Sollte ein Manager einen Bonus bekommen, und wenn ja, wie viel? Und welchen Anreiz brauchen Investoren, um in Start-ups zu investieren? Fünf wichtige Erkenntnisse der Wirtschaftnobelpreisträger 2016.
Mathias Ohanian
Bengt Holmström und Oliver Hart: Liefern Werkzeuge für vertragliche Problemfälle. Keystone RMS
Für ihre Errungenschaften auf dem Gebiet der Vertragstheorie wurden die beiden Ökonomen Oliver Hart und Bengt Holmström mit dem Nobelpreis für Wirtschaft 2016 geehrt. Einmal mehr geht die Auszeichnung an zwei Wissenschaftler, deren Arbeit stark mathematisch geprägt ist. Gab das in der Vergangenheit des Öfteren Anlass zu Kritik, ist das in diesem Jahr sicher nicht der Fall. Denn die Forschung von Hart und Holmström setzt bei höchst praktischen Fragestellungen an: Verträge sind das Grundgerüst unseres Wirtschaftens.
Dank der jahrzehntelangen Arbeiten der beiden in den USA arbeitenden Ökonomen gibt es nun theoretische Werkzeuge für eine grosse Masse an vertraglichen Problemfällen. Quer durch die Bank können sich Entscheidungsträger aus vielen Bereichen daran orientieren – egal ob Regierungen, Firmenlenker oder Investoren. Wann sollten Mitarbeiter einen fixen Lohn erhalten, wann nach Leistung bezahlt werden? Was ist bei der Privatisierung von Gefängnissen oder Krankenhäusern zu beachten? Und was haben die Einsichten der Ökonomen mit der Finanzkrise 2008 zu tun? Ein Überblick über fünf wichtige Erkenntnisse der Nobelpreisträger für Wirtschaft 2016:
1. Wie Manager bezahlt werden sollten
Der am renommierten MIT in Cambridge, Massachusetts, lehrende Holmström begann bereits Ende der 1970er Jahre mit Veröffentlichungen zur optimalen Kompensation von Managern. Eine Erkenntnis: Es reicht nicht aus, dass der Bonus eines Geschäftsleiters allein an Gewinn und Verlust der Firma festgemacht wird. Denn oft spielen Glück und Pech eine übergeordnete Rolle: Eine Ölfirma etwa macht bei hohen Rohstoffpreisen viel Gewinn, fährt in einer Baisse hingegen womöglich schwere Verluste ein – und das ganz ohne Zutun des Managers.
Entsprechend ist es besser, den Gewinn der Firma ins Verhältnis zu jenem der Wettbewerber zu setzen und den Manager im Vergleich zur Konkurrenz zu bezahlen. Und grundsätzlich bedeutet das: Je höher das Risiko einer Branche, desto höher sollte demnach der Fixlohn eines Managers ausfallen.
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2. Wie Boni ausgestaltet sein sollten
Eine weitere wichtige Erkenntnis von Holmström: Weil Firmeneigentümer dazu tendieren ihre Chefs entsprechend messbaren Kennziffern zu bezahlen, gerät gerne mal das langfristige Wohl einer Firma ausser Sicht. Denn messbar sind vor allem verkaufte Stückzahlen und Quartalsgewinne. Ausgaben in Forschung und Entwicklung hingegen rentieren erst langfristig – könnten für das Unternehmen dann aber umso wertvoller sein.
Die Höhe von Manager-Boni sollte als nicht nur am heutigen Ertrag festgemacht werden, sondern auch der langfristigen Entwicklung Rechnung zu tragen. Diese Erkenntnis ist inzwischen Jahrzehnte alt – und wurde doch immer wieder vergessen: Ein Grund für die Eskalation der Finanzkrise 2008 war der obsessive Fokus von Aktionären und Managern auf kurzfristige Gewinne. Dafür wurden zu grosse Risiken eingegangen.
3. Warum Lehrer keine Boni bekommen sollten
Banker geniessen hohe Boni – viele Beschäftigte im öffentlichen Dienst hingegen werden nicht am Erfolg ihrer Arbeit beteiligt. Wäre es nicht besser, Lehrer etwa dafür zu belohnen, wenn bei der Matura besonders viele Schüler gut abschneiden? Denn in dieser Hinsicht wäre die Arbeit von Lehrern sehr leicht zu messen. Doch die Arbeit von Holmström rät ab: Würde das Lehrersalär von den Testergebnissen der Schüler abhängen, wäre der Unterricht zu stark auf die Prüfung fokussiert, urteilt er. Die Förderung von Kreativität und Eigenständigkeit – Dinge, die viel schwerer zu messen sind – würden hingegen vernachlässigt.
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4. Wie Investoren in Startups investieren sollten
Im realen Leben ist es praktisch unmöglich, in einem Vertrag alle aufkommenden Eventualitäten zu berücksichtigen. Was zunächst banal klingt, ist eine der wichtigen Einsichten von Hart und Holmström, die sie formalisierten. Wer also hat in einem Vertragsverhältnis das Recht, auf Veränderungen zu reagieren? Werden Entscheidungsrechte einem Vertragspartner übergeben, gewinnt er an Macht. Gleichzeitig geht die andere Partei ein Risiko ein.
