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Digitalisierung

«Fintech ist vor allem ein Sinneswandel in den Köpfen»

Die Wahrnehmung von Fintech hat sich drastisch geändert. Ein Experte erklärt, warum 90 Prozent der Fintechs wieder verschwinden werden und was die Schweiz von Amerika lernen kann.

Karen Merkel-Gyger

Die besten Standorte für Fintechs:
Kanada: Die kanadische Fintech-Industrie hat in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt, mit Toronto an der Spitze. Bis 2018 werden umgerechnet 15 Milliarden Franken Umsatz jährlich erwartet. Ein grosses Problem ist allerdings die mangelnde Unterstützung von Seiten der Regierung.
Australien, Sydney: Australien hat gute Vorraussetzungen, weil es über viele Fachkräfte und breite Erfahrung in der Vermögensverwaltung verfügt. Allerdings spielt es noch nicht in der obersten Top-Liga mit.
Deutschland, Frankfurt: Während das Start-up Zentrum Deutschlands sich in Berlin befindet, sammeln sich die Fintechs am Finanzplatz in Frankfurt. Allerdings mangelt es hier teils noch an Unterstützung durch Regulatoren und Regierung, ausserdem ist die Innovationskultur auf relativ geringem Niveau.
China, Shanghai: Gemessen an den absoluten Investitionen ist Schanghai der grösste Fintech-Markt der Welt. Ein weiterer Pluspunkt ist die Bevölkerung, die digitalen Diensten sehr offen gegenüber steht. Schwächen des Standortes sind tendenzieller Fachkräftemangel, fehlende Regulierung und eine mässige Attraktivität für ausländische Start-ups.
Schweiz: Mit Zürich und Genf verfügt die Schweiz über zwei Hubs, auch die Bitcoin-Technologie in Zug verspricht viel. Für die Schweiz als Fintech-Standord sprechen der grosse Finanzplatz, die Rechtssicherheit und die Innovationskraft. Allerdings gibt es bei der Regulierung noch offene Wünsche und die Unterstützung durch die Regierung ist gering.
Südkorea: Das asiatische Land verfügt über eine ausgezeichnete Infrastruktur und auch die Unterstützung von offizieller Seite ist auf dem Weg der Besserung. Wichtig ausserdem: Die Firmen im Land können auf qualifiziertes Personal zurückgreifen. Damit hat Südkorea beste Voraussetzungen, um im Fintech-Bereich noch mehr an Enfluss zu gewinnen.
USA, Silicon Valley: Das Sillicon Valley hat als Start-up-Mekka auch im Bereich Fintech gute Voraussetzungen. Ein grosser Vorteil für den Standort ist die schnelle Verfügbarkeit von Risikokapital, der offenen Gründermentalität sei Dank.
USA, New York: Einer der Top-Standorte für Fintechs. Vor allem die Offenheit für Tech-Unternehmen und die Erfahrungen als grosser Finanzplatz verschaffen der Stadt einen deutlichen Vorsprung. Einzige Schwäche: Der Big Apple zieht kaum ausländische Start-ups an.
Singapur: Der Stadtstaat ist ein ernsthafter Anwärter auf die weltweite Pole Position in Sachen Fintech. Hier ist sogar die Regulierung in hohem Masse vorangeschritten und auch die Regierung unterstützt Fintech-Vorhaben nach Kräften.
Grossbritannien: London verfügt über den weltgrössten Markt an Finanzdienstleistungen und einen boomenden Tech-Sektor. Die Stadt hat derzeit bei Fintechs die Nase vorn. Bild: Keystone
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RMS

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Herr König, Sie zählen zu ersten Begleitern der Schweizer Fintech-Szene.
Christian König*: Die Wahrnehmung von Fintech hat sich in Kürze drastisch geändert. Bei unserer ersten Finance-2.0-Konferenz vor vier Jahren gratulierte mir der Manager einer renommierten Beratungsfirma zu meiner Rede, die ich kurz zuvor gehalten hatte. Ich fragte ihn, wie viele Mitarbeiter er auf das Thema angesetzt hat. Er sagte, keinen einzigen. Dieses Jahr sprachen wir noch einmal, mittlerweile sind es 150. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie stark das Thema in der Schweiz angekommen ist.
Führt ein solcher Hype nicht zu Aktionismus?
Ja, an vielen Stellen. Das ist ähnlich wie die Alibi-Facebook-Seiten vieler Unternehmen, als Social Media Trend wurde. Es gibt zahlreiche Innovationsprojekte, die reines Marketing sind. Da wirbt dann eine Regionalbank für ein neues Onlinebanking, das sich aber anfühlt wie 2006. Ein häufiges Problem ist, dass das Bewusstsein für die tatsächlichen Erfordernisse fehlt. Eine neue, schicke Tradingplattform nützt wenig, wenn sie so platziert ist, dass kaum ein Kunde sie findet.
Wie können Schweizer Banken es richtig machen?
Ein gutes Beispiel ist die UBS, die das Thema Fintech als eines der ersten grossen Geldhäuser ernst genommen hat. Dafür steht auch die mobile Bezahllösung Paymit, die im Januar mit Twint zusammengeht. Auch viele der Kantonalbanken machen es richtig. Sie haben verstanden, dass es schwierig ist, selbst gute Lösungen zu entwickeln und kooperieren mit «Contovista», das digitale Finanzdienste für Banken anbietet. Fintech ist vor allem ein Sinneswandel in den Köpfen. Erst wenn der stattfindet, sind Digitalisierungsstrategien mehr als Kosmetik.

