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Faktoren

Diese sechs Risiken bedrohen Deutschlands schwarze Null

Seit dem Jahr 2014 kommt der deutsche Bundeshaushalt ohne neue Schulden aus. Nach der Finanzplanung des Bundes soll dies künftig auch so bleiben. Sechs Faktoren aber könnten das verhindern.

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Wolfgang Schäuble: Dunkle Wolken über der schwarzen Null.Keystone RMS

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Egal, welche Partei das deutsche Finanzministerium künftig für sich beanspruchen kann: Mit so guten Haushaltszahlen ist bisher keiner der Hausherren in seinen Job gestartet. Der aktuelle Amtsinhaber Wolfgang Schäuble (CDU) konnte 2014 einen Bundeshaushalt vorweisen, der erstmals seit 45 Jahren ohne neue Schulden auskam. Die von einigen gepriesene und anderen gegeisselte «schwarze Null» hält seitdem. Geht es nach der CDU, soll das auch die kommenden vier Jahre so bleiben.

Nach der Finanzplanung des Bundes sollen die Ausgaben 2018 um 2,6 Prozent auf 337,5 Milliarden Euro steigen und dann bis 2021 auf 356,8 Milliarden Euro zulegen. Weil die Einnahmen Schritt halten, sind keine neuen Kredite eingeplant. In dieser Rechnung schlummern allerdings eine Reihe von Risiken, die schon bald an der «schwarzen Null» zerren könnten - auch ungeachtet der Wahlversprechen von massiven Steuerentlastungen oder Investitionsoffensiven.

Risiko Zinswende

In Deutschland fordern viele Politiker, Banker und Volkswirte von der Europäischen Zentralbank (EZB) einen Stopp des Anleihenkaufprogramms und das Ende der Nullzinspolitik. Seit 2008 hat Deutschland durch die EZB-Politik laut Bundesbank aber insgesamt 240 Milliarden Euro an Zinsausgaben eingespart. Allein 2016 liegt die Entlastung für den Bundeshaushalt bei 47 Milliarden Euro. Kommendes Jahr dürfte die EZB den Anfang vom Ende des Anleihenkaufprogramms einläuten und spätestens 2019 an der Zinsschraube drehen.

Schäubles Ministerium bereitet sich schon jetzt darauf vor und investiert stärker in länger laufende Anleihen. So liegt die Zinsbindungsdauer für die Schulden des Bundes derzeit bei 6,85 Jahren, während es 2011 noch 6,3 Jahren waren. Finanzexperte Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft gibt deshalb zumindest vorsichtig Entwarnung: «Bis die Zinswende im Bundeshaushalt weh tut, könnte diese Legislaturperiode schon vorbei sein, weil die derzeit ausstehenden Anleihen im Schnitt noch einige Jahre Restlaufzeit haben.»

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Risiko Bundesbank

Verbunden mit der Zinswende sind aber weitere Risiken. So hat die Bundesbank für 2016 lediglich rund 400 Millionen Euro Gewinne an den Bund überwiesen, während der Bund 2,5 Milliarden Euro eingeplant hatte. Auch für die kommenden Budgets werden in Berlin eigentlich 2,5 Milliarden Euro aus Frankfurt erwartet.

Risiko Konjunkturflaute

Die neue Regierung kann sich auch deshalb nicht zurücklehnen, weil die Jahre des kräftigen Aufschwungs schneller vorbei sein könnten als gedacht. Die schwer berechenbare Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump, die Lage auf der koreanischen Halbinsel oder in der arabischen Welt gelten als Unsicherheitsfaktoren. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht zudem in Deutschalnd von einem teils «geliehenen Aufschwung», der durch die niedrigen Zinsen und die gute Arbeitsmarktsituation getrieben sei.

Risiko Brexit

Als weitere Gefahr gilt der für 2019 geplante EU-Austritt Grossbritanniens. Falls die Brexit-Gespräche in Brüssel scheitern, drohen Zölle und andere Kosten für die deutsche Exportwirtschaft. Ausserdem muss Deutschland womöglich mehr Geld in den EU-Haushalt überweisen, wenn die Briten ihre Zahlungen von zuletzt rund fünf Milliarden Euro Richtung Brüssel einstellen.