Anzuwenden ist diese Erkenntnis bei der Finanzierung von Startups. Die zentrale Frage: Welchen Anreiz brauchen Investoren, um in Jungfirmen zu investieren? Einerseits natürlich eine zugesicherte künftige Auszahlung. Darüber hinaus macht es aber Sinn, Investoren das Recht einzuräumen, die Firma und ihre Vermögensgegenstände zu liquidieren, sollten die Gründer scheitern. Und grundsätzlich ist es ebenfalls nicht verkehrt, die Gründer an Bord zu behalten: Sie werden dann ihr Bestes geben, um das Startup zum Erfolg zu führen.
5. Warum Gefängnisse nicht in Privathand sein sollten
Harts Theorie der unvollständigen Verträge leistet auch für Regierungen wichtige Hilfestellung bei Fragen der Privatisierung. Wann soll Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser oder Gefängnisse in private Hand übergehen? Im Zentrum der Analyse von Hart steht der Zielkonflikt zwischen dem Anspruch an hoher Qualität bei gleichzeitig gewünschter Kosteneffizienz. Grundsätzlich gilt: In einer privat geführten Institution tendieren die Verantwortlichen eher dazu, mehr in Qualität zu investieren, gleichzeitig aber auch die Kosten im Auge behalten.
Sorgen nun Kostensenkungen zu einem hohen Verlust an Qualität, kann das gefährlich werden. Dann sollten Einrichtungen besser in öffentlicher Hand bleiben, argumentierten Hart und seine Kollegen in einem Aufsatz 1997. Sie äusserten sich besorgt über das Aufkommen privater Gefängnisse, weil die Bedingungen für die Insassen zu schlecht seien. Und tatsächlich: In den USA wurde erst vor wenigen Wochen bekannt, man wolle auf Bundesebene die Nutzung privater Gefängnisse beenden.
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Diese Ökonomen bekamen den Wirtschaftsnobelpreis:
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Richard H. Thaler: Thaler ist ein US-Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Universität von Chicago. Der Preisträger von 2017 gilt als einer der führenden Verhaltensökonomen und beriet unter anderem Ex-US-Präsident Barack Obama.RMSAngus Deaton: Der Professor an der Universität Princeton gewann den Nobelpreis 2015. Seine Analyse von Konsum, Armut und Sozialstaat brachte ihm die höchsten Ehren ein.RMSJean Tirole: Der 61-Jährige unterrichtet in Toulouse und forscht zur Entstehung von Monopolen und Marktmacht. Er gewann den Nobelpreis 2014. Seine Handlungsempfehlungen beeinflussen die Politik beim Thema Regulierung.RMS2013 erhielten die US-Professoren Eugene Fama, Lars Hansen und Robert Shiller den begehrten «alternativen» Nobelpreis für Wirtschaft für ihre Arbeiten über Preisbildung. «Alternativ» deshalb, weil Alfred Nobel ursprünglich gar keine Ehrung für Ökonomen vorsah.RMS2012 waren die Gewinner Lloyd Shapley (l.) und Alvin Roth den begehrten «alternativen» Nobelpreis für Wirtschaft. Die beiden US-Wissenschaftler erhielten die Auszeichnung für ihre Forschung im Bereich der Allokationstheorie. Praktisch angewendet werden ihre Ergebnisse unter anderem in der Medizin, bei der Zuteilung von Transplantationsorganen.RMS2011 erhielten Christopher Sims und Thomas Sargent den Preis. Die Amerikaner entwickelten verschiedene Werkzeuge der Makroökonomie, welche weltweite Zusammenhänge beschreiben. Kritisiert wurde die Vergabe, weil die beiden Ökonomen jahrzehntelang mit dem Konstrukt des rational handelnden Wirtschaftsakteurs arbeiteten.RMS2010 wurden Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides (v.l.n.r.) für ihre Forschungen zu Friktionen, vor allem auf Arbeitsmärkten geehrt. Friktion bezeichnet dabei das Auftreten von Hindernissen, welche Transaktionen verteuern.RMS2009 wurden Oliver Williamson und Elinor Ostrom mit dem Nobelpreis geehrt. Die im Sommer 2012 verstorbene Ostrom beschäftigte sich mit der Ökonomie gemeinsam genutzter Güter wie Fischgründen, im Fachjargon Allmendegüter genannt. Sie war die einzige Frau, die den Preis bislang erhielt.RMSEiner der umstrittensten Preisträger ist Paul Krugman. Der Princeton-Professor bekam den Preis 2008. Bekannt wurde er einem breiten Publikum für seine Kolumne in der New York Times, in der er sich als lupenreiner Demokrat outet.RMSRoger B. Myerson (USA), Eric S. Maskin (USA) und Leonid Hurwicz (USA; v.l.n.r.) bekamen im Jahr 2007 für ihre Arbeiten über die Grundlagen der «Mechanischen Designtheorie» den Nobelpreis.RMSDer an der Columbia University unterrichtende Edmund Phelps wurde 2006 geehrt. Er untersuchte die Zielkonflikte von Wirtschaftsakteuren bei Entscheidungen über verschiedene Zeiträume.RMSEiner der prominentesten Nobelpreisträger ist Joseph Stiglitz. Er erhielt die Ehrung 2001 für seine Arbeiten zum Verhältnis von Märkten und Informationen. In dem Jahr wurde er gemeinsam mit...RMS... George Akerlof, dem Ehemann der seit Februar 2014 amtierenden Fed-Chefin Janet Yellen, und...RMS... Michael Spence (Mitte) geehrt.RMSDer Kanadier Robert Mundell erhielt den Nobelpreis im Jahr 1999 für seine Arbeiten zur Theorie der optimalen Währungsräume, die er bereits in den frühen 1960er Jahren begann. Bilder: Keystone/BloombergRMS