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Der digitale Umbruch hat oft personelle Konsequenzen. Die Commerzbank zum Beispiel will 20 Prozent ihrer Mitarbeiter abbauen und schafft zugleich gut 2000 Jobs. Gesucht sind vor allem IT-Mitarbeiter.
Der Sinneswandel muss bei den Banken zum Grossteil von aussen kommen, ja. Das von der Raiffeisen gegründete Innovation Lab zum Beispiel besteht aus einer Gruppe von Experten, die alle nicht aus dem Banking kommen. Für die angeworbenen Spezialisten ist es dennoch eine Herausforderung, den digitalen Wandel in den Unternehmen zu verwurzeln. Die Commerzbank, bei der ich selbst gearbeitet habe, ist ein gutes Beispiel für die Diskrepanz, die sich aktuell bei vielen Banken auftut. Einerseits treibt sie den Wandel voran. Andererseits hat sie in grossen Teilen seit zehn Jahren die gleiche Homepage.
Wie sieht es umgekehrt bei den Fintechs aus, müssen sie auch den Umgang mit etablierten Banken lernen?
Bei der ersten Gründungswelle verfolgten viele Schweizer Fintechs die Idee, sich an Endkonsumenten zu wenden. Dann haben sie realisiert, dass das ohne erheblichen Marketingaufwand nicht funktioniert. Das war auch bei Contovista so. Jetzt setzen Fintechs in der Schweiz zunehmend auf Business-to-Business-Modelle – zielen also eher auf Banken und nicht Konsumenten als Kunden ab.

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Schweizer Fintechs haben also den Weg zum erfolgreichen Businessmodell gefunden?
Machen wir uns nichts vor, ein Fintech, das auf Dauer bestehen will, muss sehr stark sein. 90 Prozent der Fintechs werden verschwinden, ähnlich wie ein Grossteil der Internetfirmen zu Beginn des Milleniums. Das ist aber nicht schlimm. Wichtig ist: Die digitale Haltung wird bleiben.
Sie sagen, Singapur habe die Schweiz innert 18 Monaten überholt. Was läuft dort besser?
Singapur hat die Unterstützung für Fintechs deutlich verbessert. Es sind viele Acceleratoren und Inkubatoren entstanden. Fast zu viele, um ehrlich zu sein. Die Regulierungsbehörde MAS hat eine eigene Arbeitsgruppe für Fintech aufgelegt und 225 Millionen Dollar an Investitionen zugesagt. Der Zugang zu Risikokapital ist deutlich einfacher. Mittlerweile suchen manchmal Investoren händeringend nach einem Fintech, das sie finanzieren können. In der Schweiz sind Geldgeber viel zögerlicher. Gleichzeitig halten Schweizer Gründer sich stärker zurück, wenn es darum geht, ihre Geschäftsidee anzupreisen. In Singapur bekomme ich täglich Nachricht von Fintech-Startups, die Kapital bekommen. In der Schweiz geschieht das eher monatlich.
Wie kann die Schweiz dauerhaft in der internationalen Spitze mitspielen?
Auch wenn Singapur aktuell gut vorlegt, die Schweiz muss sich nicht verstecken. Der Vorstoss für Video- und Online-Identifizierung der Finma geht in die richtige Richtung. Auch das Vorhaben des Bundesrates ist zu begrüssen, Freiraum für kleine Fintechs zu schaffen, die sogenannte Sandbox. Allerdings wissen wir noch nicht, wann diese Initiativen Realität werden. Wichtig ist, dass wir uns nicht im schweizerischen Perfektionismus verlieren, sondern müssen grösser denken und mehr Risiken eingehen. Ich bin kein Fan davon, wie Amerikaner sich oft überschwänglich selbst preisen. Aber wir können ein Stück weit von ihnen lernen. Und das sollten wir, um das nötige Tempo zu gewinnen.

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*Christian König ist Finanzprodukt-Profi und zählt zu den führenden Fintech-Beratern der Schweiz. Er arbeitet in Singapur und Zürich und betreibt die Fachportale Fintechnews.ch und Fintechnews.sg.

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