anhin unerreichten Komplikationen.
Vor allem aber wird die Reverso – mit der ganz neuen Reverso Squadra im quadratischen GehΓ€use – in einer neuen Form aufgelegt. Das Design vereint Kraft, Eleganz und Robustheit und ist auf eine mΓ€nnliche Klientel zugeschnitten. Und das muss man der Uhr lassen: Das aussergewΓΆhnlich kraftvolle Design ist bestechend.
Die Reverso Squadra ist mit Werken der neuen Generation von Jaeger-LeCoultre ausgerΓΌstet. Im Herzen des Uhrwerks befindet sich der Rotor, montiert auf Keramik- statt Edelstahlkugeln. Dieses System benΓΆtigt weder Wartung noch Schmierung. Eine weitere Besonderheit stellt die raffinierte PrΓ€zisionsregelung dar. Und die Spirale ist an beiden Enden mittels modernster Lasertechnik verschweisst.
Die Reverso Squadra gibt es in drei Modellen. In Stahl oder in 18-Karat-Rotgold sind die Reverso Squadra Hometime und die Reverso Squadra Chronograph GMT zu haben. Die in limitierter Zahl aufgelegte Reverso Squadra World Chronograph ist aus Titan.
Dazu kommt eine Referenz gegenΓΌber alten uhrmacherischen SpezialitΓ€ten. Mit der Reverso Γ  Γ©clipses bringen die Uhrmacher aus Le Sentier eine Uhr, die an Traditionen anknΓΌpft und Email-Kunst raffiniert in Szene setzt. Die Reverso Γ  Γ©clipses ermΓΆglicht es nΓ€mlich ihrem Besitzer, ein Motiv auf seiner Uhr je nach Wahl entweder zu zeigen oder zu verbergen.

Werbung

Das Interesse der Manufaktur an einem solchen Projekt bestand bereits 1910. Damals legte sie eine entsprechende Taschenuhr auf, allerdings in einem viel grΓΆsseren GehΓ€use. Dank einem feinen Mechanismus reicht eine einfache Fingerbewegung, um ein magisches Schauspiel auszulΓΆsen: Ein Vorhang ΓΆffnet sich und gestattet einen Blick auf die kostbare SchΓΆnheit einer Email-Miniatur.
Das aktuelle Wunderwerk gibt es in Platin oder 18-karΓ€tigem Rotgold zu vier Themen: Motive aus dem Zeitalter der Entdeckungen, die chinesischen Tierkreiszeichen, berΓΌhmte Akte und – mit «émail grand feuΒ» – ein ganz reduziertes Zifferblatt.
Eingelassen in der GehΓ€useflanke, ermΓΆglicht eine Krone das Γ–ffnen und Schliessen des Vorhangs. Ein leichter Druck in Drehrichtung, und schon ΓΆffnen sich die FlΓΌgel unter dem Uhrenglas, um den Blick freizugeben auf die in Email gestaltete Szene. Die beiden VorhanghΓ€lften gleiten dabei bis zu ihrem vollstΓ€ndigen Verschwinden im GehΓ€use zur Seite.
Die Reverso gilt fΓΌr viele Uhrenfreunde als perfekte Uhr, die man nicht mehr verbessern kann. DarΓΌber lΓ€sst sich trefflich streiten. Mit den neuen Reversos beweist das Team um CEO JerΓ΄me Lambert, dass man sie sehr wohl weiterentwickeln kann.

Werbung

Werbung