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Valley View

Keine Reservation? Kein Problem!

Weshalb bei nordamerikanischen Restaurants seit Neuestem Tickets auf dem Menu stehen.

Christian Simm

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Keystone RMS

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AuswΓ€rts Essen gehΓΆrt zu den LieblingsbeschΓ€ftigungen der Leute von San Francisco. FΓΌr manche ist es sogar so selbstverstΓ€ndlich, dass sie vergessen, welcher Aufwand hinter ihrem EssvergnΓΌgen steht. Wenn jedoch Kunden ihre Reservation verfallen lassen, so hat das selbst fΓΌr die trendigsten Restaurants, deren Tische ΓΌber die Reservationswebsite Open Table bereits Monate im Voraus ausgebucht sind, negative Auswirkungen.
Wie kommt es also, dass ich mich kΓΌrzlich bei Lazy Bear, einem der angesagtesten neuen Restaurants der Stadt, nach nur fΓΌnf Minuten Warten an meinen Tisch setzen konnte? Ich hatte vorgΓ€ngig ein Ticket erworben, so wie ich es fΓΌr ein Rockkonzert oder eine BallettvorfΓΌhrung tun wΓΌrde.
WΓ€hrend der Mahlzeit prΓ€sentierte ein Mitglied der KΓΌchencrew zu jedem der elf GΓ€nge eine Anekdote, um zu erklΓ€ren, weshalb gerade diese oder jene Zutat verwendet wurde. So hatte der Cousin des Patisserie-Chefs gerade Matcha-Pulver aus Japan mitgebracht, weshalb ich in den Genuss von Heidelbeeren und Koshihikari-Reis mit grΓΌnen Koji-Pilzen und Matcha-bestΓ€ubten Matcha-Chips kam.
Als das Mahl zu Ende war, verliess ich das Restaurant, ohne mein Portemonnaie zu zΓΌcken. Kein Trinkgeld, keine Steuer, keine Rechnung.

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Der Gebrauch des Ticketsystems scheint bei Restaurants in San Francisco ein wachsender Trend zu sein. Der Trend geht zurΓΌck auf das Jahr 2011, als Nick Kokonas in seinem Chicagoer Restaurant Next ein Ticketsystem lancierte, gefolgt von Alinea im Jahr 2012. Im September 2014 fΓΌhrte Coi, ein mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnetes Etablissement in San Francisco, eine Version des Ticketsystems ein. Im selben Monat gingen Tickets fΓΌr die ErΓΆffnung von Lazy Bear in den Verkauf.

Vorhang auf fΓΌr Tickets

Restauranttickets kΓΆnnen auf Γ€hnliche Weise erworben werden wie jene fΓΌr Live-Performances, SportanlΓ€sse oder Kinobesuche. Der Kauf erfolgt online und Tickets sind im Fall von Lazy Bear nicht rΓΌckerstattbar, kΓΆnnen jedoch ΓΌbertragen werden. Das heisst, GΓ€ste kΓΆnnen ihre Tickets weiterverkaufen, falls sie verhindert sind – zum gleichen oder einem tieferen Preis. Der Name der jeweiligen Reservierung kann nach dem Kauf geΓ€ndert werden.
Bei Lazy Bear deckt der Ticketpreis die gesamten Kosten der Mahlzeit inklusive Steuer und Trinkgeld. Passende GetrΓ€nke kΓΆnnen nach Wunsch zu einem Aufpreis hinzugefΓΌgt werden. Coi benutzt ein dynamisches System mit nach Tageszeit variierenden Preisen. So kostet eine Mahlzeit vor 18 Uhr beziehungsweise nach 21 Uhr weniger als zur Hauptzeit, ebenso sind Reservationen wΓ€hrend der Woche gΓΌnstiger als am Wochenende.

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Pro und contra Ticketsystem

Manche erklΓ€ren den Aufschwung des Ticketsystems mit der vereinfachten Planung und der verminderten Verschwendung von Esswaren. Zudem lΓ€sst sich damit die Anzahl der ungeliebten No-Show-GΓ€ste reduzieren.
Das PhΓ€nomen ist auf alle FΓ€lle mehr als nur eine weitere Convenience App, wie Alexis Madrigal von TheAtlantic.com kΓΌrzlich geschrieben hat. Er bezeichnet es als Mittel fΓΌr Restaurants, die Kontrolle ΓΌber ihre Tische wiederzugewinnen.
Wenige Wochen vor meinem Dinner bei Lazy Bear hatte ich die Gelegenheit, dessen KΓΌchenchef David Barzelay nach seiner Entscheidung, Ticketing zu benutzen, zu befragen.
β€žBevor wir auf das Ticketsystem umgestiegen sind, als wir noch ein Pop-Up-Restaurant waren, mussten unsere GΓ€ste eine Reservationsanfrage stellen und wir bestimmten per Los, wer einen Platz erhΓ€ltβ€œ, meinte er. β€žDas neue System funktioniert viel einfacher.β€œ
Zudem stellt der Verkauf von Tickets sicher, dass nur GΓ€ste, die es wirklich ernst meinen, einen Tisch reservieren. FΓΌr viele Restaurantkunden scheint eine Online-Tischreservierung nichts Verpflichtendes darzustellen. Es fehlt das Bewusstsein, dass es tatsΓ€chlich einen Unterschied fΓΌr das Restaurant macht, ob man die Reservierung einhΓ€lt oder nicht.

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Der in San Francisco basierte KΓΌchenchef Iso Rabins beschreibt in einer E-Mail die Problematik dieses einseitigen Denkens wie folgt: β€žWir verkaufen seit vier Jahren Tickets fΓΌr unsere monatlichen Wild-Kitchen-Dinners. Uns wurde schon frΓΌh klar, dass nicht jeder, der sich fΓΌr ein Essen anmeldet, auch tatsΓ€chlich erscheint. Da unsere Dinners nur einmal im Monat stattfinden, konnten wir uns zehn No-Shows auf hundert Anmeldungen schlichtweg nicht leisten.β€œ
Lazy-Bear-KΓΌchenchef David rΓ€umt ein, dass es hin und wieder zu Beschwerden betreffend Bugs im Ticketsystem komme; das System selber stosse aber auf grosse Zufriedenheit bei den GΓ€sten. Und es scheint ΓΌberaus effizient zu sein: Die ErΓΆffnung von Lazy Bear war innert vier Minuten ausverkauft.
Und der Schwarzmarkt? Wenn Tickets fΓΌr ausverkaufte Konzerte zu haarstrΓ€ubenden Preisen angeboten werden, wird man demnΓ€chst auch Tausende von Dollars hinblΓ€ttern mΓΌssen fΓΌr einen Platz in einem neuen Restaurant? Wird das VergnΓΌgen des AuswΓ€rtsessens bald zum Privileg superreicher Foodies?
MΓΆglich, aber immerhin werden Restaurants fΓΌr vergebens reservierte Tische entschΓ€digt.
Interessiert an weiteren Gastro-Trends in der Bay Area wie β€žBooze Trucksβ€œ als neue Food Trucks oder dem mΓΆglichen Ende des Trinkgelds?

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* Christian Simm ist GrΓΌnder und CEO von swissnex San Francisco.
Mitarbeit: Elodie Lombard & Ramona Krucker

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