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Risiko Sicherheit

Zum Zankapfel wurde im Bundestagswahlkampf das Nato-Ziel, die Rüstungsausgaben in Richtung zwei Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung (BIP) anzuheben. Weil in der aktuellen Koalition darüber keine Einigkeit besteht, wie steil die Verteidigungsausgaben steigen sollen, hebt Schäuble die Quote von gut 1,2 Prozent bisher nur leicht an. Ob sich daran etwas ändert, hängt von der künftigen Koalition und womöglich vom Druck Trumps ab. Auch eine aggressive Politik Russlands in Osteuropa oder eine verschärfte Sicherheitslage im Mittelmeerraum könnten die deutschen Verteidigungsausgaben nach oben schrauben.

Risiko Demographie

Mit der Alterung der Gesellschaft steigen die Sozialausgaben und sinken Einnahmen etwa aus der Einkommensteuer. «Die demografische Situation hat sich noch nicht deutlich verschärft, aber es ist absehbar, dass es dadurch zu Belastungen kommen wird», sagt Boysen-Hogrefe. In drei bis fünf Jahren könnte es nach seiner Einschätzung zu ersten Problemen im Bundeshaushalt kommen.
(reuters/ccr)
Die wichtigsten Köpfe im deutschen Wahlkampf sehen Sie in der Bildergalerie:
Die wichtigsten Köpfe im deutschen Bundestagswahlkampf:Angela Merkel (CDU, 63): Merkel ist die am längsten amtierende Regierungschefin des Westens. Sie ist in Deutschland die erste Frau an der Regierungsspitze. In der DDR arbeitete Merkel als Physikerin. Politisch aktiv wurde sie erst nach dem Fall der Berliner Mauer. Zwei Jahre nach der Abwahl von Bundeskanzler Kohl wurde sie CDU-Vorsitzende. Im November 2005 führte sie die CDU nach sieben Jahren Opposition an die Macht zurück.
Martin Schulz (SPD, 61): In der Bundespolitik ist Schulz noch ein Neuling. 22 Jahre lang sass er im EU-Parlament, von 2012 bis 2017 als Präsident. Zuvor war er in seinem Heimatort Würselen Bürgermeister. Mit 24 war er Alkoholiker, schaffte es aber, sich aus dem Sumpf zu ziehen. Er wurde Buchhändler, ehe er in die Politik ging. Studiert hat er nie, die Schule brach er vorzeitig ab. Er wirbt damit, dass ihm trotz aller Handicaps der Aufstieg aus einfachen Verhältnissen gelungen ist.
Wolfgang Schäuble (CDU, 74): Er sitzt seit 1972 im Bundestag. Als Innenminister handelte er 1990 mit der DDR den Einigungsvertrag aus. Innenminister wurde er auch in der ersten Regierung Merkels. Seit 2009 ist er Finanzminister. Ans Aufhören denkt der seit einem Attentat 1990 an den Rollstuhl gefesselte Polit-Senior noch nicht. Der aus Baden-Württemberg stammende Jurist kandidiert erneut für den Bundestag und gilt auch als ministrabel.
Sigmar Gabriel (SPD, 58): In seiner kurzen Amtszeit als Aussenminister schaffte er es, sich mit den Präsidenten der Türkei, der USA und dem Ministerpräsidenten Israels anzulegen. 2013 war er als Wirtschaftsminister gestartet. Seit 2009 SPD-Vorsitzender, entschied er sich auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten. Schulz übernahm von Gabriel auch den Parteivorsitz. Seine Beliebtheitswerte sind seitdem stark gestiegen. Aussenminister würde er gerne bleiben, seine Chancen sind aber gering.
Ursula von der Leyen (CDU, 58): Die Ärztin ist schon so lange Ministerin wie Merkel Kanzlerin. Sie diente ihr je vier Jahren als Familien- und Arbeitsministerin, bevor sie 2013 das Verteidigungsressort übernahm. Wegen ihres Umgangs mit Bundeswehrskandalen wirkt die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht angeschlagen. Ihr wird Profilierung auf Kosten anderer vorgeworfen. Leyen möchte gern im Amt bleiben, doch hat sie in ihrer Partei einen schweren Stand.
Thomas de Maizière (CDU, 63): Der Nachfahre hugenottischer Einwanderer gehört der Bundesregierung schon seit dem Amtsantritt Merkels an. Innenminister ist er schon zum zweiten Mal. Bei ihm bündelten sich einige Mammutthemen der Wahlperiode. Das Chaos der Flüchtlingskrise brachte ihn in Bedrängnis. Der Minister brachte aber viele Verschärfungen im Asylrecht und bei den Sicherheitsgesetzen auf den Weg. Er könnte sich nach der Wahl vielleicht in einem anderen Ressort wiederfinden.
