Was andernorts zu Assoziationen รผber apokalyptische Weltuntergangsszenarien fรผhren wรผrde, ist Teil von Chinas Gegenwart.
Leere Wolkenkratzer, viele davon unvollendet, sรคumen die Rรคnder leerer Strassenzรผge. Neu bepflanzte Parkanlagen entlang eines Flusses warten auf Flaneure. Eine Retortenstadt, in der Bรผroraum im Umfang des Zehnfachen des Londoner Stadtteils Canary Wharf geschaffen werden soll, wartet darauf, dass Angestellte die Tรผrme aus Stahl und Glas bevรถlkern.
Chinesisches Manhattan errichten
Andernorts wรคren solche Gegebenheiten Anlass, von gigantischen Fehlinvestitionen zu sprechen: Glรคubiger wรผrden betteln, einen Bruchteil ihrer Gelder zurรผckzubekommen, Entwickler wรผrden in die Pleite schlittern und bei wohlwollenden Regierungsvertretern gรคbe es rote Kรถpfe.
Nicht so in China: Dort verfolgt die im Nordosten des Landes gelegene Hafenstadt Tianjin das Ziel, ein chinesisches Manhattan zu errichten und verknรผpft damit ihre Hoffnungen, vom Status als neu geschaffenen Freihandelszone zu profitieren. Auch die Anbindung ins etwa 120 Kilometer entfernte Beijing รผber einen Hochgeschwindigkeitszug unterstreicht die Ambitionen.
Regierung treibt Bauboom voran
Die Verwaltung des Stadtgebiets hat Vermรถgenswerte von der Investorengruppe erworben, die einen Grossteil der Bauten vorangetrieben hat. Im Zuge dessen begab sie im Juni Anleihen. Die Finanzierung ist Teil einer Umschuldung, die - mit dem Einverstรคndnis Beijings - die Wirtschaft am Laufen halten soll. Wรคhrend einige, darunter der der US-Casinobetreiber MGM Resorts International, ihre Plรคne in Tianjin auf Eis gelegt haben, geben andere, darunter der in Hong Kong bรถrsennotierte Entwickler Country Garden Holdings Co., Vollgas.
ยซIch hรคtte wohl kein eigenes Geld investiert, aber ich wรผrde nicht gegen die Regierung wettenยป, sagt Michael Hart, Direktor beim Immobilienmakler Jones Lang LaSalle Inc. in Tianjin.
Erst bauen, dann kommen die Leute
Kommt alles wie geplant, wรคre das Manhattan-Projekt in Tianjin der jรผngste Beweis fรผr Chinas angebotsorientieren Ansatz im Stรคdtebau, der auf Devise setzt: erst bauen, dann kommen die Leute schon. So war es in Pudong, dem Finanzdistrikt am Schanghai gegenรผber liegenden Flussufer, wo es in den 1990er- Jahren ebenfalls Zweifler gab. Mittlerweile sind 97 Prozent im zentralen Gebiet Lujiazui vermietet. Es gibt kaum teurere Lagen - weltweit.
Der neue Bahnhof fรผr die Hochgeschwindigkeitszรผge soll mit einer Flรคche von 300'000 Quadratmetern grรถsser sein als die New Yorker Grand Central Station. Vom neuen Bahnhof wird sich die Reisezeit nach Beijing weiter verkรผrzen auf 45 Minuten. Damit will sich Tianjin als preiswerte Alternative zur Hauptstadt positionieren.
Schuldenberge langsam abtragen
Chinas Prรคsident Xi Jinping will Tianjin, Beijing und Hebei verbinden. Mรถglicherweise kรถnnen so einige Gebรคude bevรถlkert werden, im Zuge der Verlagerung zentraler Regierungseinrichtungen aus der Hauptstadt heraus. Logistik- und Leasinganbieter kรถnnten von Anreizen zur Ansiedlung Gebrauch machen und fรผr Schub bei privaten Mietern sorgen. Da China bei der Entwicklung auf staatliche Steuerung setzt, kann die Fรผhrung fรผr langen Atem sorgen.
ยซChina hat ein Schuldenproblem. Es ist zwar von erheblichem Umfang, aber es eines der Aktivseiteยป, schrieb die Ratingagentur Fitch in einem Bericht im Juli. ยซZudem ist es รผberwiegend ein inlรคndisches Problem und betrifft die Lokalwรคhrung. Das bedeutet, der Staat hat Mรถglichkeiten, das Tempo beim Schuldenabbau zu bestimmen, in einer Weise, die soziale Instabilitรคt minimiert.ยป
Tianjins Zwiespalt findet sich allerorts in China. Die Politik will ein modernes, wettbewerbsbasiertes System aufbauen, aber zuvor muss sie Schuldenberge vergangener Projekte abtragen.