Peter Altmaier (CDU, 59): Der Kanzleramtsminister ist der oberste Manager der Regierungsarbeit. 2015 wurde er Flüchtlingskoordinator und zog damit Kompetenzen des Innenministers an sich. Als Wahlkampfmanager verfasste er das Wahlprogramm im Wesentlichen selbst. Der Hobbykoch aus dem Saarland kokettiert gerne mit seiner Leibesfülle («Ich bin nicht der wichtigste, aber der gewichtigste Minister im Kabinett»). Er dürfte bei einem Wahlsieg auch künftig eine führende Rolle spielen.
Christian Lindner (FDP, 38): Fast im Alleingang gelang es dem Unternehmensberater, eine am Boden liegende Partei wieder aufzurichten. Bei der Landtagswahl in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen holte er als Spitzenkandidat mit 12,6 Prozent für die FDP ein glänzendes Ergebnis. Sollte die FDP in den Bundestag zurückkehren, will Lindner der Landespolitik Lebewohl sagen und nach Berlin ziehen. Im Wahlkampf, der ganz auf seine Person zugeschnitten ist, gibt sich der Porsche-Fan betont lässig.
Cem Özdemir (Grüne, 51): Die Eltern des Schwaben kamen in den 60er Jahren als türkische Gastarbeiter nach Deutschland. Integration ist eines der wichtigsten Themen des Realpolitikers. Bei den Grünen ist er seit 1981. Er wurde 1994 erster Abgeordneter türkischer Herkunft im Bundestag. Von 2004 bis 2009 war Özdemir Abgeordneter des EU-Parlaments, 2008 wurde er Parteichef. Der studierte Sozialpädagoge hat zwei Kinder.
Katrin Göring-Eckardt (Grüne, 51): Die Thüringerin war 1989 in der DDR an der Gründung der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt beteiligt, die im Bündnis 90/Die Grünen aufging. Ihr Theologiestudium schloss sie nicht ab, sie ist aber in der evangelischen Kirche aktiv. Die zweifache Mutter gehört wie Özdemir zum Realo-Flügel der Öko-Partei. Dieser steht einer «schwarz-grünen» Koalition mit Merkels Christdemokraten aufgeschlossener gegenüber als die Parteilinke.
Sahra Wagenknecht (Die Linke, 48): Die Tochter einer Deutschen und eines Iraners ist in Talkshows gefragt, auf Facebook hat sie hunderttausende Likes. Wagenknecht nimmt Stimmungen auf und benützt umstrittene Formulierungen, etwa auch mit kritischen Tönen zur Einwanderung. Als Rednerin kann die Ehefrau des früheren SPD- und heutigen Linke-Politikers Oskar Lafontaine Hallen für sich einnehmen.
Alexander Gauland (AfD, 76): Seine politische Karriere begann der in Sachsen geborene Jurist bei den Christdemokraten und brachte es bis zum Chef der hessischen Staatskanzlei. Als AfD-Spitzenkandidat könnte er nun eine Partei rechts der CDU/CSU ins nationale Parlament führen. Gauland gilt als wichtigster Unterstützer der Rechtsnationalen in der AfD und scheut keine provokanten Äusserungen.
Alice Weidel (AfD, 38): Die promovierte Volkswirtin aus Baden-Württemberg repräsentiert den wirtschaftliberalen Flügel der Partei. Anders als die Rechtsnationalen ist Weidel für eine «gesteuerte qualifizierte Zuwanderung», aber auch gegen eine «Politik der offenen Grenzen», die muslimische Armutsmigranten ohne Qualifikation nach Deutschland locke. Die Unternehmensberaterin lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und zwei Kindern am Bodensee.
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Die wichtigsten Köpfe im deutschen Bundestagswahlkampf:Angela Merkel (CDU, 63): Merkel ist die am längsten amtierende Regierungschefin des Westens. Sie ist in Deutschland die erste Frau an der Regierungsspitze. In der DDR arbeitete Merkel als Physikerin. Politisch aktiv wurde sie erst nach dem Fall der Berliner Mauer. Zwei Jahre nach der Abwahl von Bundeskanzler Kohl wurde sie CDU-Vorsitzende. Im November 2005 führte sie die CDU nach sieben Jahren Opposition an die Macht zurück. RMS

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